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Das Minnekonzept im Eneasroman

Vergleich der Minne der Figuren Dido und Lavinia

Seminararbeit 2009 12 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Gegenstand der Seminararbeit, Vorgehensweise und Forschungsstand

2 Minnekonzepte im Eneasroman
2.1 Charakterisierung von Dido und Lavinia
2.2 Entstehungsformen der Minne
2.3 Minnesymptome
2.4 Minnegespräche
2.5 Auswirkungen der Minne auf das Leben der Verliebten

3 Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit

1 Gegenstand der Seminararbeit, Vorgehensweise und Forschungsstand

Diese Seminararbeit hat unter anderem den Vergleich der Minne der Figuren Dido und Lavinia für den Helden Eneas in Heinrichs von Veldeke Eneasroman zum Gegenstand. Hierbei sollen zunächst die Ausgangssituationen der beiden Frauen analysiert werden und anschließend wie, bzw. in welchem Umfang sich ihre Minne manifestiert. Einen weiteren Aspekt stellen die Auswirkungen ihrer Liebe zu Eneas auf ihr weiteres Leben dar. Das Ziel dieser Arbeit ist es schließlich, zu klären, ob sich aus diesen Untersuchungen ein spezifisches Minnekonzept ableiten lässt, welches eine Theorie über den charakteristischen Ablauf der Liebessituationen im Eneasromanvermittelt.

Innerhalb der Forschungsliteratur sind etliche Studien zur Minne zwischen Dido und Eneas erschienen, allerdings eher wenige zu der von Lavinia und ihm. Die Fülle der Analysen zu Didos Liebe ist wohl damit zu erklären, dass ihre Minne letzten Endes unerfüllt bleibt und mit ihrem Selbstmord ein tragisches Ende nimmt. Dadurch scheint es besonders interessant, die Beweggründe für ihren Freitod zu analysieren, was auch in der Forschungsliteratur eingehend behandelt wurde. Nachdem dieses Ungleichgewicht zwischen den Studien über Dido und Lavinia besteht, soll daher im Folgenden versucht werden, beide auf ein mögliches Minnekonzept im Eneasroman zu untersuchen.

2. Minnekonzepte im Eneasroman

Die Frage, ob Heinrich von Veldeke ein Konzept von Minne in seinem Roman verfolgte, dient gerade deshalb zum Gegenstand einer Untersuchung, da kein mittelalterlicher Text existiert, der einheitliche Kriterien für Minnesituationen festsetzt1. Deshalb sind die nachfolgend aufgeführten Theorien über Minnekonzepte ausschließlich im Zusammenhang mit dem Eneasroman zu sehen und können nicht als verallgemeinerndes Konzept für die mittelalterliche Liebe geltend gemacht werden.

Zu Beginn des Romans wird Dido als listichlîche[n] (V. 313) und rîche (V. 343) Königin Karthagos vorgestellt2, die mit Eneas das Schicksal eines Vertriebenen teilt3. Als sie erfährt, dass dieser um Unterschlupf in Karthago bittet, bis seine Schiffe zur Weiterfahrt nach Italien repariert sind, willigt sie in einer wohlwollenden, aber auf ihren Vorteil bedachten Rede ein4. Da ihr Ehemann aufgrund einer Familienfehde ermordet wurde und sie ihm Treue auch über seinen Tod hinaus schwor5, entsteht zwischen ihr und Eneas ein zunächst partnerschaftlich-platonisches Verhältnis, das abrupt endet, als Dido mit dem göttlichen Liebeszauber der Venus belegt wird.

Lavinia, die Tochter des Königs Latinus, erscheint Eneas zum ersten Mal in einer Prophezeiung seines Vaters in der Unterwelt6. Dort wird ihr Schicksal, Eneas' Ehefrau und Königin zu werden, bereits vorweg geschildert. Zunächst jedoch tritt sie als zu gewinnende Trophäe innerhalb des Machtkampfes zwischen Eneas und Turnus in Erscheinung. Heinrich von Veldeke beleuchtet Lavinia in seinem Roman von Beginn an ausschließlich im Hinblick auf ihre Minne. Im Mittelpunkt steht anfänglich ihre Unerfahrenheit mit der Liebe, die ein Minnegespräch mit ihrer Mutter heraufbeschwört7. Im Gegensatz zu der erfahrenen Herrscherin Dido, bei der eher ihre geistigen Attribute, wie ihre Klugheit, im Vordergrund der Charakterisierung stehen, beschreibt Veldeke Lavinia vor allem hinsichtlich ihrer jugendlichen Schönheit und Unerfahrenheit. Dadurch, dass sie sensibel, zurückhaltend und keusch ist8, vereint sie alle Tugenden einer maget lussam (V. 10009; 10617; 10773), was sie umso mehr für die Rolle der Ehefrau an Eneas' Seite qualifiziert.

Bei Dido und Lavinia tritt die Minne gleichermaßen als Venus und Cupido, und somit als Personifizierung menschlicher Gefühle und Leidenschaften auf9. Die Göttin ist es letztlich auch, welche die Minne bei beiden Frauen mechanisch durch Pfeilschießen hervorruft10. Obwohl sie die Ursache für deren aufkeimende Liebe ist, gibt es in ihrer Entstehungsart einen besonderen Unterschied.

Um Dido in Liebe entbrennen zu lassen, wählt Venus den indirekten Weg über Eneas' Sohn Ascanius. Indem sie seinen Mund mit ihrem Feuer berührt, verleiht sie ihm Zauberkraft, wodurch Dido, als sie ihn zur Begrüßung küsst, Eneas zu begehren beginnt11. Lavinia hingegen, die anfangs noch eine grundsätzliche Abneigung gegen die Minne hegt12, empfängt den Liebeszauber durch einen Pfeil, den ihr Venus direkt ins Herz schießt. Dies geht fast zeitgleich mit dem Erblicken von Eneas einher13. Für die Entstehung ihrer Minne ist somit entscheidend, dass sie ihren Geliebten zuerst sieht und, anders als Dido, sich beim ersten Anblick sogleich in ihn verliebt.

Im Gegensatz dazu steht Didos anfängliche natürliche Zuneigung zu Eneas, die keinerlei sexuelle Konnotation trägt, da sie lediglich ihre Sympathie für einen Menschen widerspiegelt, der ein ähnliches Vertriebenenschicksal erlitten hat14. Darüber hinaus hat sie mit ihm den gewaltsamen Verlust des Ehepartners gemein15. Trotz dieser Gemeinsamkeiten ist sie selbst nach dem Wirken des Liebeszaubers davon überzeugt, dass sie seiner nicht ebenbürtig ist, da er ze schône und ze gût (V. 1556) für sie scheint. Bei Dido wird also durch Venus' Einwirken keine Liebesbeziehung erzwungen, die andernfalls nie entstanden wäre, sondern lediglich ihre natürliche Zuneigung zu Eneas intensiviert16. Dass Dido vor dem Liebeszauber lediglich Sympathie für ihn empfand und dieser erst durch Ascanius' Kuss mechanisch herbeigerufen werden musste, deutet darauf hin, dass ihre Liebe zu Eneas unnatürlichen Ursprungs ist. Die von Lavinia scheint hingegen natürlich, da sie schon beim ersten Erblicken Gefühle für Eneas empfindet und Venus auch genau in diesem Moment ihren Pfeil schießt.

Die Entstehung der Liebesgefühle von Dido und Lavinia kann somit auf zweierlei Weise betrachtet werden: Einerseits auf die natürliche Weise, die das Entstehen der Minne durch das Sehen des Anderen hervorruft17, andererseits auf die unnatürliche Weise, die das Wirken der Götter voraussetzt, welche dann einschreiten, wenn eine Liebe zwischen zwei Menschen auf natürliche Weise nicht entstehen würde.

2.3 Minnesymptome

Während Dido eine erfahrene Frau und mächtige Königin ist, hat Lavinia noch keinerlei Erfahrungen mit der Minne gemacht. Umso unbekannter sind ihr ihre Gefühle, als sie diese identifiziert:

nune weiz ich leider waz ich tû, ouch enweiz ich waz mir werret, daz ich sus bin vererret:

mirn wart solhes mê niht kunt. nû was ich iezû al gesunt

unde binnûvil nâtôt. (V. 10064-10069)

Sowohl Dido als auch Lavinia erleben ihre Minne als lebensbedrohliches ungemach (u.a. V. 1387; 10081), das ohne Vorwarnung wie eine Krankheit über sie hereinbricht18 und nur durch den sicheren Besitz des Geliebten geheilt werden kann19. Eine Begründung hierfür wäre unter anderem, dass Dido aufgrund der Vereinigung mit Eneas einerseits zwar erleichtert ist, da sie ihm ihre Liebe nicht mehr verheimlichen muss20, andererseits aber auch in großer Sorge, daz si sôschiere alsô sînen willen getete dorch sô wênige bete. (V. 1882-1884).

[...]


1 Rüdiger Schnell: Causa Amoris. Bern 1985, S. 53.

2 Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartschoke. Durchgesehene und ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1997, V. 313; 343; 456.

3 Veldeke (1997), V. 294.

4 Schnell (1985), S. 148.

5 Veldeke (1997), V. 1486-1492.

6 Veldeke (1997), V. 3644-3649.

7 Renate Kistler: Heinrich von Veldeke und Ovid. Tübingen 1993, S. 113.

8 Veldeke (1997), V. 10716-1718 (Sensibel: Aufgrund der Beschimpfungen durch ihre Mutter weint Lavinia und wird ohnmächtig); 10785 (keusch).

9 Schnell (1985), S. 29; 344.

10 Veldeke (1997), V. 860f (Dido); 10036f (Lavinia)

11 Veldeke (1997), V. 805-839.

12 Veldeke (1997), V. 9862: sô mûze mir si [die Minne] got verbieten.

13 Veldeke (1997), 10020-10037.

14 Veldeke (1997), V. 524-531.

15 Veldeke (1997), V. 140: [in Troja] verlôs her sîn wîb. V. 298f: Sichêus hiez ir man, / den ir brûder irslûch.

16 Renate Kistler (1993), S. 97.

17 Bruno Quast, Monika Schausten: Amors Pfeil. Liebe zwischen Medialisierung und Mythisierung in Heinrichs von Veldeke Eneasroman. In: Mireille Schnyder (Hg.): Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Berlin 2008, S. 69.

18 Schnell (1985), S. 328.

19 Kistler (1993), S. 161.

20 Veldeke (1997), V. 1875-1880.

Details

Seiten
12
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640641666
ISBN (Buch)
9783640642076
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152261
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Heinrich von Veldeke Eneas Lavinia Dido Minne Liebe im Mittelalter Minnekonzept

Autor

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Titel: Das Minnekonzept im Eneasroman