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Das Dritte Reich und die DDR – wie ähnlich waren sich beide Diktaturen?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 27 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

l. Einleitung
l.l Problemstellung
l.2 Aufbau

2. Herrschaftsgrundlagen
2.l Ausgangslage
2.2 Innen- und außenpolitische Handlungsfreiheit

3. Gesellschaft
3.l Ideologie und Weltanschauung
3.2 Elitenrekutierung
3.3 Gesellschaftliche Akzeptanz

4. Rechtliche Grundlagen
4.l Verfassung und Justiz
4.2 Ökonomie
4.3 Bevölkerungskontrolle und Geheimdienste

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

Das Dritte Reich und die Deutsche Demokratische Republik waren beides Diktaturen auf deutschem Boden und besitzen sowohl zahlreiche Gemeinsamkeiten als auch fundamentale Unterschiede.

In der jüngsten Vergangenheit, angespornt durch die umfangreich begonnene Aufarbeitung der DDR-Historie, wurde immer wieder der Versuch unternommen, beide Staaten miteinander in der einen oder anderen Weise zu vergleichen. Dagegen regte sich, insbesondere auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, teils heftiger Widerstand. Dies ist unschwer nachzuvollziehen, denn keiner der dort lebenden Menschen wollte eine auch nur in irgendeiner Art und Weise geartete Ähnlichkeit „seiner“ DDR zum nationalsozialistischen Staat sehen.

Man kann aber dagegenhalten, daß zunächst erst einmal alles miteinander verglichen werden kann. Keiner der beteiligten Historiker hatte jemals die Absicht, die DDR mit dem Dritten Reich gleichzusetzen. Dies ist ein eminenter Fakt, den es stets zu bedenken gilt. Sicher gab es auch Gemeinsamkeiten zwischen den Diktaturen; diese sind in der Gesamtzahl sogar erschreckend hoch, wie noch weiter ausgeführt werden soll.

Die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes werden heute allgemein als die schlimmsten angesehen, die jemals von Deutschland initiiert wurden. Dies kann man ohne Abstriche ruhigen Gewissens gelten lassen, nur besteht hier eventuell auch die Gefahr, daß dadurch die Taten der DDR-Diktatur marginalisiert werden könnten. Natürlich, die ostdeutsche Republik hat keinen Weltkrieg entfacht und keinen Holocaust begangen, jedoch – und dies auch im Hinblick für den Respekt gegenüber den Opfer – sollte die physische wie psychische Gewalt von Staatssicherheit und SED gegen Oppositionelle damit keinesfalls kleingeredet werden.

Wenn man beide Systeme betrachtet, so kann man quasi von einer Kontinuität der Diktaturen sprechen. Die eine löste die andere ab, wobei nur Symbole, Ideologie und einige Handlungsmuster getauscht wurden. Somit kann man provozierend implizieren, daß die BRD der Nachfolger der demokratischen Weimarer Republik ist und die DDR der Sukzessor des NS-Regimes, wenn auch in abgemildeter Form.

1.1 Problemstellung

Der Zweck dieser Hausarbeit soll darin bestehen, beide Diktaturen – das Dritte Reich und die DDR – miteinander zu vergleichen. Dabei soll auf so grundlegende Eigenschaften wie der Entstehungs- und Ausgangslage, innen- und außenpolitischen Handlungsmöglichekeiten, Ideologie, Eliten, gesellschaftliche Akzeptanz sowie Justiz und Wirtschaft eingegangen werden.

Ich folge hier größtenteils den Ansätzen von Günther Heydemann1 und werde sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten versuchen; alles unter der Prämisse, inwieweit sich beide Diktaturen ähnelten. Es soll hier nicht darum gehen, die eine Diktatur mit der anderen gleichzusetzen, sondern lediglich um einen Vergleich anhand ausgewählter Punkte und dabei aufzuzeigen, inwieweit der NS-Staat der DDR gleichkam. Dabei soll dargelegt werden, daß sich die beiden Diktaturen doch deutlich voneinander unterschieden.

Aufgrund der Vielzahl von Gesichtspunkten, welche sich zu vergleichen lohnen würden, habe ich mich auf eine kleine Auswahl beschränkt; jeden Aspekt eines Staates zu untersuchen, würde den Rahmen dieser bescheidenen Arbeit sprengen.

1.2 Aufbau

Zunächst sollen allgemeine Aspekte wie die zeitliche Dauer sowie die Entstehungs- und Ausgangslage grundlegend erörtert werden. Anschließend werden innen- und außenpolitische Handlungsmöglichkeiten des Dritten Reiches wie der DDR gegenübergestellt.

Daran anknüpfend soll die Gesellschaft in den betreffenden Diktaturen näher beleuchtet werden. Hierbei muß vor allem gründlich auf die unterschiedliche Ideologie und Weltanschauung eingegangen werden. Die gesellschaftliche Akzeptanz für das jeweilige Regime ist hierbei von besonderer Bedeutung.

Die rechtlichen Grundlagen wie Verfassung, Recht und Justiz bilden den Kern des darauf folgenden Kapitels. Dabei sind auch Faktoren wie die Wirtschaft und Eigentumsrechte in Betracht zu ziehen, stehen diese doch in diametralem Zusammenhang mit der jeweils vorherrschenden Staatsordnung.

2.1 Ausgangslage

Zunächst muß die vollkommen unterschiedliche Entstehung der beiden Diktaturen benannt werden.

Das nationalsozialistische Regime ist durch freie Wahlen an die Macht gekommen, kann also als Produkt des deutschen Volkswillens bezeichnet werden. Da in den folgenden Jahren keine Möglichkeit der Abwahl Adolf Hitlers bestand, läßt sich schwer ermessen, wie groß die Zustimmung zu seiner Politik, zumindest bis Kriegsausbruch l939, tatsächlich war. Tatsache ist aber, daß die NSDAP seit ihrer Gründung stetige Zuwachsraten in der Gunst der Wähler hatte. Im Jahre l928 bekam die Partei beispielsweise verschwindend geringe 2,6%2 der Stimmen, l932 waren es dann 37,8%3, was schlußendlich mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar l933 seinen finalen Höhepunkt bildete. In diesem Zusammenhang muß den Äußerungen Richard J. Evans widersprochen werden, wenn er behauptet, daß „die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, ähnlich wie die SED, in freien Wahlen keine absolute Mehrheit für sich zu gewinnen“4 in der Lage gewesen wäre. Rein vom Standpunkt der Politikwissenschaft hatte die NSDAP zwar nicht über 50% der Stimmen, sondern die relative, die zum Sieg genügte; die Opposition war bedeutungslos.

Die NSDAP entwickelte sich zur Massenpartei und schaffte es, breite Gesellschaftsschichten zu integrieren. Auch wenn Hitler später immer wieder von der „Machtergreifung“ reden sollte, so steht doch fest, daß er demokratisch gewählt wurde. Die breite Zustimmung zu dem Programm oder der Person Hitler resultierte nicht zuletzt aus einer tiefen Enttäuschung gegenüber dem Versuch, mit der Weimarer Republik eine Demokratie nach westlichem Muster zu etablieren. In diesem Fall möchte ich lieber den Begriff „Machtübernahme“ statt „Machtergreifung“ benutzen.

Die folgende Ausgestaltung Deutschlands zur totalitären Diktatur mit den bekannten Folgen war ebenfalls Ergebnis eigenständigen deutschen Denkens und Handelns, namentlich den Führern des Staates. Zwar wurde der Faschismus durch Benito Mussolini in Italien entwickelt, die weitere Entwicklung lag aber bei Hitler selbst.

Im Gegensatz dazu war die DDR keine vom deutschen Volk gewählte Staatsform, sondern kann aufgrund des sich abzeichnenden Kalten Krieges als Prodkukt desselbigen betrachtet werden. Außerdem war das besiegte Deutschland unter der Verwaltung der Alliierten und besaß keinerlei Kompetenz, sich in irgendeiner Weise selbst zu konstituieren. Ergo konnte auf ostdeutschem Gebiet, der Besatzungszone der UdSSR, zwangsläufig nur ein Staat nach kommunistischer Prägung entstehen; ähnlich wie im Westteil in Folge der Besatzung durch die USA, Großbritannien und Frankreich eine Demokratie allmählich Gestalt annahm.

Die erste Regierung wurde dann auch nicht wie Hitler demokratisch legitimiert gewählt, sondern quasi durch die Einheitsliste vorgegeben, von der SED bestimmt und von der UdSSR implementiert, den Ostdeutschen aufgezwungen.

Dieser Führungsanspruch der einen Partei war bereits in Artikel l der Verfassung der DDR wie folgt festgelegt: „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.“5 Da ihr Führungsanspruch bereits in der Verfassung festgeschrieben war, mußte sich die SED eigentlich nicht durch eine Wahl legitimieren. Auch wird hiermit eine hypothetische Übereinstimmung mit den Zielen des Volkes der DDR mit denen der SED konstruiert, die so niemals bestand.

Hier liegt also ein großer Unterschied zwischen Drittem Reich und DDR. Ersteres ist zweifellos eigenen deutschen Ursprungs, getragen von einer breiten Unterstützung quer durch sämtliche Bevölkerungsschichten und durch eine demokratische Wahl legitimiert zur Macht gekommen. Letzere wurde durch die Siegernation UdSSR der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone, oktroyiert. Sie war nicht durch eine Wahl oder aufgrund der hohen Überzeugung im Volk zur Führung der Amtsgeschäfte gekommen, sondern aufgrund der Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg und der anschließenden Neugestaltung durch die Besatzer.

Bei diesem Aspekt, der Entstehungs- und Ausgangslage, ist es folglich schwierig, eine Übereinstimmung zu finden, hier ergeben sich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Ähnlich verhält es sich auch, wenn wir die zeitliche Dauer der Diktaturen hernehmen. Hier haben wir zwölf Jahre der Herrschaft Adolf Hitlers, wovon die Hälfte im Kriegszustand stattfand. Die DDR dagegen bestand vierzig Jahre, rang aber zeitlebens um die Zustimmung durch die Bevölkerung und konnte Stabilität nur durch die Rückendeckung der Sowjetunion bekommen. Hätte diese nicht bestanden, es ist leicht vorstellbar, daß der Aufstand vom l7. Juni l953 für den Staat ein ähnliches Ende gefunden hätte wie die friedliche Revolution von l989.

2.2 Innen- und außenpolitische Handlungsfreiheit

Auch auf dem Gebiet der Handlungsmöglichkeiten auf internationalem Parkett müssen deutliche Kontraste hervorgehoben werden. Dieser Punkt ist in soweit wichtig, wie er auf die Souveränität des Landes Bezug nimmt und damit auf die Aktionen im zwischenstaatlichen Handeln. Auch ist hier die Blockbindung nach l945 von entscheidener Bedeutung.

Das Dritte Reich war innen- und außenpolitisch autonom. Es befand sich zwar mit Italien und später auch mit Japan in einem Militärbündnis und war der Führer der Achsenmächte. Die militärischen Operationen fanden allerdings ohne Absprache oder Koordination mit den Bündnispartnern statt, so daß von einem engen Bündnis eigentlich kaum die Rede sein konnte. Bis l939 lief innenpolitisch alles auf die Vorbereitung des Angriffskrieges hinaus. Auf dieses Ziel waren Ökonomie und Staatsaufbau ausgerichtet. Da es sich um eine totalitäre Diktatur handelte, genoß die Staatsführung umfassende Handlungsfreiheiten und konnte auch in das Leben der einzelnen Menschen eingreifen. Hierzu sei als Beispiel die quasi Zwangsmitgliedschaft in Organisationen wie der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädchen genannt. Auch konnten Dissidenten leicht mundtot gemacht werden; die Opposition war ausgeschaltet.

Außenpolitisch war Deutschland zur Zeit der Machtübernahme durch Adolf Hitler noch im Mitglied im Völkerbund und den Restriktionen des Versailler Vertrages unterworfen. Dennoch befanden sich, anders als l945, keine ausländischen Soldaten als Besatzungsmacht auf deutschem Boden, was die innere und äußere Souveränität unterstreicht. Zwar erklärte Hitler bereits l933 den Austritt aus dem Völkerbund, die Sanktionen von Versailles blieben aber bestehen. Diesen gegenüber widersetze sich das Reich alsbald, indem es eine zuerst versteckte, dann offene Wiederaufrüstung durchführte oder zum Beispiel ins entmilitarisierte Rheinland einmarschierte.

Gleich ist beiden Staaten, daß sie nach einem verlorenen Krieg entstanden und mit den Folgen der Niederlage zu agieren hatten. Im Falle Hitler-Deutschlands gelang es, auch durch Mitverschulden der Siegermächte durch Appeasement-Politk, ein rasches Wiedererstarken zu gewährleisten. Die DDR und auch die BRD sahen sich dagegen ab l945 deutlichen Einschnitten in ihrer Souveränität gegenüber; in bestimmten Angelegenheiten behielten sich die Alliierten sogar die letzte Entscheidungskompetenz vor.

Die Deutsche Demokratische Republik war vollständig in die Machtstrukturen des Ostblockes mit Warschauer Pakt und dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) eingebunden. Hier fehlte ein eigenständiger außenpolitischer Handlungsspielraum völlig. Man muß jedoch auch zu bedenken geben, daß zur Zeit des Dritten Reiches keine so festen Bindungen zwischen den europäischen Staaten existierten wie nach l945. So gab es zwar zwischen Frankreich und Großbritannien und einigen kleineren Ländern wie den Benelux schon aufgrund ihrer demokratischen Überzeugung gewisse Symphatien, jedoch waren diese bei weitem nicht so ausgeprägt wie in der Zeit des Kalten Krieges mit einem eindeutigen Freund-Feind-Schemata oder gar so wichtigen transnationalen Organisationen wie der EU oder NATO.

[...]


1 Vgl. GüntŁer Heydemann/Detlef ScŁmiecŁen-Ackermann: Zur TŁeorie und MetŁodologie vergleicŁender DiktaturforscŁung, in: Ders. (Hrsg.): Diktaturen in DeutscŁland – VergleicŁsaspekte, Bonn 2003, S. 33.

2 Vgl. BrockŁaus Enzyklopädie digital 2002.

3 Vgl. ebd.

4 Richard J. Evans: Zwei deutsche Diktaturen im 20. Jahrhundert?, in: APuZ 2/2005, S. 6.

5 Die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Die erste Verfassung der DDR vom 7. Oktober l949, Bad Langensalza 2004, S. l5.

Details

Seiten
27
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640632077
ISBN (Buch)
9783640632046
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151680
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
3,0
Schlagworte
Drittes Reich DDR Diktatur Hitler Diktaturenvergleich

Autor

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