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Wir selbst sind Zeit

Eine Auseinandersetzung mit Heideggers Texten "Der Begriff der Zeit"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 15 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.) Zeit als soziale Kategorie
1.1) Die Uhr als Indikator für soziale Prozesse

2.) Die Grundstrukturen des Daseins
2.1) Der Tod als eigentliche Seinsmöglichkeit
2.2) Vom Dasein zur Zeit

3.) Die Zukunft als Grundphänomen der Zeit

4.) Kritik

5.) Der Sinn des Seins im Dasein

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Wir selbst sind Zeit - Eine essayistische Auseinandersetzung mit Heideggers Texten „Der Begriff der Zeit“1

Einleitung

Der Titel der vorliegenden Hausarbeit ist im Grunde falsch gewählt bzw. nicht ganz richtig, denn Heidegger trifft die Aussage 'Wir selbst sind Zeit' in seinem Vortrag „Der Begriff der Zeit“ nicht. Vielmehr lässt er die Aussage umgekehrt (das heißt als Frage) stehen. Der Text des Vortrages endet mit einer abgewandelten Wiederholung der Einstiegsfrage „Was ist die Zeit?“, die da lautet „Wer ist die Zeit?“ bzw. „bin ich meine Zeit?“/“sind wir selbst die Zeit?“2 In dieser Arbeit soll der Argumentationsstruktur Heideggers gefolgt werden, zunächst in dem subjektiven Bemühen, mir selbst durch das Schreiben das verstehende Lesen seines Textes zu erleichtern. Die Arbeit ist ein Versuch, Heideggers Terminologie besser zu durchschauen und seine Argumentation verstehen zu lernen und eben dadurch auch die Thematik, um die es Heidegger geht, zu erschließen. Sie ist quasi ein Versuch, die Rede vom 'Dasein' und seiner 'Zeitlichkeit' in alltägliche, verständlichere Sprache zu übersetzen. Zum Vorgehen in dieser Arbeit ist zu sagen, dass es mir am einfachsten erschien, einige prägnante Zitate aus dem Text herauszugreifen und die Hausarbeit quasi um diese herum zu bauen.

Schon der Beginn des Textes zum Vortrag „Der Begriff der Zeit“ lässt erahnen, dass Heidegger nicht auf eine direkte Antwort seiner Einstiegsfrage „Was ist Zeit?“ abzielt, sondern hier eine Art Vorarbeit leisten will, die den Leser zwar mit einer offenen Frage zurücklässt, aber auch mit einem veränderten oder erweiterten Verständnis seiner bisherigen Ansichten über das Wesen der Zeit, wie sie beispielsweise aus der alltäglichen Wahrnehmung resultieren:

„Die nachfolgenden Überlegungen gehören vielleicht in eine Vorwissenschaft, deren Geschäft folgendes in sich begreift: Nachforschungen darüber anzustellen, was mit dem, was Philosophie und Wissenschaft, was auslegende Rede des Daseins von ihm selbst und der Welt sagt, am Ende gemeint sein könnte.“3

In einem zweiten Schritt, gegen Ende der Arbeit, soll den Fragen Aufmerksamkeit geschenkt werden, die aus der Auseinandersetzung mit Heideggers Texten und seiner Terminologie entstehen. Hierbei soll die zentrale Frage sein, welchen Sinn das Dasein für den Einzelnen überhaupt hat, wenn man es vom Tode her ausgehend betrachtet.

1.) Zeit als soziale Kategorie

Zunächst greift Heidegger einen Satz aus der Physik des Aristoteles auf, der besagt, die Zeit an sich sei nichts. Zeit ist hier nur in Verbindung mit Ereignissen wahrnehmbar. Oder vielmehr richtiger, die Ereignisse selbst konstituieren etwas, das wir im allgemeinen Zeit nennen: „Die Zeit ist das, worin sich Ereignisse abspielen“4, heißt es. Ereignislosigkeit wäre demnach zeitlicher Stillstand. Damit ist aber die Frage, was Zeit nun eigentlich ist, natürlich noch lange nicht geklärt. Man wird lediglich gezwungen, sie noch genauer zu stellen: Als was begegnet uns die Zeit? In der Zeit sind Ereignisse und somit auch Veränderungen. Also noch anders: Als was begegnet uns die Zeit in der Veränderung? Die Wahrnehmung von Zeit ist ein Problem: Zeit an sich lässt sich nämlich gar nicht wahrnehmen, da Zeit kein greifbarer Gegenstand ist. Dieser Punkt wird ausführlich von Thomas HEINRICHS in seinem Buch „Zeit der Uneigentlichkeit“ erläutert. Heinrichs erklärt Raum und Zeit zu menschlichen, nicht - ontologischen Kategorien.5 Zeit lasse sich nicht von menschlichen Lebensprozessen abstrahieren, denn sie sei eine soziale und keine objektive Realität: „'Raum' und 'Zeit' haben keinen eigenen, vom Menschen unabhängigen Bestand.“6

Heinrichs führt hier den Begriff der Hinsicht ein, um zu verdeutlichen, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keine Bestandteile der Zeit seien, sondern vielmehr die Wahrnehmung desselben Vorgangs aus verschiedenen Perspektiven. Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart sind also verschiedene Hinsichten auf ein und denselben Prozess, nämlich den Prozess des Werdens. Wir haben nun den Prozess des Werdens als naturalen Prozess und die Zeit als äquivalente soziale und menschliche Kategorie, um diesen Werdensprozess gliedern und beschreiben zu können.

1.1) Die Uhr als Indikator für soziale Prozesse

Zeit lässt sich also nur an der Veränderung von Dingen oder ihrem Werden ablesen. Um allerdings im sozialen Umgang miteinander erfolgreich sein zu können, braucht man einen genaueren Indikator als das bloße Wahrnehmen größerer Veränderungen. Heidegger setzt sich mit der Uhr als einem solchen 'Indikator' auseinander: das Messen der Zeit stellt bei ihm ein eigenes Problem dar. Doch warum ist der Gebrauch der Uhr ein Problem? Die Uhr misst keine Zeitspanne (und schon gar keine unendliche), sondern dient der Fixierung eines beliebigen Jetztpunktes. Das heißt, wenn ich um drei Uhr nachmittags verabredet bin und es ist jetzt gerade zwölf Uhr am Mittag, dann 'habe ich noch drei Stunden Zeit bis...' (wie man im Alltagssprachgebrauch sagt). Die Uhr selbst legt diese Spanne aber nicht fest, da die auf ihr angezeigte Zeitspanne (12 Stunden) sich periodisch wiederholt. Man liest von der Uhr lediglich den momentanen Zeitpunkt, den Jetztpunkt, ab und rechnet bis zum nächsten Zeitpunkt, der für das Subjekt eine Bedeutung hat.7 Man kann es auch so ausdrücken: Wenn ein Passant mich nach der Uhrzeit fragt, hat der angegebene Jetztpunkt mit Sicherheit eine andere Bedeutung für ihn als für mich.

Das heißt, ein Zeitpunkt oder auch eine Zeitspanne ist immer gekoppelt mit einer sozialen Bedeutung. Doch Heidegger verweist auch auf eine Uhr, die das menschliche Dasein bereits vor allen mechanischen 12-Stunden-Uhren hatte: den Wechsel von Tag und Nacht. Der Tag-Nacht-Rhythmus ist keine Zeitform, die der Jeweiligkeit des Daseins zugehörig ist, sondern eine 'weltliche', durchschnittliche Zeitform. Das bedeutet, er ist sozusagen eine Uhr vor 'der' Uhr (also vor der mechanischen), mit deren Hilfe eine Gemeinschaft bestimmten Punkten innerhalb von Tag und Nacht bestimmte Bedeutungen und Tätigkeiten zuordnet, um das gemeinsame Leben zu strukturieren. Zum Beispiel füttert man 'kurz vor Sonnenaufgang' das Vieh, wenn 'die Sonne am höchsten steht', hält man Mittagsschlaf usw. :

„Im Miteinandersein auf dem Gehöft z.B. als dem Besorgen des Anwesens und dem Zu=Hause=seins in ihm - sagt das Besorgen beim Aufgehen der Sonne: „ Jetzt muß das Vieh hinausgetrieben werden.“ (...) Das Jetzt ist ein geeignetes. (...) Man hält sich an dieses im Aufgehen der Sonne begegnende Jetzt. (...) Der Tag selbst ist sonach von dem her, was das Insein zu besorgen hat, nach bestimmtem geeigneten Jetzt ausgelegt, ebenso die Nacht als das rechte Jetzt der Ruhe. (...) Die dem gew ä rtigenden Besorgen so verfügbaren, geeigneten „Jetzt“ machen die „Zeit“ aus, der Rechnung getragen wird.“8 4

2.) Die Grundstrukturen des Daseins

Wie kommt Heidegger aber nun zu seiner Behauptung, mit der Frage „Sind wir selbst unsere Zeit?“ käme man dem Wesen der Zeit am nächsten? Zunächst wird verwiesen auf die Grundstrukturen des Daseins, wie sie auch in Heideggers Abhandlung „Der Begriff der Zeit“ und (noch ausführlicher) in 'Sein und Zeit' ausgearbeitet werden. Da sind zunächst das Dasein als In-der-Welt-sein und das Dasein als Mit-einander-sein, um eine grobe Unterscheidung vorzunehmen. Das Mit-einander-sein hat noch sozusagen 'neben sich' die Bedeutungen des Für- einander-seins und des Vorhandenseins für Andere. Mit dem Ausdruck 'neben sich' versuche ich das zu bezeichnen, was Heidegger in seiner Abhandlung betont, nämlich, dass das Mit-einander-sein und das Für-einander-sein die selben Wurzeln haben.9 Die Art der Aufzählung ohne weitere Erläuterung könnte leicht den Eindruck vermitteln, das 'Für-einander-sein' und das 'Vorhandensein für Andere' seien Unterformen des Mit-einander-seins. Aber eben dies ist nicht gemeint. Gehen wir sie der Reihe nach durch, die Heidegger uns vorgibt10:

1) In-der-Welt-sein: ein anderer Terminus hierfür ist das 'Besorgen'. Es meint das Zurechtkommen in der Welt, die Auseinandersetzung mit der Welt. Im Vordergrund steht die Sorge um etwas, um sich selbst, das Sich-Sorgen- machen und aus dieser Sorge heraus etwas tun, also auch schreibbar als BeSorgen, vielleicht sogar als Um-Sorgen.

2) Mit-einander-sein: mit Anderen dieselbe Welt teilen, einander in der Welt begegnen. Grundlage des Mit-einander-seins ist die Kommunikation, das Dasein spricht in seiner Welt über seinen Umgang mit der Welt. Dies heißt: das Dasein spricht über sein In-der-Welt-sein. In Alltagssprache würde ich dies folgendermaßen übersetzen: Ich spreche über mein Dasein in der Welt, das heißt ich spreche darüber, wer und was ich bin, mit wem ich in Verbindung stehe, was meines Erachtens die Gründe sind, weshalb ich hier bin usw. Ich äußere mich also über mein Leben, wenn man es kurz und simpel ausdrücken möchte.

[...]


1 Die Mehrzahl 'Texte' bezieht sich darauf, dass hier Bezug genommen wird auf den Vortrag „Der Begriff der Zeit“ wie auch auf die Abhandlung mit demselben Titel. (beides Band 64 der Gesamtausgabe 2004)

2 vgl. Heidegger, Der Begriff der Zeit (Vortrag), S. 125

3 ebd. S.108

4 ebd. S.109

5 vgl. Heinrichs 1999, Exkurs I: Zeitbegriffe

6 ebd. S.50

7 vgl. Heidegger „Der Begriff der Zeit“ (Vortrag)

8 Heidegger „Der Begriff der Zeit“ (Abhandlung), S.67f.

9 vgl. „Der Begriff der Zeit“ (Abhandlung), Kap.II: Die ursprünglichen Seinscharaktere des Daseins

10 vgl. ebd. (Meine Aufzählung ist natürlich eine stark komprimierte, auf das für diese Arbeit Wichtigste beschränkte Form von Heideggers Ausführungen über die Seinscharaktere.)

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640641789
ISBN (Buch)
9783640642144
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152303
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Heidegger Zeit Tod Sein Dasein Welt

Autor

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Titel: Wir selbst sind Zeit