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Die „Perfektion“ und das „Fantastische“ in La invención de Morel von Adolfo Bioy Casares

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 21 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Adolfo Bioy Casares

3. Inhalt von La invención de Morel

4. Zur Bedeutung von Morels Erfindung

5. Die “Perfektion” in La invención de Morel

6. Belege für das „Fantastische“ in La invención de Morel

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

La invención de Morel von Adolfo Bioy Casares ist ein Meisterstück der modernen fantastischen Literatur, das an dem Boden der Realität rüttelt und welches Jorge Luis Borges in seinem Vorwort mit einem schlichten, aber mächtigen Adjektiv beschreibt: „perfecta“.[1]

Adolfo Bioy Casares geht in seinem Roman eine sowohl ausladende wie eindringliche Auseinandersetzung mit den Bild- und Tonmedien des technischen Zeitalters ein. Ein Text, der wie eine klassische Kriminalgeschichte gestaltet ist, und sich als autobiografische Notiz eines Schiffbrüchigen auf einer Insel ausgibt, wobei es sowohl einen Verfasser der Notizen gibt, als auch einen „Herausgeber“. Beide erscheinen jedoch als unverlässlich. Es gibt, ganz dem Muster eines Kriminalromans folgend, eine überraschende Auflösung am Schluss in der die vorangegangenen Ereignisse durch „un solo postulado fantástico pero no sobrenatural“[2] begreiflich gemacht werden.[3] Borges würdigt diese im Prolog als erste und zugleich mustergültige science fiction story in spanischer Sprache. Obwohl es Borges begrüsst, dass Bioy die Gattung der “obras de imaginación razonada” endlich auch im spanischen Sprachraum einbürgert, bleibt er in aufschlussreichem Gegensatz zu ihm skeptisch gegenüber einem “fantástico demasiado mecanizado”.[4]

In der folgenden Arbeit werde ich zunächst Adolfo Bioy Casares in die Literaturlandschaft seiner Zeit einordnen und seinen schriftstellerischen Werdegang kurz wiedergeben. Den beiden Hauptaspekten meiner Arbeit, der „Perfektion“ und dem „Fantastischen“, werde ich mich auf einer semantischen Ebene annähern. Im Fazit erfolgt dann, aufbauend auf den zuvor gewonnen Erkenntnissen, der Versuch das Werk in eine Gattung einzuordnen.

2. Adolfo Bioy Casares

Adolfo Bioy Casares wurde 1914 in Buenos Aires geboren. Bereits in jungen Jahren begann er mit dem Schreiben. Er wuchs als Einzelkind in einer wohlhabenden Familie aus gebildeten Kreisen auf und wurde deshalb immer in seiner schriftstellerischen Tätigkeit unterstützt. Sein Vater war Anwalt und hatte selbst zwei Bücher veröffentlicht. Er half ihm auch bei seinem ersten Roman Prólogo, der 1929 erschien. Er verfasste noch diverse Aufsätze, die jedoch nicht veröffentlich wurden. 1933 brachte er unter dem Pseudonym Martín Sacastrú sein zweites Werk heraus, 17 disparos contra lo porvenir, gefolgt von Caos, ein Sammelband mit Geschichten, der 1934 erschien. La nueva tormenta o la vida múltiple de Juan Rutino kam 1935 und La estatua casera 1936. Alle diese Werke, die vor 1940 entstanden, gehören zu Bioys Schaffenswerk, das er ablehnte. Die Ergebnisse dieser ersten Schaffensperiode wollte Bioy stets vergessen machen. Er sagte stets, dass dies lediglich Werke eines Heranwachsenden seien, der sich zwar für Literatur interessiere, jedoch nicht ernstzunehmend sei.

1940 heiratete er die Schriftstellerin Silvina Ocampo. Mit ihr zusammen veröffentlichte er 1946 den Kriminalroman Los que aman, odian.[5]

La invención de Morel markierte Bioy Casares dann endlich als einen reifen Autor. Dieser Text überraschte durch seine einfache Sprache, seine klare Syntax, die das Werk ausmachen. Es ist leicht erkennbar, wie(,)in dem Streben nach Nüchternheit und Klarheit(,) eine wahre Reinigung im Vergleich zu dem vorangegangen Werk Caos stattgefunden hat. Das war eher durch eine gekünstelte impressionistische Sprache charakterisiert, jedoch mit dem Anspruch sich an eine surrealistische Sprache anzunähern. Der fehlende Humor in den Produktionen vor La invención de Morel unterscheidet sie beträchtlich von den nachfolgenden Werken. Der Humor kennzeichnet alles was danach kam aus und brachte Bioy letztendlich auch mit Cortázar zusammen. Der Humor stürzte alles Vorangegangene um und zerstörte das Vertrauen in den gemeinsamen Sinn und die Logik.

Ungefähr in den 1930er Jahren begann seine Freundschaft zu Jorge Luis Borges. Gemeinsam publizierten sie eine Zeitschrift namens Destiempo, die allerdings nur drei Ausgaben hatte. Außerdem entstanden durch ihre Zusammenarbeit einige fiktive Autoren, wie zum Beispiel H. Bustos Domecq.[6]

Sein darauffolgender Roman Plan de evasión von 1945 brauchte sechs Jahre bis zu seiner Fertigstellung. In diesem Roman führt er sein ästhetisches und inhaltliches Programm von La invención de Morel fort. 1948 erschien dann ein Sammelband La trama celeste, aus dem viele Erzählungen bereits in der Zeitschrift Sur erschienen waren. In Sueño de los héroes (1954) vollendet er dann sein Programm. Der anschließend folgende Sammelband ist die Fortsetzung seiner Leidenschaft für fantastische Themen. Seine letzten Romane Diario de la guerra del cerdo (1969) und Dormir al sol (1973) handeln beide in Buenos Aires und spiegeln den Menschen im Allgemeinen wieder. Obwohl er die autobiografische Dimension in seinen Werken stets mied, publiziert er 1944 seine Erinnerungen (Memorias) die als persönliche Version seines literarischen Lebensthemas von Rätsel und Enträtselung gesehen werden kann. Zusätzlich zu seinen erzählten Werken hat Bioy Casares ein Buch zur Literaturkritik publiziert, in dem zuvor veröffentlichte Artikel zusammen gefasst sind.[7]

3. Inhalt von La invención de Morel

La invención de Morel ist ein Abenteuerroman in dem der Protagonist zum Opfer einer scheinbar halluzinatorischen Wahrnehmung wird. Er erkennt nicht, dass eine Gruppe von Ferienbesuchern, die sich gelegentlich in Luft auflöst und dann aus dem Nichts wieder auftaucht, das Produkt eines dreidimensionalen Films ist. Dieser Film wird im Rahmen eines wissenschaftlichen Experimentes auf die Insel projiziert. Es ist eine Parabel auf die menschliche Existenz, in der der Einzelne von seinem „Nächsten“ weit entfernt lebt und nicht fähig zur Kommunikation ist.

Der Roman setzt in direkter Rede in der ersten Person Singular und in medias res ein. Ein Flüchtiger, ein namenloser Venezolaner, kommt auf eine einsame Insel und findet heraus, dass eine europäische Reisegruppe dort von der Pest heimgesucht wurde und alle verstorben sind. Eine Woche aus dem Leben der Opfer wurde jedoch mit Hilfe einer Maschine aufgezeichnet und wird nun in einer Dauerschleife immer wieder abgespielt. Der Protagonist beschliesst ein Tagebuch zu führen, in dem er seine Erlebnisse auf der Insel schildert. Aus diesen Aufzeichnungen setzt sich der gesamte Roman zusammen, so dass wir es zu keinem Zeitpunkt mit einem auktorialen Erzähler zu tun haben.

Die Insel ist keine gewöhnliche Insel, denn sie ist Schauplatz für Morels Erfindung. Der Erfinder dieses erstaunlichen Gerätes ist ebenfalls dort für immer verewigt. Das ganze ist eine Art dreidimensionale Projektion, die über die gesamte Insel ausgestrahlt wird, sowohl in Bild, als auch in Ton. Er erklärt dies in seinem Vortrag, der ebenfalls auf die Insel projiziert wird:

Esta isla, con sus edificios, es nuestro paraíso privado (...) Aquí estaremos eternamente – aunque mañana nos vayamos – repitiendo consecutivamente los momentos de la semana y sin poder salir nunca de la conciencia que tuvimos en cada uno de ellos (...) porque no habrá otros recuerdos en cada momento de la proyección que los habidos en el correspondiente de la grabación, y porque el futuro, muchas vece dejado atrás, mantendrá siempre sus atributos.[8]

Der Flüchtige verliebt sich in eine der widergegebenen Personen namens Faustine. Ohne jedoch zu wissen, dass es sich lediglich um eine Projektion handelt.

Das Manuskript Morels taucht erst am Schluss des Romans auf. Der Leser erfährt also zum gleichen Zeitpunkt wie der Erzähler von der Erfindung und dem damit zusammenhängenden Rätsel, dass es mit den anderen Bewohnern der Insel auf sich hat. Es wird klar, dass niemand ihn verfolgt hat, was er durch den Roman hindurch permanent befürchtet hatte. Er ist lediglich der Beobachter, der in seinem Diskurs jede Bewegung derer festhält, die er beobachtet. Dabei handelt es sich jedoch um eine statische, sich immer wiederholende Bewegung.

Nachdem er sich der Täuschung gewahr wird, gelingt es ihm sich ebenfalls aufzuzeichnen und sich durch einzelne Montagen mit seiner Geliebten in der Projektion zu vereinen. Obwohl er sich bewußt darüber ist, dass dies seinen Tod bedeutet. Denn alle, die durch die Maschine verewigt werden, müssen sterben.[9]

4. Zur Bedeutung von Morels Erfindung

Der Franzose Morel gibt mit seiner fantastischen Erfindung der Erzählung den Titel. Die Maschine ermöglicht Aufzeichnungen und Wiedergabe in dreidimensionaler und synästhetischer Form. Wie eine Art Kamera registriert sie Bilder und speichert diese auf einer Schallplatte. Ein Projektor gibt dann alle Sinneseindrücke als holografische Simulation wieder. Dieses Gerät befindet sich auf einer unbewohnten Insel im Pazifik, auf der sie der Ich-Erzähler entdeckt. Wie Robinson Crusoe aus Daniel Defoes gleichnamigem Roman, haust der Erzähler allerdings hier in einer verlassenen Villa. Bis er eines Morgens auf einmal Gestalten bemerkt, die sich bei Tanzmusik vom Plattenspieler vergnügen. Es sind die Projektionen der verschwundenen Bewohner von einst. Sie werden durch eine im Keller verborgene Apparatur, die durch die Gezeiten angetrieben wird, abgespielt. Der Erzähler entdeckt dies jedoch erst später und zieht sich aus Angst vor Verfolgung in eine Höhle am Strand zurück. Hunger und Neugier locken ihn bald wieder hervor. Hauptsächlich jedoch angetrieben von der Leidenschaft für eine gewisse Faustine, die er unter den Fremden erblickt. Zunächst hält er sie für wahnhafte Visionen oder für Halluzinationen seiner selbst, hervorgerufen durch den Verzehr berauschender Wurzeln. Eines Tages wohnt er der feierlichen Ansprache Morels über seine geheimgehaltene Erfindung bei, und erfährt, dass er technischen Projektionen gegenübersteht. Ein aufgefundenes Manuskript mit ihrem nur zum Teil vorgetragenen Text enthüllt dem Erzähler nicht nur die Funktionsweise der Apparatur, sondern auch die Ansichten und Absichten ihres Erfinders.[10] Aus der Sicht des Ingenieurs zeichnet dieser ein einfühlsames Bild des neuen Geräts. Er begreift es als bislang effektivstes Medium zur Herstellung von Präsenz, das die Möglichkeiten vorhandener Medien zur Bewältigung von Abwesenheit zusammenfasst und erweitert:

[...]


[1] Bioy Casares, Adolfo, 1972: 12

[2] Ebenda: 11

[3] Vgl.: Hrg.:Rösner, Michael, 2002: 364

[4] Vgl.: Bioy Casares, Adolfo, 1972: 11

[5] Vgl.: Bolte, Rike, 1999: 56

[6] Vgl.: Tamargo, Maria Isabel, 1983: 109ff

[7] Vgl.: Tamargo, Maria Isabel, 1983: 113

[8] Bioy Casares, Adolfo, 1972: 93

[9] Vgl.: Tamargo, Maria Isabel, 1976: 486f

[10] Vgl.: Bioy Casares, Adolfo, 1972: 79f

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640633616
ISBN (Buch)
9783640633838
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151859
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Morel Adolfo Bioy Casares

Autor

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