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Möglichkeiten und Grenzen der Oral History als geschichtswissenschaftliche Methode

Studienarbeit 2010 20 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was heißt „Oral History“?
2.1 Ursprung und Entwicklung der Oral History
2.2 Oral History als geschichtswissenschaftliche Methode

3 Möglichkeiten und Grenzen der Oral History
3.1 Der Quellenwert mündlicher Erzählungen
3.2 Möglichkeiten.
3.3 Grenzen

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Begriff Oral History steht für ein geschichtswissenschaftliches Verfahren, bei dem Erinnerungsgespräche mit Zeitzeugen in Form von methodisch durchgeführten Interviews aufgezeichnet, verschriftlicht, analysiert, interpretiert, als Quellenzeugnis historiographisch ausgewertet und schließlich archiviert werden. Der Begriff bezeichnet sowohl den Typus einer solcherart produzierten Quelle, das Erinnerungsinterview mit „Dabeigewesenen“, als auch die Methode seiner Erhebung, Aufbereitung und Auswertung.[1] Seit den 1960er Jahren bildet die Oral History ein neues Paradigma in der Geschichtsforschung und steht mit ihrer charakteristischen Interviewpraxis heute ergänzend neben dem etablierten Methodenbestand der Geschichtswissenschaft. Darüber hinaus findet sie breite Anwendung im außeruniversitären Bereich wie z.B. in History Workshops, Geschichtswettbewerben, Volkshochschulprojekten und nicht zuletzt im Geschichtsunterricht. Gerade die massenmedial und publikumswirksam aufbereitete Variante von Oral History in Rundfunk und Fernsehen wie die TV-Dokumentationen von Guido Knopp, in denen Zeitzeugen über geschichtlich bedeutsame Ereignisse berichten, erfreuen sich großer Beliebtheit und hoher Einschaltquoten.[2] Demgegenüber hat die Oral History vor allem in ihren Anfängen auch viel Kritik von verschiedenen Seiten erfahren, zuallererst aus den Reihen der Historiker selbst, von denen so manche dieser besonderen Quellengruppe nach wie vor skeptisch gegenüber stehen: Oral History sei keine wissenschaftliche Methode, sie produziere die Quellen selbst, aus denen sie anschließend schöpfe, Erinnerungen seien vage, unzuverlässig, von Eigeninteressen gefärbt und daher keine verlässliche, für Historiker verwertbare Quelle. Noch 1975 kommt Ronald Grele zu dem Schluss, die Oral History sei „nach Meinung der Zunft keine anerkannte Praxis der Geschichtswissenschaft“[3] und sie sei über weite Strecken mit dem Fluch belastet „nichts weiter als ein endloses Geschreibsel über unbedeutende Dinge zu sein, das ohne jeden Sinn für die eigentlichen Übermittler von Material blieb.“[4]

Vorliegende Arbeit widmet sich grundlegenden theoretischen und methodisch-praktischen Aspekten der Oral History und zeigt Möglichkeiten und Grenzen dieses geschichtswissenschaftlichen Ansatzes auf. Kapitel 2 bemüht sich zunächst um eine Begriffsklärung, skizziert Ursprung und Entwicklung der Methode und zeigt, wie ein Erinnerungsinterview funktioniert. Kapitel 3 behandelt den spezifischen Quellenwert mündlicher Erzählungen und geht einerseits auf bevorzugte Anwendungsbereiche der Oral History ein, also jene Forschungsgebiete und Fragestellungen, bei denen die Methode ihre Stärken ausspielt, andererseits auf kritische Einwände sowie theoretische und methodologische Probleme. Kapitel 4 stellt als Schlussbemerkung die Bedeutung der Oral History für eine aktuelle zeitgeschichtliche Fragestellung heraus.

2 Was heißt „Oral History“?

Die Historikerin Valerie R. Yow schlägt folgende Definition vor: „Oral history is the recording of personal testimony delivered in oral form.”[5] Yow nennt eine Reihe weiterer Begriffe, die mehr oder weniger synonym gebraucht werden wie life history, self-report, personal narrative, life story, oral biography, memoir, testament. Bezeichnungen wie in-depth interview, recorded memoir, life history, life narrative, taped memories und life review „imply that there is someone else involved who frames the topics and inspires the narrator to begin the act of remembering, jogs memory, and records and presents the narrator’s words.”[6] Herwart Vorländer bezeichnet „Oral History” als Verlegenheitsbegriff, der sich mangels anderer konsensfähiger Begriffe aus unserer eigenen Sprache auch bei uns weitgehend durchgesetzt hat. Er sage allerdings nur etwas über die äußere Form der Vermittlung vergangener Erfahrung, nichts jedoch über wichtige Wesensmerkmale der Methode wie die besondere Kommunikationsstruktur und Erinnerungsbezogenheit aus. Letztere stellt der Begriff „Erinnerte Geschichte“ als eines der hervorstechendsten und zugleich problematischsten Aspekte der Oral History heraus, wenngleich er manches miteinschließt, was gar nicht unter Oral History fällt wie autobiographische und Memoirenliteratur. Um über die äußere Form der Mündlichkeit und den Prozess des Erinnerns hinaus auch das mäeutische Element eines Oral-History-Interviews abzudecken, bringt Vorländer die Bezeichnung „mündlich erfragte Geschichte“ in die Diskussion ein.[7] In Kanada ist auch der Begriff „Aural History“ (gehörte Geschichte) in Gebrauch.[8] Im deutschen Sprachraum wird zuweilen für die Verwendung der wörtlichen Übersetzung „Mündliche Geschichte“ plädiert und die „inhaltliche Unschärfe um der intendierten Breitenwirkung willen bewusst in Kauf genommen“.[9] Diese inhaltliche Unschärfe besteht unter anderem darin, dass „Oral History” nur etwas über die Methode sagt, mit der Geschichte erforscht werden soll, nicht jedoch, welche Geschichte denn gemeint ist. Auch wenn darüber kein allgemeiner Konsens existiert, besteht ein gemeinsamer Nenner vieler Oral-History-Projekte in der Einsicht, dass Geschichte nicht nur aktiv gestaltet, sondern auch erlebt, erfahren und erlitten wird und dass gerade erlittene Geschichte im Verhalten von Individuen und Gruppen in hohem Maße wirkmächtig sein kann.[10] Gemeinsam Erlebtes und Erlittenes führt oft zu Erzählgemeinschaften, in denen kollektive Geschichten und Mythen institutionalisiert und tradiert werden.[11] Die Oral History stellt ein Instrumentarium zur Verfügung, um an diese subjektiv-individuellen und kollektiven Erfahrungen heranzukommen und dabei individuelle wie kollektive Identitätskonstruktionen und Mythen freizulegen. Alexander von Plato weist darauf hin, dass Oral History unter anderem Namen in benachbarten Disziplinen wie Volkskunde und Ethnologie schon länger eine bedeutende Rolle spielt, da dort mündliche Überlieferungen, Erzählforschung, Legenden und Sagen von Anfang an Gegenstände der Forschung waren. Dass die Oral History in Geschichtswerkstätten und bei Laienhistorikern mehr Anklang gefunden hat als an den Hochschulen, habe mit dem Missverständnis zu tun, einen ganzen Zweig der Historiographie nur über die eine mündliche Quelle zu definieren. Oral History sei jedoch Teil einer historischen Forschung,

„der es um die subjektive Erfahrung, um die ‚Verarbeitung‘ historischer Erlebnisse und Abläufe, um die Entwicklung von Konsens- und Dissenselementen einer Gesellschaft, auch um die Veränderung von Selbstdeutungen von Menschen in der Geschichte oder gar prinzipiell um die Bedeutung des Subjekts in der Geschichte geht. Und dabei spielt die mündliche Quelle neben Tagebüchern, Briefen usw. eine entscheidende, mindestens aber eine wesentliche heuristische Rolle, die zu weiteren Fragen führt und dabei immer wieder die Gegenüberstellung mit anderen Quellen verlangt. Daher wäre es sinnvoller von ‚Erfahrungsgeschichte‘ oder ‚Erfahrungswissenschaft‘ zu sprechen.“[12]

Der Begriff Oral History hat sich im englisch- und deutschsprachigen Raum durchgesetzt. Er bezeichnet „Bewegung und Disziplin“[13], das mündliche Quellenzeugnis ebenso wie dessen Erhebungs- und Auswertungsmethode und wird immer dann benutzt, wenn es um die Erforschung subjektiver Erfahrungen und deren Verarbeitung geht.^

2.1 Ursprung und Entwicklung der Oral History

Mündliche Zeugenbefragungen über geschichtliche Sachverhalte hat es gegeben, seit Menschen sich für die Vergangenheit interessieren. Bereits antike griechische Geschichtsschreiber wie Herodot in seinen Historien über die Perserkriege und Thukydides in seinem Peloponnesischen Krieg stützten sich bei Abfassung ihrer epochemachenden Werke im 5. Jahrhundert v. Chr. auf Aussagen von Zeitzeugen und Dabeigewesenen. Die heute als „Oral History“ bezeichnete Methode nahm ihren Anfang jedoch erst in den 1940er Jahren in den USA mit Alan Nevins an der Columbia Universität, der Eliteninterviews mit herausragenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aufzeichnete. In den USA dienten Experteninterviews mit hochrangigen Politikern zur Rekonstruktion politischer Entscheidungsprozesse. Daneben gab es zwei große Kulturen ohne schriftliche Überlieferung: die indianischen Ureinwohner und die Nachkommen der afrikanischen Sklaven. Dies sowie der Charakter der USA als Einwanderungsland schufen der Oral History in den Vereinigten Staaten vielfältige Anwendungsmöglichkeiten.[14] Die Einführung und Verbreitung des tragbaren Kassettenrekorders in den 1960er Jahren verhalf der Oral History zum nachhaltigen Durchbruch. Nicht nur Historiker, sondern auch Ethnologen, Soziologen, Psychologen und andere qualitativ forschende Sozialwissenschaftler waren nun nicht länger auf handschriftliche Notizen angewiesen, sondern verfügten über ein leicht handhabbares, kompaktes Protokollinstrument, womit sich die Aufnahme von Interviews, Autobiographien und Erinnerungen weit über den Kreis jener Persönlichkeiten ausdehnen ließ, die aus eigenem Interesse oder dem des Buchmarktes ihre Biographie oder Memoiren niederschrieben und dazu auch in der Lage waren. Zudem eröffnete das Tonbandgerät die Möglichkeit, ein „Erbe an praktischen Kenntnissen, an Arbeits- und Lebenserfahrungen, ein Vermächtnis an Gefühlen und Werten, Vorstellungen und Idealen“[15] zu sammeln, in einer Spontaneität und Reinheit, wie sie bei schriftlichen Aufzeichnungen, etwa den dichten Beschreibungen der Ethnologen, nicht zur Geltung kamen. Die Tonbandaufnahme stellt gleichsam ein „klanggetreues Abbild der verschiedenen Ausdrucksformen der Volkskultur“[16] dar, wodurch es möglich schien, einen anderen kulturellen Horizont zu beschreiben, ohne dabei die beobachtete Kultur den Beschreibungs-, Deutungs- und Darstellungskategorien der eigenen, beobachtenden Kultur zu unterwerfen.

[...]


[1] Vgl. Wierling, Dorothee: Oral History als Bewegung und Disziplin. In: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft (=Aufriß der Historischen Wissenschaften, Bd. 7). Hrsg. von Michael Maurer, Stuttgart 2003, S. 81-151, hier S. 81

[2] „Wäre Oral History nicht ein englischer Begriff, könnte man den Eindruck gewinnen, das historische Interview sei jüngst von den deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten entdeckt worden. Lebensgeschichte als Zeitgeschichte und Zeitgeschichte in Lebensgeschichten genießt derzeit die Meistbegünstigung von allen historischen Dokumentarsendungen in diesem Massenmedium.“ Steinbach, Lothar: Lebenslauf, Sozialisation und „erinnerte Geschichte“. In: Niethammer, Lutz (Hrsg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der Oral History. 1. Aufl. Frankfurt am Main 1985, S. 393-435, hier S. 430

[3] Grele, Ronald J.: Ziellose Bewegung. Methodologische und theoretische Probleme der Oral History. In: Niethammer, S. 195-220, hier S. 196. Entsprechendes stellt Lutz Niethammer zu Beginn der achtziger Jahre fest: „ Oral History als eine etablierte Methode oder gar als eigenständige Disziplin gibt es in der deutschen Geschichtsschreibung (noch) nicht.“ Niethammer, S. 471

[4] Ebd., S. 198

[5] Yow, Valerie Raleigh: Recording oral history. A guide for the humanities and social sciences. 2. ed. Lanham, MD 2005, S. 3

[6] Ebd., S. 4

[7] Vorländer, Herwart (Hrsg.): Oral history. Mündlich erfragte Geschichte. Göttingen 1990, S. 7 f.

[8] Ebd., S. 26

[9] Botz, Gerhard: Neueste Geschichte zwischen Quantifizierung und „Mündlicher Geschichte“. In: Ders. u.a. (Hrsg.): Qualität und Quantität. Zur Praxis der Methoden der historischen Sozialwissenschaft. Frankfurt 1988, S. 24

[10] Vgl. Vorländer, S. 8

[11] Rosenthal, Gabriele: Erzählbarkeit, biographische Notwendigkeit und soziale Funktion von Kriegserzählungen. In: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History – Sonderheft 6 (1993), S. 5

[12] Plato, Alexander von: Oral History als Erfahrungswissenschaft. Zum Stand der „mündlichen Geschichte“ in Deutschland. In: BIOS 4 (1991) S. 97-119, hier S. 97-98

[13] „Oral History als Bewegung und Disziplin“ lautet der Titel eines grundlegenden Aufsatzes zur Oral History von Dorothee Wierling (siehe Anmerkung 1).

[14] Bei allen drei genannten Entstehungsbedingungen der Oral History in den USA spielt die mündliche Überlieferung als Ersatz für fehlende oder schwer zugängliche schriftliche Quellen eine Rolle. Vgl. Wierling, S. 83 f.

[15] Ortu, Giangiacomo: Historische Subjektivität und revolutionäres Subjekt. Arbeit mit mündlichen Quellen in Italien. In: Niethammer, S. 166-181, hier S. 172

[16] Ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640640577
ISBN (Buch)
9783640640706
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152313
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Historisches Institut, LG Neuere Deutsche und Europäische Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Oral History Erfahrungsgeschichte Erinnerungskultur

Autor

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Titel: Möglichkeiten und Grenzen der Oral History als geschichtswissenschaftliche Methode