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Theory of Mind, Wahn und Schizophrenie

Studienarbeit 2010 29 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Messung von ToM

Stand der Forschung zur Theory of Mind, Wahn und Schizophrenie

Literatur

Einleitung

Menschen besitzen zahlreiche psychische Eigenschaften. Ein für das Zusammenleben sehr bedeutsamere Komplex psychischer Eigenschaften sind die sozialen Kognitionen. Diese betreffen jedes Wissen und Denken über mentale Vorgänge, soziale Geschehnisse und Beziehungen. Ein viel diskutiertes und untersuchtes Konstrukt in diesem Feld ist die Empathie. Hier wird die Kapazität verstanden, sich in andere Menschen und deren Situation hineinzudenken und hineinzufühlen. Demnach setzt sich Empathie aus zwei Komponenten zusammen: einem kognitiven und einem emotionalem Anteil. Der emotionale Aspekt der Empathie umfasst das Erleben einer affektiven Reaktion im eigenen Inneren, die durch den Zustand einer anderen Person hervorgerufen wird. Es wird mitgefühlt und eine emotionale Verbindung mit der Person hergestellt. Kognitive Empathie hingegen meint allein die Fähigkeit, die Gedanken und Gefühle anderer Personen zu erkennen und zu verstehen, ohne notwendigerweise z.B. Mitleid zu empfinden. Die Fähigkeit zur kognitiven Empathie wird häufig auch als „Theory of Mind“ (ToM) bezeichnet. Der Terminus lässt sich nicht gut ins Deutsche übersetzen und ist etwas irreführend, weil es sich nicht um eine Theorie sonder um eine Fähigkeit handelt, sich selbst und anderen geistige Zustände zuschreiben zu können und somit in der Lage zu sein zu folgern, was im eigenen und im Geiste anderer vor sich geht. In der Literatur wird die erste Nennung des Begriffs „Theory of Mind“ oder auch „soziale Intelligenz“ Premack und Woodruff zugeschrieben (1978). Sie definierten ToM als eine Fähigkeit, sich selbst und anderen geistige Zustände zuschreiben zu können, Intentionen und Überzeugungen anderer ableiten zu können. Sie verstanden Theory of Mind in dem Sinne, dass ToM eine Theorie über die geistigen Zustände mittels Zuschreibung ist und grenzten den Begriff Empathie davon ab. Unter Empathie verstanden sie die Fähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinversetzen zu können. Premack und Woodruff (1978) prägten den Begriff ToM im Zusammenhang mit Tierstudien. Sie führten mit der Schimpansin Sarah eine Reihe von Tests zur ToM durch. Sie zeigten Sarah eine Serie von Filmen, in denen eine Person versuchte Probleme zu lösen. Die Schimpansin sollte anschließend ein Foto aussuchen, das die richtige Problemlösung zeigte. Sarah zeigte meistens auf das richtige Foto, war also in der Lage die Absichten der Darsteller im Film zu verstehen. Sie verfügte also über eine ToM.

ToM-Defizite wurden bisher für verschiedene psychische Störungen erforscht und beschrieben. Eine Gruppe psychischer Störungen, die als Modell für Probleme sozialer Kognition, insbesondere der Theory of Mind verstanden wird, sind die sogenannten Autismus-Spektrum-Störungen. Viele Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung Probleme bei Aufgaben haben, die Theory of Mind-Kompetenzen erfordern (Baron-Cohen et al. 1985, Baron-Cohen et al. 1997, Pilowsky 2000, Baron-Cohen et al. 2001a). Außerdem liegen zahlreiche Befunde für Defizite in ToM bei Patienten mit Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis vor (Bora 2008, Brüne 2005b, Corcoran & Frith 2003, Frith, 2004, Harrington et al. 2005a, Harrington et al. 2005b, Irani 2006, Kelemen 2005, Langdon et al. 1997, Langdon et al. 2001, Langdon et al. 2002a, Langdon et al. 2002b, Langdon 2006a, Langdon 2006b, Marjoram et al. 2005a, Marjoram et al. 2005b, Sarfati et al. 1997b, Sarfati & Hardy-Baylé 1999a, Sarfati et al. 2000, Sprong 2007).

Messung von ToM

Zur Operationalisierung der ToM-Fähigkeit wurden viele Aufgaben entwickelt, zahlreiche Tests davon ursprünglich für Kinder. Hierzu gehören Tests, die grundlegenden Fähigkeiten untersuchen, die mit Theory of Mind zusammenhängen. Eine solche Aufgabe ist der „seeing leads to knowing“ Test. Hierbei zeigt ein Bild zwei Personen: die eine hält sich an einer Kiste fest, die andere schaut in die Kiste rein. Die Frage zum Bild lautet: „Wer weiß, was in der Kiste ist?“. Dreijährige Kinder können ohne Schwierigkeiten diese Aufgabe lösen (Pratt & Bryant 1990). Die meist gebräulichten Aufgaben zur Operationalisierung der ToM-Fähigkeit sind die sogenannten „first oder false belief“ Tests. Das bekannteste Beispiel für diese Tests ist die „Sally-Anne-Aufgabe“ (Wimmer & Perner 1983). In diesem Puppenexperiment legt Sally in Anwesenheit von Anne eine Murmel oder einen Ball in einen Korb und verlässt anschließend den Raum. In ihrer Abwesenheit nimmt Anne die Murmel/den Ball und legt sie/ihn in eine Schachtel. Nachdem Sally den Raum wieder betreten hat, wird die Versuchsperson befragt: „Wo wird Sally nach der Murmel/dem Ball suchen? Das Experiment gilt als verwertbar, wenn die Kinder die Mädchen mit Namen richtig benennen und zwei Kontrollfragen richtig beantworten konnten: „Wo ist die Murmel/der Ball wirklich?“ und „Wo war die Murmel/der Ball zu Beginn?“. Die richtige Antwort ist, dass Sally in die Schachtel schauen wird, da sie ja nicht wissen kann, dass Anne die Murmel/den Ball in den Korb gelegt hat. Kinder unter 4 Jahren können diese Aufgaben meistens nicht lösen. Baron-Cohen et al. (1985) untersuchte 20 autistische Kinder, 14 Kinder mit Down-Syndrom und 20 klinisch unauffällige Kinder mit der „Sally-Anne-Aufgabe“. 85% der gesunden Kinder, 86% der Kinder mit Down-Syndrom aber nur 20% der autistischen Kinder konnten die Frage „Wo wird Sally suchen?“ richtig beantworten. Die autistischen Kinder deuteten meistens auf die Schachtel, in die Anne die Murmel/den Ball in Abwesenheit von Sally gelegt hat. Die sogenannten „second order false belief“ Aufgaben messen komplexere Theory of Mind-Fähigkeiten. Bei diesen Aufgaben geht es um eine Annahme über eine Annahme (Wimmer & Perner 1983). Für die „Sally-Anne-Aufgabe“ heißt das folgendes: Nachdem Sally aus dem Raum gegangen ist legt Anne die Murmel/den Ball in den Korb aber diesmal wird sie heimlich von Sally beobachtet. Die Frage an die Versuchspersonen lautet dann: „Wenn Sally zurückkommt, was wird Anne dann denken, was Sally glaubt wo die Murmel ist?“. Diese Aufgaben werden erst von sechs bis siebenjährigen Kindern richtig gelöst. Es existieren aber auch schwierigere Aufgaben für ältere Kinder, die eine abgeschlossene Sprachentwicklung und das Verstehen der figurativen Sprache (z. B. Metapher, Sarkasmus, Ironie) voraussetzen. Kinder erst ab einem Alter von ungefähr acht Jahren haben keine Schwierigkeiten mehr bei dieser Art von Aufgaben (Baron-Cohen 1997a).

Andere Aufgaben wurden speziell für Erwachsene entwickelt und bei Patienten im Erwachsenenalter eingesetzt. Bei den sogenannten „Strange Stories Task“ Aufgaben (Happé 1994) werden den Probanden Fragen zu Geschichten gestellt, in denen teilweise figurative Sprache benutzt wird. Es geht z. B. um das Erkennen von Notlügen, Sarkasmus oder Witzen. In den Arbeiten mit der Originalversion zeigte sich aber eine deutliche Abhängigkeit von der verbalen Intelligenz (Jolliffe & Baron Cohen 1999, Kaland et al. 2002). Im „Reading the mind in the Eyes“ Test (Baron-Cohen et al. 1997b, Baron-Cohen et al. 2001a) müssen die Probanden anhand des Fotos einer Augenpartie eines Menschen auf den geistigen Zustand schließen. Dieser Test wurde ausdrücklich für die Anwendung bei Erwachsenen entwickelt und soll im Gegensatz zu den „Strange Stories“ unabhängiger von anderen kognitiven Funktionen sein. Dies war auch der Grund, warum dieser Test für diese Arbeit ausgewählt wurde. Mit dem „Reading the mind in the Eyes“ Test untersuchte Baron-Cohen (1997b) Erwachsene mit Autismus oder Asperger-Syndrom, Patienten mit Tourette-Syndrom und eine gesunde Kontrollgruppe und fand, dass Autisten eine signifikant schlechtere Leistung zeigten, als Gesunde oder Patienten mit Tourette-Syndrom. Außerdem fand er noch, dass Frauen eine signifikant bessere Leistung hatten als Männer. Es gibt zahlreiche Studien, die den „Reading the mind in the Eyes“ Test anwenden (Baron-Cohen et al. 1997b, Baron-Cohen et al. 2001a, Richell et al. 2003) und Studien, die ToM-Defizite bei Schizophrenen mit dem Eyes-Test zeigen konnten (Craig et al. 2004, Kelemen et al. 2004, Kelemen et al. 2005, Irani 2006, Murphy 2006, Bora et al. 2006, Bora et al. 2008). Ein anderer Test, der „soziale Attributionstest“, der mit einfachen geometrischen Figuren (Dreieck, Kreis) auf dem Bildschirm arbeitet, wurde von Castelli und Kollegen (2002) und Klin (2000) eingesetzt. Auf dem Bildschirm bewegen sich zwei Dreiecke und ein Kreis, wobei der 50 Sekunden lange Film immer wieder kurz angehalten wird und den Zuschauern Fragen gestellt werden wie „Was passiert gerade?“ oder „Was haben der kleine Kreis oder der Dreieck für einen Charakter?“. Beim sozialen Attributionstest werden also animierten geometrischen Figuren soziale Absichten zugeschrieben. Weitere beliebte Testverfahren im Zusammenhang mit ToM-Aufgaben sind Bildergeschichten. Die Probanden müssen für eine solche Geschichte aus mehreren Antwortmöglichkeiten (multiple choice) einen geeigneten Schluss wählen (Sarfati 1997b, Langdon 2002a).

Es wurde bereits erwähnt, dass Patienten mit schizophrener Störung neben unterschiedlichen kognitiven Dysfunktionen wie Aufmerksamkeitsdefiziten, Gedächtnisstörungen, Störungen der exekutiven Funktionen, negative kognitive Schemata, eine Tendenz zur mangelnden Berücksichtigung widersprechender Informationen und verzerrten Denkstilen auch Schwierigkeiten bei Aufgaben haben, die Theory of Mind-Kompetenzen erfordern. Diese Erkenntnis hat wichtige Implikationen für die Therapieforschung schizophrener Patienten. Es werden zunehmend therapeutische Trainingsprogramme wie „Das Metakognitive Training für schizophrene Patienten (MKT, Moritz et al. 2005) zur Behandlung kognitiver und Theory of Mind-Defizite bei Schizophrenie entwickelt. Der Ansatz von Moritz et al. (2005) basiert auf einem multifaktoriellen Verständnis von Schizophrenie und umfasst acht Module, die speziell dem Training kognitiver Dysfunktionen und der Theory of Mind dienen. Die Evaluation des Trainingsprogramms von Moritz und Mitarbeitern konnte bereits zeigen, dass das Training die kognitiven Dysfunktionen und ToM-Defizite verbessern konnte. Schizophrene Patienten waren nach einer Therapie mit dem MKT eher in der Lage, sich selbst und anderen geistige Zustände zuschreiben und ableiten zu können. Das wiederum spricht für die Theorie, dass es sich bei ToM eher um einen „state“ handelt, der in der Remissionsphase verschwindet (Dazu mehr im Abschnitt 1.7 Theory of Mind und Wahnerleben: Stand der Forschung.).

Stand der Forschung zur Theory of Mind, Wahn und Schizophrenie

Soziale Kognition bezeichnet das Verständnis mentaler Prozesse, die dem sozialen Verhalten der Menschen zugrunde liegen, also das Verständnis der Gedanken, die Menschen über andere Menschen bilden. Genau dieses soziale Kognitionsniveau ist bei Schizophrenen und autistischen Kindern stark eingeschränkt. Theory of Mind ist ein Hauptbereich sozialer Kognitionen, der gegenwärtig intensiv erforscht wird. Die Defizite des sozialen Funktionsniveaus bei Schizophrenen gleichen denen autistischer Störungen. Bei autistischen Kindern wurde dieses Defizit auf die Einschränkungen in Theory of Mind zurückgeführt, daher kommt die Idee, dass die sozialen Kognitionsdefizite bei Schizophrenen auch im Zusammenhang mit ToM-Defiziten stehen könnten.

Patienten mit Schizophrenie besitzen Schwierigkeiten in Situationen, die einen Perspektivenwechsel, das Einfühlen in eine andere Person oder die Zuschreibung geistiger Vorgänge erfordern (Brüne 2005b, Frith, 2004, Harrington et al. 2005a, Harrington et al. 2005b, Sprong 2007). Doch auch wenn es klinisch offensichtlich ist, dass Patienten mit Schizophrenie über defizitäre soziale Fertigkeiten verfügen, bleibt der genaue Einfluss von Theory of Mind noch unklar. Ferner sind Defizite der Theory of Mind auch bei anderen psychiatrischen Störungen anzutreffen und die Frage ihrer spezifischen pathogenetischen Bedeutung für die Schizophrenie ist nicht abschließend geklärt (Garety & Freeman 1999).

Firth (1992) hat als einer der Ersten die Bedeutung der ToM-Defiziten bei schizophrenen Patienten näher untersucht und fand eine schlechtere Leistung Schizophrenen in den ToM-Aufgaben. Er beschreibt im Zusammenhang mit Schizophrenie drei wesentliche Störungen:

- Störung der Handlungskontrolle
- Störung der Selbstüberwachung
- Störung im Erkennen der Absichten anderer Personen, also eine beeinträchtigte Theory of Mind

Nach diesem Ansatz ist es möglich, dass die Patienten Symptome wie Verfolgungswahn entwickeln, wenn sie nicht in der Lage sind, die Absichten anderer Menschen richtig zu interpretieren. Damit liefert Firth eine Erklärung zur Entstehung sozialer Defizite schizophrener Patienten und sieht die Defizite im ToM-Bereich als Ursache zur Entstehung von Wahn an.

Aus der bisherigen Forschung ist es klinisch offensichtlich, dass Patienten mit Schizophrenie über defizitäre soziale Fertigkeiten und über eine verzerrte Wahrnehmung von Motiven und Handlungen anderer Personen verfügen. Im Gegensatz dazu wird die Hypothese momentan intensiv diskutiert, ob Schizophreniepatienten gar über eine „hyper-theory of mind“ verfügen (Abu-Akel & Bailey 2000). Diese übersteigerte Theory of Mind soll der Grund dafür sein, dass schizophrene Patienten sich selbst oder anderen vorschnell Intentionen zuschreiben.

Die Befundlage zu Zusammenhängen zwischen Positiv- und Negativsymptomen der Schizophrenie und ToM-Leistungen ist ebenfalls nicht eindeutig. Doody und Mitarbeiter (1998) fanden Zusammenhänge der ToM-Defizite sowohl mit positiven als auch mit negativen Symptomen. Greig (2004) fand eine hoch signifikante positive Korrelation zwischen ToM-Leistung und Negativsymptomatik. Frith und Corocoran (1996) unterschieden bei der Untersuchung Positiv- und Negativsymptomen und Theory of Mind zwischen first- und second-order false-belief Aufgaben und fanden, dass schizophrene Patienten mit positiven und negativen Symptomen Schwierigkeiten haben first-order Aufgaben zu lösen. Drury und Kollegen (1998) fanden auch, dass Patienten mit Positivsymptomatik schlechter sind in ToM-Aufgaben als Patienten ohne positive Symptome. Bora (2006) untersuchte schizophrene Patienten mit dem Eyes- und Hinting-Test und fand eine signifikante negative Korrelation der Hinting-Test-Leistung mit der Positivsymptomatik und eine hoch signifikante positive Korrelation zwischen dem Hinting-Test und der Negativsymptomatik gemessen durch PANSS. Im Gegensatz dazu korrelierte die Leistung der Patienten im Eyes-Test nicht signifikant mit den PANSS-Werten. Demgegenüber stehen Studien, die keine Zusammenhänge zwischen den ToM-Leistungen und paranoiden Symptomen finden konnten (Langdon et al. 1997, Mitchley et al. 1998).

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Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640638789
ISBN (Buch)
9783640639212
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152004
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
Schlagworte
Theory of Mind Wahn Schizophrnie Baron-Cohen

Autor

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Titel: Theory of Mind, Wahn und Schizophrenie