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Die Gestalttherapie als eine Form psychisch-mentaler Zentrierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 21 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das bewegte Leben des Fritz Perls
2.1 Kindheit und Kriegswirren
2.2 Arbeit als Psychoanalytiker: Laura, Freud
2.3 Amsterdam, Johannesburg
2.4 Gestalt Therapy und Tod

3 Die theoretische Basis der klassischen Gestalttherapie
3.1 Der Holismus
3.2 Die Feldtheorie
3.3 Die Zyklen der Erfahrung
3.4 Der Kontakt und die Assimilation
3.5 Die Theorie des Selbst
3.6 Die psychologische Störung

4 Der systemische Ansatz als Ergänzung
4.1 Angewandte Kunsttherapie

5 Kritische Reflexion/Schlussbetrachtung/Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Gestalttherapie beschäftigt sich mit der Wirklichkeitskonstruktion von Individuen. Jeder Mensch organisiert und strukturiert Wahrgenommenes auf eine für ihn sinnvolle Art und Weise. Manchmal kann es dabei jedoch für den jeweiligen Menschen zu belastenden Problemen kommen, wenn z.B. durch Hoffnungen oder Befürchtungen der Blick von der Gegenwart entfernt wird. Die Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit ihrer KlientInnen ist primäres Ziel der GestaltpsychotherapeutInnen. Dabei wird von einem ganzheitlichen Ansatz ausgegangen. Im Rahmen einer psychisch-mentalen Zentrierung des Individuums kann die Gestalttherapie sehr hilfreich sein. In meiner Arbeit möchte ich die theoretischen Grundlagen dieser Therapieform vorstellen. Hierbei konzentriere ich mich hauptsächlich auf Paradigmen, Modelle, Gedanken und Konzepte von Fritz Perls, dem Mitbegründer dieser Richtung. Weiterhin gebe ich einen kurzen Einblick in den systemischen Ansatz, wobei ich die theoretische Fundierung außen vor lasse und lediglich Gesichtspunkte aufgreife, die für den abschließenden Teil interessant sind. Dort liegt der Fokus auf einer Verknüpfung der beiden Richtungen in kunsttherapeutischer Praxis, wie es die Gestaltpsychotherapeutin Reddemann praktiziert. Dieser Abschnitt wurde intensiv in unserer Referatsgruppe im Seminar bearbeitet und präsentiert.[1]

Diese Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit in punkto der von mir herangezogenen Quellen. Einige bedeutende Werke bekannter GestalttherapeutInnen habe ich nicht miteinbezogen, um mich intensiver mit dem „Urvater“ dieser Richtung auseinander zu setzen. Zu diesem Zwecke widme ich einen Schwerpunkt meiner Arbeit der Biographieanalyse; hieraus gehen Kerngedanken der Gestalttherapie hervor.

2 Das bewegte Leben des Fritz Perls

Zum besseren Verständnis der Denkweise Fritz Perls’ ist es wichtig einen detaillierten Blick auf seinen Lebenslauf zu werfen. Als Kosmopolit wurde sein späterer Ansatz durch intensive politische und menschliche Kontakte geprägt.[2]

2.1 Kindheit und Kriegswirren

Friedrich Salomon Perls wurde am 08.07.1893 als jüngstes von drei Kindern am Rande Berlins in einem jüdischen Viertel geboren. Seine Eltern entfremdeten sich mit den Jahren mehr und mehr voneinander, der Kontakt zu seinem Vater wurde dabei ebenfalls immer schlechter. Den größten Einfluss auf die Entwicklung von Fritz Perls hatte seine Mutter. Die Liebe zum Theater und für die Kunst hatte er von ihr. Nach dem Abitur begann er ein Medizinstudium an der Universität zu Berlin.[3]

Als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg musste er miterleben wie sein bester Freund ums Leben kam. Die sinnlose Zerstörung, deren Zeuge er wurde, prägte seine politische Haltung. Nach dem Krieg engagierte er sich in der linksgerichteten Politik und war immer wieder in Bewegungen gegen die herrschenden Gesellschaftsebenen aktiv.

2.2 Arbeit als Psychoanalytiker: Laura, Freud

1920 promovierte Perls in Freiburg (Doktor der Medizin). Als Neuropsychiater arbeitete er in Berlin und New York. Hierbei pflegte er Kontakt zur Bohéme-Szene, traf sich mit Künstlern, Lyrikern, Architekten, Schriftstellern, Schauspielern, linksgerichteten Intellektuellen, Mitgliedern der Bauhaus-Gruppe und machte erste Erfahrungen mit der Psychoanalyse. Durch die Freundschaft zu einer jungen Psychologie-Absolventin (Laura Posner) bekam er vertiefende Einblicke in die Gestaltpsychologie und in existentielle Ideen. Seine späteren Arbeiten waren geprägt von Vorstellungen der Gestaltpsychologie, des Existentialismus und der Phänomenologie. Außerdem übernahm er von Wilhelm Reich, einem bekannten Analytiker und Freud-Kritiker, den persönlichen Stil der Beziehungsaufnahme und das Wissen um Körpersprache. Während seiner Aufenthalte in Wien und Berlin zwischen 1927 und 1933 arbeitete er als anerkannter freudscher Psychoanalytiker. Im August 1929 heirateten Fritz Perls und Laura Posner.[4]

2.3 Amsterdam, Johannesburg

In den Jahren um 1933 waren beide in antifaschistischen Bewegungen aktiv; diese Tatsache und ihre jüdische Abstammung veranlassten die Perls’ im Frühjahr 1933 nach Holland zu emigrieren. Dort lebten sie beinahe ein Jahr in ärmlichen Verhältnissen in einer zugigen Dachkammer in Amsterdam, bis sie 1934 mit dem Schiff nach Südafrika reisten. In Johannesburg richteten sie psychoanalytische Praxen ein und hatten schnell Erfolge zu verbuchen. Mit den beiden Kindern lebten sie einige Zeit glücklich in einem luxuriösen Haus im Bauhaus-Stil. Sie gründeten das Südafrikanische Institut für Psychoanalyse und bildeten einige Leute als PsychoanalytikerInnen aus. Nach dem Beschluss der Internationalen Psychologischen Vereinigung, PsychoanalytikerInnen, die nicht als TrainerInnen in Europa gearbeitet hatten, die Arbeitserlaubnis im Ausland zu entziehen, entfernte sich Perls zunehmend von der psychoanalytischen Gemeinschaft um Freud.[5]

Ab 1936 wurde er geprägt von den Ansätzen Jan Smuts, der damals Premierminister in Südafrika war. Als General und Philosoph war Smuts sehr erfolgreich und u.a. an der Gründung der Vereinten Nationen beteiligt. Er postulierte die holistische Natur des Menschen und des Universums, die Verbundenheit alles Lebendigen und Nicht-Lebendigen und betonte den Prozesscharakter gegenüber den gängigen wissenschaftlichen Meinungen des 19. Jahrhunderts, bei denen es vielmehr darum ging, alles in Einheiten zu zerlegen, um es dann anschließend zu untersuchen. Perls übernahm viele dieser Gedanken in seine späteren Werke, wohl auch die Idee der zyklischen Wechselbeziehung von Organismus und Umwelt.

1942 veröffentlichte Perls sein erstes Buch: Ego, Hunger and Aggression[6]. Einige zentrale Gedanken der späteren Gestaltpsychotherapie sind hier zu finden. Von 1942 bis 1945 arbeitete Fritz Perls als Sanitätsoffizier und Psychiater der Armee und kam nur selten nach Hause. Mit der Einführung der Apartheid in Südafrika verließen zahlreiche Intellektuelle das Land, so auch Fritz Perls; seine Frau blieb noch ein Jahr mit den Kindern in Johannesburg bis sie ebenfalls das Land verließ.

2.4 Amerika: Gestalt Therapy und Tod

1946 kam Fritz Perls in den Vereinigten Staaten an. Hier traf er auf den bekannten Psychoanalytiker Erich Fromm, der ihn ermutigte eine Praxis in New York zu eröffnen. Zusammen mit Fromm, Thompson, Horney und Nachfolgern von Sullivan verbrachte er viel Zeit. Beeinflusst wurde er von deren Ansichten über die Existenz. Diese sei ein Prozess und könne nicht bloß als Struktur behandelt werden. Weiterhin sei eine geistige Krankheit stets eine Reaktion des Individuums auf Ereignisse der Umwelt und könne daher nur in dieser Wechselbeziehung erkannt und behandelt werden. Sullivan insistierte auf die Wichtigkeit der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen PatientIn und TherapeutIn und betonte die Einzigartigkeit der persönlichen Erfahrung.[7]

In den ersten Jahren nach Laura Perls’ Ankunft in New York (1947) trafen sich die Eheleute mit Shapiro, Weisz, From, Hefferline und Goodman regelmäßig zu einer selbsterfahrungsorientierten Therapiegruppe; hieraus resultierten wichtige Beiträge zur frühen Entwicklung der Gestalttherapie. Weiterhin integrierte Perls Ansätze östlicher Religionen in seine Therapieform. Seine Bewusstseinsübungen verglich er mit Selbst-Transformationen des Zen-Buddhismus.

Paul Goodman, der neben den Perls’ als Hauptbegründer der Gestalttherapie gilt, konstatierte in seinen politisch und philosophisch geprägten Schriften, dass Anarchismus als Grundlage für die Gemeinschaft diene. Eigene Lebensstrukturen und Normen sollten vom Einzelnen entwickelt werden, ohne an Regelungen der Gesellschaft gebunden zu sein. Perls’ eigene subversive Einstellung gewann durch Goodman an Stärke. Der Bruch mit der gängigen Moral zeigte sich v.a. im Sexualleben des Zirkels um Perls. Isadore From lebte öffentlich seine Homosexualität aus, Paul Goodman galt als bisexuell und auch Fritz Perls war gegen das ein oder andere sexuelle Abenteuer, auch außerhalb seiner Ehe, nicht abgeneigt. Leider hielt er sich auch nicht immer an das abstandwahrende TherapeutInnen-PatientInnen-Verhältnis und so bleiben seine Affären mit KlientInnen zu kritisieren. Durch Moreno, den Begründer des Psychodramas, lernte Perls die Bedeutung der Rollen (z.B. Kind, Eltern, FreundIn, LehrerIn...), die jeder im Laufe seines Lebens einnimmt, wertzuschätzen.

[...]


[1] Vgl. Doubrawa 2002, S.119

[2] Vgl. Clarkson, Mackewn 1995, S.7

[3] Vgl. Clarkson, Mackewn 1995, S.14-18

[4] Vgl. Clarkson, Mackewn 1995, S.18-28

[5] Vgl. Clarkson, Mackewn 1995, S.28-32

[6] Dtsch. Titel: Das Ich, der Hunger und die Aggression (siehe Literaturverzeichnis)

[7] Vgl. Clarkson, Mackewn 1995, S.32-49

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638203920
ISBN (Buch)
9783638746946
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15204
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Pädagogisches Seminar
Note
gut
Schlagworte
Gestalttherapie Form Zentrierung Konturen Pädagogik Identität

Autor

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