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Julchen Blasius - Die Räuberbraut des Schinderhannes

Fachbuch 2010 120 Seiten

Biographien

Leseprobe

Ernst Probst

Julchen Blasius

Die Räuberbraut des „Schinderhannes“

Meiner aus Idar-Oberstein stammenden Ehefrau Doris

und dem Autor Armin Peter Faust aus Weierbach gewidmet

Die bekannteste deutsche Räuberbraut war zweifellos Juliana Blasius (1781–1851). Sie lebte drei Jahre lang mit dem legendären Räuber „Schinderhannes“ (um 1777–1803), der bürgerlich Johannes Bückler hieß, zusammen. Ihr berüchtigter Geliebter wurde am 21. November 1803 mit 19 seiner Kumpane in Mainz geköpft. In französischen Dokumenten jener Zeit hießen die beiden „Julie Blaesius“ und „Jean Buckler“.

Juliana Blasius kam am 22. August 1781 als viertes Kind des Musikanten und Tagelöhners Johann Nikolaus Blasius (geb. 1751) und seiner Ehefrau Katharina Louisa Blasius, geborene Catharius, in Weierbach bei Oberstein (heute Rheinland-Pfalz) zur Welt und wuchs dort auf. Ihr Geburtsort heißt in älterer Literatur oft Baden-Weierbach, weil er damals zur Markgrafschaft Baden gehörte. Auf der anderen Seite der Nahe lag Salm-Weierbach, das im Gebiet des Fürstentums Salm-Kyrburg lag, das heutige Georg-Weierbach.

Das „Julchen“ trat zusammen mit seinem Vater und seiner älteren Schwester Margarethe (geb. 1779) auf Märkten und bei Kirchweihen als Bänkelsängerin und Geigenspielerin auf. Das Todesjahr des Vaters von „Julchen“ und seiner Schwester Margarethe ist nicht mehr eruierbar. Denn die Kirchenbücher von Weierbach aus der Zeit von 1798 bis 1830 liegen nur noch in Bruchstücken vor. Daraus geht jedoch – nach Mitteilung des Pfarrers i. R. Erich Henn aus Idar-Oberstein – die Schreibweise des Familiennamens Blasius hervor. Als Vorname wird in der Literatur mitunter auch Juliane angegeben, als Familienname manchmal Bläsius.

Zu Ostern 1800 (13./14. April) sah Johannes Bückler das 19-jährige „Julchen“ zum ersten Mal auf dem Wickenhof bei Kirn, als es dort mit seinem Vater und seiner Schwester Margarethe zum Tanz aufspielte. Angeblich galt dabei aber seine Aufmerksamkeit mehr der reiferen Margarethe als dem jüngeren „Julchen“.

Rund zwei Wochen später (Ende April 1880) trat im Gasthof von Jakob Fritzsch in Weierbach ein Komplize des „Schinderhannes“ an den Tisch, an dem Margarethe und „Julchen“ Blasius saßen. Bei dem Mann, den die beiden jungen Frauen angeblich nicht kannten, handelte es sich um den Feldschützen Philipp Klein aus Dickesbach, der, weil er der Sohn eines ehemaligen nassauischen Husars war, „Husaren-Philipp“ genannt wurde. Er sagte zu Margarethe und zum „Julchen“, im Wald bei Weierbach – Flurbezeichnung Dollberg – wäre jemand, der mit ihnen reden wolle. Obwohl die beiden Frauen nicht wussten, wer damit gemeint war, folgten sie dieser geheimnisvollen Einladung.

Nach dem heimlichen Treffen im Wald bei Weierbach kehrten das „Julchen“ und Margarethe nicht mehr zu ihren Eltern zurück und zogen fortan mit dem „Schinderhannes“ durch das Land. Einige Wochen später verlor der Hannes offenbar sein Interesse an Margarethe und „überließ“ diese großzügig seinem Räuberkumpan Peter Dalheimer aus Sonnschied. Danach konzentrierte er seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf das „Julchen“, das bis zu seinem traurigen Ende bei ihm blieb.

Auf Frauen hatte der redegewandte, des Lesens und Schreibens kundige, souverän auftretende und nach der neuesten Mode gekleidete „Schinderhannes“ eine große Anziehungskraft. Er war etwa 1,70 Meter groß, schlank, besaß ein ovales Gesicht, blaue Augen, eine regelmäßige, ein klein wenig aufgeworfene Nase, volle rote Lippen und gesunde Zähne. Seine braunen Haare hingen vorne die Stirne herab und waren hinten in einem kurzen Zopf gebunden. Sein Backenbart reichte von den Ohren über das Kinn bis an den Hals. Zudem verfügte er über Fähigkeiten, mit denen er das „schwache Geschlecht“ beeindruckte. Weniger charmant als zu den Damen war der Hannes zu seinen Opfern, denen er ihr Hab und Gut, die Gesundheit oder sogar das Leben nahm.

Der „Schinderhannes“ hatte vor dem „Julchen“ schon acht andere Geliebte, von denen vier namentlich bekannt sind: Elise Werner aus Hahnenbach, Anna Maria Schäfer („Buzliese-Amie“) aus Schneppenbach, Katharina Pfeiffer aus Langenhain im Taunus und – wie erwähnt – Margarethe Blasius aus Weierbach.

Mit Elise Werner, die er offenbar als 18-Jährige kennen gelernt hatte, wohnte der „Schinderhannes“ nach seiner raschen Flucht aus dem Gefängnis in Saarbrücken im Juli 1798 einige Zeit zusammen. Sie soll – laut „Schinderhannes-Lexikon“ (2003) von Peter Bayerlein – anderthalb bis zwei Jahre die Geliebte des „Schinderhannes“ gewesen sein. Manchmal war der Hannes aber auch mit der 18- bis 20-jährigen Anna Maria Schäfer unterwegs. Deren Mutter Elisabeth Schäfer („Buzliese“) fertigte als Tagelöhnerin weiße Knöpfe an, betätigte sich nebenher aber als Dirne und Hehlerin für die „Hunsrück-Bande“. Anfang 1800 soll Katharina Pfeifer (1781–1819) eine Zeitlang die Geliebte des „Schinderhannes“ gewesen sein. Sie wurde vom „Schinderhannes“ getrennt, als am Morgen des 12. April 1800 auf dem Eigner Hof bei Hennweiler zwei Gendarmen aus Kirn den Hannes und dessen Komplizen Karl Benzel verhaften wollten. Der „Schinderhannes“ konnte sich losreißen und durch das Fenster flüchten. Benzel, dessen damalige Gefährtin Anna Maria Schäfer und Katharina Pfeifer dagegen wurden verhaftet. Benzel wurde am 24. Februar 1802 wegen des Mordes an dem jüdischen Händler Samuel Ely aus Sobernheim, den er zusammen mit dem „Schinderhannes“ bei Steinhardt nahe Sobernheim begangen hatte, in Koblenz hingerichtet. Aus der Verbindung zwischen dem „Schinderhannes“ und Katharina Pfeifer ging Ende 1800 im Taunus ein Kind hervor. Nach der Trennung vom „Schinderhannes“ war Katharina die Gefährtin von zwei zeitweiligen Kumpanen des Hannes. Einen Tag nach der Flucht auf dem Eigner Hof bei Hennweiler lernte der „Schinderhannes“ auf dem Wickenhof bei Kirn die Blasius-Schwestern Margarethe und „Julchen“ kennen.

Beim Prozess gegen den Räuber „Schinderhannes“ erklärte das „Julchen“ später, es sei als 19-Jährige mit Gewalt entführt worden. Diese Aussage dürfte eine Notlüge gewesen sein, denn das „Julchen“ hätte später, wenn es in Abwesenheit des „Schinderhannes“ als „Händlerin Ofenloch“ unterwegs war, flüchten können. Sicherlich wusste sie bald, dass der Hannes kein Ehrenmann, sondern ein Ganove war.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht um 1800 hielt sich der „Schinderhannes“ mit „Julchen“ Blasius und seiner Bande auf der halb verfallenen Schmidtburg im Hahnenbachtal oberhalb von Kirn auf. Die Burg war seit der französischen Annektion 1795 von ihren Besitzern verlassen worden. Im nahegelegenen Dorf Griebelschied feierte die Bande im Saal des Gasthofes Adam Keßler sogar einen öffentlichen „Räuberball“, der gut besucht war. Dabei spielte eine eingeladene Musikkapelle zum Tanz auf. Bei der Kapelle wirkte auch die älteste Schwester des „Julchen“, die mit einem Musikanten namens Bossmann verheiratet war, mit.

Im September 1800 ließen sich der „Schinderhannes“ und das „Julchen“ auf dem Kallenfelser Hof in den Ruinen der ehemaligen Burg Stein-Kallenfels nördlich von Kirn über dem Hahnenbachtal von einem Teil der Beute beim bewaffneten Raubüberfall am 12. August 1800 auf das Wohnhaus des jüdischen Textilhändlers Wolf Wiener und seine Familie in Hottenbach neue Kleider schneidern. Zeitweise waren drei Schneider aus umliegenden Dörfern damit beschäftigt, für das „Julchen“ möglichst schnell Kleider aus Seide anzufertigen.

Als einer der Schneider fertige Kleidungsstücke für den „Schinderhannes“ auf dem Kallenfelser Hof abliefern wollte, traf er unterwegs den Hannes und das „Julchen“ im Wald vor dem Hof. Dort zog sich der Schinderhannes nackt aus und rannte einige Minuten lang hin und her, schlug sich mit der Hand auf den blanken Hintern und rief laut: „Jetzt, ihr Gendarmen kommt und holt den Schinderhannes!“ Schließlich zog er die neue Garderobe an und ging stolz zum Kallenfelser Hof zurück. Wegen des guten Rufes, den der Pächter des Kallenfelser Hofes genoss, wurde der Hof nicht von Polizeistreifen durchsucht. Während Gendarmen nach den Räubern von Hottenbach fahndeten, saßen der „Schinderhannes“ und Komplizen elf Tage lang völlig unbehelligt auf dem Kallenfels, von dem aus sie sogar einige Male Polizeistreifen beobachteten, die unten im Tal auf der Straße vorbeiritten.

Auf dem Kallenfelser Hof soll sich im Sommer oder Herbst 1800 auch ein prominenter Gast aus Frankreich aufgehalten haben. Laut Legende erfuhr ein Komplize des „Schinderhannes“, der Munition in Kirn kaufen wollte, dass dort die berühmte Tänzerin Cäcilie Vestris abgestiegen sei. Die Künstlerin befand sich auf der Reise von Paris nach Mainz, wo sie der Präfekt für das Theater engagiert hatte. Als Cecilie mit ihrer Zofe am nächsten Tag in einer Kutsche die Fahrt fortsetzte, überfiel sie der „Schinderhannes“ mit Komplizen unweit von Kirn. Der Hannes setzte sich zur Tänzerin und ihrer Zofe in den Wagen, den ein Räuber zum Kallenfelser Hof kutschierte. Der Kutscher musste zusammen mit anderen Räubern gehen. Auf dem Kallenfelser Hof kredenzte man der Tänzerin angeblich reichlich Essen und spanischen Wein. Der Hannes bat Cecilie, sie möge ihm den „Scherz“ nicht übelnehmen. Damit wolle er nur dem Präfekten in Mainz, der sein erbitterter Feind sei, beweisen, dass auf dem Hunsrück allein der Räuberhauptmann „Schinderhannes“ zu befehlen habe. Es freue ihn, dass er noch vor dem Präfekten das Vergnügen habe, die berühmte Tänzerin zu empfangen. Auf Bitte des Hannes bot Cecilie sogar eine Probe ihrer Tanzkunst, wofür sie mit einer goldenen Kette belohnt wurde, die angeblich „ehrlich erworben“ war. Am nächsten Morgen setzten die beiden Damen ihre Reise fort, heißt es in dieser unglaublichen Geschichte.

Nach einer anderen Version soll die Tänzerin bei ihrer Kutschenfahrt von Paris zu einem Gastspiel nach Mainz im Hunsrück überfallen und mit gezogenen Pistolen bis ins Dorf Griebelschied begleitet worden sein. Dort fand ein Räuberball statt, bei dem der „Schinderhannes“ ein grünes Jägerkostüm trug, das sein „Leibschneider“ eigens für diesen Tag aus gestohlenem Stoff angefertigt hatte. Betrunkene Räuber, Dirnen, Vagabunden und Bettler lagen sich in den Armen. Bürgermeister und Amtspersonen umliegender Ortschaften feierten zusammen mit den Ganoven an einem gesonderten Tisch. In diesem Trubel musste die entführte verstörte Tänzerin angeblich etliche Proben ihrer Kunst abliefern, bevor man sie wieder mit Handkuss und gefülltem Geldbeutel entließ.

Zusammen mit dem „Schinderhannes“ soll sich „Julchen“ Blasius an Verbrechen beteiligt haben. In dem Roman „Unter dem Freiheitsbaum“ (1922) der aus Trier stammenden Schriftstellerin Clara Viebig (1860–1952) wird das „Julchen“ als mutige, skrupellose, temperamentvolle und attraktive Räuberbraut dargestellt.

In Meddersheim an der Nahe, etwa zwei Kilometer westlich von Sobernheim entfernt, saß das „Julchen“ 1800 an der Seite des „Schinderhannes“, als dieser den herbeizitierten jüdischen Händler Isaak Herz aus Sobernheim um sechs Kronentaler „Schutzgeld“ erpresste. Dabei hatte der „Schinderhannes“ den Händler gefragt, warum er immer nur in Begleitung von Gendarmen reise. Dies werde ihm aber überhaupt nichts nützen, denn er könnte ihn immer leicht aus ihrer Mitte herausschießen.

Die Beteiligung von „Julchen“ Blasius“ an den Raubüberfällen auf die jüdischen Händler Wolf Wiener in Hottenbach und Isaak Sender in Weierbach ist umstritten. Bei Gewalttaten des „Schinderhannes“, der an mindestens neun Tötungsdelikten beteiligt gewesen sein soll, war sie offenbar nicht dabei.

In Hottenbach, etwa zehn Kilometer nördlich von Oberstein (heute Idar-Oberstein) unterhalb des Idarkopfs, soll das „Julchen“ am 12. August 1800 zusammen mit Jakob Stein im Wald zurückgeblieben sein, während der Schinderhannes und andere Räuber die Familie Wiener misshandelten, Stoffe, Tafelsilber, Bruchsilber, drei silberne Taschenuhren und die ganzen Ersparnisse raubten.

In Weierbach soll das „Julchen“ am 13. November 1800 als Mann verkleidet zusammen mit dem „Schinderhannes“ an einem erpresserischen Raubüberfall auf den Händler Isaak Sender, der sie schon als kleines Mädchen kannte, beteiligt gewesen sein. Doch der „Schinderhannes“ bestritt dies 1803 beim Prozess in Mainz und behauptete, sein Komplize bei dieser Tat sei Peter Dalheimer gewesen. Letzteren konnte man damals nicht mehr befragen, weil er bereits in Trier hingerichtet worden war. Der „Schinderhannes“ behauptete, das „Julchen“ sei am fraglichen Tag überhaupt nicht bei ihm gewesen, sondern bei einem Jaspishändler in Vollmersbach, den er weder benennen noch beschreiben konnte. Das Opfer des Raubüberfalls Isaak Sender zweifelte später beim Prozess, ob es sich tatsächlich um das „Julchen“ gehandelt hatte.

Im Winter 1800/1801 lebten das „Julchen“ und der „Schinderhannes“ etwa sieben oder acht Wochen lang beim Müller Andreas Kowald auf der Hasenmühle zwischen Schlossborn und Heftrich, einige Kilometer oberhalb von Eppstein im Taunus, also auf der rechten Rheinseite. Damals fuhr der Hannes unter anderem gemeinsam mit dem Müller nach Frankfurt am Main und erledigte dort verschiedene Einkäufe. Während dieses Aufenthaltes lernte der „Schinderhannes“ auch Abraham Picard kennen, der damals den Neuwieder Zweig der großen „Niederländer Bande“ anführte, sowie weitere Mitglieder der Bande. Picard schlug dem „Schinderhannes“ vor, er sollte mit ihnen gemeinsam die Posthalterei in Würges zu überfallen, wo viel Bargeld zu holen sei. Der „Schinderhannes“ stimmte zu, brachte zuvor im Januar 1801 aber noch das „Julchen“ nach Hassloch bei Rüsselsheim in Sicherheit.

Von Ostern 1801 bis Mai 1802 hatte „Julchen“ Bläsius ein Dienstmädchen. Dabei handelte es sich um die aus Oberkirn am Kyrbach nördöstlich von Rhaunen stammende Marie Eva Berg. Diese war die Tochter des Klarinettenspielers, Korbmachers und Kaffeemühlen-Schärfers Adam Berg, der Diebstähle auf Märkten beging. Das Mädchen wurde im Alter von 13 Jahren in Klein-Rohrheim das Dienstmädchen des „Julchen“, das sich damals „Juliane Ofenloch“ nannte und als Gattin der Jahrmarktkrämers „Jakob Ofenloch“ ausgab. Das junge Dienstmädchen zog mit dem „Julchen“ zwischen der Lahn und dem Neckar mit Verkaufswagen und Pferd von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Seine Schwester war Margaretha Berg, die zeitweilige Geliebte des Räubers Christian Reinhard, des „Schwarzen Jonas“.

Ungefähr ein Jahr, nachdem sie den „Schinderhannes“ auf dem Wickenhof bei Kirn kennen gelernt hatte, brachte „Julchen“ Blasius im Frühjahr oder im Sommer 1801 in Bruchsal im Kraichgau (heute Baden-Württemberg) eine Tochter zur Welt. Damals waren der „Schinderhannes“ und das „Julchen“ auf der Flucht. Ihre Tochter lebte nicht lange.

In Hochhausen am Neckar zwischen Obrigheim und Gundelsheim wurde „Julchen“ Blasisus im Juli 1801 zusammen mit Frauen der „Niederländer Bande“ verhaftet. Die Frauen hatten dort auf ihre Männer gewartet, die in Baiertal bei Heidelberg einen Raubüberfall verübten. Das „Julchen“ kam aber bereits am nächsten Tag wieder frei, weil sie aussagte, dass sie die anderen Verhafteten nicht kenne. Dies wurde ihr geglaubt, weil sie einen anderen Dialekt sprach und bei ihr – im Gegensatz zu den anderen Frauen – kein Beutestück aus Baiertal gefunden wurde. Der „Schinderhannes“ blieb als einziger der Gruppe ungeschoren. Er hatte sich, als die Soldaten in die Scheune stürmten, tief ins Heu verkrochen und blieb unentdeckt.

Am 31. Mai 1802 wurde der „Schinderhannes“ bei Tagesanbruch im östlichen Hintertaunus zwischen Wolfenhausen und Haintchen vom Kurtrierischen Hofsgerichtsrat und Amtsverwalter namens Fuchs zu Limburg an der Lahn mit einem Kommando von Niederselters aufgespürt. Man sah den Hannes etwa 300 Schritte neben der Straße, als er aus einem Kornfeld herauskam. Die Person erschien dem Kommando fremd und wurde umgehend festgenommen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte man noch nicht, dass der Fremde der Räuber „Schinderhannes“ ist.

Bereits zwei Tage vorher war der „Schinderhannes“ von derselben Streife aus Wolfenhausen verwiesen worden. Der Fremde wurde nach Wolfenhausen gebracht, wo sich der Wied-Runkelsche Leutnant mit seinem Streifenkommando befand, und von dort nach Runkel an der Lahn. Der „Schinderhannes“ versuchte sich mit der Aussage zu retten, er sei „Jakob Schweikard“ und wolle sich zum Militärdienst melden. Man brachte ihn unter leichter Bewachung von Runkel nach Limburg an der Lahn, wo sich der Sitz des Rekrutierungsbüros befand. Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, wer er wirklich war. Die leichte Bewachung erfolgte nur, weil Freiwillige oft mit dem Handgeld verschwanden.

Im Juni 1802 ließ sich der Schinderhannes“ in Limburg unter dem falschen Namen „Jakob Schweikard“ als kaiserlicher Soldat anwerben und wartete auf den Abmarsch nach Österreich, wo er vor weiteren Nachstellungen von Behörden sicher gewesen wäre. Bei seinem Werbeoffizier beantragte der Hannes eine Heiratserlaubnis („Ehe-Consens“), was sofort gebilligt wurde. Denn ein verheirateter Soldat, dessen Ehefrau im Tross mitreiste, galt als zuverlässiger und standhafter als ein unverheirateter, der keinerlei Bindungen hatte.

Doch es kam ganz anders: Der Kohlenbrenner Johann Georg Zerfas aus der „langen Hecke“ (heute Villmar-Langhecke), der sich ebenfalls in Limburg als kaiserlicher Soldat anwerben hatte lassen, teilte dem Werbeoffizier heimlich mit, dass der Mann, der sich „Jakob Schweikard“ nannte, in Wirklichkeit der berüchtigte Räuber „Schinderhannes“ sei. Zerfas rächte sich damit dafür, dass sein Bruder vom Bruder des erwähnten Dienstmädchens Marie Eva Berg im Streit erschlagen worden war.

Der Chef der kaiserlichen Werbestelle in Limburg wusste zunächst nicht, was er in einem solchen komplizierten Fall tun sollte. Denn „Jakob Schweikard“ hatte bereits seinen Eintritt in das kaiserliche Heer unterschrieben und war als kaiserlicher Soldat der Gewalt der zivilen Behörden entzogen. Der Werbestelle-Chef sperrte den neuen Soldaten im Keller des Rekrutierungsbüros ein und überließ es seiner vorgesetzten Dienststelle in Frankfurt am Main, darüber zu entscheiden, was mit jenem „Jakob Schweikard“ weiter geschehen solle. Er schickte „Jakob Schweikard“ und seinen Kumpan Christian Reinhard, den „Schwarzen Jonas“, am 12. Juni 1802 zusammen mit ihren Frauen auf einem Leiterwagen nach Frankfurt am Main, begleitet von einer berittenen Eskorte. Der „Schinderhannes“ und sein Kumpan glaubten irrtümlich, dies sei die erste Etappe auf dem Weg in die Sicherheit. Unterwegs versuchte der „Schinderhannes“ über das „Julchen“ vergeblich, den Feldwebel der Eskorte zu bestechen, nicht durch Kastel (damals „Cassel“ genannt, heute Mainz-Kastel) zu fahren. Denn Kastel liegt gegenüber vom linksrheinischen Mainz auf dem rechten Rheinufer, war aber als Teil der großen Festung am Rhein von Frankreich annektiert worden. Durch Kastel fuhr der Wagen mit den Gefangenen gänzlich unbehelligt von den Franzosen, die gar nicht wussten, dass der überall gesuchte „Schinderhannes“ darauf saß. Aber in Frankfurt am Main wurden die Gefangenen der Justiz übergeben und eingesperrt. Am 14. Juni 1802 gestand der Gefangene „Jakob Schweikard“, dass er in Wirklichkeit der gesuchte Räuber „Schinderhannes“ ist. Er versprach den kaiserlichen Behörden, über alle seine Straftaten Auskunft zu geben, und bat darum, in Frankfurt am Main verurteilt und bestraft und nicht auf das linke Rheinufer an die Franzosen ausgeliefert zu werden. Denn die Franzosen seien schuld daran, dass er so schlimme Taten begangen habe. Doch am 15. Juni 1802 stimmten die Reichsstadt Frankfurt und die kaiserliche Militärbehörde der Auslieferung an Frankreich zu. Am 16. Juni 1802 transportierte man den „Schinderhannes“, das „Julchen“ und andere Mitglieder seiner Bande auf einem offenen Leiterwagen unter Bewachung französischer Gendarmerie nach Mainz ab, das damals Mayence hieß und im französischen Département du Mont-Tonnere (Donnersberg) lag.

In Mainz war „Julchen“ Blasius ab dem 16. Juni 1802 – zunächst ebenso wie der „Schinderhannes“ – im Holzturm inhaftiert, der heute noch steht. Damals war sie hochschwanger. Auf Betreiben des Mainzer Gefängnisarztes Röder wurde das „Julchen“ am 14. August 1802 in die „Maison de Force“ („Hinter den Augustinern“) verlegt. Röder hatte sich beim Präsidenten des Mainzer Spezialgerichts, Caspar Dick, über die unhygienischen Haftbedingungen, unter denen das „Julchen“ im Holzturm zu leiden hatte, beschwert.

Die Haftbedingungen in Mainz für die Gefangenen aus dem Umfeld des „Schinderhannes“ waren kein Honigschlecken. Obwohl man sie nicht folterte, starben drei der Beschuldigten während der Untersuchung und einer soll angeblich dem Wahnsinn verfallen sein.

Zur Zeit seiner Gefangenschaft in Mainz gebar das „Julchen“ am 1. Oktober 1802 einen Sohn des „Schin-derhannes“, den man Franz Wilhelm taufte. Am Tag darauf wurde die Geburt dem Mainzer Standesbeamten Johann Neeb angezeigt und von diesem beurkundet. Der damalige Mainzer Bürgermeister Franz Konrad Macké (1756–1814) unterschrieb die Geburtsurkunde, weswegen vermutet wird, das Kind habe seinen ersten Vornamen nach ihm erhalten.

Während der 16 Monate lang dauernden Voruntersuchung durch Johann Wilhelm Wernher (1767–1827) unterzog man den „Schinderhannes“ mehreren Dutzend Einzelverhören und stellte ihm 565 Fragen. Außerdem erfolgten zahlreiche Gegenüberstellungen. Das Gericht ließ den „Schinderhannes“ in der Hoffnung auf ein gnädiges Urteil und entlockte ihm umfangreiche Geständnisse. Der Hannes belastete sich selbst nicht mit Gewaltdelikten und nannte weit über 100 Personen, die im Zusammenhang mit seinen Straftaten standen.

1802 wurde Margarethe Blasius, die erwähnte ältere Schwester des „Julchen“, wegen Landstreicherei und unsittlichen Verhaltens in Kaiserslautern verhaftet. Sie war bis dahin einige Monate lang mit Peter Dalheimer, einem Räuberkumpan des „Schinderhannes“, unterwegs gewesen. Margarethe wurde ins „Korrektionshaus“ (Arbeitshaus) in Gent (Flandern, heute Belgien) eingewiesen und musste dort zwei Jahre lang verbringen.

Am 24. Oktober 1803 begann der Prozess gegen den „Schinderhannes“ im Akademiesaal des ehemaligen Kurfürstlichen Schlosses in Mainz. Die Verlesung der 72 Seiten umfassenden Anklageschrift in deutscher und französischer Sprache zog sich eineinhalb Tage dahin. Den Vorsitz im Prozess hatte der damalige Präsident des Mainzer Kriminalgerichts, Georg Friedrich Rebmann (1768–1824).

Der Mainzer Künstler Karl Mathias Ernst (1758–1830) porträtierte 1803 das „Julchen“ mit dem Säugling an der Brust und links neben ihr den „Schinderhannes“ mit Handschellen. Auf dem vermutlich geschönten Bild sind die drei herausgeputzt und auf Biedermeier-Idylle getrimmt dargestellt. Das „Julchen“ trägt ein Samthäubchen, ein Brusttuch und einen geblümten Rock, ihr Sohn Franz Wilhelm ein besticktes Häubchen und ein Kleidchen mit Rüschenkragen. Der „Schinderhannes“ ist rasiert, ordentlich gekämmt sowie auffällig gut und reichlich gekleidet.

Karl Mathias Ernst hatte von der französischen Obrigkeit die Genehmigung erhalten, die Angeklagten im Prozess gegen die Bande des „Schinderhannes“ zu porträtieren. Er wird von dem Autor Armin Peter Faust aus Weierbach als „erster Bildreporter in der deutschen Mediengeschichte“ bezeichnet. Ernst stellte die Porträts meistens in Gouache-Technik mit deckenden Wasserfarben, die mit Weiß vermischt und mit einem harzigen Bindemittel versetzt waren, her. Seine häufige Formulierung „Mit hoher Erlaubnis nach der Natur gezeichnet im Gefängnis zu Maynz“ verrät, wo er die Bilder anfertigte. Manche Porträts wurden offenbar während des Prozesses im Akademiesaal des kurfürstlichen Schlosses in Mainz angefertigt. Einmal machte ein Mitangeklagter den „Schinderhannes“ während des Prozesses auf einen störenden Maler aufmerksam. Daraufhin sagte der Hannes, er habe ein ehrliches Gesicht, das sich nicht zu scheuen brauche, wer sich fürchte, möge sich umkehren.

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Details

Seiten
120
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640648092
ISBN (Buch)
9783640647736
Dateigröße
27 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151921
Note
Schlagworte
Julchen Blasius Schinderhannes Räuber Räuberbraut Hunsrück Naheland Weierbach Idar-Oberstein Mainz

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Titel: Julchen Blasius - Die Räuberbraut des Schinderhannes