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Gedichtanalyse und Interpretation von Bertold Brechts "An die Nachgeborenen" im Zyklus der "Svendborger Gedichte"

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gedichtanaylse
2.2 Gegenwart
2.3 Vergangenheit
2.4 Zukunft
2.5 Mogliche Bezuge zu Brecht

3. Schlussbemerkungen

An die Nachgeborenen

Literaturverzeichnis

l.Einleitung

Eugen Bertold Friedrich Brecht (1989-1956) gilt als einer der einflussreichsten deutschen Lyriker und Dramatiker des 20. Jahrhunderts und Begrunder des epischen Theaters.[1] Von vielen Gegnern und Kritikem wurde er auch als „ das Argemis, der Plagiator ohne eigene Ideen, Brecht der Ausbeuter“[2] und spater „als Kommunist, Brecht der Stalinist usw.“[3] diffamiert. Unbestritten (von vielen Kritikern) ist jedoch, dass es ihm wie keinem anderen Dichter gelang, der Epoche des Faschismus und deren unsagbaren Verbrechen eine angemessene kritische Stimme zu verleihen.[4] Brecht, der von den Nationalsozialisten 1933 ins Exil verbannt wurde, machte dieses politische Thema zum allgemeinen Gegenstand seiner Lyrik und Werke.[5] Wahrend er im danischen Exil festsitzt und „die faschistische Machtentfaltung ihren Hohepunkt und Brechts Wirkungsbereich ihren Tiefpunkt erreicht“[6] zieht der kampferische Dichter[7] in der Elegie An die Nachgeborenen Bilanz uber das Zeitgeschehen. Auf den Punkt gebracht beschreibt es, ein Leben „in finsteren Zeiten“[8] und beinhaltet einen Appell An die Nachgeborenen.[9]

Das Gedicht reiht sich im Zyklus der Svendborger Gedichte ein, - eine Gedichtsammlung, die im Wesentlichen als Faschismuskritik gedacht war - und in den Jahren zwischen 1933 bis 1939 im danischen Exil entstanden ist.[10] An die Nachgeborenen, das letzte in der Sammlung der Svendborger Gedichte, sollen nach Brechts testamentarischer Verfugung auch die letzten und einzigen Abschiedsworte sein, die bei seiner Bestattung am Grab vorgelesen werden durfen.[11] Hat das Gedicht somit fur Brecht eine tiefere Bedeutung gehabt und wollte er durch das Gedicht vielleicht eine bewusste Schlusskadenz setzen? Um diese Fragen beantworten zu konnen, muss das Gedicht analysiert und bewertet werden. Nach Brechts Bewertungstheorie soll jedes Gedicht nach ihrem Gebrauchswert hin beurteilt werden.[12] Der Gebrauchswert auBert sich in der „Nutzlichkeit und Wirkung“,[13] die es fur die „Gesellschaft und den Rezipienten“[14] haben. In der Gedichtanalyse sollen diese Kriterien berucksichtigt werden. Das Gedicht soll dabei werkimmanent nach seiner Form, Sprache und Inhalt, aber auch unter den externen Gesichtspunkten Entstehung, Absicht, geschichtlicher-, epochaler- und biographischer- Hintergrund analysiert und beschrieben werden. In diesem Kontext liefert die dreiteilige Struktur des Gedichtes eine Gliederung fur die Hausarbeit, die durch eine Formbeschreibung zu Beginn und eine vertiefende Diskussion am Ende erganzt werden soll.

2.Gedichtanaylse

2.1 Form

Das reimlose Gedicht besteht aus drei Teilen, die durch romische Ziffern gekennzeichnet sind. Der erste Teil (bestehend aus funf Versgruppen) und dritte Teil (bestehend aus vier Versgruppen) weisen eine unregelmaBige Versanzahl auf. Der zweite Teil (bestehend aus vier Versgruppen) hebt sich jedoch durch seine regelmaBige Versanzahl (von jeweils sechs Versen) ab. Nach Marsch ist dieser mittlere Teil wahrscheinlich als erstes entstanden.[15] Ebenso unterscheidet sich der mittlere Abschnitt in der Metrik, durch eine „scharfere Markierung der rhythmisch-syntaktischen Einheit der Verse“,[16] von der des ersten und dritten Teils. Diese Auffalligkeit ist fur die Interpretation jedoch irrelevant.[17] Die reimlose Form und sonst freie Rhythmik des Gedichts sind typisch fur Brechts Exillyrik.[18] Sie stehen im Einklang mit der chaotischen Epoche und sind damit auch ein Ausdruck der Moderne.

Die dreiteilige Struktur des Gedichtes wird durch die unterschiedliche Benutzung der Verbtempora (I: Prasens, II: Prateritum, III: Futurum) akzentuiert. Dadurch erhalt das Gedicht die drei Zeitdimensionen der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Die Gegenwart und Vergangenheit wird durch einen Ich- Sprecher vorgestellt. Wahrend die Zukunft von einem Wir-Sprecher dargestellt wird, der sich mit einem Appell An die Nachgeborenen (in Form der „ihr“-Anrede) wendet.

Ein Formgesetz wird dadurch gegeben, dass jeder Abschnitt (in allen drei Teilen) durch eine Redewendung bzw. durch eine Exklamination eingeleitet wird, die in den anschlieBenden Versen naher bestimmt wird.[19] Dadurch entsteht die Struktur einer Zwiesprache, die nicht als expliziter Dialog verstanden werden darf.[20] Das Zwiegesprach besteht indessen aus kritischen Implikationen. Um den tieferen Gehalt des Gedichtes erfassen und die oberflachliche Struktur des Gedichtes durchdringen zu konnen, wird der Leser aufgefordert - zur gelingenden Rezeption des Gedichtes - sich mit diesen impliziten AuBerungen kritisch auseinanderzusetzen und diese auszuformulieren.[21]

Bei solch einer tieferen Betrachtung wird ein weiterer roter Faden, der sich durch fast alle Strophen und alle drei Teile windet, sichtbar. Dieser auBert sich in den Diskrepanzen und Widerspruchen[22] zwischen „dem individuellen Leben und den Zeitverhaltnissen“[23].

Sprachlich wird das Gedicht durch einen mahnenden und klagenden Ton untermalt, der durch einen biblischen Sprachgestus - was fur Brecht nicht untypisch ist[24] - zustande kommt. Dieser Eindruck wird durch bestimmte wiederholende Phrasen wie „ ich lebe in finsteren Zeiten“[25] und „ So verging meine Zeit/ Die auf Erden mir gegeben war“[26] sowie durch die Worter „Flut“ [27] und „Zom“[28] und weitere biblische Andeutungen bestatigt. Der dunkle und eher restriktive Redegestus verleiht dem Gedicht einen elegischen Stil.[29]

2.2 Gegenwart

Der erste Teil (die Gegenwart) wird von der wiederholenden Klage des lyrischen Ichs: „wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“ eingerahmt. Dabei stellt sich einerseits die Frage, wer mit dem lyrischen Ich gemeint ist und, ob Bezuge zu der Exilsituation Brechts in dem darstellenden Ich gedeutet werden konnen oder nicht. Anderseits fragt sich der Leser, worin die Umstande der finsteren Zeit bestehen, die in Zeile 2 bis Zeile 30 angedeutet werden. Nach Schlenstedt bezieht sich das lyrische Ich, das im ersten und zweiten Teil vorkommt, und auch das lyrische Wir im dritten Teil nicht auf irgendwelche Dichter und Schriftsteller, sondern ist von allgemeiner Natur:[30]

Es stellen sich Menschen im Geschehen ihrer Jahre vor, die sich in „der Zeit des Aufruhrs“ zu den Sich- Emporenden zahlten, den Kampf gegen das Unrecht, die Passivitat, die Niedrigkeit, die Herrschenden aufnahmen, das Ziel einer anderen Welt setzten.[31]

Eine andere Position vertreten Mayer und GeiBler, die in dem sprechenden Ich in den Versen des ersten Teils den personalen Bertolt Brecht identifizieren konnen, der im danischen Exil festsitzt, und sich an seine Zeitgenossen richtet.[32] Dafur spricht u.a. die Entstehung des Gedichtes, die im Zyklus der Svendborger Gedichte steht und somit als Kritik des dritten Reiches gedacht war.[33] Brecht als Verbannter, der Deutschland nicht freiwillig verlassen wollte,[34] und im Exil „im Kampf gegen den Faschismus“[35] kein Feld[36] auslieB, leidet um 1938 und 1939 mit Zunahme des Faschismus - der inzwischen fast ganz Europa erfasste und somit auch zur drohenden Gefahr fur andere Exilanten wurde -[37] an „vollstandiger Isolation und ohnmachtiger Passivitat“.[38] Dieses bedruckende Gefuhl des Autors spiegelt sich auch in dem dunklen Ton der Elegie wieder.

Der ausbreitende Faschismus zwingt Brecht u.a. auch zu einer Revision seiner Kunstmethode, die unter dem Motto „ Erkenntnis des Mittleren“[39] zu einer modifizierten Methode[40] heranreift.[41] Um den Verbrechen des NS-Regimes sprachlich nahe zukommen und deren gezielte Vernichtung von progressiver Kunst zu entkommen, greift Brecht u.a. auf traditionellen Elemente der Naturlyrik zuruck, ohne dabei jedoch seine Gesellschaftkritik aus den Augen zu verlieren.[42] Dies auBert sich auch in der Beschreibung der gegenwartigen Zeitverhaltnisse in dem Gedicht An die Nachgeborenen:

Was sind das fur Zeiten, wo

Ein Gesprach uber Baume fast ein Verbrechen ist

Weil es ein Schweigen uber so viele Untaten einschlieBt![43]

Hierbei zeigt Brecht auf unnachahmliche Weise die volle Wirkung seiner modifizierten Poesie, das „Unsagliche“[44], namlich die Verbrechen der Nazis, sagbar zu machen.[45] Die Naturlyrik wird verwendet, um letztendlich die Geschehnisse und Verbrechen der Gesellschaft abzubilden. Diese Gedichtsequenz ist gerade deswegen so gelungen, weil sie eine doppelte Implikation beinhaltet: Zum einen wird aufgezeigt, dass Naturlyrik als Chiffre fur Faschismuskritik benutzt wird und zum anderen wird die traurige Notwendigkeit dargestellt, in diesen Zeitverhaltnissen verschlusselt schreiben und sprechen zu mussen! Diese Form des Andeutens der Verbrechen wird auch als „Dialektik des Verstummens bezeichnet“.[46] Wobei die Grenze des Verstummens durch jene ambivalenten Andeutungen immer wieder uberschritten und das Schweigen uber die Verbrechen der Nazis doch gebrochen wird.[47]

Die Gegenwart des lyrischen Ichs und seiner Zeitgenossen ist von regelmaBig auftretenden Lebenswiderspruchen gekennzeichnet. Gleich in der ersten Verssequenz wird dies deklamatorisch zur Schau gestellt:

Das arglose Wort ist toricht. Eine glatte Stirn / Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende/ Hat die furchtbare Nachricht/ Nur noch nicht empfangen.[48]

Diejenigen in der Gesellschaft, die unschuldig (arglos) sind, und daher die Verbrechen und die Untaten offentlich durch Geschriebenes oder Gesprochenes anprangern (konnen), verhalten sich unklug (toricht), weil sie damit ihr Leben in Gefahr bringen (wurden).

[...]


[1] Das Literarische Quartett 2006 (Video)

[2] Berg u. Jeske: Bertolt Brecht (Einfuhrung: VII)

[3] Ebd.

[4] Vgl. Wagner: Kritik des Faschismus S.12-13

[5] Ebd. S.45

[6] Ebd. S.237

[7] Vgl. Brecht, Brief n Slatan Dudow vom 19.IV.38, Nr.359

[8] Z.1

[9] Vgl.Z.61-79 u. Trefzer: Svendborger Gedichte S.6

[10] Vgl. Trefzer: Svendborger Gedichte S.3

[11] Vgl. Kleinschmidt: Zukunft der Nachgeborenen S.6

[12] Vgl. Brecht: Gesammelte Werke S.50

[13] Wagner: Kritik am Faschismus S.224

[14] Ebd.

[15] Marsch: Brecht Kommentar zum lyrischen Werk S.291

[16] Holtz: Gedichte und Interpretationen S.377

[17] Ebd. S.378

[18] Vgl. Trefzer: Svendborger Gedichte. S.10

[19] Vgl. Holtz: Gedichte und Interpretationen S.374

[20] Ebd.

[21] Vgl. Ebd.

[22] Die Lehre der Widerspruche bzw. die Kunst der Dialektik gehort bei Brecht zu einer lernbaren Denkweise, die notwendig ist, um die bestehenden Verhaltnisse in der Welt zu verandern. Vgl. Schlenstedt: Brecht und die Zukunft

[23] Holtz: Gedichte und Interpretationen S.378

[24] Emmerich: Brechts Glaube S.38

[25] Z.1 und Z.30

[26] Z.35- Z.36 und Z.53-Z.54

[27] Z.55

[28] Z.67

[29] Vgl. Holtz: Gedichte und Interpretationen S.381 und Vgl. Schlenstedt: Brecht und die Zukunft S. 46

[30] Schlenstedt: Brecht und Zukunft S.45

[31] Ebd.

[32] Vgl. Mayer: An die Nachgeborenen. S.26f. / Geissler: Bertolt Brecht. S.111

[33] Vgl. Hausarbeit: Kapitel 1 S.3

[34] Vgl. Trefzer: Svendborger Gedichte S.6

[35] Benjamin: Versuche uber Brecht. S. 134

[36] Benjamin pladierte fur die Nichtaufnahme der Kinderlieder, die er als disparate Reihe im Zyklus der Svendborger Gedichte ansah. Brecht kam diesen Vorschlag nicht nach und entschied sich fur die Einfugung, da er kein Feld - und damit waren gerade die Kinder gemeint, die eine bessere Zukunft gestalten konnten - im Kampf gegen den Faschismus auslassen wollte. Vgl. Wagner: Kritik am Faschismus S.230

[37] Vgl. Berg u. Jeske: Bertolt Brecht. S.38

[38] Wagner: Kritik am Faschismus S.237

[39] Benjamin: Versuch uber Brecht. S.134

[40] Die neue Methode wird hierbei als modifizierte betrachtet, weil sie die Grundprinzipien des epischen Lehrstuckes beibehalt. Die Intention der daraus resultierenden variierenden Kunstformen kann durch den Montagecharakter nur im Gesamtzyklus und in der Bewertung aller Werke vollstandig verstanden werden. Vgl. Wagner: Kritik am Faschismus. S.232

[41] Wagner: Kritik am Faschismus S.46-47

[42] Ebd. S.231

[43] Z.6-Z.9

[44] Bloch: Der Nazi und das Unsagliche. S.382

[45] Vgl. Wagner: Kritik am Faschismus. S.238-239

[46] Vgl. Ebd. S.233

[47] Vgl. Ebd.234

[48] Z.2-Z.5

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640643257
ISBN (Buch)
9783640644025
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152282
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
Schlagworte
Bertold Brecht An die Nachgeborenen Svendborger Gedichte Gedichtinterpretation Brecht Gedichte Bertold Brecht

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Titel: Gedichtanalyse und Interpretation von Bertold Brechts "An die Nachgeborenen" im Zyklus der "Svendborger Gedichte"