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Kants Unterscheidungen: synthetisch / analytisch und a priori / a posteriori.

Eine Analyse auf der Basis der Prolegomena.

Seminararbeit 2010 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Urteile a posteriori / a priori

2. Analytische und synthetische Urteile

3. Die vier Urteilsarten

4. Einwände

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis:

Einleitung

Immanuel Kant (1724-1804) gilt als Begründer des deutschen Idealismus. Kernstück seines Hauptwerks „Kritik der reinen Vernunft“ ist die sog. Kopernikanische Wende der Metaphysik[1], in welcher er die scheinbar unvereinbaren Positionen von Realismus und Idealismus in Einklang bringt. Auf eine Formel gebracht besagt die kopernikanische Wende, dass sich nicht die Erkenntnis nach den Gegenständen, sondern dass sich die Gegenstände nach der Erkenntnis richten. Gegenstand der Kritik der reinen Vernunft ist somit eine kritische Untersuchung des menschlichen Erkenntnisvermögens. Diese Untersuchung stellte Kant vereinfacht in seiner „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik“ dar.

Der Zweck von Kants Prolegomena ist eine Einführung sowie eine verständliche Kurzfassung seiner Schrift „Kritik der reinen Vernunft“. Daher ist der zentrale Problembereich der beiden Schriften derselbe und zwar thematisiert dieser die Frage: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? Somit besteht die Funktion der Prolegomena in der Erläuterung von Kants Metaphysikkritik. Ich werde zu Beginn die in diesem Zusammenhang wichtigen Begrifflichkeiten klären, um diese anschließend vor dem Hintergrund von Kants Darstellung zu erläutern. Die Erläuterung dieser Arbeit wird über leichter verständliche Begriffe zu weniger leicht verständlichen Begriffen fortschreiten. Daher ist es sinnvoll, den Begriff des aposteriorischen vor dem des apriorischen sowie den des analytischen vor dem des synthetischen Urteils zu erläutern. Zentraler Gegenstand dieser Arbeit ist somit die Beschreibung von synthetischen und analytischen Urteilen sowie von Urteilen a priori und a posteriori. Die sich aus der Kombination von apriorischen und aposteriorischen mit synthetischen und analytischen Urteilen ergebenden Urteilsarten[2] stellen ebenso einen wichtigen Bestandteil dieser Arbeit dar. Abschließend werde ich im Rahmen dieses Themengebietes auftauchende Probleme behandeln. Arbeitsgrundlage dieser Hausarbeit ist die Ausgabe des Meiner-Verlags der „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik“, wobei sich die Zitation auf die Seitenangabe der Akademieausgabe IV (AA IV) von Kants gesammelten Werken bezieht.

1. Urteile a posteriori / a priori

„Es gibt (…) Urteile a posteriori, deren Ursprung empirisch ist“ (AA IV, 267).

Empirische Urteile sind Aussagen, deren Wahrheit oder Falschheit sich hinsichtlich der Wahrnehmung erst hinterher, im Nachhinein erweisen lässt (Vgl. Tetens, 2006: 24). Man muss also erst einen Gegenstand wahrnehmen, um über die Wahrheit oder Falschheit einer den Gegenstand betreffenden Aussage urteilen zu können. Wenn also der Inhalt dieser Aussagen seinen Ursprung in den wahrnehmbaren Gegenständen der sinnlichen Welt hat, so erhebt erst die Erfahrung – nachdem sie gemacht wurde – diese Inhalte zu einem Gegenstand der Erkenntnis. Somit sind Urteile a posteriori erfahrungsabhängige Aussagen, die von den Tatsachen der Außenwelt abhängen.

Ein Beispiel für ein Urteil a posteriori ist nach Kant der Satz: „Einige Körper sind schwer“ (AA IV, 266). Man muss die Schwere der Körper erst erfahren, indem man sie z.B. hebt oder wiegt, um zu erkennen, dass sie schwer sind. Im Anschluss daran kann man die Aussage oder das Urteil treffen, dass die Körper schwer sind. Hieran wird deutlich, dass der Begründungsanspruch aposteriorischer Urteile in der Erfahrung zu suchen ist.

Wenn man die erfahrungsabhängigen Urteile a posteriori erkenntnistheoretisch vor der Folie der Ontogenese (Entwicklungsgeschichte des einzelnen Menschen) betrachtet, dann stellt man fest, dass das erkenntnistheoretische Wissensdepot eines jeden Menschen mit dieser Art von Erkenntnissen – Urteilen a posteriori – beginnen muss sich zu füllen. Kinder müssen ihre Umwelt erst einmal wahrnehmen, um sich in ihr zu recht zu finden, da nach Kant

unsere gesamte Erkenntnis unzweifelhaft mit Erfahrung beginnt (Vgl. AA III, B1).

Nach Kant kann die Metaphysik nicht empirisch sein und deswegen muss die Metaphysik „lauter Urteile a priori enthalten“ (Vgl. AA IV, 265; Vgl. AA IV, 266). Der Begriff „a priori“ bedeutet im erkenntnistheoretischen Kontext sinnvolle Aussagen, die im Vornherein – vor jeder Wahrnehmung – getroffen werden und aufgrund dessen können diese Aussagen auch vor jeder Wahrnehmung als wahr oder falsch eingesehen werden (Vgl. Tetens, 2006: 24). Wenn nun der Inhalt dieser Aussagen seinen Ursprung nicht im sinnlichen, erfahrungsabhängigen Wahrnehmungsapparat hat, dann muss er seinen Ursprung in etwas anderem finden, das dem Menschen eigen ist und dieses Vermögen ist die Vernunft.

Metaphysische Erkenntnis ist somit Erkenntnis aus reiner Vernunft oder reinem Verstande[3] (Vgl. AA IV, 266). Erkenntnisse a priori sind also Vernunfterkenntnisse oder in Kants Terminologie: Urteile der Vernunft. Hieraus folgt jedoch nicht, dass in Urteilen a priori keine empirischen Begriffe vorkommen dürfen, denn empirische Begriffe können sehr wohl Bestandteile von a priori Urteilen sein (Vgl. AA IV, 267). Allerdings lassen sich Urteile a priori unabhängig von Erfahrung begründen oder rechtfertigen. Es muss also bei der Rechtfertigung oder Widerlegung dieser Urteilsart nicht auf Tatsachen zurückgegriffen werden, man kann sie unabhängig von Tatsachen mit Vernunft begründen und deswegen auch mit dem Verstand einsehen.

Als Beispiel für Urteile a priori führt Kant Sätze der Mathematik an: „Zuvörderst muß bemerkt werden: daß eigentliche mathematische Sätze jederzeit Urteile a priori und nicht empirisch sind, weil sie Notwendigkeit bei sich führen, welche aus Erfahrung nicht abgenommen werden kann“ (AA IV, 271). Diesem Zitat ist ein weiteres Merkmal von Urteilen a priori zu entnehmen und zwar das der Notwendigkeit.

Die Bedeutung apriorischer Urteile für die Metaphysik ist nun fundamental: Weil sich die Metaphysik mit den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis beschäftigt, so kann Erfahrung selbst – also a posteriorische Erkenntnis – im metaphysischen Bereich keinen Erkenntnisgewinn bringen, da ja gerade die Bedingungen apriorischer Erkenntnis untersucht werden sollen und dies mit aposteriorischen Urteilen ein sinnloses Vorhaben wäre. Dies bedeutet nun, dass Urteile a priori der Gegenstand der Metaphysik sind.

Die Notwendigkeit apriorischer Urteile gilt nicht nur für ein Subjekt, sondern für das erkennende Subjekt[4]. Folglich ist nicht nur die Notwendigkeit ein Merkmal des a priori, sondern darüber hinaus auch noch die Allgemeingültigkeit[5] und deswegen ist mit Höffe zu sagen: „Da die Erfahrung nur Tatbestände, aber weder die Unmöglichkeit des Andersseinkönnens noch die Unmöglichkeit einer Ausnahme belegt, sind die unbeschränkte Allgemeinheit und die strenge Notwendigkeit tatsächlich die Kennzeichen des reinen Apriori.“ (Höffe, 1988: 56).

[...]


[1] Metaphysik bedeutet hier grob: Wissenschaft von den grundlegenden Strukturen der Realität. Genauer ausgedrückt befasst sich diese Disziplin mit den Strukturen und Elementen möglicher Erfahrung.

[2] Unter Urteilsklassen - der zeitgenössischen Auffassung gemäß - werden in dieser Arbeit Urteile a priori / a posteriori sowie analytische und synthetische Urteile verstanden. Die sich aus der Variation der Urteilsklassen ergebenden Urteilsarten werden als Arten gefasst. „Eine Klasse, deren Mitgliedschaft in Unterklassen unterteilt ist (…) und die verschiedenen Unterklassen sind Arten.“ (Copi, 1998: 54).

[3] Zur in diesem Kontext relevanten Unterscheidung von Vernunft und Verstand: Vernunft ist das Vermögen dessen Funktion im Schließen und Folgern besteht. Ihr Vorstellungstyp sind Begriffe und sie operiert a priori mit Ideen. Der Verstand ist das Vermögen, dessen Funktion im Denken resp. Urteilen liegt. Sein Vorstellungstyp sind ebenfalls Begriffe und er operiert a priori mit Kategorien. Die Vernunft ist ein Teil des Verstandes.

[4] Kant versteht unter dem Begriff „erkennendes Subjekt“ ein jedes (auch mögliche) Subjekt, das zu (rationaler) Erkenntnis fähig ist und deshalb bedeutet der Terminus erkennendes Subjekt mindestens alle existierenden Subjekte (Menschen).

[5] Diese Stelle verleitet nur allzu leicht zu einem Missverständnis: Man könnte meinen, die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit apriorischer Urteile lassen alle Menschen zum selben Ergebnis in dieser Urteilsform kommen. Wäre das der Fall, dann wären alle Urteile der Metaphysik korrekt – exakt die gegenteilige Position vertritt Kant. Der Fehler, der diesem Missverständnis zugrunde liegt ist, dass Charaktere (Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit) des Urteilsvollzuges mit den Charakteren apriorischer Urteile verwechselt werden oder zwischen ihnen nicht unterschieden wird. Es wird in diesem Missverständnis also nicht zwischen dem psychologischen Prozess des Vollzugs apriorischer Urteile und den Merkmalen unterschieden. Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit sind nach Kant somit Merkmale des apriorischen Urteils selbst und nicht des psychologischen Prozesses des Vollzugs solcher Urteile (Vgl. Patzig, 1976: 20).

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640642649
ISBN (Buch)
9783640642564
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152275
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Kant Prolegomena synthetisch analytisch a priori a posteriori Urteile

Autor

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Titel: Kants Unterscheidungen: synthetisch / analytisch und a priori / a posteriori.