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Allan Sekulas "Fish Story" (2002) und die vier weltanschaulichen Eckpfeiler des Sekulaschen Schaffens

Seminararbeit 2008 24 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zusammenfassung von «Fish Story»

3 Die vier weltanschaulichen Eckpfeiler des Sekulaschen Schaffens

4 Die marxistische Theorie
4.1 Die Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte
4.2 Generalisierter Einfluss des Marxismus auf Sekula
4.3 Exemplarische Anwendung der «Achtzehnten Brumaire»

5. Strukturelle Semiotik
5.1. Adornos «Musique informelle»
5.2 Die organische, subjektive Struktur von «Fish Story»
5.3 Michail Bachtins «Heteroglossia»
5.4 Sprach- und Erzähltypen in «Fish Story»
5.5 Fotographische Hybridformen und ihre Rezeption
5.6. Roland Barthes «studium und puctum»
5.7. «studium und puctum» und Sekulas Dokumentarfotografie

6. Dokumentarfotografie
6.1 Sekulas Einflüsse und seine Fotosequenzen
6.2 Dekonstruktion und Neukonzeption der Dokumentarfotografie

7. Konzeptkunst
7.1 Eine Definition von Konzeptkunst
7.2 Sekulas aleatorische Kunstaktionen

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungen

1 Einleitung

Allan Sekula, 1951 als Sohn eines Ingenieurs in Pennsylvania geboren[1], ist ein dezidierter Vertreter der politischen Kunst. Noch während seines Studiums der bildenden Kunst verwirklichte er erste Kunstaktionen mit provozierendem, aleatorischem Charakter: Für Meat Mass (1972) entwendete er aus Supermärkten Fleischstücke und warf diese anschliessend auf der Autobahn unter die vorbeifahrenden Automobile.

Ziel dieser Proseminararbeit ist es, die philosophisch-kulturgeschichtlichen Strömungen, die den künstlerischen Arbeiten Sekulas – und Fish Story (1995) im Besonderen – zu Grunde liegen, aufzuzeigen.

Bereits differenziert mit Sekulas künstlerischem Schaffen hat sich Benjamin H.D. Buchloh auseinander gesetzt. In dem für die Ausstellung und Publikation Performance under Working Conditions (2003)[2] geführten Interview mit Sekula, entwirft er ein detailliertes, analytisches Bild dessen Einflüsse und Praktiken, die er in vier Eckpfeiler unterscheidet. Sekula wiederum verdeutlicht anhand Buchlohs Feststellungen seine kulturgeschichtlichen Einflüsse und seine daraus gewonnenen Erkenntnisse.

Mein Anspruch wird es sein, den Quellen Sekulas nachzugehen, sie in vereinfachter, gekürzter Form wiederzugeben und einen Schritt weitergehend, ihren pragmatischen Einfluss anhand exemplarischer Beispiele zu verdeutlichen. In einem weiteren Schritt möchte ich die reziproke Beeinflussung der vier separat betrachteten Eckpfeiler aufeinander aufzeigen, auf die Buchloh nur ungenau eingeht. Aufgrund des riesigen Umfangs an kulturgeschichtlichen Eckwerken, auf die sich Sekula bezieht, war es mir nur möglich eine Auswahl davon in diesen Text zu verwenden.

Zum Schluss werde ich ein Fazit ziehen und Unklarheiten, die im Verlauf der Arbeit aufgeworfen werden, klären.

2 Zusammenfassung von «Fish Story»

Die Ausstellung und Publikation Fish Story (1995) entstand über einen Zeitraum von mehreren Jahren, in denen Sekula die grossen Frachthäfen dieser Welt besuchte, um sich ein detailliertes, realitätsnahes Bild des in seinen Augen mystifizierten Raumes der Seefahrt und seiner Menschen zu schaffen.[3]

Bei seinen Ausführungen über die Entwicklung des maritimen Frachtverkehrs, und mit ihm der transnationalen Prozesse der Globalisierung, stützt er sich auf einen breiten Korpus an kulturgeschichtlichen Eckwerken über den maritimen Raum. Mit deren Hilfe will er die Veränderungen des Seemannberufs, die anachronistischen Vorstellungen der Landbewohner über die Seefahrt, die Veränderung der bildenden Kunst sowie den Wandel in der Repräsentation der Seefahrt als Heterotopie aufzeigen. Er kommt zur Einsicht, dass die «heutige Situation der bürgerlichen Phantasie einer Welt des Wohlstandes ohne Arbeiter schon recht nahe kommt».[4]

3 Die vier weltanschaulichen Eckpfeiler des Sekulaschen Schaffens

Buchloh stellt vier Strömungen fest, die in den frühen 1970er Jahren den Grundstein für Sekulas künstlerische Arbeit legen.[5] Es sind dies:

1) Die marxistische Theorie
2) Die strukturelle Semiotik
3) Die Dokumentarfotografie
4) Die Konzeptkunst der späten 1960er

4 Die marxistische Theorie

4.1 Die Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte

Sekula gibt auf Buchlohs Frage zum Eckpfeiler Marxismus folgende Antwort: «Mein Marxismus war ziemlich eklektizistisch, da er Elemente des strukturellen und hegelianischen Marxismus miteinander verband. [...] Ich fühlte mich besonders zu Marx philosophischen Schriften hingezogen, zum Achtzehnten Brumaire zum Beispiel, und zu marxistischen Sozial- und Literaturtheoretikern wie E.P. Thompson und Raymond Williams [...].»[6]

In Der Achtzehnte Brumaire analysiert Marx den Staatsstreich Louis Bonapartes am 9. November 1799.[7] Er interessiert sich für die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit, die es zu einem Putsch kommen liessen. Brunkhorst fasst Marx Beobachtungen in der von mir verwendeten Ausgabe folgendermassen zusammen:

Die Legislative des postrevolutionären Frankreich gliedert sich in zwei Entitäten. Ein vom Volk gewähltes Parlament, sowie ein von demselbigen bestimmten Präsidenten. Letzterer kann in weiten Bereichen willkürlich handeln. Louis Bonaparte, der Neffe Napoleons I, wird von den ländlichen Bauern gewählt. Bonapartes Onkel hat die Feudalherrschaft abgeschafft und das private Landeigentum eingeführt, womit die Sympathien der Bauern für den Neffen zu erklären sind. Weiter stellt das Verhältnis Zentrum zu Peripherie eine Analogie zu Parlament zu Präsident dar. Die unorganische Klasse der ländlichen Peripherie, die sich wegen ihrer grossen Armut nicht selber im Parlament zu repräsentieren vermag, steht den städtischen, organisierten Klassen gegenüber, die im Parlament vertreten sind. Der Niedergang des Parlaments geschieht durch eine Aufsplitterung der Parteien in partikulare Interessen, die keine Mehrheit finden.

Die Essenz aus Brunkhorsts Zusammenfassung lautet: Der Rückschlag der Aufklärung erfolgt aufgrund von Aberglauben, Armut und Bildungsnotstand des peripheren Proletariats.

4.2 Generalisierter Einfluss des Marxismus auf Sekula

Die Anleihen Sekulas vom Marxismus im Allgemeinen treten klar zu Tage, wenn wir seinen Aufsatz Den Modernismus demontieren, das Dokumentarische neu erfinden[8] zur Betrachtung beiziehen.[9] Darin bemängelt Sekula den Notstand an verbindendem, metakritischem Denken in der zeitgenössischen Kunst, begründet durch die materielle Ungleichheit im Kapitalismus. Die von ihm praktizierte Darstellung der manuellen Produktion und ihrer ArbeiterInnen kann klar als Stellungsnahme für diese gesehen werden. An dieser Stelle vollzieht sich eine Symbiose der Eckpfeiler «Marxismus» und «Dokumentarfotografie». Das Tabu der Moderne, die Produktionsverhältnisse zu negieren, wird zu Gunsten einer Würdigung der Arbeiter aufgehoben. Detaillierter auf den Einfluss des Marxismuskonzepts auf den Eckpfeiler «Dokumentarfotografie» gehe ich im Kapitel 6.1 ein. Zusammenfassend lässt sich sagen: Sekula kritisiert die neoliberale, kapitalistische Wirtschaftspolitik, in dem er Zusammenhänge zwischen der Modernisierung und dem daraus erwachsendem Elend aufzeigt.

Sekula sagt im Gespräch mit Buchloh weiter, dass er für sein Marxismuskonzept Elemente des strukturellen und hegelianischen Marxismus miteinander verband. Das berühmteste Konzept Hegels, das Marx in seine gesellschaftsphilosophischen Überlegungen übernahm, ist die Dialektik. Sie besagt, dass: «[...] alle Entwicklung darin [besteht], dass ein vorhandener Zustand oder Begriff (Thesis) mit seiner Negation (Antithesis) vereint wird (Synthesis) und somit einen neuen Zustand hervorbringt, an welchem sich der Prozess wiederum vollzieht.»[10] Sekula glaubt, diesen Gedanken fortführend, an die Notwendigkeit einer «erweiterte[n], umfassende[n] Praxis»[11] der Kunst, die den «Mangel an «verbindendem metakritischen Denken»[12] aufhebt, und sich für einen «authentischen Sozialismus»[13] einsetzt.

Dass seine Kunst dies zu tun vermag, zeigte sich, als die Ausstellung Fish Story in Seattle den Nährboden für Diskussionen und Proteste der Dockarbeiter legte.[14]

4.3 Exemplarische Anwendung der «Achtzehnten Brumaire»

Im Folgenden werde ich versuchen, die Dualismen Stadt-Parlament und Peripherie-Monarch aus Marx’ Achtzehnter Brumaire auf ein Fotopaar aus dem Kapitel «Loaves and Fishes» von Fish Story zu übertragen. Die erste Fotografie (Abb. 1) zeigt eine Statue aus starker Untersicht auf dem Platz der Kultur und Wissenschaft in Warschau. Die Figur hält ein grosses Buch in der linken Hand, auf dem die Namen Marx, Engels, Lenin und Stalin zu lesen sind. Über der Statue befindet sich eine grossflächige Leuchtschrift eines Casinos. Die zweite Fotografie (Abb. 2) zeigt Arbeitslose im Gang eines Arbeitsamtes in Polen. Sie sind aus leichter Aufsicht aufgenommen, fast alle sitzenden, mit dem Oberkörper vornüber gebeugt.

Hier wird der von Marx festgestellte Gegensatz von bildungsbürgerlicher, städtischer Ideologie, repräsentiert durch die kommunistische Statue, und gelebter Praxis – dem Glückspiel – deutlich:

Das im Laster des Glückspiels verlorene Geld des Homo ludens civilis kommt den Arbeitlosen zu Gute, die auf den Staat und seine weiterverteilten Gelder angewiesen sind.

Es vollzieht sich ein reziproker Bruch zwischen Ideologie und Praxis, bildungsnaher, organisch strukturierter Stadt und eher bildungsferner, unorganischer Peripherie.

[...]


[1] Kat. Wien 2003, S. 340.

[2] Kat. Wien 2003.

[3] Kat. Rotterdam 2002, S. 202.

[4] Sonderegger 2008, S. 1–3.

[5] Folgende Ausführungen beruhen auf: Kat. Wien 2003, S. 36.

[6] Kat. Wien 2003, S. 37.

[7] Folgende Ausführungen beruhen auf: Marx/Brunkhorst 2007, S. 182–189.

[8] Sekula 2000.

[9] Folgende Ausführungen beruhen auf: Sekula 2000, S. 120–128.

[10] Kahl 2008, S. 32.

[11] Sekula 2000, S. 129.

[12] Ebenda.

[13] Ebenda.

[14] Kat. Wien 2003, S. 49.

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640640867
ISBN (Buch)
9783640640973
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151911
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Kunsthistorisches Institut
Note
5 (Schweiz)
Schlagworte
Allan Sekulas Fish Story Eckpfeiler Sekulaschen Schaffens

Autor

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Titel: Allan Sekulas "Fish Story" (2002) und die vier weltanschaulichen Eckpfeiler des Sekulaschen Schaffens