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Das Internet als kulturelles Gedächtnis der Moderne?

Hausarbeit 2007 35 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Maurice Halbwachs und das kollektive Gedächtnis
2.2 Aleida und Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis
2.1.1 Das kommunikative und kulturelle Gedächtnis
2.1.2 Funktions- und Speichergedächtnis

3. Medienwandel – Gedächtniswandel
3.1 Von der Oralität über Gutenberg zur Turing-Galaxis
3.2 Folgen der Digitalisierung für die Erinnerungskultur

4. Das kulturelle Gedächtnis der Moderne
4.1.1 Das Internet
4.1.2 Das Internet als Speichergedächtnis
4.2.1 Suchmaschinen
4.2.2 Suchmaschinen als Funktionsgedächtnis
4.3 Zwischenergebnis

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

In dem Seminar „Sprache, Erinnerung und Zeiterfahrung“ wurde unter anderem der Begriff des kollektiven Gedächtnisses behandelt. Die Grundlage hierzu bildeten die Theorien von Maurice Halbwachs sowie Aleida und Jan Assmann.

In der vorliegenden Hausarbeit soll nun die Frage beantwortet werden, ob das Internet das kulturelle Gedächtnis der Moderne ist. Das Internet spielt eine immer größere gesellschaftliche Bedeutung und vereint immer mehr klassische Medien in sich. Doch kann es auch die Funktionen des Kollektivgedächtnisses übernehmen? Zunächst einmal werden die theoretischen Grundlagen erörtert, die Halbwachs und die Assmanns mit ihren Untersuchungen gelegt haben. Im Anschluss daran wird der Wandel der Medien von der Oralität bis zu den heutigen digitalen Medien thematisiert werden und welche Auswirkungen dieser Medienwandel auf die jeweiligen kulturellen Gedächtnisse hatte.

Im letzten Teil wird die Einteilung des kulturellen Gedächtnisses in Funktions- und Speichergedächtnis, wie sie die Assmanns vorgenommen haben, näher untersucht und auf das Internet angewendet. Hierbei wird dem Internet die Rolle des Speichergedächtnisses zugestanden, während die Suchmaschinen in diesem Zusammenhang als Funktionsgedächtnis betrachtet werden. Hierzu wird es nötig sein, die Begriffe „Internet“ und „Suchmaschine“ kurz zu erläutern, um die eingangs erwähnte Fragestellung beantworten zu können.

2. Theoretischer Rahmen

Zunächst einmal gilt es, sich mit den theoretischen Grundlagen zum Thema „kollektives Gedächtnis“ zu beschäftigen. Für die vorliegende Hausarbeit sind v. a. die Arbeiten von Maurice Halbwachs sowie von Aleida und Jan Assmann wesentlich. Sie bilden die Basis für die Ausführungen über das kulturelle Gedächtnis der Moderne, welches Thema des vierten Kapitels sein wird.

2.1 Maurice Halbwachs und das kollektive Gedächtnis

Maurice Halbwachs hat den Begriff des kollektiven Gedächtnisses geprägt. Seine Arbeiten sind zum einen durch die Ausführungen von Henri Bergson zum Gedächtnis und zum anderen von Arbeiten Emile Durkheims zum Kollektivbewußstein beeinflusst worden.

Die zentrale Aussage von Halbwachs ist, dass das Gedächtnis sozial bedingt ist und diese Annahme setzt ihn starker Kritik aus, v. a. von Anhängern Freuds, die von einem rein individuell konstituierten Gedächtnis ausgehen.[1]Halbwachs geht also davon aus, das die Erinnerungen nur mit Blick auf andere und dank der Erinnerungen anderer entstehen, d. h. die Erinnerungen des Einzelnen entstehen durch Kommunikation und Interaktion mit anderen Mitgliedern der sozialen Gruppe, der der Einzelne angehört. Diese Einbettung des Gedächtnisses in soziale Bezugsrahmen (cadres sociaux) ist also Grundvoraussetzung dafür, sich überhaupt zu erinnern. Dieser soziale Bezugsrahmen beinhaltet zunächst einmal die Menschen, die einen umgeben. Doch darüber hinaus besitzen die Bezugsrahmen auch eine materielle und mentale Dimension, die den Horizont für Wahrnehmungen und letztendlich auch Erinnerungen bilden. Daraus folgt, dass ein in völliger Isolation aufgewachsener und lebender Mensch kein Gedächtnis hätte. Halbwachs fasst es wie folgt zusammen: [...]es gibt kein mögliches Gedächtnis außerhalb derjenigen Bezugsrahmen, deren sich die in der Gesellschaft lebenden Menschen bedienen, um ihre Erinnerungen zu fixieren und wiederzufinden“[2]

Da die cadres sociaux sich auch im Laufe der Zeit verändern können, unterliegt auch das kollektive Gedächtnis einem Wandel. Die Erinnerungen werden in den gerade aktuellen Bezugsrahmen eingehängt und somit wird immer nur das erinnert, was sich in einer bestimmten Epoche mit den vorhandenen Bezugsrahmen wiederherstellen lässt.[3]Das kollektive Gedächtnis ist also vom Bestand der sozialen Gruppe und deren Zusammensetzung abhängig. Fehlen die Bezugsrahmen ganz, so verschwinden auch die mit ihnen verbundenen Erinnerungen, so dass man auch von einem „sozialen Vergessen“ sprechen kann.

Halbwachs trennt kollektives und individuelles Gedächtnis. Demnach gibt es kein greifbares Kollektivgedächtnis, anhand dessen man die einzelnen Individualgedächtnisse rekonstruieren könnte. Umgekehrt bieten die individuellen Gedächtnisse einen Ausblick auf das Kollektivgedächtnis. Wirklich als individuell werden nur die Empfindungen gesehen, die eng mit jedem Menschen verbunden sind.[4]

Ein weiterer wichtiger Aspekt in den Ausführungen von Halbwachs ist der Gegensatz von Gedächtnis und Historie. Geschichte ist unparteiisch und bewertet alle vergangenen Ereignisse gleich. Darüber hinaus beschäftigt sich Geschichte mit Differenzen und Veränderungen. Das Gedächtnis ist demgegenüber partikular und vergangene Ereignisse werden gewertet und nach ihrer Wichtigkeit für die Gruppe hierarchisiert. Für Halbwachs handelt es sich hier um eine Abfolge: An dem Punkt, wo die Vergangenheit nicht mehr mit Hilfe des Gedächtnisses erinnert wird, beginnt die Geschichte.[5]Die Arbeiten von Halbwachs zum kollektiven Gedächtnis bilden die Grundlage der Ausführungen von Aleida und Jan Assmann, wobei das kollektive Gedächtnis von Halbwachs als Oberbegriff für das kommunikative und kulturelle Gedächtnis der Assmanns dient.

2.2 Aleida und Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis

Ausgehend von den oben aufgeführten Überlegungen von Halbwachs etablierte das Ehepaar Aleida und Jan Assmann Ende der 80er Jahre den Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“. Die Arbeiten der Assmanns zählen auch heute noch zu den am meisten diskutierten im Bereich der Erinnerungkulturen.[6]Das Gedächtnis, zu dem auch das kollektive Gedächtnis gehört, umfasst sowohl das Erinnern als auch das Vergessen.[7]Jede Form von Gemeinschaft oder sozialer Gruppe bildet ein eigenes kollektives Gedächtnis heraus und somit auch eine eigene Form der Erinnerungskultur. Für die Erinnerungskultur ist die Frage entscheidend, welche Erinnerungen zu bewahren sind und welche dem Vergessen preisgegeben werden können.[8]Aleida und Jan Assmann führen nun unter dem Oberbegriff „kollektives Gedächtnis“ zwei Gedächtnis-Rahmen ein: Zum einen das kommunikative und zum anderen das kulturelle Gedächtnis.

2.1.1 Das kommunikative und kulturelle Gedächtnis

Das kommunikative Gedächtnis umfasst die jüngere Vergangenheit und erstreckt sich über einen Zeitraum von ca. 80 – 100 Jahren. Diese Erinnerungen hat der Einzelne mit seinen Zeitgenossen gemein, sie entstehen durch Alltagskommunikation und werden von Mensch zu Mensch als Teil der einzelnen Biografien weitergegeben. Jeder kann in gleicher Weise an dem kommunikativen Gedächtnis teilhaben. Versterben die letzten so genannten Träger eines kommunikativen Gedächtnisses, wird damit Platz geschaffen für ein neues Gedächtnis. Der Zeitraum hierfür liegt bei den oben genannten 80 – 100 Jahren und deckt in etwa den Bereich ab, den auch die so genannte „Oral History“ untersucht.[9]Durch die Vielzahl an Teilnehmern handelt es sich beim kollektiven Gedächtnis nicht um eine objektive Erinnerung. Stattdessen sind die Erinnerungen einem Wandel unterworfen, da jeder Teilnehmer am kommunikativen Gedächtnis seine subjektiven Erinnerungen einbringt, die voneinander abweichen können.

Dem kommunikativen Gedächtnis steht das kulturelle Gedächtnis gegenüber, welches auch im Zentrum der Überlegungen der Assmanns steht. Jan Assmann hat die beiden Gedächtnisformen als einander gegensätzliche Pole skizziert, wobei diese extreme Gegenüberstellung in der Realität kaum anzutreffen ist. Zudem ist es schwer, die beiden Formen voneinander abzugrenzen.[10]Das kulturelle Gedächtnis ist auf die weit zurückliegende Vergangenheit gerichtet, z. B. einen mythischen Ursprung oder eine Urzeit, und beschäftigt sich mit erinnerter Geschichte, die sich von der faktischen Geschichte – also dem eigentlichen Ablauf der Vergangenheit – unterscheidet. Anders als bei dem kommunikativen Gedächtnis handelt es sich hier nicht um eine Alltagskommunikation, an der jedes Mitglied der Gemeinschaft partizipieren kann. Das kulturelle Gedächtnis zeichnet sich durch seine speziellen Träger aus, wie z. B. Priester und die Abgrenzung vom Alltag durch spezielle Feste und Riten.[11]Jan Assmann beschreibt es wie folgt:„Der Außeralltäglichkeit des Sinns, der im kulturellen Gedächtnis bewahrt wird, korrespondiert eine gewisse Alltagsenthobenheit und Alltagsentpflichtung seiner spezialisierten Träger.“[12]

Die von Assmann genannten Träger wie z. B. Priester oder Schamanen nehmen nicht am Alltag teil wie die anderen Mitglieder der Gesellschaft. Sie sind einzig dafür verantwortlich das kulturelle Gedächtnis zu bewahren und seine Ausformungen wie Feste und Riten ordnungsgemäß durchzuführen. Des Weiteren ist festzuhalten, dass die Träger des kulturellen Gedächtnisses ihr Wissen nicht einfach durch die Teilnahme an der Alltagskommunikation erlangen, sondern das Wissen erst erlernen müssen und hierfür in spezieller Art unterrichtet werden.[13]

Ein Beispiel zur Verdeutlichung des Unterschieds zwischen den beiden Gedächtnisformen ist der Holocaust. Schon heute wird die Zahl derer, die den Holocaust als Zeit- und Augenzeugen miterlebt haben, immer geringer. Solange es sie jedoch noch gibt, haben sie am kommunikativen Gedächtnis teil und berichten von ihren Erfahrungen. In naher Zukunft wird es keine lebenden Zeugen des Holocaust mehr geben. Die Erinnerung an den Holocaust wird aus dem kommunikativen Gedächtnis verschwunden sein und dann im kulturellen Gedächtnis weitergegeben.

2.1.2 Funktions- und Speichergedächtnis

Innerhalb des kulturellen Gedächtnisses gibt es diverse Prozesse, die dazu führen, dass bestimmte Inhalte vergessen und andere aktiviert werden. Um diese zu verdeutlichen haben Jan und Aleida Assmann das kulturelle Gedächtnis in Funktion- und Speichergedächtnis unterteilt.[14]

Das Funktionsgedächtnis kann man auch als aktives Gedächtnis bezeichnen. Die im Funktionsgedächtnis enthaltenen Elemente und Erinnerungen gelangen erst durch einen Prozess der Auswahl, Vermittlung und Aneignung dorthin. Dies geschieht durch einzelne Individuen oder Gemeinschaften. Aus dem großen Reservoir des Speichergedächtnisses werden die Teile, die für eine Gemeinschaft wichtig sind, hervorgeholt und im Funktionsgedächtnis verankert. Damit sind sie vor dem Vergessen geschützt und können im Laufe der Zeit auch mit neuen Interpretationen versehen werden.[15]Im Funktionsgedächtnis finden sich also die Erinnerungen, die von der jeweiligen Gemeinschaft lebendig und präsent gehalten werden und für die Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielen, wie z. B. bei der Bildung einer gemeinsamen Identität und der Legitimierung von bestehenden Gesellschaftsformen. Die Bildung von Identität wird insofern unterstützt, als sich im Funktionsgedächtnis all die Dinge finden, die eine Identität ausmachen können, wie z. B. die erinnerte Geschichte, Überzeugungen, Symbole und noch vieles mehr. Mithilfe dieser Elemente wird eine Identität konstruiert, wobei sich die Gemeinschaft nach außen hin gegen das Andere abgrenzt. Dieser Vorgang gilt sowohl für Individuen als auch für Gruppen bzw. Gemeinschaften. Das Funktionsgedächtnis dient der Legitimierung bestehender Gesellschaftsformen, da sich darin Gründe finden, die bestehende Herrschaft anzuerkennen und auch in Zukunft zu bewahren.[16]Wichtige Institutionen für das Funktionsgedächtnis sind Orte für Erziehung und Bildung wie Familie und Schule, aber auch Theater, Konzertsäle, Denkmäler und Jahrestage.

[...]


[1]vgl. Erll, Astrid (2005), S. 14.

[2]Halbwachs, Maurice (1985), S. 121.

[3]vgl. Halbwachs, Maurice (1985), S. 390.

[4]vgl. Assmann, Jan (1992), S. 37.

[5]vgl. ebd., S. 42f..

[6]vgl. Erll, Astrid (2005), S. 27.

[7]vgl. Assmann, Aleida (2004), S. 47.

[8]vgl. Assmann, Jan (1992), S. 30.

[9]vgl. Assmann, Jan (1992), S. 50f..

[10]vgl. ebd., S. 55.

[11]vgl. ebd., S. 52f..

[12]ebd., S. 54.

[13]vgl. ebd., S. 55.

[14]vgl. Erll, Astrid (2005), S. 31.

[15]vgl. Assmann, Aleida (2004), S. 48.

[16]vgl. Erll, Astrid (2005), S. 32.

Details

Seiten
35
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640632398
ISBN (Buch)
9783640632732
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151544
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,7
Schlagworte
Internet Kulturelles Gedächtnis Suchmaschinen Assmann Halbwachs

Autor

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