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Die Olympischen Spiele im Kalten Krieg

Der Olympismus und die Boykott-Spiele von 1980 und 1984 im Kontext des Kalten Krieges – eine konstruktivistische Betrachtung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 38 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstruktivistische Schlüsselkategorien
2.1 Identitäten
2.2 Interessen
2.3 Macht aus konstruktivistischer Perspektive

3. Die Olympischen Spiele der Neuzeit: Ideale und Geschichte
3.1 Baron Pierre de Coubertin und der historische Hintergrund
3.2 Die Ideale des Olympismus
3.3 Olympismus und Idealismus
3.4 Exkurs I: Die Attraktivität der modernen Olympischen Spiele für die Politik

4. Die Boykott-Spiele von 1980 und 1984 und ihre Hintergründe
4.1 Der Kern des Kalten Krieges
4.1.1 Der Kalte Krieg im Vorfeld der Olympia-Boykotts 1980 und
4.1.2 Exkurs II: Kapitalismus, Kommunismus und Olympismus
4.2 Die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau
4.3 Die Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles

5. Der Olympismus und die Olympia-Boykotts aus konstruktivistischer Sicht

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

8. Online-Quellenverzeichnis

Nichts ist mächtiger als eine Idee,

deren Zeit gekommen ist.

— Victor Hugo

1. Einleitung

Die Olympischen Sommerspiele sind – neben der Fußball-Weltmeisterschaft – das wichtigste Sportereignis der Welt. Im Turnus von vier Jahren treffen sich die besten Sportler aus fünf Kontinenten, um ihre Kräfte zu messen. Alle vier Jahre feiern sie ein buntes, fröhliches Fest, das vor Emotionen nur so sprüht – jede Auflage der Olympischen Spiele gebiert aufs Neue feierliche Zeremonien, tragische Niederlagen, großartige Triumphe, erlebt Favoritenstürze und Heldengeburten. Und rund um den Globus fiebern Millionen, vielleicht sogar Milliarden von Menschen vor ihren Fernsehbildschirmen gebannt mit.

Seit ihrer Premiere 1896 in Athen üben die Olympischen Spiele der Moderne eine gewaltige Faszination auf die Staaten dieser Welt aus. Von wenigen Ausnahmen abgesehen hat jeder neue Staat das Bestreben entwickelt, Mitglied der Olympischen Familie zu werden; mitunter sogar noch bevor die Anerkennung beim Völkerbund (beziehungsweise später den Vereinten Nationen) ersucht wurde. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schließlich kann das Internationale Olympische Komitee (IOC) mehr Nationale Olympische Komitees (NOK) verzeichnen, als Staaten zu den Vereinten Nationen gehören (vgl. Jütting 2001: 80-81, 92).

Gleichwohl sind die Olympischen Spiele nicht bloß als ein vergnügliches Fest des Sports konzipiert worden. Hinter den Spielen steht eine Ideologie, die vielfältige Ziele verfolgt und in deren Mittelpunkt der Einsatz für den Frieden steht. In der Olympischen Charta heißt es: „The goal of the Olympic Movement is to contribute to building a peaceful and better world“ (IOC 2004: 9). Mit dem Ziel der Friedensförderung durch Verständigung sowie Erziehung zu Regeln und gegenseitiger Achtung weist der Olympismus Parallelen zum Idealismus in den Internationalen Beziehungen auf (vgl. dazu Kapitel 3.3 in diesem Beitrag).

Allen idealistischen Ansprüchen zum Trotz wurden die Olympischen Spiele mehrfach von Staaten zu einer Arena gemacht, in der sie ihre Feindseligkeiten austrugen. 1980 und 1984 wurden die Sommerspiele besonders offenkundig zum Schauplatz einer weltpolitischen Auseinandersetzung: Die Spiele 1980 in Moskau boykottierten, angeführt von den USA, eine Reihe westlicher Staaten; den Spielen 1984 in Los Angeles blieb, diesmal unter Führung der Sowjetunion, fast der gesamte Ostblock fern (vgl. Kluge 1999: 677-679, 895-897).

Vom hehren Ziel der Völkerverständigung waren die Spiele im Kalten Krieg weit entfernt. Filzmaier (2004) schreibt gar von „Olympischen Stellvertreterkriegen“, in denen West und Ost aufeinander prallten und dabei ihren Anti-Kommunismus respektive Anti-Kapitalismus hemmungslos auslebten. Westliche und östliche Staaten unternahmen für Siege so gewaltige Anstrengungen, dass diese für manche Wissenschaftler „Züge des militärischen Wettrüstens“ trugen (Lamprecht/Stamm 2001: 99). Doch weshalb haben die Olympischen Spiele solch eine starke Anziehungskraft? Woher kommt die Macht der Olympischen Idee?

Interessante Einblicke liefert ein „neuer Idealismus“ (Krell 2004: 345) – der Konstruktivismus als die Theorie der Internationalen Beziehungen, welche Ideen zurück auf die Bühne der Disziplin geholt hat. Einer der führenden Vertreter dieses neuen Idealismus, Alexander Wendt, spricht vom Konstruktivismus als „one form of structural idealism or ‘idea-ism’“ (Wendt 1994: 385) und beschreibt ihn als „a resurgent idealism that puts the question of ‘what difference do ideas make’ clearly on the table“ (Wendt 1999: 92).

Zunächst soll deshalb der Konstruktivismus dargestellt werden, welcher allerdings keineswegs eine uniforme Theorie der Internationalen Beziehungen ist, sondern ein facettenreiches Paradigma (vgl. nur die Übersicht von Adler 2002). Diese Arbeit stützt sich wesentlich auf Alexander Wendt, der seine Theorie als „moderate constructivism“ bezeichnet (so u.a. bei Wendt 1999: 110), in Abgrenzung zu radikaleren Theorien, die auch „kritisch“ oder „reflexiv“ genannt werden. Somit bietet sich Wendts Theorie als „via media“ an (Ulbert 2003: 413) – sie teilt die essentiellen Prämissen des Konstruktivismus, ohne sich so radikal wie andere Ansätze von der etablierten Disziplin abzugrenzen.

Anschließend werden Geschichte und Inhalte des Olympismus sowie dessen Beziehung zum Idealismus betrachtet. Hernach geht es um die Boykott-Spiele in Moskau und Los Angeles sowie deren Hintergründe – um den Kalten Krieg als globalen Gesamtkontext und um die Ereignisse im Vorfeld der Spiele von 1980 und 1984. Schließlich wird mit Hilfe des Konstruktivismus gezeigt, weswegen die Supermächte die Spiele boykottierten. Das Wort „Boykott“ wurde dabei offiziell nie verwendet, weder 1980 von amerikanischer noch 1984 von sowjetischer Seite (vgl. Hill 1992: 120; Shaikin 1988: 47-48).

Die Wahl des Konstruktivismus als theoretischer Rahmen erfordert an dieser Stelle eine Bemerkung zur Vorgehensweise und zum analytischen Ziel dieser Arbeit. Den vielfältigen Ansätzen, die unter der Bezeichnung Konstruktivismus gebündelt werden, ist eines gemeinsam: Sie verfolgen nicht das positivistische Ziel, auf der Grundlage eines deduktiv-nomologischen Erklärungsmodells aus allgemeinen Gesetzen Kausalerklärungen abzuleiten. Konstruktivisten interessieren sich nicht oder nicht nur für dieses „Erklären“, sondern besonders für das „Verstehen“ – für die Rekonstruktion der Wirklichkeit durch Interpretation der Prozesse, in denen sie sozial konstruiert wurde (vgl. Ulbert 2005: 20).

Das heißt – zumindest für Konstruktivisten wie Alexander Wendt, die sich am wissenschaftlichen Realismus orientieren –, dass sie die Abläufe sozialer Mechanismen beobachten und beschreiben, um daraus kausale und/oder konstitutive Erklärungen für soziale Phänomene zu gewinnen (vgl. Adler 2002: 101, 106-107; ausführlich Wendt 1998). In dieser Arbeit besteht das Vorgehen darin, die Konstitution der jeweiligen Identitäten und Interessen zu verstehen und durch diese zu zeigen, weshalb es zu den Boykotts kam.

2. Konstruktivistische Schlüsselkategorien

Wendts konstruktivistische Theorie, mit der hier gearbeitet wird, ist selbst zu vielschichtig, um sie in allen Facetten darzustellen. Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der konstruktivistischen Analysekategorien, die für diese Arbeit benötigt werden. Im Mittelpunkt konstruktivistischer Analysen stehen Ideen. In seinem Hauptwerk Social Theory of International Politics wirft Alexander Wendt gar die Frage „Ideas all the way down?“ auf – so die Überschrift des dritten Kapitels (Wendt 1999: 92).

Um die Bedeutung von Ideen zu verstehen, ist die ontologische Grundannahme des Konstruktivismus relevant. Die Struktur des internationalen Systems ist die Anarchie, jedoch gehen Konstruktivisten – im Unterschied zu Neorealisten – nicht davon aus, dass die anarchische Struktur Beschaffenheit und Interessen der ihr zugehörigen Staaten exogen und statisch determiniert. Vielmehr sind sowohl die Struktur des Systems als auch die der Staaten sozial konstruiert, sie entstehen endogen in der Interaktion zwischen Staaten, werden in der Interaktion immer wieder reproduziert und können sich in der Interaktion auch verändern (vgl. Wendt 1992: 404-407). Die maßgebliche Rolle dabei spielen: Ideen. Sie treten in unterschiedlichen Formen auf – die wichtigsten sind Identitäten und Interessen.

2.1 Identitäten

„In the philosophical sense an identity is whatever makes a thing what it is“ (Wendt 1999: 224). Für Staaten heißt das, dass ihre Beschaffenheit nicht von der Struktur des Systems vorgegeben ist, sondern von ihrer Identität geprägt wird – und die wiederum ist sozial konstruiert, sie entsteht erst in der Interaktion auf der systemischen Ebene, aber auch in der internen Interaktion innerhalb eines Staates. Allen Staaten gemein ist lediglich eine corporate identity, zu der Wendt (1999: 202) fünf Merkmale rechnet – eine institutionelle Ordnung, ein Gewaltmonopol, eine souveräne Regierung, ein Staatsvolk und ein Staatsgebiet. Das ist die Kernidentität, welche jeder Staat besitzt; es ist das, was ihn prinzipiell als Staat auszeichnet in dem Sinne, dass es ihn als eine Einheit qualifiziert (vgl. Wendt 1999: 224-225). Gleichwohl macht die corporate identity allein einen Staat noch nicht zu dem Staat, der er ist. Es sind drei weitere Identitäten, die letztlich die Qualität eines Staates (und damit anders als die uniforme corporate identity auch die Unterschiede zwischen Staaten) ausmachen: type identity, role identity und collective identity.

Die type identity bezeichnet gesellschaftlich geteilte Ideen, die sich auf die Gestaltung des Staates von innen heraus beziehen, etwa auf die Organisation des Staates und seiner Gesellschaft – kapitalistischer Staat, faschistischer Staat oder monarchischer Staat sind Beispiele für solche type identities (vgl. Wendt 1999: 226). Die type identity indes betrifft nicht nur die Organisationsform des Staates. Sie beinhaltet „[shared] characteristic or characteristics, in appearance, behavioral traits, attitudes, values, skills (e.g. language), knowledge, opinions, experience, historical commonalities (like region or place of birth), and so on“ (Wendt 1999: 225). Diese sind „intrinsic”, sie kristallisieren sich also in der Interaktion zwischen Akteuren innerhalb eines Staates selbst heraus (vgl. Wendt 1999: 226).

Im Unterschied zu solchen, innerhalb eines Staates entstehenden type identities bilden sich role identities erst in der Interaktion mit anderen Staaten heraus. „One can have these identities only by occupying a position in a social structure and following behavioral norms toward Others possessing relevant counter-identities. One cannot enact role identities by oneself” (Wendt 1999: 227). Es ist schlechthin unmöglich, die Rolle Freund oder Feind einzunehmen ohne einen Interaktionspartner als Komplement in der entsprechenden Rolle.

Bei der Herausbildung von role identities spielen Ideen ebenfalls eine wichtige Rolle: in Form von Interpretationen (vgl. Adler 2002: 102 und Krell 2004: 353-354). Wendt benutzt den Begriff Interpretationen nicht explizit, nennt aber „expectations“ (Erwartungen) über den Interaktionspartner und dessen Handeln als Grundlage bei der Einnahme von role identities, „we carry Others around with us in our heads“ (Wendt 1999: 227). Diese Erwartungen entsprechen Interpretationen im Sinne von Ideen über einen Interaktionspartner, Ideen über dessen Identitäten und Interessen. Role identities bilden sich durch den Erwerb von intersubjektivem Wissen übereinander heraus, wobei zwei Interaktionsformen von Bedeutung sind: „behavioral and rhetorical“ (Wendt 1996: 57). In dieser Arbeit werden role identities nicht als komplementäre oder dichotomische Kategorien verstanden, sondern als kollektiv geteiltes Wissen übereinander, welches skalare Rollenidentitäten bestimmt. Feind ist nicht gleich Feind. Das Spektrum beginnt bei Abneigung und endet bei Erzfeind.

Collective identities schließlich basieren auf type und role identities, gleichwohl gehen sie über diese hinaus. Collective identities beschreibt Wendt (1999: 229) als „[issue-specific] identification“ zwischen Staaten, was voraussetzt, dass sie gewisse Charakteristika in ihren type identities teilen und eine role identity als Freund einnehmen. Während type identities sich auf das „Selbst“ eines Staates beziehen, spiegeln role identities die Relation zwischen dem Selbst und einem Anderen wieder; collective identities entstehen schließlich, wenn die Identitäten zweier Staaten bezüglich eines Themas zu einer gemeinsamen Identität verschmelzen (vgl. Wendt 1999: 229). Beispiele sind der Warschauer Pakt und die NATO.

Jeder Staat hat nicht nur eine Identität, auch nicht nur eine jeden Typs, sondern viele Identitäten, von denen bestimmte nach ihrer Relevanz in jeweiligen Kontexten aktiviert werden (vgl. Wendt 1999: 230). Bedeutsam ist weiterhin, dass Staaten nach ontologischer Sicherheit und Abschätzbarkeit in ihrem Verhältnis zu anderen streben, was sich in einem Verlangen nach stabilen sozialen Identitäten ausdrückt (vgl. Wendt 1996: 51). Sie sind an einer möglichst konstanten Reproduktion ihrer Identitäten interessiert und „need to do certain things to secure their identities“ (Wendt 1999: 238).

Während Wendt sich klar auf die Konstitution von Identitäten auf der systemischen Ebene konzentriert, geht er auf die Konstitution von Identitäten innerhalb eines Staates kaum ein. Hiermit beschäftigt sich Hall (1999). Kollektive Identitäten auf der Staatsebene werden durch Sozialisation vermittelt. Diese beschreibt Hall als „[…]a process in which the individual is habituated to his or her society, forms cognitive, and emotive attachments to it, and incorporates its features and norms into his or her identity” (Hall 1999: 36). Besonders betont Hall (1999: 36) die Bedeutung der „emotive identification (emotional attachment)“.

Stabil ist die soziale Ordnung innerhalb eines Staates (und damit auch das Regierungssystem) nur dann, wenn sie im Einklang mit den in dieser Gesellschaft geteilten kollektiven Identitäten steht und dadurch ihre Legitimation erhält. „[…]the social order’s survival is crucially dependent upon the consent given to its legitimating principles by social actors. The social order must continue to provide an institutional framework for social action that is consistent with the dominant form of social collective identity” (Hall 1999: 43).

Das heißt nichts anderes, als dass Regierungen auf stabile nationale kollektive Identitäten bedacht sein müssen, weil – wenn diese sich verändern – auch die Legitimationsbasis für ihr Regierungssystem erodiert. Zugleich weist Hall (1999: 49) darauf hin, dass nationale kollektive Identitäten gleichermaßen durch nationale wie auch durch internationale Faktoren beeinflusst werden können. Dies impliziert, dass Regierungen mit ihrer Außenpolitik auch nach innen gerichtete Ziele verfolgen können beziehungsweise dass außenpolitische Ereignisse – ob erwünscht oder unerwünscht – auch in den Staat hineinwirken und die nationale kollektive Identität beeinflussen können.

2.2 Interessen

Auch Interessen sind Ideen. „States are actors whose behavior is motivated by a variety of interests rooted in corporate, type, role, and collective identity“ (Wendt 1999: 233). Diese Identitäten bestimmen, wer jemand ist und konstituieren deshalb seine Ziele. „Interests presuppose Identities because an actor cannot know what it wants until it knows who it is“ (Wendt 1999: 231). Interessen bestehen aus Ideen, die die Ziele konstituieren, zum anderen aus Ideen darüber, wie diese Ziele zu erreichen sind (vgl. Wendt 1999: 231-232).

Die Grundlage bilden objektive Interessen, welche zunächst nicht sozial konstruiert sind und sich aus der corporate identity eines Staates ableiten lassen. Objektive Interessen sind physisches Überleben, Autonomie (zu verstehen als eigenständige Kontrolle über die Allokation von Ressourcen und selbstständige Entscheidungen der Regierung), ökonomisches Wohlergehen und kollektives Selbstwertgefühl (vgl. Wendt 1999: 235-236). Letzteres bezieht sich auf das Bedürfnis einer Gruppe, „to feel good about itself“ (Wendt 1999: 236), also ein positives Bild von sich selbst zu haben und das Gefühl, das Richtige und Gute zu tun. Dieses entsteht gleichermaßen aufgrund interner Faktoren – durch Handeln im Einklang mit den eigenen, kollektiv geteilten Normen und Wertvorstellungen – wie auch in der Interaktion mit anderen Staaten, durch Anerkennung, Respekt und Zusammenarbeit.

Diese objektiven Interessen stellen für Staaten keine klar identifizierbaren Ziele an sich dar und geben noch keine konkreten Handlungsanweisungen; sie geben lediglich die Maßstäbe vor, denen Staaten mit ihren Handlungen gerecht werden müssen. „[Objective interests] dispose states to try to understand them, to interpret their implications for how subjective interests should be defined” (Wendt 1999: 237). Bei der Definition konkreter Ziele, den subjektiven Interessen, spielen wiederum Identitäten die entscheidende Rolle.

Type identities beinhalten die normativen Größen, sie sagen, was wünschenswert, was „gut“ im Sinne von moralisch richtig ist; role identities geben Aufschluss darüber, was gegenüber dem jeweiligen Interaktionspartner angemessen ist, ob man ihn als Freund oder Feind behandeln soll. Diese Identitäten bestimmen die konkreten, subjektiven Ziele, welche Staaten verfolgen (unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sie den objektiven Interessen genügen müssen) und geben Aufschluss darüber, wie diese Ziele zu erreichen sind.

Wendt (1999: 243) bringt das auf die Formel: „corporate, type, role, and collective identities [have] certain reproduction requirements, or objective interests, that condition beliefs about how to meet them, or subjective interests.“ Entscheidend für die Ausprägung der Interessen sind letztlich, soviel sei noch einmal verdeutlicht, die sozial erworbenen Identitäten – „How a state satisfies its corporate interests depends on how it defines the self in relationship to the other, which is a function of social identities at both domestic and systemic levels of analysis” (Wendt 1994: 385).

Eine hilfreiche Spezifizierung von Ideen im Zusammenhang mit Interessen liefern Goldstein und Keohane (1993). Wendt wirft ihnen zwar vor, Ideen in kausalen Analysen lediglich als intervenierende Variable zu sehen, die sich nur dazu eignen Varianzen zu erklären, welche Macht und Interesse (im materialistischen Sinn) sowie Institutionen nicht erklären können (vgl. Wendt 1999: 93); er kritisiert damit aber nur die mangelnde Bedeutung, die Goldstein und Keohane Ideen zumessen, nicht jedoch deren Kategorisierung. Diese unterscheidet world views, principled beliefs und causal beliefs.

World views „define the universe of possibilities for action“ (Goldstein/Keohane 1993: 8) und beschreiben als solche eine wichtige Eigenschaft von Wendts type identity und deren Auswirkungen auf Interessen. Principled beliefs stehen im Zusammenhang mit größeren, allgemeineren world views und sind Spezifikationskriterien, nach denen in Bezug auf einzelne issues zwischen gut und schlecht, richtig und falsch entschieden wird (vgl. Goldstein/Keohane 1993: 9). Causal beliefs schließlich definieren Goldstein/Keohane (1993: 10) als „beliefs about cause-effect relationships“, was simples Wissen über Alltagszusammenhänge genauso betrifft wie wissenschaftliche Erkenntnis und bloße Vermutungen über Wirkungszusammenhänge. Causal beliefs fungieren durch diese Inhalte als „road maps“ und stellen die Strategien bereit, mit denen Staaten versuchen, ihre Ziele zu realisieren (vgl. Goldstein/Keohane 1993: 13). Sie beschreiben damit den Teil von Interessen, den Wendt „Ideen, wie Ziele erreicht werden können“ nennt.

Metaphorisch ausgedrückt ist ein Interesse also ein Fluss, der sich aus vielen Quellen speist – als Zuflüsse fließen Grundbedürfnisse (objektive Interessen) hinein, außerdem Identitäten, welche die subjektiven Interessen konstituieren, und schließlich causal beliefs, die Aufschluss darüber geben, wie Ziele zu erreichen sind.

2.3 Macht aus konstruktivistischer Perspektive

Power, eine der zentralen Kategorien im klassischen Realismus wie im Neorealismus, existiert auch im Konstruktivismus – nur betrachtet dieser sie nicht in erster Linie als materialistische Kategorie. Der Konstruktivismus sieht Ideen als die entscheidende Größe an, welche militärischen capabilities erst ihre Bedeutung verleiht. „The distribution of power matters, but how it matters, the meaning it has for actors, depends on what game they are playing. […] Power only explains what it explains insofar as it is given meaning by interest” (Wendt 1999: 107, 109; Hervorhebungen im Original). Adler weist auf die Bedeutung des „making people“ beziehungsweise „labelling people“ hin und schreibt über die Bedeutung ideeller Macht: „The imposition of meanings to the material world is one of the ultimate forms of power“ (Adler 2002: 103). Entscheidend für die Analyse der Olympia-Boykotts, bei denen Waffen keine Rolle gespielt haben, ist exakt diese ideelle Machtebene.

Woher diese Macht sich speist – woher die Macht kommt, anderen Etiketten anheften zu können – erklärt Adler nicht. Eine Lücke, die sich mit Status und Prestige schließen lässt. Holsti (1995: 107-108) zeigt, dass Staaten auf ihr Ansehen in anderen Ländern bedacht sind, Respekt und Anerkennung suchen. Sie achten auf die „world public opinion“ und wenden beachtliche Mittel dafür auf, „to create favorable impressions abroad“ (vgl. Holsti 1995: 306). Papp (1994: 478) spricht von „sociopolitical parameters of power“ und zählt darunter unter anderem „reputation“ und „ability to attract external support“. Dieser Form von Macht messen sie erhebliche Bedeutung bei – „In many cases, these intangible components of power are more important factors in determining an actor’s power potential than more tangible elements of economic and military capabilities“ (Papp 1994: 478).

Das ist gut in ein konstruktivistisches Modell integrierbar. Alexander Wendt selbst nennt mit dem objektiven Interesse an kollektivem Selbstwertgefühl eine Motivation, mit der sich das Bemühen von Staaten um Status und Prestige erklären lässt. Daneben sind Staaten aber auch strategisch handelnde korporative Akteure, die causal beliefs über die Zusammenhänge in ihrer Umgebung in ihrem kollektiv geteilten Wissen gesammelt haben. Und zu diesem Wissen gehört offenkundig jenes, dass Status und Prestige das Erreichen von Interessen erleichtern oder überhaupt erst möglich machen (vgl. Holsti 1995: 107).

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Details

Seiten
38
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640631933
ISBN (Buch)
9783640631742
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151701
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Sport & Politik Olympismus Olympische Idee Internationale Beziehungen Welpolitik Konstruktivismus

Autor

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Titel: Die Olympischen Spiele im Kalten Krieg