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Schulen ans Netz - Von statischen Informationsseiten zu Computer Supported Cooperative Work?

Masterarbeit 2005 142 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

INHALT

Eidesstattliche Erklärung

Abstract

Einleitung

1 Das Netz
1.1 Zur Begrifflichkeit
1.1.1 Netz
1.1.2 Vernetzung
1.1.3 Netzwerk
1.1.4 Gaia
1.1.5 Rhizom
1.2 Historische Wurzeln des Netz-Begriffs
1.3 Der Netzbegriff im Internet
1.4 Schulnetze

2 Das Netz der Netze
2.1 Die erste amerikanische Webseite
2.2 Internet ist nicht gleich World Wide Web
2.3 Grundlagen der web-basierten Anwendungsentwicklung
2.4 Eigenschaften des Internets
2.5 Internet - vom Naturraum zum Cyberspace
2.6 Small World Phänomen
2.7 Internet-Zugang für Lehrer

3 Information
3.1 Daten-Information-Wissen
3.1.1 Wissen
3.1.2 Wissen schaffen - Wissensmanagement
3.1.3 Wissensspirale von Nonaka
3.1.4 Wissensmanagement-Technologien
3.2 Information-Overload
3.2.1 Kognitive Dissonanz
3.2.2 Browsing
3.2.3 Serendipity
3.2.4 Memory Extender
3.2.5 Information-Retrieval
3.3 Kostenlose Webhost-Angebote

4 Kommunikation
4.1 Unmittelbare Kommunikation
4.2 Vermittelte Kommunikation - mediale Kommunikation
4.3 Vorteile medialer Kommunikation
4.4 Synchrone - asynchrone Kommunikation
4.5 Das österreichische Schulportal
4.5.1 Community - Tool für Bildungskooperationen
4.5.1.1 Anlegen einer Community
4.5.1.2 Module des Community-Tools:
4.5.2 Lehrerhomepage für schule.at-User

5 Kooperation
5.1 Allgem. Werkzeuge medialer Kooperation
5.1.1 Groupware
5.1.1.1 Kommunikation
5.1.1.2 Koordination
5.1.1.3 Datenablage
5.1.1.4 Kostenfreie Lösungen
5.1.2 Collaboration Software
5.1.3 Social Software

6 Wiki-Webs
6.1 Begrifflichkeit
6.2 Historische Wurzeln
6.3 Was ist ein Wiki?
6.3.1 Anwendungsmöglichkeiten
6.3.1.1 Wiki als Diskussionsforum
6.3.1.2 Wiki als Web Content Management System
6.3.1.3 Wiki als Groupware
6.3.1.4 Wiki als Personal Information Manager
6.4 Wiki-Konzept
6.4.1 Wiki Words
6.4.2 Unterschiede zwischen Wiki und Weblog
6.4.3 Wiki-Engines
6.4.3.1 Wiki-Engine Vergleich
6.4.3.2 Wiki-Engines-Auflistung
6.4.4 Wiki-Funktionalität
6.4.5 Wiki-Kultur
6.4.5.1 Kommunikationskultur
6.4.5.2 Wiki-Philosophie
6.4.5.3 Wiki-Probleme
6.5 Wiki in der Schule ?
6.6 Aufbau eines Wiki-Webs in der Schule
6.6.1 Planung
6.6.2 Organisation
6.6.3 Kontrolle
6.6.4 PmWiki Engine
6.6.4.1 Wiki Engine Implementation
6.6.4.1.1 Installation
6.6.4.1.2 Setup

7 Nach-Gedanken

8 Literatur
8.1 Printquellen:
8.2 Abbildungsverzeichnis
8.3 Tabellenverzeichnis

ABSTRACT

Anliegen dieser Arbeit ist eine medienphilosophische Reflexion über die Möglich- keiten der Nutzung von Internetdiensten anhand der Termini-Spur Daten - Informa- tion - Kommunikation - Kooperation unter besonderer Berücksichtung des Computer Supported Cooperative Work Tools Wiki-Web im österreichischen Schulwesen, wo- bei auf Grund der Budgetsituation im Pflichtschulbereich besonderes Augenmerk auf kostenlose Möglichkeiten der Implementation und Nutzung derselben gelegt wurde.

Formale Anmerkung:

Um dem Anspruch nach einer gleichberechtigten emanzipatorischen Schreibweise gerecht zu werden, ohne die Lesbarkeit der Arbeit dadurch zu beeinträchtigen, habe ich mich für die Regelung entschieden, ausschließlich die weibliche Schreibweise mit Großbuchstaben zu verwenden, wiewohl diese selbstredend für beide Geschlechter Gültigkeit hat.

EINLEITUNG

Die Rechenautomaten haben etwas von den Zauberern im Märchen.

Sie geben einem wohl, was man sich wünscht, doch sagen sie einem nicht, was man sich wünschen soll.1

Norbert Wiener [1894-1964]

Bereits in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts hielten Computer, damals noch Großrechenanlagen, Einzug in Österreichs Schulen, wobei SchülerInnen nur disloziert - in Großrechenzentren - erste Kontakte mit Rechnern wahr- nehmen konnten. Mathematiker waren die ‚Early Adopters’ wenn nicht sogar die ‚Innovators’ auf dem Gebiet der ADV - Automatischen Datenverarbeitung - bzw. EDV - Elektronischen Datenverarbeitung - wie damals die Fachbe- zeichnung für Computerunterricht hieß, was nicht weiter verwundert, waren doch die frühen Rechner, die damals gängige eingedeutschte Bezeichnung für Computer, fast ausschließlich Hilfsmittel für mathematische Berechnungen.

Anfangs der 70er Jahre waren Rechner in großen Firmen und Hochschulen bereits dermaßen verbreitet und weiterentwickelt, dass sich eine neue Wissenschaft etablierte: die Informatik als Strukturwissenschaft, die

„ Kategorien, Verfahren und Regeln bereitstellt, mit deren Hilfe Phänomene aus der Wirklichkeit in eine Strukturüberführt werden, die eine unmittelbare Transfor mation in Programmiersprachen erlaubt. “ 1

In den späten 80er Jahren gab es für SchülerInnen an einigen Schulen die Möglichkeit, Informatikunterricht zu besuchen, nicht zuletzt auch dadurch ermöglicht, dass der Personal Computer aufgrund kompakter Maße und erschwinglicher Kosten Einzug in die KMUs2, den Freizeit- und Privatbereich und schließlich in die Schulen hielt.

Stand größtenteils bis Anfang der 90er Jahre EDV auf dem Stundenplan, so mutierte nun die Fachbezeichnung für Computerunterricht zu Informatik - Automatische Verarbeitung von Informationen - jene Definition, die sich als minimaler Konsens für den Begriff Informatik aus der Wortbedeutung ergibt. Ab 1990 gab es den Bildungsauftrag für österreichische Hauptschulen, Infor- matikunterricht anzubieten, wobei es schon damals die Unterscheidung zwi- schen Computer als Werkzeug in allen Fachgegenständen und Computer als Unterrichtsinhalt eines selbigen Fachgegenstands gab. Lehrplanmäßige Be- rücksichtigung informatischer Bildungsinhalte in einzelnen Unterrichtsfächern sowie computergestütztes Arbeiten erfolgte seit Beginn des Schuljahres 1990/91 in der gesamten 7. und 8. Schulstufe.

Häufig wird in der historischen Darstellung über den Verlauf der Entwicklung der neuen Technologien bzw. der Informatik der Begriff ‚Revolution’ verwen- det. 1995 spricht Susan Merrit 3 von drei Revolutionen, die in der jüngsten Zeit für den Erziehungsbereich kennzeichnend sind, nämlich die ComputerRevolution, die Telekommunikations-Revolution und schließlich von der noch verdeckten 3. [R]Evolution1 - Merrit bezeichnet diese als Evolution - die auf eine breite Verankerung der Informations- und Kommunikationstechnologien in allen Lebensbereichen abzielt.

Während der Begriff ‚Revolution’ eine Aufhebung, eine Umwälzung der bisher als gültig anerkannten Gesetze oder der bisher geübten Praxis durch neue Erkenntnisse und Methoden intendiert, zielt der Ausdruck ‚Evolution’ auf die allmählich fortschreitende Entwicklung, auf die Fortentwicklung im Geschichtsablauf, die durch eine Revolution ihren Ausgang genommen hat, ab. Informations- und Kommunikationstechnologien sollen für die sie benutzenden Menschen zur Selbstverständlichkeit werden.

Heute, im Jahr 2004, befinden wir uns inmitten dieser Evolution. Wer von uns besitzt noch kein Handy, keinen PC, keinen Zugang zum „Inter-Net“ oder denkt zumindest daran, sich in nächster Zukunft an dieser Revolution aktiv zu beteiligen!

Weltbild und Wahrnehmung sind in zentraler Weise durch die Medien geprägt, die ihrerseits in nicht unerheblichem Maße von den technischen Grundlagen bestimmt werden. Hier ist ein enormer Verschmelzungsprozess von Medientechnik, Nachrichtentechnik und Informatik hin zu digitalen Medien zu beobachten. Die durch die rasche Entfaltung dieser technischen Revolution verursachten gesellschaftlichen Veränderungen sind bislang nur schemenhaft erkennbar. Spätestens durch die Synthese der Rechner mit den digitalisierten Medien greifen die sozialen und politisch-rechtlichen Wirkungen der Informatik in die kulturelle Sphäre über. Die ‚Globale Vernetzung’ stellt die Gesellschaft und somit auch den Bildungsbereich vor völlig neue Heraus- forderungen.

1995 hielt erstmals das Internet Einzug in die Schulen. Damit zusammenfal- lend kann eine neuerliche Umbenennung des Fachgegenstandes von Informa- tik zu IKT - Informations- und Kommunikationstechnologie - ausgemacht werden. Vereinfacht ausgedrückt kann somit die Entwicklung des Computer- unterrichts an österrischen Schulen reduziert werden auf die Schiene:

Daten (EDV) - Information (Informatik) - Kommunikation (IKT).

Heute, in der Phase der ‚Late Majority’, muss m.E. unbedingt noch das weite Feld der Kooperation im Sinne eines Social Networkings mitgedacht werden, was zu einer zeitlichen Schiene Daten - Information - Kommunikation - Kollaboration - Kooperation führt, die jedem Social Networking Prozess immanent innewohnt; hier sei im Speziellen Computer Supported Cooperative Work (CSCW) und als ein Tool die ‚Wiki-Web-Technologie’ angedacht.

Baier 1 unterscheidet vier Formen der Zusammenarbeit [Informieren-Koordi- nieren-Kollaborieren-Kooperieren], die sich hinsichtlich der Intensität der Kommunikationsprozesse innerhalb der Gruppe /des Teams unterscheiden. Charakteristisch für die Kooperation zwischen Personen ist die starke Über- einstimmung in den Zielen und die gemeinsame Verantwortung für das Arbeitsergebnis. Hiervon abzugrenzen ist, obwohl die Übergänge fließend sind, die Kollaboration. Zwischen kollaborierenden Personen besteht nur eine teilweise Übereinstimmung in den Zielen. Ferner sind Einzelbeiträge im Ergebnis erkennbar. Haben die beteiligten Personen kein gemeinsames Ziel, aber übereinstimmende Interessen, so spricht man von Koordination, sofern organisatorische Zusammengehörigkeit die Abstimmung der Tätigkeiten erfordert. Die hinsichtlich der Intensität der Zusammenarbeit schwächste Form der gemeinsamen Arbeit ist die Information. Informationsanbieter müssen nicht notwendigerweise wissen, wer die Empfänger der Information sind. Die Kommunikation zwischen den Team-/Gruppenmitgliedern verläuft meist unidirektional.

Mit zunehmender Verbreitung hat sich das Internet zu einem ‚Ort’ entwickelt, in dem Personen sozial miteinander interagieren. Computer und Netze beginnen als soziale Umgebung genutzt zu werden.

Eng mit dem Internet verbunden ist der Begriff des Netzes, der häufig als Metapher verwendet wird, wie auch eine Pressemitteilung des Unterrichtsministeriums zeigt.

„ Wien, 27. Oktober 1997/22:34

Unterrichtsministerium jetzt online! Schon 1000österreichische Schulen im Netz “ 1

[1997] (Stand 15. Oktober) hatten von 6212 österr. Schulen 978 einen Internet- anschluss, wovon 535 nur einen E-Mail-Account zur Verfügung hatten. 54 Schulen hatten nur WWW, 388 E-Mail und WWW. Laut der ASN-Gesamt- übersicht (Stand 1. Oktober 1997) hatten 301 Schulen eine eigene Homepage.2 Das ‚Lehrerforum’ fragte in einer Stellungnahme zu dieser Pressetext.austriaMeldung u.a.: „ Was aber heisst, sie seien „ im Netz “ ? 3

Heute, im Jahr 2004, würde sich keiner mehr die Blöße geben und ernsthaft fragen: ‚Was heißt, sie sind im Netz?’, wobei m.E. die Frage eher rhetorisch gemeint war denn als Verständnisfrage.

Auf der Web-Site des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur [www.bmuk.gv.at] war im Juli 2000 zum Projekt e-Austria in e-Europe unter der Überschrift

„ Lernen - Lehren - Forschen für eine vernetzte Wissensgesellschaft. Aufbruch zu e-learning und Internet. “

Folgendes zu lesen:

„ Folgende Maßnahmen im Bildungsbereich sind notwendig: [ … ] Lernen am Netz [Hervorhebung durch die Autorin, sic!] muss für Jugendliche und Erwach sene zur Selbstverständlichkeit werden. “1

Der Einzug des Internets in die Klassenzimmer unserer Schulen hat nicht nur neues Leben in manche Konferenzzimmer gebracht, er hat auch den traditionellen Informatikunterricht zumindest dazu animiert, die linear-kausale Denkschiene zu hinterfragen. „Wie unterrichte ich Internet“? Das Konstrukt mancher Pädagogen, das diese auf die Einführung des Fernsehens erdachten, nämlich die Kinder und Jugendlichen am besten vor dessen Einfluss zu bewahren, hat sich als nicht gangbar erwiesen.

„Und selbst ein die moderne ‚Bewusstseins-Industrie‘ [ - mit welcher ausge- zeichneten Benennung das feinmaschige Netz vielfältiger Beeinflussung und Steuerung der Meinung der Staatsbürger durch die Massenmedien, die Politi- ker, die Wissenschaft, Werbung, usw. gemeint ist] so kompromisslos ableh- nender Denker wie Enzensberger betont, dass es mit der bloßen Ablehnung nicht getan ist; es bleibt vielmehr ‚zwischen Unbestechlichkeit und Defaitis- mus zu unterscheiden. Es handelt sich nicht darum, die Bewusstseins-Indust- rie ohnmächtig zu verwerfen, sondern darum, sich auf ihr gefährliches Spiel einzulassen. Dazu gehören neue Kenntnisse …’“ 2 und m.E. auch ein Be- wusstwerden um Entwicklungsverläufe der Medien i.B. des Internets aus der Zeit heraus.

Erst eine Auseinandersetzung mit der Perturbation Internet, sofern es als sol- che erfasst wird, verhilft vielleicht dazu, neue Kenntnisse zu erlangen und in weiterer Folge zu einer subjektiv sinnvollen Nutzung des Internets und seiner [auch zukünftigen] Möglichkeiten zu gelangen. Neue Kenntnisse im Zusammenhang mit Internet dürfen aber nicht in der Bedienbarkeit des Browsers, dem softwaremäßigen Tor in diese Welt, gipfeln, sondern neue Kenntnisse erfordern auch von LehrerInnen Lernen, Neugierig sein auf die Vieldimensionalität, die Pluralität, die Offenheit des Systems.

Sofern im Kontext nur ansatzweise erkennbar ist, dass es um Technologie geht, assoziieren wir in unserer jetzigen europäischen Gesellschaft mit Netz unweigerlich entweder das Internet oder Netzwerktechnologien, wie LAN u.dgl.m. Dass das Wort Netz somit im Jetzt auf ein Minimum reduziert wird, soll die nachfolgende Ausseinandersetzung mit dem Begriff zeigen. Auch hier ist m.E. vernetztes Denken angebracht, um nicht der Verkürzung eines Begriffes, der eine vielschichtige Bedeutungstiefe hat, zu erliegen.

Internet, als eine inzwischen die Gesellschaft durchdringende Technologie - Im 1. Quartal 2003 wurde das Internet von 41% der Personen im Alter von 16 bis 74 Jahren genutzt (2002: 37%). 47% dieser Internetnutzer waren nahezu täglich im Netz. Weitere 42% nutzten das Internet zumindest einmal in der Woche.1 -, braucht das Verständnis um die Netzmetapher, um von der Wurzel in seiner Vieldimensionalität erfahrbar zu werden, weshalb ich mich in Kapitel 1 auf die Spurensuche des Netzbegriffs mache.

Im weiteren Fortgang der Arbeit versuche ich diese Spurensuche dann auf die Termini-Schiene ‚Netz der Netze/Internet [Kapitel 2] - Information [Kapi- tel 3] - Kommunikation [Kapitel 4] - Kooperation [Kapitel 5]’ auszudehnen und so den Formen der Interaktion näher auf den Grund zu kommen, die sozusagen als Inkredientien für Computer Supported Cooperativ Work ange- sehen werden können.

Kapitel 6 stellt schließlich die Wiki-Web-Technologie als ein Computer Sup- ported Cooperativ Work Tool, das auch im Pflichtschulbereich gewinnbrin- gend im Sinne von Kompetenzförderung im Bereich Social Networking sein könnte, näher vor.

Dennoch, wie viele im ersten Augenblick als positiv fortschrittlich auszumachende Wirkungen neuer Technologien auf die Gesellschaft auch erkannt werden mögen, auf jeden Fall hat der Computer seine Grenze dort, wo Verständnis, Einsicht und Intuition gefordert sind. Einige Gedanken diesbezüglich möchte ich im Kapitel 7 ‚Nach-Gedanken’ anreißen, wie wohl sich diese Arbeit nicht mit Technikfolgen und Technikgeneseforschung, mit Informatik und Gesellschaft bzw. Ethik befasst hat.

Prämisse der gesamten Arbeit war es auch, einen medienphilosophischen, in mancher Hinsicht auch soziologischen Blick auf - für uns LehrerInnen oftmals nur - ‚Schlagwörter’ unserer Zeit im Zusammenhang mit Internet und Schule zu machen. Weiters wollte ich Möglichkeiten aufzeigen, Internet und seine Technologien für Lehrzwecke kostengünstig von zu Hause [Kapitel 2.6 Inter- net-Zugang für LehrerInnen], bzw. kostenlos [Kapitel 3.3 Kostenlose Web- host-Angebote] zu nutzen. So stand bei allen Überlegungen zu diversen allge- meinen Werkzeugen medialer Kommunikation und Kooperation, die völlige Kostenneutralität neben einer einfachen Bedienbarkeit im Vordergrund, wes- halb auch nur Gratis-Systeme, die kein spezielles technisches Studium voraus- setzen, aufgeführt werden [Kapitel 5.5 Das österreichische Schulportal, Kapitel 6.1.2 Collaboration Software, Kapitel 7 Wiki Webs].

Nicht beschäftigt sich diese Arbeit mit methodisch-didaktischen Implikationen neuer Technologien in den Unterricht.

DAS NETZ

Hypothesen sind Netze;

nur der wird fangen, der auswirft. 1

Novalis (1772 - 1801)

1 DAS NETZ

1.1 Zur Begrifflichkeit

Es erscheint mir wichtig, einigen Begriffen, wie Vernetzung, Netzwerk, Gaia, Rhizom u.a. rund um das Wort Netz näher auf die Spur zu kommen. Der Begriff des Netzes ist philosophisch und kulturgeschichtlich ein inhaltsreiches Thema. Es gibt Netze und Netzwerke der verschiedensten Art. Gemeinsam ist ihnen allen die Aufgabe, wie es Sabine Bauer in einem Vortrag ausdrückte,

„… Teile zu verbinden und aufeinander zu beziehen, zu schützen, zu umhüllen [ … ], sie dienen zum Binden und zum Fangen, bringen Dinge, Wesen, Materialien miteinander in Beziehung. “ 2

1.1.1 Netz

In diversen Lexika findet man hiezu Synonyme, wie Geknüpftes, Geflecht, Maschenwerk, Verbundsystem, Liniensystem.

Die Encyclopaedia Britannica meint zum Begriff ‚net’:

„ an open fabric of thread, cord, or wire, the intersections of which are looped or knotted so as to form a mesh. Nets are primarily used for fishing. “ 1

Als Netz bezeichnet man - und diese Aufzählung erhebt keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit:

- ein geknüpftes stoffliches Netz, z.B. Fischernetz, Fangnetz im Sport z.B. Tennisnetz oder Tornetz ein Spinnennetz
- ein nichtstoffliches Netz, z.B.: Intrigennetz, ‚Netz der Angst’, Beziehungsnetz
- eine netzartige oder netzartig gedachte Struktur
- ein neuronales Netz
- eine Infrastruktur oder ihr Versorgungsnetz
- Wissensnetz
- Kommunikationsnetz
- in der Mathematik eine Verallgemeinerung des Folgenbegriffs
- das Stromnetz (Verbundnetz, etc.), Wassernetz, …
- das Internet

Der semantische Kern von ‚Netz’ ist dinglich, siehe Fischernetz oder Spin- nennetz; wir verstehen heute das Wort Netz jedoch nicht mehr alleinig aus der Sicht einer Agrargesellschaft, sondern häufiger als abstrakte Konstruktion systemischer Zusammenhänge.

Was die Bauform von Netzen betrifft, so kann festgestellt werden, dass, neben dem Kreuz [+/x] als Grundstruktur des Netzes, sie entweder baumförmig, sternförmig, vermascht1 oder ringförmig aufgebaut sind, was sich z.B. auch in konkreter Form bei Bauplänen div. Lokal Area Networks visuell nachvoll- ziehen lässt. Diese Visualisierungen von Netzen haben aber selbstredend nicht nur im technischen, respektive im computertechnischen Bereich Anwendung, sondern können ebenfalls im sozialen, im biologischen, im ökonomischen, im ökologischen Bereich u.a. zur Klärung von Beziehungsstrukturen eingesetzt werden. Netze kann man abstrakt als Graphen darstellen, die aus Punkten und Linien bestehen, wobei die Punkte die Knoten, die sowohl Vermittlungsstellen als auch Personen oder Endgeräte sein können, symbolisieren und die Linien für die Verbindungen stehen.

Kandinsky bezeichnet den Punkt (Knoten) als unsichtbares Wesen, welches materiell gedacht einer Null gleicht.

„ In dieser Null sind aber verschiedene Eigenschaften verborgen, die ‚ menschlich ’ sind. [ … ] und zur selben Zeit ist er eine Brücke von einem Sein zum anderen. “ 2

Der Punkt symbolisiert auf div. Graphen [s. auch Abb. 2Netzwerktopologien] einen PC, der durch die ‚Linie’ (Vernetzung mittels Kabel oder auch Funk) zum Terminal wird. Bei der Datenfernübertragung wird der eigene Computer im Prinzip immer zum Terminal, das auf die Daten des Host zugreift, was rein technisch natürlich auch vice versa möglich ist. Der Punkt, der PC und der diesen bedienende Mensch mit seinen gespeicherten Daten wird somit zur Brücke.

Die Linie ist nun die Spur des sich bewegenden Punktes und somit „… der Sprung aus dem Statischen in das Dynamische.[ … ]die Gerade, die also in ihrer Spannung die knappste Form der unendlichen Bewegungsmöglichkeit dar- stellt. “ 1

„ Ein Netz ist die Verbindung vieler Lebewesen zu einer neuen, funktionierenden Einheit. Lebewesen sind die Knoten eines Netzes. Es besitzt Eigenschaften, die auf der Ebene seiner Knoten noch nicht existieren. Diese neuen Qualitäten entstehen durch die Zahl und die Anordnung der Knoten und vor allem durch die Interaktion zwischen ihnen. “ 2

Der Mensch ist ohne Netze, zum Bespiel die Beziehungen zu anderen Men- schen, gar nicht denkbar. Netze sind die Grundlage des Lebens.

Das Bild eines Netzes macht zugleich deutlich, dass es keine Ganzheit ist, die erkannt wird, da gibt es zu viele Maschen, sondern dass es die Strukturen sind, die wie ‚rote Fäden’ Beziehungen erkennbar machen. Netze verbinden viel- fältigste Knoten zu einem einheitlichen Ganzen, balancieren Chaos und Ord- nung aus, organisieren Beziehungen und halten Attacken von außen besser stand als jedes hierarchische System.

Abb. 1 Imagination eines Netzes3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1.2 Vernetzung

Vernetzung ist auch ein Begriff aus der Systemtheorie. Ein System besteht aus einzelnen Teilen, die durch Ursache-Wirkung-Beziehungen und allgemeine und besondere Systemeigenschaften miteinander vielfältig verknüpft sind. Bildhaft spricht man daher von einem ‚Beziehungsnetz’, welches erklärt werden kann als:

„… die wechselseitige Verknüpfung und Beeinflussung der Elemente eines komplexen Systems. Dabei kann es sich um natürl., techn., soziale oderökonom. Systeme handeln, deren Elemente untereinander in Wechselwirkung stehen oder in ein Beziehungsgeflecht eingebunden sind (vernetztes System). “ 1

Das mit Vernetzung verbundene prozesshafte Tun und Handeln sowie die damit verbundene Vielfalt an Möglichkeiten bringen es mit sich, dass Ver- netzung in einem Rahmen schillernder Bedeutungsvielfalt steht. Diese Be- deutungsvielfalt umfasst alle illusionären Facetten normativer bis utopischer Aspekte.

Der Begriff kommt außerdem im Bereich der Informationstechnik zum Ein- satz, wenn im Allgemeinen die Infrastruktur zwischen elektronischen Geräten, also die Verkabelung, gemeint ist z.B. bei Computernetzwerken. Im Bereich der Informatik entstand die Disziplin des Knowledge Managements (nach Uwe Hannig 2 versteht man unter Wissensmanagement bzw. Knowledge Manage- ment die Nutzbarmachung des einer Organisation zugänglichen Wissens für deren Mitglieder), Knowledge Engineerings (ist in der künstlichen Intelligenz der Prozess des Aufbaus einer Wissensbasis, wie sie für Expertensysteme be- nötigt wird) in dessen Zusammenhang Vernetzung die Verknüpfung von Wis- sensfragmenten zu neuen Ideen bedeutet. [Siehe auch .1.2 Wissen schaffen - Wissensmanagement]

1.1.3 Netzwerk

Wo immer wir Leben sehen, sehen wir Netzwerke vor uns.1

Fritjof Capra

Abstrakte Definitionen von Netzwerk, z.B. als aus Knotenpunkten und Ver- bindungen bestehende Struktur, helfen wenig bei der Anwendung auf kom- plexe gesellschaftliche Zusammenhänge.

Ein Musterbeispiel eines Netzwerkes wäre das Zentralnervensystem (beste- hend aus Gehirn und Rückenmark) des menschlichen Körpers. Die Wahr- nehmung der Lebenswelt als ein Netzwerk, das Denken in Netzwerken, ist ein Element des Systemdenkens, das sich in den letzten Jahrzehnten in allen Bereichen als ein vorrangiges Paradigma modernen Denkens etabliert hat. In den USA ist mit Social Software (Weblogs u.a.) der Trend entstanden, die Möglichkeiten des Internet für die Bildung virtueller sozialer Netzwerke zu nutzen. Besonderer Vorteil gegenüber realen sozialen Netzwerken ist die Orts- ungebundenheit und der geringe Aufwand zur Netzwerkpflege.

Die einzelnen Netzwerkknoten (Punkte) können in unterschiedlicher räum- licher Anordnung formiert sein. Die daraus resultierende Netzwerkstruktur (Stern, Ring, Vermascht, Baum) nennt man Netzwerktopologie (Topologie = Struktur).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Netzwerktopologien

Vil é m Flusser (1920-1991) hat eine praktische Theorie zur Kommunikation, die Kommunikologie 1, aufgestellt. Wenn Kommunikation jener Prozess ist, durch den erworbene Information gespeichert, verarbeitet und weitergegeben wird, dann schafft es die Kommunikologie, diesen Prozess nach genetischen, struk- turalen und dynamischen Aspekten zu analysieren. Obwohl Flusser sehr genau über die Eigenschaften einer digitalen Kultur und ihrer Quervernetzungen nachgedacht hat, konnte er das Medium Internet nicht in voller Schärfe vor- hersehen, welches den dialogischen Charakter des Telefons mit dem diskursi- ven Charakter hierarchischer Botschaftverteilung durch das Fernsehen verbin- det. In seinen Vorlesungen zur ‚Kommunikologie’ relativiert Flusser implizit den Ansatz McLuhans: Erst nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt die zweite industrielle Revolution, welche über die Elektrizität die Speicher- und Über- tragungsmedien einsetzt, ihre Effekte zu zeitigen. War die erste industrielle Revolution mit den mechanischen Maschinen die technische Simulation menschlicher Muskelkraft, so besteht die zweite in der technischen Simulation der menschlichen Sinnesnerven (McLuhan spricht von einer Ausweitung des Zentralnervensystems).

Flusser hat Kommunikationsstrukturen zunächst in zwei Kategorien eingeteilt; die diskursive Struktur, die klar zwischen Autor, Sender und Empfänger unterscheidet - allein der Autor kann gleichzeitig auch Sender sein - und die zweite, übergeordnete Struktur, die dialogische, in der es keine Trennung der Funktion von Autor, Sender und Empfänger mehr gibt und alle Beteiligten sowohl Sender als auch Empfänger sind.

Real existierende technische Netzwerke (Netzwerktopologien) lassen sich strukturell eins zu eins auf Flussers Formationen der Kommunikation übertra- gen:

- Netzwerktopologie des Sterns oder der Amphitheaterdiskurs: Hier bilden Sender und Empfänger keine Einheit, sondern der Sender kann sich an einem beliebigen Ort befinden, von dem aus er in den offenen Raum sendet und der Empfänger befindet sich ebenfalls im offenen Raum, wo er von allen Seiten Informationen erhält, die zunächst an keinen konkreten, körperlichen Sender gebunden sind. Das heißt, der Sender sendet ohne konkreten Adressaten und der Empfänger befindet sich nicht in einer Phase der Konzentration, sondern der grenzenlosen Zerstreuung. Flusser sagt, es herrscht totale Kommunikation bei totaler Kommunikationsunmöglichkeit. Dieses Modell entspricht den herkömmlichen Massenmedien.
- Netzwerktopologie des Ringes oder der Kreisdialog: Im Kreis sind die beteiligten Kommunikationspartner um eine leere Mitte versammelt, in der sich die Information durch den Dialog bildet. Als Beispiel nennt Flusser den Marktplatz, aber auch den runden Tisch.
- Netzwerktopologie des Baumes oder der Baumdiskurs: An der Spitze steht kein Autor sondern ein Prinzip, wie bspw. in der Wissenschaft. Die Übermittlungsstellen sind nicht hierarchisch, sondern dialogisch aufgebaut und die Empfängergruppen analysieren und kritisieren die erhaltenen Informationen, so dass es zu einem Prozess der gesteuerten Vermehrung der Information kommt.
- Netzwerktopologie „Vermascht“ oder der Netzdialog: Im Netz erfolgt die Synthese der Information durch die Diffusion und jeder beteiligte Partner bildet das Zentrum des Dialogs. Als Beispiele werden das Telefon, die Post oder Computernetzwerke genannt..

- Nach Flusser bildet der Netzdialog die Grundlage aller Kommunikation, welche letztlich alle vom Menschen ausgearbeiteten Informationen in sich aufsaugt. Diese Formation ist demokratisch in einem ganz authentischen Sinn und erzeugt eine Unmenge neuer Informationen. Diese Kommunikations- struktur bildet das elementare Grundnetz aller menschlichen Kommunikation und damit von Gesellschaft überhaupt. Flusser ging davon aus, dass gut ausgearbeitete Netzsysteme dem Amphitheater der Massenmedien die Stirn bieten können.

Im Sprachgebrauch des Jahres 2004 wird Netzwerk häufig auch als Synonym für ein Computernetzwerk, das ist ein Zusammenschluss von verschiedenen technischen Systemen (wie z.B.Computern, Handys, PDAs, Sensoren, Aktoren usw.) zum Zweck der Kommunikation, gebraucht.

Unterschieden werden lokale Netzwerke (LAN), nicht-lokale Netzwerke (MAN, WAN, GAN, Extranet), drahtgebundene Netzwerke (z.B. Ethernet) und drahtlose Netzwerke (Wireless LAN, Bluetooth, GSM, UMTS). Die Kommunikation erfolgt über verschiedene Protokolle, die mittels des ISO/OSI-Modells klassifiziert werden können.

Das Netz ist zum zentralen Begriff für die Informationskultur avanciert.

Die Vernetzung ist nicht nur ein technischer Vorgang, sondern sie beeinflusst darüber hinaus die Herangehensweise vieler Akteure an ökonomische und soziale Fragestellungen, was aber nicht „Andenkpunkt“ dieser Arbeit ist.

Robert Metcalfe weist mit seinem „Gesetz“, wie er es selbst bezeichnet, darauf hin, dass der Nutzen eines Netzes exponential mit der Zahl seiner Teilnehmer steige1, was aber weiter gedacht bedeutet, dass auch das Risiko - welcher Art auch immer - exponential wächst.

1.1.4 Gaia

Wenn wir versuchen, etwas ganz für sich allein zu betrachten, stellen wir fest, dass es mit anderem im Universum verbunden ist.1

John Muir (1838 - 1914)

Florian Rötzer verwendet den Begriff ‚Gaia’ um das Leben als eine Art Super- organimus zu erklären, der aus einem komplizierten Netz von Netzen besteht. Dieser mythische Name der archaischen Muttergöttin trat ein für eine Theorie [Gaia-Hypothese von James Lovelock ], welche die Vernetzungstechnik als den Grundmechanismus des Lebendigen ausmachte. Gaia ist ein Prozess, der in Selbstorganisation neue Strukturen hervorbringt, wodurch das Leben genau jene Bedingungen erzeugt, die es zum Überleben braucht.2

1.1.5 Rhizom

Als Rhizom bezeichnen Deleuze und Guattari in der Philosophie ein Modell für eine mimetisch-ästhetische Praxis, bei der die Metapher des Wurzelstocks das hierarchische und verzweigende Denken ersetzt, das Deleuze und Guattari kritisieren. Ein Rhizom ist - im Kontext der Botanik - ein Wurzelsystem, das keine Hauptwurzel hat. Eine rhizomorphe Kommunikation wäre demzufolge eine solche, bei der keine Sender-Empfänger-Struktur angenommen wird, sondern ein System reziproken Austauschs zwischen allen gleichberechtigten Kommunikatoren.

Abb. 3 Rhizom

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Deleuze und Guattari hat das Rhizom sechs grundlegende Merkmale:

- Das Prinzip der Konnexion, Heterogenität und Vielfalt:

Diese Prinzipien implizieren sowohl, dass jeder Punkt mit jedem anderen beliebigen Punkt verbunden werden kann und muss (Konnexion), als auch, dass eben jene Verbindungen eigenständig und unabhängig voneinander bleiben. Howard Bloom (Global Brain) ist der Ansicht, dass man in dem Moment, wo eine soziale Gruppe über das Nachahmungslernen verfügt, von einem Datennetzwerk sprechen kann.

„ Staatenbildende Insekten gelten mit Recht als Elite unter den Netzwerkern. Ameisen, Bienen oder Termiten, die alle nurüber winzige Gehirne verfügen, beweisen als vernetzter Superorganismus eineüberragende Intelligenz. “ 1

- Das Prinzip des asignifikanten Bruchs:

Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen oder zerstört werden; es wuchert entlang seiner eigenen oder anderer Linien weiter.

- Das Prinzip der Kartographie und Dekalkomonie:

Ziel ist es nicht Kopien zu erstellen, sondern Karten zu machen. Die Karte ist offen, sie kann in allen ihren Dimensionen verbunden, demontiert und umge- kehrt werden, sie ist ständig modifizierbar. Im Unterschied zur Kopie, die eine möglichst identische Repräsentation darstellt, selektiert eine Karte bestimmte Informationen aus dem Abzubildenden. Die Karte kann und wird je nach Situation und Bedürfnis daher verändert und erweitert. 1

Das gesamte WWW ist ein sich ständig veränderndes und expandierendes Netz von Schnittstellen, in dem es keinen Ursprung gibt. Es gibt keine rich- tigen oder falschen, sondern nur individuell verschiedene Wege.

„ Internet-Theoretiker greifen gern auf den Begriff des Rhizoms zurück, um Hyper- text oder das Internet beschreiben zu können. Das greift allerdings meist zu kurz: Hypertext als vollkommen rhizomatisches Medium zu bezeichnen, unterschlägt, dass ein Hypertext, wie verschachtelt auch immer, insofern weiterhin ein linearer Text ist, als er von einem Autor ausgeht und als Kommunikat vom Rezipienten nicht mehr zu verändern ist. “ 2

Die obige Aussage ist auf Grund neuer Webtechnologien, hier sei als ein Bei- spiel auf die WikiWikiWeb-Technologie [s. auch 6 Wiki-Webs] verwiesen, ver- altet, da es hier auch dem Rezipienten möglich ist, den Content3 zu verändern.

1.2 Historische Wurzeln des Netz-Begriffs

Sabine Bauer verweist diesbezüglich auf die griechische Mythologie. Es waren die Moiren, die drei Schicksalsgöttinnen - sie heißen Klotho (sie spinnt den Lebensfaden), Lachesis (sie misst ihn zu) und Atropos (sie schneidet ihn ab) - denen die Netzarbeit, die Arbeit an der Zeit zukam.

„ Auch wenn die Sinnträger wechselten, das Netz behielt seine Aufgabe als Ord nungsprinzip bei. Die Arbeit an und in den Netzen ist damit auch Arbeit an der kulturellen Tradierung. “ 1

Als weitere Beispiele früher Netzwerke seien das Bewässerungssystem Mesopotamiens, das Straßen- und Nachrichtennetz des frühen Römischen Reiches und die kognitive Vernetzung der scholastischen Theologie im Mittel- alter genannt. Der Netzbegriff taucht im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit Telegraphie und Eisenbahn, Wasser- und Abwasserkanälen, Elektrizitäts- leitungen und schließlich dem Telefon auf, das zum komplexesten und kapitalintensivsten technischen System aller Zeiten werden sollte. Netzwerke werden zu den Life-Lines. Netzwerke sind eine Kulturtechnik ersten Ranges. Der Netzbegriff spielt auch eine wesentliche Rolle in der Spätphilosophie Ludwig Wittgensteins. In der 1938 verfassten Urfassung des Vorwortes zu den Philosophischen Untersuchungen dient das Wort ‚Netz’ als die erklärende Metapher, die den gedanklichen Aufbau des Buches beleuchten soll. Nach jahrelangen Bemühungen, ein herkömmliches Buch zu Stande zu bringen, berichtet hier Wittgenstein, musste er zur Überzeugung kommen, dass er alle solche Versuche aufzugeben hätte.2

Den Netzbegriff darf man nicht - obwohl es so nahe liegt - auf das Internet reduzieren: Das Internet ist nur eine technische Voraussetzung eines viel breiteren Vorgangs. Das Phänomen ‚Netz’ muss als ein Denkmuster gesehen werden, als ein neuer organisatorischer, gesellschaftlicher und kultureller Unterbau, dennoch, durch den Siegeszug des Internets ist die Netzmetapher in den letzten Jahren zu einem Dauerbrenner geworden.

Der Mensch als soziales Wesen hat sich immer schon vernetzt: in Horden und Clans, in Dorfgemeinschaften und Städtebündnissen, in Klöstern und Kauf- mannschaften u. dgl.m. Hüffel und Günther 1 weisen darauf hin, dass ein Spit- zenmanager der heutigen Zeit an einem Tag mit mehr Personen Kontakt hat (Netze spinnt) als ein Mensch im Mittelalter in seinem ganzen Leben. Dies nimmt nicht Wunder, da doch erst durch die technischen Instrumente, wie Computer, Modem, E-Mail, SMS u.a. Werkzeuge zur Hand sind, die es immer mehr Menschen erlauben, sich über immer größere Entfernungen hinweg immer schneller in Netze einzubinden und die Kommunikation zwischen all diesen Knoten (Punkten) aufrecht zu erhalten.

1.3 Der Netzbegriff im Internet

Die nachstehende Tabelle [Tab. 1] bzw. Abbildung [Abb. 4] soll die Entwicklung der Anzahl der Begriffe ‚Netz/net’ und ‚Netzwerk/network’ im Web visualisieren. Mittels der Suchmaschine Google wurden die obigen Begriffe im Suchbereich ‚Web’ in zeitlichen Abständen eingegeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1 Anzahl der Suchergebnisse in Google sortiert nach Datum

[Eingabe der Begriffe auf www.google.at - Suche im Feld „Web“]

Wenige Suchergebnisse - ca. 1% - wurden für die internationale cno-Domain1.net gefunden; .com kommt auf fast vier Mal so viel. [Altavista fand für .net am 3. 1. 2005 hingegen 122.000.000 zu 1.800.000.000 und Yahoo sogar 231.000.00 Ergebnisse zu 1.800.000.000 .com.]

Dennoch hat sich der Wert für die Domain .net innerhalb eines halben Jahres mehr als verdoppelt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Endung .net heutzutage immer öfter verwendet wird, wenn der gewünschte Name unter .com nicht mehr verfügbar ist.

Auffällig ist, dass von 8.058.044.651 Web-Seiten1 ca. 10% zum engl. Begriff ‚net’ gefunden wurden, was sicherlich auch damit korreliert, dass die Sprache des Internets in erster Linie Englisch ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Grafische Darstellung der Anzahl der Suchergebnisse in Google sortiert nach Datum [Eingabe der Begriffe auf www.google.at - Suche im Feld „Web“]1

1.4 Schulnetze

Die komplexen Strukturen in allen Bereichen der Gesellschaft, Wissenschaft und Technik sowie die schnelle Zunahme und der rasche Wandel des Wissens erfordern in zunehmendem Maße übergreifendes Denken in Zusammenhängen, d.h. dass die klassische Trennung von Ursache und Wirkung als globales Ordnungsprinzip der logischen Erfassung und Strukturierung unserer Welt aufgegeben wird. Vernetztes Denken ist in einer grenzüberschreitenden Gesellschaft ebenso wichtig wie vernetzte Computer.

Klassische ‚Schulnetze’ gab es schon immer: soziale Netze innerhalb eines Lehrkörpers einer Schule, innerhalb einer Klasse (Klassengemeinschaft), SchülerInnennetze in der Schule aber auch in der Freizeit, in Peer-Groups, …, Vernetzungen von LehrerInnen nach außen mit LehrerInnen anderer Schulen, mit Eltern, mit Verantwortlichen von Gemeinde und Region, u.a.m. Vernetzen bedeutet aber auch inhaltliche fächerübergreifende Teamarbeit im Unterricht, projektorientiertes Arbeiten und Projektarbeit mit Vernetzungen zu Experten außerhalb der Schule. In diesem Zusammenhang seien auch die europäischen Bildungsprojekte wie etwa Sokrates (Comenius, Erasmus, Minerva) erwähnt, die einiges zu einer ‚europäischen Dimension im Bildungswesen’ beitrugen - seien es nun Austausch-, Pilot- oder Netzwerkprojekte. Das Pro- gramm Sokrates z.B. ist das Aktionsprogramm der Europäischen Union für den Bereich Allgemeinbildung. Zusammen mit dem Programm Leonardo da Vinci, dem Aktionsprogramm für den Bereich berufliche Bildung und dem Programm Jugend dient es als Instrumentarium zur Umsetzung der europäi- schen Bildungspolitik. Hauptmerkmal und Hauptanliegen all dieser Projekte ist Vernetzung.

Die Integration des Internets in das Schulleben eröffnet zusätzliche, neue Per- spektiven für eine Öffnung von Schule. Eines der am häufigsten genannten Ziele des Internet-Einsatzes in der Schule ist es, SchülerInnen den Zugang zu dem einzigartigen Informationsangebot zu ermöglichen. Das Internet ist über- all dort sinnvoll einzusetzen, wo Informationen beschafft, verarbeitet und weitergegeben werden. Die Schule ist ein Ort, auf welchen dies in hohem Maße zutrifft.

Dass das Internet das Lernen automatisch besser, schneller und spaßiger macht, dürfte inzwischen als Mythos identifiziert sein. Weder ist die Qualität des Lernens vom Lernenden abzukoppeln, noch lassen sich Lernprozesse beliebig beschleunigen. Und anstrengend bleibt das Lernen allemal - ob mit oder ohne Internet.

Apfelauer 1 sieht, bezogen auf die technische Vernetzung mittels Internet- anschluss in der Schule, vier Entwicklungsphasen auf dem Weg zur vernetzten Gesellschaft:

- Institutionen (Bildungsserver)
- Unterrichtsorganisation (Pädagogik, Verwaltung)
- Vernetzte Lerngemeinschaft
- Vernetzte Gesellschaft (Internet als Werkzeug)

Die Vernetzung von Bildungsinstitutionen hat als Ziel die Vermittlung von Selbstlernkompetenz, von Medienkompetenz, den Aufbau einer Informations- und Kommunikationskultur, aber auch die Verwirklichung von Schulauto- nomie, Dezentralisierung und Internationalisierung.

1995 wurde nach ersten Erfahrungen mit Internet im Wissenschaftsbereich ein Pilotprojekt an 64 österreichischen Schulen gestartet, 1996 waren es bereits 371 mit acht Knoten für den Anschluss an das Internet, 1997 waren 1282, 1998 2113 Schulen ans Internet angeschlossen.2

Am 6. September 1999 wurde zwischen dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und der Telekom Austria (TA) eine Vereinbarung abgeschlossen, die allen Bildungseinrichtungen im Rahmen des ASN (Austrian School Network) einen Internetzugang zu pauschalierten Preisen ermöglicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2 Österreichische Schulen mit eigener Homepage bzw. eigener E-Mail-Adresse sortiert nach Schulart bzw. Bundesländern

Quelle: http://www.pinoe-hl.ac.at/schulen/schulstatistik.htm [14. 7. 2004]

Das Internet bietet 1.000.000 Antworten auf Fragen, die nie einer gestellt hat.1

Sir Peter Ustinov (1921 - 2003)

2 DAS NETZ DER NETZE

1969 bestand das Internet aus nur 4 Hosts [Host = Netzwerkknoten, über den Daten ausgetauscht werden, also Großrechner/Server, an denen Arbeitsstationen angeschlossen sind], 1971 hatten sich die Hosts versechsfacht und 1974 weltweit fast versechzehnfacht.

Die ARPANet-Population war nach wie vor klein, durch sehr hohes Bildungs- niveau und besondere informationstechnische Kompetenz gekennzeichnet. Mitte der 80er Jahre wurde der Desktop Computer verwirklicht; dies machte es vielen Menschen möglich, das Internet zu nutzen - geschäftlich und privat. In Europa blieb das Internet jedoch bis 1992 weitgehend unbekannt. Die Internet-Protokolle, die Regeln für den Datenaustausch zwischen verschiedenartigen Computern, bestehen seit 1982 und machen die Vernet- zung der Netze möglich. Seit 1995 ist das Internet als ‚Netz der Netze’ in aller

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 auf http://www.educa.ch/dyn/9.asp?url=20055%2Ehtm [9. 9. 2004]

1 Forneck zit. in Eberle 1996, S. 88

2 Klein- und mittelständische Unternehmen

3 vgl. Merrit in Hüffel/Reiter 1996, S. 26-28

1 Schreibweise Merrits

1 Baier, J. H.: Supporting Cooperative Work with Computers: Addressing Meeting Mania. In: IEEE Intellectual Digest of Papers. COMPCON ’89. 1989.

1 Quelle: pressetext.austria vom 27. Oktober 1997 auf: http://www.pressetext.at/pte.mc?pte=971027010 [5. 8. 2004]

2 http://web.archive.org/web/19971012020540/www.bmuvie.gv.at/schuleni.htm [5. 8. 2004]

3 http://paedpsych.jk.uni- linz.ac.at/PAEDPSYCH/NETSCHULE/NetSchuleEinleitung.html [5. 8. 2004]

1 http://web.archive.org/web/20000621132729/www.bmuk.gv.at/pneu/pk.htm [25. 3. 2004]

2 Enzensberger zit. in Watzlawick 1982, S. 15

1 vgl. STATISTIK AUSTRIA auf http://www.statistik.at/, Seite wurde am 26.1.2004 von Huber-Bachmann aktualisiert. [7. 7. 2004]

1 http://www.lsw.uni-heidelberg.de/users/amueller/aphdt.html [30. 4. 2004]

2 Bauer, Sabine: Das Netz als Symbol und Metapher. Bremer Vorträge 2. 2000

1 auf http://www.britannica.com/eb/article?eu=56731 [5. 7. 2004]

1 siehe hiezu auch http://www.ibiblio.org/pioneers/baran.html [7. 7. 2004]

2 Kandinsky 1973 S. 21

1 Kandinsky 1973 S. 58

2 Gleich 2002 S. 36

3 vgl. Bild auf: http://www.ivt.baum.ethz.ch/vrp/vrp_d.html [24. 6. 2004]

1 Brockhaus Bd. 23, S. 213

2 Vorstand des Instituts für Knowledge Management (IKM) in Zwickau

1 http://www.lassalle-institut.org/presse/Capra_in_Swiss_Engineering.pdf [6. 6. 2004]

1 vgl. Flusser 1998 S. 9-73

1 vgl. http://www.wissensnavigator.com/interface2/communication/nets/metcalfes_law/ [3.1. 2005]

1 http://www.schule.suedtirol.it/blikk/angebote/schulegestalten/se_suedtirol/ Projektmanagement.pdf [30. 7. 2004]

2 vgl. Gleich 2002 S. 34ff

1 Gleich 2002 S. 48

1 vgl. Deleuze/ Guattari 1992 S. 13 - 38

2 Düppe, Stephan/Niehaus, Alexander auf: http://www.ruhr-uni-bochum.de/www-public/ niehaabp/Rhizom/filet.htm [7. 7. 2004]

3 Der Begriff Content wird hier im umfassenden Sinne, also für all das, was der Web-Site- Besucher beim Aufruf einer Internetseite unmittelbar wahrnimmt, gebraucht. Diese Wahrnehmung können Texte, Bilder, Bewegtbilder und/oder Klänge umfassen - ähnlich dem modernen Textbegriff in der Medienpädagogik.

1 Bauer, Sabine: Das Netz als Symbol und Metapher. Bremer Vorträge 2. 2000

2 Monk 2000 S. 359ff

1 vgl. Hüffel / Günther 1999 S. 64

1 Die Abkürzung ‚cno’ steht für .com-, .net- und .org-Domains. Hierbei handelt es sich um die drei grossen internationalen, sehr weit verbreiteten TopLevel-Domains.

1 Stand 6. 1. 2005

1 vgl. Apfelauer/Reiter 2000 S. 198

2 vgl. Apfelauer/Reiter 2000 S. 191ff

1 http://wwwstud.uni-leipzig.de/~wir00gix/page001/home.html [7. 8. 2004]

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Titel: Schulen ans Netz - Von statischen Informationsseiten zu Computer Supported Cooperative Work?