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Eine Betrachtung zu Jean-Jacques Rousseau

Konzeption, Bedeutung, Kritik

Seminararbeit 2007 25 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Jean-Jacques Rousseau
2.1 Menschenbild
2.1.1 Das Menschenbild im Naturzustand
2.1.2 Das Menschenbild in der Gesellschaft
2.2 Begriff der Freiheit
2.2.1 Die Freiheit im Naturzustand
2.2.2 Die Freiheit in der Gesellschaft
2.3 Der Gemeinwillen und das Gemeinwohl

3. Der perfekte Staat

4. Die Bedeutung Rousseaus Staatstheorie
4.1 Bedeutung für Theoretiker des 20. Jahrhunderts
4.2 Kritische Betrachtungen

5. Ein Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Die folgende Abhandlung setzt es sich zum Ziel, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob der französische Staats- und Freiheitstheoretiker Jean- Jacques Rousseau zu Recht als der „Apostel der Demokratie“1 einerseits, oder aber eher einem „Wegbereiter zu jeder Form der Diktatur“2 gleicht. Anhand jener Bemerkungen wird bereits deutlich, in welch hohem Maße Rousseau unter Wissenschaftlern und Theoretikern polarisiert; eine tiefgreifende Betrachtung jener umstrittenen Konzeptionen scheint ebenso hilfreich wie unabdingbar.

Gliedern wir in einem ersten Schritt die zu untersuchende Konzeption in die Ideengeschichte des Republikanismus ein. Rousseaus theoretisches Konstrukt baut auf Vorstellungen bezüglich der antiken polis auf, welche auf einem dem Gemeinwohl verpflichtenden Gemeinwesen gründet.3 Eine Zuwendung zum Aristotelischen Denken wird ersichtlich., Rousseau empfindet den von Liberalisten geförderten Individualismus als Kernproblem moderner Gesellschaften; Identitätskrisen durch Repräsentation zerstören eine erstrebenswerte Selbstregierung 4. Im Vordergrund muss der normative Wert einer Gemeinschaft stehen, die als Basis politischer Entscheidungsfindungen gilt. Dieser kurzen Begriffsverdeutlichung mittels Literatur von Nohlen soll im Weiteren eine schrittweise Annäherung an Rousseaus Staatsideal erfolgen; Rousseaus Menschenbild bildet die Grundlage seines Idealstaats der radikal- demokratischen Republik . Hierbei ist Rousseaus citoyen , der Staatsbürger, von Bedeutung, der sich mit anderen Bürgern zu einer (politischen) Gesellschaft zusammenschließt, die den volonté génèrale findet: ein gemeiner Willen , der die Interessen aller repräsentiert, ohne dabei nur die Summe solcher zu sein.

Ebenso wie das Menschenbild muss das Verständnis für Freiheit erläutert werden. Ähnlich wie im Kapitel Menschenbild, soll hier der Mensch sowie seine Freiheiten nur der Vollständigkeit gelistet werden- zentral ist die Bedeutung in der Gesellschaft. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Freiheitsverständnis für das Menschenbild?

Geht Rousseau im Naturzustand noch von einer absoluten natürlichen Freiheit aus, liegt es nahe, dass eine absolute Freiheit für jeden im Rahmen der Gesellschaft nicht mehr geben kann. Rousseau kreiert eine gesellschaftliche Freiheit, deren Ziel es ist, qualitativ jener absoluten weitgehend zu ähneln.

Wir haben bereits bei der Nennung republikanischen Denkens ein Gemeinwohl kennen gelernt; dem Worte nach sucht Rousseau also nach dem Bewusstsein eines jeden Gesellschaftsmitglieds, nicht seiner eigenen Privatinteressen nach zugehen, sondern vielmehr den einzelnen Menschen zu sensibilisieren, über das Wohl aller zu befinden, und in diesem Interesse zu einer Meinung zu gelangen. Fragen nach der Findung eines solchen, als auch Fragen, ob der Gemeinwille irren kann, sollen beantwortet werden. Rousseaus Staatsideal steht unter der Idee der Radikaldemokratie, Begriffe wie der Gesellschaftsvertrag und die Identitätstheorie sind hier von entscheidender Bedeutung. Als Primärliteratur soll vor allem Rousseaus Hauptwerk „Staat und Gesellschaft“ , aus dem Französischen übersetzt von Kurt Wiegand , sowie „Der Gesellschaftsvertrag oder Grundlagen des Staatsrechts“ , übersetzt von Fritz Roepke , dienen.

Gelangen wir nun zum eigentlichen Ziel dieser Arbeit. Wir haben Rousseaus idealtypische Konzeption, Anforderungen und Eigenschaften des perfekten Staates herausgefunden, mit all seinen denkbaren Vor- und Nachteilen. Belegt wird nun einerseits, inwieweit Rousseau tatsächlich der „Apostel der Demokratie“ ist, sowie welche Bedeutung wir Rousseau wir nachfolgende Theorien und Gedanken zuschreiben können. Welche Ideen blieben nachträglich in den Konzeptionen des 20. Jahrhunderts erhalten? Beleuchtet werden soll selbstverständlich auch die Kontroverse des individualitätsablehnenden Rousseau, Kritiker sind vor allem im liberal- repräsentativen Lager, dem großen Gegenspieler, zu finden, ebenso wie in der liberalen Philosophie.

Abschließend können wir ein Fazit ziehen, eine Schlussbetrachtung, die über das Für und das Wider befindet und abwägt. Eine Wertung soll dabei weitestgehend vermieden werden.

2. Jean-Jacques Rousseau

2.1 Menschenbild

Es soll nun versucht werden, Rousseaus Idealtyp eines Menschen darzustellen. Welche Charaktere, Spezifika sowie Eigenheiten schreibt er dem Menschen zu, und welche Auswirkungen haben diese auf sein Handeln, und ferner auf Rousseaus Staatstheorie?

Halten wir fest: grundsätzlich unterscheidet Rousseau zwischen zwei wesentlichen Grundtypen von Menschen; den ursprünglichen bezeichnet er als Naturmensch , einem Einzelmensch, beim Eintritt in die Gesellschaft wird aus diesem der zivilisierte Gesell- schaftsmensch , ähnlich dem zoon politikon des Aristoteles.5

2.1.1 Das Menschenbild im Naturzustand

Zur Erläuterung des Wesens des Naturmenschen ist es hilfreich, sich dem Darstellungsmittel des Naturzustandes zu bedienen. Stellen wir ihn uns vereinfacht als chaotisch, unzivilisiert, ohne eine rechtliche Ordnung, hart aber friedlich vor. In diesem Zustand befindet sich der „ursprüngliche“ Mensch zu Beginn seines Lebens. Er lebt isoliert, Rousseau scheut einen Vergleich mit dem Tier nicht6. Der Naturmensch sei glücklich, dumm und zufrieden7 - glücklich und zufrieden, da er solche Gefühle wie Konkurrenz, Neid oder auch Rachegelüste nicht verspürt und kennt, er besitzt keinerlei Verpflichtungen und ist frei von zivilisatorischen Einflüssen, dumm, da er auch aufgrund fehlender Kommunikation mit anderen sich nicht fortentwickelt. Der Naturmensch lebt in völliger Autarkie jedes Individuums.

Wie bereits erwähnt, ist dieser Zustand durchaus mit dem eines Tieres zu vergleichen, einzig die Freiheit kann als spezifische Differenz gedeutet werden. Freiheit bezeichnet hier für Rousseau die Fähigkeit des Menschen, sich von einer „festen und instinktgesteuerten Bindung an bestimmten Lebens- und Ernährungsweisen“ zu lösen8. Sowohl der Mensch, als auch das Tier werden ausschließlich von einem Trieb der Selbsterhaltung , dem amour de soi 9, geleitet. Allerdings besitzt auch hier der Mensch eine Fähigkeit, die Rousseau als perfectibilité 10 bezeichnete, die es ihm ermöglicht, dazu zu lernen, dem Worte nach, sich zu „perfektionieren“. Von dieser perfectibilité kann er jedoch erst mit dem Eintritt in die Gesellschaft Gebrauch machen.

Der Mensch erfährt nun einen empirischen Wandel seines Wesens, so Rousseau, interessant ist, dass er das Wesen als nicht starr, vielmehr wandelbar, dynamisch defi- niert. Er tritt nun als Naturmensch aus dem Naturzustand aus, dies vollzieht er nicht freiwillig, vielmehr ist es das Ergebnis „zufälliger Zusammentreffen äußerer Ursachen“11, die es notwendig machten, sich mit anderen zusammenzuschließen, um die vorhandenen Kräfte gemeinsam zusammenzufassen, „und ihnen eine bestimmte Richtung zu geben“ um so die „Existenz zu erhalten“12.

2.1.2 Das Menschenbild in der Gesellschaft

Wir sprachen bereits vom Eintritt des Menschen in die Gesellschaft. Gemeint ist hier der fiktive Schritt eines jeden Menschen, um einen „Platz“ in der Gesellschaft einzunehmen. Einhergehend mit diesem Prozess der Vergesellschaftung entwickelt sich der Mensch sofort zum zivilisierten Menschen, der tugendhaft und sittlich handelt; tugendhaftes Handeln bei Rousseau besteht darin, „gerecht zu sein, indem man über seine Leidenschaften triumphiert und über sein eigenes Herz herrscht“13. Begünstigend hierbei wirkt ein Leben in einfachen Verhältnissen- Luxus verleite lediglich zu Neid und Missgunst14, also Leidenschaften der Selbstsucht, dem amour-propre 15. Es besteht die Gefahr, dass sich der natürliche amour de soi negativ mit der Entwicklung hin zum gesellschaftlichen Wesen zu eben jenem amour-propre verändert. Rousseau geht von einem Kampf mit sich selbst aus, um die Befreiung von sinnlichen Trieben und Ordnungswidriger Leidenschaften zu erreichen. Gelingt ihm dies, erwirbt er eine Tu- gend. Die Tugend eines jeden Bürgers muss es sein, seinen eigenen, egoistischen Partikularwillen gegenüber dem Gemeinwillen (= repräsentiert das Gemeinwohl) zurückzustellen.16

Einhergehend mit der Vergesellschaftung, die den Menschen von einem „dummen und beschränkten Tiere zu einem denkenden Wesen“17 machte, entwickeln konnte entwickelt sich sein angeborenes Gewissen weiter, das sich jedoch erst dann entfalten kann, wenn ihm von der Vernunft (die er allmählich mit dem täglichen Leben in der Gesellschaft begreift) die Erkenntnis der Ordnung vermittelt wird18.

Erkenntnisse

müssen hierbei erst erworben werden, sie sind nicht angeboren, sondern müssen aus Sinneswahrnehmungen („seine Fähigkeiten entwickeln sich“19 ) hervorgehen, die es ihm auch ermöglichen, über das Gute sowie das Böse abzuwägen und zu entscheiden. Der Mensch lässt sich nun nicht mehr von physischen Trieben steuern, vielmehr befragt er die Vernunft, nach welchen Grundsätzen er handeln solle. Im Gegensatz zum Instinkt des Naturmenschen bestimmt jetzt die Gerechtigkeit seine Handlungen.20

Rousseau bezeichnet den für ihn idealen Staatsbürger als citoyen21, ein tugendhafter Mensch, der im Gemeinwohl (also das Wohlergehen der Allgemeinheit, der Gesell- schaft) sein eigenes höchstes Interesse erkennt. Jene Wahrnehmung ist allerdings nicht beim Eintritt in die Gesellschaft vollzogen, er muss vielmehr erkennen, dass sein „egoistisches Privatinteresse“22 die Gemeinschaft lediglich in Zwietracht stürzen wird;

der vernünftige Mensch opfert es, und stellt auf diese Weise eine rechte Ordnung seiner Person her, wenn er seine Interessen und Leidenschaften zum Wohle der Gemeinschaft unterdrücken kann. Rousseau ist der Meinung, den citoyen im Mittelstand zu finden, denn in diesem herrschen „enge Interessen“ bei gleichzeitigem „denkbar großem inne- ren Zusammenhalt“23.

[...]


1 Vgl. Mayer-Tasch, S. 88.

2 Constant, Benjamin, S. 173.

3 Vgl. Nohlen, Dieter, Band 2, S. 818.

4 Vgl. ebd., Band 1, S.455.

5 Eine genauere Erläuterung soll hier noch nicht erfolgen, an dieser Stelle sind die Begriffe zunächst

ausreichend, der Hinweis zum Aristotelischen Denken wird ebenfalls in folgenden Kapiteln

aufgenommen.

6 Vgl. Fetscher, Iring, S. 62.

7 Vgl. Speth, Rudolf, S.121.

8 Vgl. Fetscher, Iring, S. 62.

9 Ebd., S.63.

10 Ebd., S. 63.

11 Vgl. Speth, Rudolf, S.121.

12 Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Buch 1, Kap. 5, S. 47.

13 Fetscher, Iring, S.88.

14 Vgl Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Buch 3, Kap. 4, S. 105 und Speth, Rudolf, S.123.

15 Fetscher, Iring, S. 64.

16 Vgl. insgesamt ebd., S.87. An dieser Stelle genügt dieses einfache Gleichnis des Gemeinwillens.

17 Vgl. Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Buch 1, Kap. 8, S.52.

18 Vgl. Fetscher, Iring, S.92.

19 Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Buch 1, Kap. 8, S.52.

20 Ebd., S.52.

21 Vgl. Schaal, S. 144.

22 Fetscher, Iring, S. 93.

23 Vgl. ebd., S. 217.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640644896
ISBN (Buch)
9783640645169
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151717
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
2.3
Schlagworte
Rousseau Demokratietheorien Karl Marx Sozialismus Gesellschaftsvertrag Gemeinwille Thema Rousseau

Autor

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