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Soziale Räume in Fritz Langs 'Metropolis'

Essay 2009 19 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Der Anfang 1927 in Berlin uraufgeführte Film „Metropolis“ von Fritz Lang hatte keinen guten Start: Von Kritikern verrissen, denn er sei nicht utopisch, zu übertrieben dargestellt und hätte eine furchtbar platte Aussage (vgl. H. G. Wells in seiner Kritik am 17.04.1927 in den „New York Times“), unzählige Male gekürzt, für verschiedene Märkte zurechtgeschnitten und verändert, wurde er schließlich doch noch zum – allerdings unvollständigen – Kultfilm. Mit jeder neuen Veränderung erfuhr „Metropolis“ eine Uminterpretation. Die Grundaussage „Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein“ blieb zwar, dennoch fehlten und fehlen immer noch je nach Fassung verschiedene wichtige Szenen, die in anderen Fassungen entweder wieder auftraten oder gänzlich unauffindbar blieben.

Eines jedoch blieb über die verschiedenen Fassungen bestehen und das ist die beeindruckende Architektur, die im Film dargestellt wird. Diese bleibt nicht wie eine einfache Kulisse im Hintergrund des Films zurück, sondern nimmt eine zentrale Stellung ein1 :

An die Stelle des Dekorateurs tritt hinfort und für immer der Architekt. Das Kino wird als treuer Interpret den kühnsten Träumen der Architektur dienen. (Buñuel 1927 in der Madrider „Gaceta literaria“ über Metropolis) Lang hat in seinem Film eine unüberschaubare Stadt geschaffen, mit vielen unterschiedlichen Räumen und ebenso unterschiedlichen Menschen. Betrachtet man diese genauer, fällt auf, dass die sehr funktional gestalteten Räume ihre Funktionen auf die Menschen, die in ihnen leben, wohnen und arbeiten, übertragen. Lang stellt in seinem Film also unter anderem dar, dass Räume Einfluss auf die Persönlichkeit des Menschen nehmen, was im Folgenden näher betrachtet und auf reale Räume übertragen werden soll. Dazu will ich zunächst den Begriff des sozialen Raums einführen.

Als soziale Räume bezeichne ich Räume, die durch ihren Aufbau und ihre Funktion das Sozialleben der sich in ihnen aufhaltenden Menschen beeinflussen. Das tun sie ganz einfach, indem sie durch ihren Aufbau verschiedene Möglichkeiten schaffen, wie die Menschen diesen Raum nutzen können. So kann zum Beispiel eine Küche durch ihre Einrichtung mit Arbeitsfläche, Herd, Kühlschrank usw. am besten zum Zubereiten von Speisen genutzt werden. Der Mensch, der in ihr sein Essen kocht, tut das nur deshalb dort, weil der Raum ihm die Möglichkeiten dazu bietet. Gäbe es diese Küche nicht, würde der sie nutzende Mensch sich anderweitig versorgen (müssen). Solche Räume gibt es auch in Metropolis, doch bevor ich auf die einzelnen Räume zu sprechen komme, soll zuerst die komplette fiktive Stadt vorgestellt werden.

Der soziale Raum Metropolis

Als Inspiration für die Kulisse der Stadt Metropolis dienten die Wolkenkratzer New Yorks, die Lang 1924 zum ersten Mal sah und die ihn sofort tief beeindruckten:

Die Gebäude erschienen mir wie ein vertikaler Vorhang, schimmernd und sehr leicht, ein üppiger Bühnenhintergrund, an einem düsteren Himmel aufgehängt, um zu blenden, zu zerstreuen und zu hypnotisieren. Nachts vermittelte die Stadt ausschließlich den Eindruck zu leben: sie lebte, wie Illusionen leben. Ich wußte, daß ich über all diese Eindrücke einen Film machen mußte. (Fritz Lang)

Langs Metropolis hat also durchaus reale Vorbilder, weswegen der Film unter anderem auch kritisiert wurde. Er zeigt keine Stadt der Zukunft, sondern eine etwas abgewandelte, anonymisierte Großstadt der (damaligen wie auch jetzigen) Gegenwart. Metropolis ist mehrdimensional angelegt. Es besteht aus einem mehrstöckigen Architekturmodell mit verschiedenen hoch aufragenden Gebäuden, deren zentrales und größtes der Turm Babel ist. Auf verschiedenen Brücken und Ebenen können Fahrzeuge und Fußgänger von einem Gebäude zum nächsten gelangen, zwischen den Gebäuden fliegen Flugzeuge. Trotz des vielen Verkehrs und der großen Menge an Menschen, gibt es dort keine chaotisch wirkenden Menschenmassen, sondern nur geordnete Disziplin. Das Leben spielt sich jedoch nicht auf den Straßen ab, wie es in realen Städten auch der Fall ist, sondern fast komplett im Innern der Stadt. Die Straßen dienen lediglich dem Übergang vom einen Gebäude ins nächste. Nur wenige Menschen sehen überhaupt das Tageslicht, da ein Großteil an Maschinen tätig ist, die sich genauso wie die Wohnhäuser im Inneren eines insgesamt noch größeren Gebäudes befinden. Es gibt kein Außerhalb der Stadt, sondern nur die Stadt in der Stadt.

Die Menschen in Metropolis nehmen eine etwas andere Rolle ein, als die Menschen in realen Städten. Sie sind nicht nur Bewohner ihrer Stadt, die in ihr ein eigenständiges Leben führen, sondern sie leben für die Stadt:

Deine herrliche Stadt, Vater – und Du das Hirn in dieser Stadt – und wir alle im Licht dieser Stadt...-- (Freder zu seinem Vater) Joh Fredersen, der Herr über Metropolis ist in seiner Funktion das Hirn der Stadt. Er wohnt in der „Schaltzentrale“, dem Turm Babel, in dem er von oben wie vom Kopf der fast organisch wirkenden Stadt auf diese hinab schaut, bestimmt, was in ihr geschieht und wie die Maschinen (oder Organe) in ihrem Inneren zu arbeiten haben. Die Stadt erscheint als organisches Gebilde, das von Maschinen – insbesondere der so genannten „Herzmaschine“ – am Leben erhalten wird.

Während die Stadt durch ihre sie „am Leben erhaltenden“ Maschinen organisch wird, sieht es bei der Bevölkerung Metropolis’ genau andersherum aus. Sie übernehmen lediglich fest vorgeschriebene Funktionen in den Räumen, in denen sie leben und arbeiten, um die Maschinen und damit die ganze Stadt in Bewegung zu halten.

Überhaupt besteht ihr Leben nur aus Arbeit, was sie den Maschinen, an denen sie ihren Tag verbringen, ähnlich macht.

Trennung der sozialen Schichten: Die Ober- und die Unterstadt

Während die Stadt von außen betrachtet zentralistisch gegliedert ist, ist sie in ihrem Inneren vertikal nach Schichten unterteilt.

Die hellen und freundlichen oberen Etagen von Metropolis sind der Oberschicht vorbehalten. Dort gibt es den „Klub der Söhne“, in dem sich Freder, der Sohn des Herrn über Metropolis mit anderen hoch gestellten Männern – einer „dem Amüsement

verfallene[n] Luxusklasse“2 – mit sportlichen Aktivitäten die Zeit vertreibt. Das findet auf einer Art Dachterrasse in einem Stadion statt, das extra für solche Freizeitaktivitäten ausgerichtet ist. Der Blick in den Himmel ist frei und die Mauern der Anlage sind passend zu ihrer Funktion mit Figuren von Sportlern geziert. Die Bewegung der jungen Männer ist nicht gleichförmig, sondern individuell. Der Zuschauer sieht die Gesichter der Sportler, die beim Wettlauf ihre Kräfte messen. Weitere Räume der Oberschicht sind die „Ewigen Gärten“, ein Vergnügungstempel mit dem Namen „Yoshiwara“, dessen gleichnamiges Vorbild in Tokyo immer noch existiert, und natürlich der Turm Babel mit seinen Büroräumen, von dem aus der Blick über die gesamte Stadt möglich ist. Die Atmosphäre in der Oberstadt ist in der Regel freundlich, die Räume sind groß, mit großen Fenstern und meist phantasievoll, zumindest aber sehr individuell gestaltet. Es gibt aber auch weniger freundliche Gegenden, beispielsweise die „deprimierend kahle Straßenschlucht der Oberstadt“3.

[...]


1 Vgl. auch Akiyoshi Shikina: Schrift und Bild. Literarische Zukunftsentwürfe am Beispiel von „Metropolis“ (Fritz Lang/Thea von Harbou). In: Deutschlandstudien international 2. Dokumentation des Symposiums „Interkulturelle Deutschstudien. Methoden, Möglichkeiten und Modelle“ in Takayama/Japan 1990 hrg. von Kenichi Mishima uns Hikaru Tsuju. München: iudicium 1992, S. 83.

2 Harro Segeberg: Utopischer Funktionalismus. Zum Bild der Stadt in Fritz Langs Film „Metropolis“ (1927). In: Zagreber Germanistische Beiträge. Jahrbuch für Literatur- und Sprachwissenschaft. Beiheft 1 (1993): Utopie und Krise hrsg. von Johannes Krogoll und Ivo Runtis, S. 87.

3 Ebd. S. 88.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640630455
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151634
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften, Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
fritz lang metropolis soziale räume

Autor

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Titel: Soziale Räume in Fritz Langs 'Metropolis'