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Betrügereien im Umfeld des Überseehandels im Athen des 4. Jahrhundert v. Chr. vor dem Hintergrund des athenischen Handels und des Fremden- und Handelsrechts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 46 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Athens Überseehandel im 4. Jahrhundert
2.1. Der Getreideimport und die Handelspolitik
2.2. Die Finanzierung des Handels: dáneion nautikón
2.3. Emporoi und Naukleroi – Bürger, Metöken und Xenoi

3. Die Dikai Emporikai
3.1. Charakteristik dieser Verfahren
3.2. Die Entwicklung der Handelsgerichtsbarkeit und der Zuständigkeiten
3.3. Die Bedeutung der Dikai Emporikai für den Handel und das athenische Recht

4. Betrug im Überseehandel Athens in den schriftlichen Quellen
4.1. Die demosthenische Rede gegen Zenothemis
4.1.1. Inhalt der Rede
4.1.2. Interpretationen und Forschungsdiskussionen
4.2. Weitere demosthenische Reden zu Betrug im Überseehandel

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Blick auf die topografischen Verhältnisse Griechenlands verdeutlicht, dass griechischer Handel größtenteils mit Überseehandel gleichzusetzen ist. Aus den schriftlichen und archäologischen Quellen wissen wir heute, dass es neben Sklaven und Luxusgütern vor allem das lebenswichtige Getreide war, das aus den fruchtbaren Regionen Siziliens, Ägyptens und des pontischen Raumes nach Athen importiert wurde. Getreide wurde nach mehrheitlicher Forschungsauffassung spätestens seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. eingeführt. Etwa zwei Drittel des städtischen Bedarfs wurden letztlich so abgedeckt. Attika selbst war dazu nicht in der Lage.[1]

Da beim antiken Überseehandel zum einen Fremde, Griechen und Nicht-Griechen, aufeinander trafen und zum anderen immer auch Konfliktpotential durch die Eigeninteressen der beteiligten Personen gegeben war, blieben Streitigkeiten nicht aus.[2]

Personen mit sehr unterschiedlichen Motivationen und finanziellen Möglichkeiten waren die Träger dieses Handels. Von den wenigen bekannten Großreedern abgesehen, waren diese einerseits zahlreiche kapitalstarke Finanziers sowie kleinere Investoren, die die hohen Zinserträge der Handelsfinanzierung schätzten, andererseits die Berufsseefahrer mit ihren Sklavenmannschaften, die Kapitäne ohne eigene Schiffe und die eigentlichen Händler, die ein Darlehen zum Ankauf der Waren aufnehmen mussten oder wollten. Dass solche Geschäfte die Möglichkeit des Betruges einräumten, gilt nicht erst für die Gegenwart.

Es geht im Folgenden nicht um den Verkauf verdorbener Fische und Feigen, nicht um die mit Blei beschwerten Lampen, genässte Wolle oder gefärbte und als neu verkaufte Lumpen, obwohl ja auch diese genannten Betrügereien sind.[3]

Vielmehr geht es in dieser Abhandlung um den Kreditbetrug im Überseehandel Athens zu klassischer Zeit. Zunächst sollen dazu die Mechanismen des Handels, insbesondere dessen Finanzierung, untersucht und einiges zu den daran Beteiligten ausgeführt werden. Eine Beschreibung der Dikai Emporikai in ihrer Substanz und Entwicklung sowie ihre Verortung innerhalb des attischen Rechts werden diese grundlegenden Untersuchungen ergänzen.[4]

Daran schließt sich die Paraphrasierung der diesbezüglichen Schriftquellen, der demosthenischen Reden 32 bis 35 sowie 56, an.[5] Die Reden gegen Zenothemis und gegen Lakritos eignen sich für eine eingehendere Untersuchung besonders.[6]

Die Beschäftigung mit dem Thema ist keineswegs neu. Immer wieder stieß es vom ausgehenden 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts auf Interesse. Es sind jedoch entweder juristische oder altphilologische Abhandlungen mit entsprech-enden Gewichtungen.[7] Die Erforschung der Kriminalität in der Antike jedoch, ist eine vergleichsweise junge Disziplin, die erst seit den 1980er Jahren in nennenswertem Umfang betrieben wird.[8]

Was dagegen hier im Überblick entstehen soll ist vielmehr eine mentalitäts-geschichtliche Darstellung. Wie funktionierte antiker griechischer Handel, wer trug ihn? Wie wurde von wem betrogen und wie wurde Betrug sanktioniert? Wie verfuhr Athen mit den beteiligten Fremden, Metoikoi oder Xenoi und wie mit den eigenen Bürgern? Und falls überhaupt, welche über-attische Bedeutung ist dem beizumessen?

Die Synthetisierung der wirtschafts-, sozial- und rechtsgeschichtlichen Aspekte der Thematik soll die Beantwortung dieser Fragen ermöglichen.

2. Athens Überseehandel im 4. Jahrhundert.

2.1. Der Getreideimport und die Handelspolitik

Lionel Casson beschreibt Athen im 4. Jahrhundert sehr plastisch als einen pulsierenden, weit verzweigten Handelsplatz, der besonders wegen der Gunst seiner Naturhäfen, der nachhaltig hohen Qualität seiner Münze und der vielen kapitalstarken Finanziers für Händler von überall her anziehend war.[9] Unter den transportierten Gütern war es vor allem das Getreide, das eine essentielle Bedeutung für die Grundversorgung der Stadt hatte.[10] Casson schätzt, dass etwas über 800 durchschnittlich große Schiffe ausgereicht hatten, um den Jahresbedarf Athens daran zu decken.[11] Wie eingangs erwähnt wurde, war Athen nicht in der Lage, den Eigenbedarf zu decken. Etwa zwei Drittel des benötigten Getreides mussten wegen des Wachstums der Stadt nach den Perserkriegen und nach dem Peloponnesischen Krieg eingeführt werden[12]. Die Aufrechterhaltung der Versorgung musste also eine der vornehmlichen Interessen der Polis sein. Wie noch zu zeigen sein wird, wurden aus diesen Gründen einige Gesetze erlassen, die es unter härtesten Strafen verboten, Handelsunternehmungen zu finanzieren, die Getreide und andere deklarierte Waren, irgendwohin außer Athen importierten. Zwei Drittel des in Athen eingeschifften Getreides mussten vor Ort verkauft und durften nicht weiter verschifft werden. Außerdem war es Markthändlern verboten, mehr als ein festgelegtes Quantum Getreide zu horten, um dann in Zeiten der Knappheit, den Preis zu manipulieren.[13] Die Epimeleten und die Sithophylaken hatten im Hafen über die Einhaltung dieser Bestimmungen zu wachen und bei Verstößen rechtliche Schritte einzuleiten.[14]

In der neueren Forschung wird in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Grad der staatlichen Intervention dahingehend beantwortet, dass der antike griechische Seehandel nicht mit der heutigen Wirtschaft verglichen werden könne. Aktive Eingriffe und gezielte politische Maßnahmen seien demnach selten, etwa in Form von Getreideschenkungen an das Volk in Hungerzeiten, durchgeführt worden.[15] Im Wesentlichen jedoch sei die antike Wirtschaftsweise gekennzeichnet durch Eigenbedarfssicherung. Politische Maßnahmen dienten somit der Sicherstellung und Förderung des reibungslosen Ablaufs, bspw. indem besonders bedeutenden, meist fremden Händlern Privilegien verliehen wurden oder die Attraktivität des Handelsplatzes durch eine schnelle, die Händler nicht diskreditierende Gerichtsbarkeit gesteigert wurde.[16] Für Jochen Bleicken kann mithin nicht von einer regelrechten Handelspolitik gesprochen werden, die über die Absicherung des absolut Notwendigen hinausging. Die Formen athenischen Handels im 4. Jahrhundert seien keine neuen, lediglich der Umfang habe zugenommen und einzig in Fragen der Finanzierung neue Regelungen hervorgebracht.[17]

2.2. Die Finanzierung des Handels: dáneion nautikón.

In der Rede gegen Lakritos wird der in dieser Form einzige, vollständig erhaltene Seedarlehensvertrag, Syngraphe genannt, wiedergegeben.[18] Dieses Exemplar sah vor, dass 3000 Drachmen zu einem Zinssatz von 22,5% bzw. 30% nach dem Beginn der Herbststürme und der dadurch erhöhten Seegefahr auf den Kauf von 3000 Fässern mendäischen Weines geliehen wurden, der auf dem Schiff des Hyblesios transportiert werden sollte. Die Reiseroute wurde ebenfalls vorgeschrieben.[19] Außerdem war es den Kreditnehmern unter schwersten Strafen verboten, weitere Darlehen aufzunehmen.[20] Sie garantierten den Geldgebern die Schuldenfreiheit gegenüber Dritten. Eine Rückfracht musste nach Athen gebracht und das Darlehen mit den angefallenen Zinsen binnen 20 Tagen zurückgezahlt werden. Bis dahin hatte die Ware den Gläubigern als Sicherheit frei zugänglich zu sein.[21]

Wenn diese Bedingungen verletzt wurden, stand es den Finanziers zu, die Waren zu verpfänden oder zu verkaufen bzw. das komplette Vermögen der Schuldner haftbar zu machen.[22]

Abschließend legte die Syngraphe Fristen fest, mahnte zu vorsichtigem Verhalten – nur Häfen ohne das Recht der Pfändung athenischer Schiffe durften angelaufen werden – und bestimmte, dass im Schadensfall die gerettete Ware den Darlehensgebern zustehen sollte. Dieser Vertrag war vor allen anderen gültig. Zeugen waren anwesend.[23]

Das Seedarlehen zeichnete sich im Vergleich zum normalen athenischen Darlehen zunächst durch die außergewöhnlich hohen Zinsen aus. Reguläre Darlehen, von Freunden oder Verwandten gewährt, wurden mit etwa 1% verzinst, waren also wirtschaftshistorisch gesprochen „unproduktive Darlehen“.[24] Wie die Argumentation der Rede zeigt, ist der Untergang des Schiffes mit dem Verlust der Hypothek gleichzusetzen.[25] Der Gläubiger hatte sein Geld in diesem Fall nicht wiederbekommen. Der hohe Zinssatz ist also mit den besonderen Gefahren des Seehandels, Schiffbruch, Seeraub und Seenot mit Seewurf, zu erklären. Die Finanziers vergüteten ihr erhöhtes Risiko mit der Übernahme dieser Seegefahr, die Darlehensnehmer schätzen diese Versicherung und nahmen die hohen Zinsen in Kauf. Anders als im üblichen Darlehen haftete der Seedarlehensnehmer nicht im Schadensfall.[26]

Auffällig, soweit die Quellenlage eine generalisierende Einschätzung überhaupt zulässt, sind die strikten Regelungen.[27] Die Reiseroute, die Ware, die als Hypothek aufgenommen werden sollte, das Faktum der obligatorischen Aufnahme einer nicht spezifizierten Rückfracht[28], Fristen und Strafklauseln wurden festgelegt. Das Ganze wurde schriftlich fixiert, von Zeugen gesiegelt und bei einem unabhängigen Dritten hinterlegt.[29] Auf diese Weise konnten potentielle Streitpunkte im Voraus beseitigt werden, im Falle eines Gerichtsverfahrens diente der Schriftvertrag als Beweismittel.[30]

Die Sicherheit der Finanziers bestand in der Hypotheke, also dem Verfügungs-recht über die von dem geliehenen Geld gekaufte Ware. Mehrere rechts-historische Studien nahmen sich insbesondere des griechischen Eigentums-begriffs und Pfandrechts an. Konstatiert werden kann in diesem Kontext, dass es keine juristische Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum im antiken Griechenland gab. Der Kreditgeber ist also immer auch Mitbesitzer, bis die von ihm geliehene Summe samt Zinsen zurück bezahlt worden ist und dadurch der Kreditnehmer zum – modern juristisch gesprochen – Eigentümer der Ware wurde.[31]

Seit es unter Solon verboten wurde, säumige Schuldner zu versklaven, etablierte sich das Pfand als Sicherheit. Zunächst handelte es sich dabei um einen oder mehrere konkrete Gegenstände, die dem Kreditgeber vom Kreditnehmer bis zur Tilgung auszuhändigen waren. Da im Seehandel weder Schiff noch Ware dem Gläubiger übergeben werden konnten, da dies den Sinn des Darlehens, den Handel, unmöglich gemacht hätte, bestand dort die Hypothek des Gläubigers an der Ware, seltener am Schiff.[32] Oft war diese auch von höherem Wert als die geliehen Summe und zudem gesetzlich geschützt.[33] Man nennt das Surrogations-prinzip.[34]

Unumgänglich für diese Art der Kreditierung, die auch immer das Risiko birgt, das verliehene Geld nicht wieder zu bekommen, ist die Redlichkeit der Händler. Fremde und Bürger liehen Fremden und Bürgern Geld. Ohne gegenseitiges Vertrauen oder die Bestellung eines Bürgen, wo dieses fehlte, hätte es diese Art der Finanzierung nicht gegeben.[35] Man kann also die Hinweise auf Betrüger-banden und sogar betrügerische Poleis als Ausnahmen und Übertreibungen bezeichnen.[36] Auch ist die Quellenlage insgesamt nicht umfangreich genug, um auf Betrug in größerem Ausmaß schließen zu lassen. Es sind einige wenige, zum Teil fantasiereiche, fragmentarische Reden, die vom Betrug handeln, vorgetragen von klagenden oder Einspruch erhebenden Finanziers, nicht von den aktiven Händlern selbst.

2.3. Emporoi und Naukleroi – Bürger, Metöken und Xenoi

Trotz divergierender Angaben zu den Größenrelationen der einzelnen attischen Bevölkerungsgruppen zueinander fällt auf, dass es im Athen des 4. Jahrhunderts v. Chr. mehr Sklaven, Metöken und Fremde gab, als männliche Vollbürger.[37] Dass den hier interessierenden Fremden, egal ob sie dauerhaft in Athen lebten, Steuern zu zahlen und Kriegsdienste zu leisten hatten, also Metoikoi waren, oder ob sie sich nur vorübergehend, vorrangig geschäftlich in Athen aufhielten, Xenoi waren, eine immense Bedeutung für Handel, Produktion und Wirtschaft zukam, wird in der Forschung nicht bestritten.[38]

Es hat sich jüngst Charles M. Reed der schriftlichen Quellen angenommen, um zu untersuchen, woher die Händler (Emporoi), die Schiffseigner (Naukleroi) und die Finanziers kamen und welche Rolle sie in der athenischen Gesellschaft spielten.[39]

Demnach hatte der Anteil der Fremden im athenischen Handel zwischen dem Perser- und dem Peloponnesischem Krieg sukzessive zugenommen.[40] Die Mehrzahl der Emporoi und Naukleroi seien nicht-ansässige Fremde gewesen, die meisten Finanziers seien Athener und Metöken gewesen. Ein großer Teil des athenischen Wirtschaftslebens war also das Betätigungsfeld von Nicht-Athenern ohne bzw. mit nur eingeschränkten Rechten.[41]

Ein athenischer Vollbürger war in der Regel kein Emporos oder Naukleros bzw. gab es mehrheitlich nicht-bürgerliche Händler und nicht-handelnde Bürger.[42] Wie ältere Studien nahegelegt haben, waren Emporoi und Naukleroi eher arm und zur Durchführung ihrer Tätigkeit auf Seedarlehen angewiesen.[43] Athenische Bürger und finanzstarke Metöken, die mit den Modalitäten vertraut oder selbst einst aktive Seefahrer gewesen waren, fungierten dabei als professionelle Kreditgeber.[44]

Allen am Handel Beteiligten kam eine wichtige Bedeutung zu, die sie – zumindest die Finanziers – in den Gerichtsreden auch gerne betonten.[45] Dennoch waren Emporoi, Naukleroi und Finanziers keine geachteten Persönlichkeiten. In den hohen Ämtern Athens sind sie nirgends zu finden[46] und Erxleben machte darauf aufmerksam, dass ihre Tätigkeit in der Öffentlichkeit, besser gesagt innerhalb der Schicht athenischer Vollbürger, als unwürdig betrachtet wurde.[47]

Die athenische Gesellschaft und ihre Gesetzgebung sahen sich also mit dem Umstand konfrontiert, einen essentiellen Garanten ihrer Existenz durch Fremde dominiert zu sehen, denen eher misstraut als vertraut wurde. Entsprechend muss eine Diskrepanz zwischen inoffizieller Meinung und offizieller Haltung, sozusagen der Staatsräson, vermutet werden.[48]

Latenter Skeptizismus gegenüber Fremden und deren Statusdistinktion – wie sie in der Fremdengesetzgebung der Athenaion Politeia zum Ausdruck kommen[49] – musste also mit den, Tatsachen folgenden, wirtschaftlichen Notwendigkeiten synthetisiert werden. Reed beschreibt diese Ambivalenz und die Kontrollmechanismen, die Athen ausbildete. Dazu zählen etwa die durch die Emporikoi Nomoi reglementierte Kreditaufnahme, die Verpflichtung zur Wiederkehr nach Athen sowie die Kontrolle im Hafen durch die Epimeleten[50] ; alles Maßnahmen, die generelles, wenn auch nicht auf Fremde ausschließlich bezogenes Misstrauen erkennen lassen und dem Eigeninteresse Athens dienen. Daneben aber existierte mit den Dikai Emporikai etwa seit der Mitte des 4. Jahrhunderts ein Rechtsweg, der in Handelssachen keine Statusdistinktionen kannte und im Interesse der am Handel Beteiligten schnell und effizient durchgeführt wurde. Privilegierungen verdienstvoller Fremder waren ebenfalls Ausdruck der offiziellen Haltung gegenüber Fremden.[51]

Zusammenfassend kann folgendes festgehalten werden: Athen war im 4. Jahrhundert und auch zuvor in hohem Maße auf den Import von Getreide und anderen Waren, bspw. Bauholz, angewiesen. Jedoch griff die athenische Verwaltung nur in geringem Maße politisch ein, etwa indem Bedingungen geschaffen wurden, die es den meist fremden Händlern ermöglichte, ihren für die Polis wichtigen Geschäften nachzugehen und ihnen im Fall des Rechtsstreites eine egalitäre Behandlung zusicherte.[52] Darüber hinaus regulierte Athen mit zum Teil drastischen Strafen die Aufrechterhaltung der Getreideversorgung und die Stabilität des eigenen Marktes. Eine gezielte Wirtschaftspolitik kann allerdings nicht konstatiert werden.[53]

[...]


[1] Exemplarisch Funke 1999, S. 67.; vgl. auch Bleicken 1994², S. 101. Bleicken sieht eine Steigerung des Importes im Zusammenhang mit der starken Vermehrung der Sklaven im 5. Jahrhundert v. Chr.

[2] Davon zeugen exemplarisch die demosthenischen Reden 32-35 und 56.

[3] Vgl. Ziebarth 1934, S. 10 f.; vgl. auch Calhoun 1965², S. 68-77.

[4] Die Untersuchungen hierzu sind verknappt. In den Anmerkungen wird deshalb auf sehr viel ausführlichere Literatur verwiesen.

[5] In der Forschung strittig ist die Urheberschaft des Demosthenes an diesen Reden. Für die Zwecke dieser Untersuchung ist das irrelevant.

[6] In Dem. 32 geht es um einen äußerst undurchsichtigen Betrugsfall, der in der Forschung kontrovers diskutiert wird und in Dem. 35 werden die Regelungen eines Seedarlehensvertrages (Syngraphe) wiedergegeben. Die Mehrzahl der rechtshistorischen Studien stützt sich bei der Rekonstruktion der antiken Handelsgesetze auf letztgenannte Rede.

[7] Vgl. Thür 2003b, 197 ff. mit dem wertvollen Hinweis, dass Privatrechtsprozesse traditionell vorwiegend von Juristen, Staatsrecht hingegen von Historikern erforscht wurde.

[8] Vgl. Krause 2004, S. 8.; A. a. O., S. 16-37 kurzer Überblick über die Klagemöglichkeiten und die Besonderheiten griechischen Rechts, sowie Delikte und Strafen (bspw. die fehlende Kodifizierung).

[9] Vgl. Casson 1991², S. 98-101. Casson beschreibt ebd. auch die Abläufe im Hafen, das Löschen der Fracht, die Entrichtung der Hafengebühr, die Gründlichkeit der Erfassung durch die Hafen-aufsicht (Epimeleten) etc. – zur Bedeutung Athens als Handelsplatz des 4. Jh. kritisch argumen-tieren Schuster, Reed und andere.

[10] Zum Kornimport in klassischer und archaischer Zeit siehe Hopper 1979, S. 71-92.; Zum wachsenden Getreidebedarf siehe Reed 2004², S. 15-26.

[11] Casson 1991², S. 101 f.

[12] Einen historischen Abriss zur Geschichte des athenischen Handels bietet Bleicken 1994², S. 106 ff.; vgl. auch generell Ziebarth 1934.; siehe auch Calhoun 1965², S. 43-47.

[13] Casson 1991², S. 109 ff. Dazu ausführlicher in Kapitel 3.

[14] In der Forschung ist strittig, ob den Epimeleten vor der Schaffung der Dikai Emporikai richterliche Funktionen zustanden. Das wenige Bekannte zu diesem Amt und dem der Xenodikai mit weiterführenden Literaturhinweisen in Kapitel 3.

[15] Vgl. Erxleben 1974, S. 494-501.; Einen Überblick über den Forschungsdiskurs zwischen Modernisten und Primitivisten bezüglich der Ausmaße antiker Wirtschaft vermittelt Todd 1995², S. 327 ff.

[16] Vgl. Bleicken 1994², S. 115-118.; Eine generelle Charakteristik antik-athenischen Handels bietet auch Hasebroek 1923, S. 393 f., 397 f.

[17] Bleicken 1994², S. 479 f. Bleicken kontrastiert ebd. die diesbezüglichen, vorgreifenden, sehr differenzierten Äußerungen Böckhs mit den kategorisierenden, vereinfachenden Hasebroeks.; Reed 2004², S. 50 stellt einen Formenwandel fest, indem er sagt: „Archaic poleis sent the people to where the food was, classical poleis brought the food to the hungry people.”

[18] Die älteste Nennung einer Syngraphe liegt bei Lysias (409 v. Chr.) vor. – Vgl. Schuster 2005, S. 168-171. A.a.O., S. 132 ist auch eine deutsche Übersetzung mit sehr dezidiert-juristischem Fokus abgedruckt, die sicherlich diskutabel ist.

[19] Dem. 35.10.; Schuster u. a., die sich des Themas juristisch annahmen, schlussfolgern aus der Höhe des Kredits und dem mutmaßlichen Wert der Fracht, dass die Hypothek den doppelten Warenwert betragen habe.

[20] Biscarni 1969, S. 150 ff. sieht darin einen Vertrauensbruch und in diesem ein deliktisches Vergehen, dass zur Ahndung führte.

[21] Dem. 35.11.

[22] Dem. 35.12.

[23] Dem. 35.13.

[24] Siehe Millett 1983, S. 42 f.

[25] Dazu ausführlicher in Kapitel 4.

[26] In der Forschung werden die beiden Aspekte, Finanzierung und Versicherung, unterschiedlich gewichtet und betont. Vgl. Schuster 2005, S. 160 ff.; Millet 1983, S. 44 f.; Todd 1995², S. 337 ff.; Reed 2004², S. 37.; Vgl. auch DNP s. v. Nautikon Daneion; DNP s. v. Darlehen; DNP s. v. Daneion.

[27] Vgl. Millett 1983, S. 36.

[28] Vgl. Böckh 1886³, S. 71 f. Böckh betont, dass die Vergabe eines Darlehens lediglich auf die Hinfahrt dazu nicht im Widerspruch gestanden habe. Lediglich die Seegefahr wurde so nur für eine Strecke und nicht die gesamte Reise durch den Gläubiger übernommen. Die Verpflichtung zur Rückfahrt ergebe sich aus den Emporikoi Nomoi – hier konkret in Anlehnung an Dem. 35.50 f. und Dem. 56.6 das Verbot, auf Reisen zu leihen, die nicht wieder nach Athen führten.; vgl. auch Schuster 2005, S. 50 ff.

[29] Zur Diskussion um die obligatorische Schriftlichkeit im Seedarlehensgeschäft siehe Kapitel 3.

[30] Zum Vertrag, den schweren Strafen und Bußen vgl. Böckh 1886³, S. 168 ff.; vgl. auch Thür 2003b, S. 236 zur Haftung u. U. des gesamten Eigentums des Schuldners, je nach Einzelverein-barung des Vertrages.

[31] Ausführlicher dazu in Kapitel 3.

[32] Vgl. Böckh 1886³, S. 166.

[33] Nach Böckh 1886³, S. 62 ff. ist es in Bezugnahme auf Dem. 34.50 f. vor allem der Gläubiger, zu dessen Schutz die Gesetze erlassen worden seien, da ohne diesen kein Handel möglich wäre. Anders betont Ziebarth 1934, S. 13 die Bedeutung der Emporoi und Naukleroi als Garanten athenischen Wohlstandes.

[34] Zur juristischen Verortung des Pfandes im griechischen Eigentumsrecht siehe Kränzlein 1963, S. 88 f.; vgl. auch Seidel 1952, S. 105-111 zum Surrogationsprinzip nach Pringsheim.; vgl. auch Schuster 2005, S. 45-55.

[35] So auch Calhoun 1965², S. 47 ff., 54-61.; zur Bürgenstellung nach Dem. 34.37 siehe Böckh 1886³, S. 62 ff.

[36] Vgl. Schuster 2005, S. 160 ff. Schuster bezieht sich auf die Piräus-Banden in Dem. 32.10 und auf die Diskreditierung der Phaseliten in Dem. 35.

[37] Funke 1999, S. 60 spricht von 40.000, Bleicken 1994², S. 85 von 25-35.000 Metöken.

[38] Funke 1999, S. 60-64.; exemplarisch auch Erxleben 1974, S. 471 ff.

[39] Vgl. DNP s. v. Emporos.; DNP s. v. Naukleros.

[40] Reed 2004², S. 27-33.

[41] Reed 2004², S. 33-42. Da es Metöken und Xenoi verboten war, Land in Attika zu erwerben, wird verständlich, dass die ansässigen Metöken sich verstärkt in Handel und Handwerk verdingten und dass es vor allem ärmere Xenoi waren, die aus Armut, wegen der hohen Gewinnaussichten und evtl. aus Abenteuerlust dazu bereit waren, Athens sprichwörtlichen Hunger zu stillen und sich als Emporoi oder im Fall des Schiffsbesitzes als Naukleroi oder beides zu verdingen.

[42] Millett 1983, S. 37 f.

[43] Auch Händler mit ausreichenden finanziellen Mitteln zur Eigenfinanzierung ihrer Tätigkeit werden auf die Seedarlehen zurückgriffen haben, da diese die Seegefahr versicherten.; vgl. auch Calhoun 1965², S. 62-65. Calhoun glaubt den Auslegungen Demons und sieht den Naukleros Hegestratos (Dem. 32) als hochverschuldeten Naukleros. Davon ausgehend reflektiert er auf die sehr unter-schiedlichen Vermögensverhältnisse der Händler. Calhouns Betonung liegt auf der Finanzierungs-funktion, ohne auf die Versicherungsfunktion zu verweisen.

[44] Siehe dazu ausführlich Millett 1994, S. 188-196. Anders Erxleben 1974, S. 478-490. Erxleben geht a.a.O., S. 478 f. davon aus, das die Krise des 5. Jahrhunderts viele entwurzelte Bauern ins Seedarlehensgeschäft getrieben habe, mithin also Personen, die mit den Modalitäten des Seehandels nicht vertraut, sondern risikofreudige Investoren gewesen seien.

[45] Z. B. Chrysippos in Dem. 34. Siehe Kapitel 4.

[46] Siehe Reed 2004², S. 85.

[47] Erxleben 1974, S. 500 f. in Bezugnahme auf Lykurg.; vgl. auch Mossé 1983, S. 57 f.

[48] Hopper 1979, S. 108 f.

[49] Aristoteles nennt in Ath. Pol. 58, 59 die Aufgaben des Polemarchen und der Thesmotheten. Daraus geht hervor, dass Xenoi ohne Symbola bzw. ohne in Handelssachen verwickelt zu sein, keine, Metöken nur eine eingeschränkte Rechtsfähigkeit besaßen. Vgl. auch Thür 2003b, S. 227.

[50] Reed 2004², S. 43 ff.

[51] Vgl. Reed 2004², S. 45 f.; a. a. O., S. 52 f. betont Reed vor allem den egalisierenden Aspekt der Dikai Emporikai und dass diese Ausdruck einer hohen Wertschätzung der fremden Händler von offizieller Seite darstellten.

[52] Reed 2004², S. 59 f. folgend, war es der gestiegene Bedarf Athens, der es bewegte, nicht-ansässige Fremde, also Xenoi, anzuziehen. Nicht jedoch habe man es, entgegen älteren Konzepten, bei den Dikai Emporikai mit einem Indiz veränderter Proportionen von Metöken und Xenoi in der Händlerschaft zu tun. Metöken lebten bereits in Athen, man brauchte sie nicht zu umwerben, anders jedoch jene, die sonst mit anderen Poleis des 4. Jahrhunderts Handel treiben konnten.

[53] Vgl. Erxleben 1974, S. 460 f.

Details

Seiten
46
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640640461
ISBN (Buch)
9783640640621
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152174
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Klassische Altertumswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
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