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Jugend und Liebe – Sozialwissenschaftliche Konzepte und Theorien juveniler Intimität im Vergleich

Geschwisterbeziehungen

Hausarbeit 2007 18 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffseinordnung: Geschwisterbeziehung

3 Geschwisterforschung

4 Geschwister – ihre Beziehung zueinander
4.1 Geschwister können voneinander profitieren
4.2 Rivalität
4.3 Eifersucht
4.4 Abnabelung

5 Der Einfluss von Geschwistern auf die Entwicklung
5.1 Begriffsklärung: Symmetrie und Asymmetrie
5.1.1 Die Bedeutung von symmetrischen und asymmetrischen Interaktionen für die kindliche Entwicklung
5.2 Konsequenzen für Lernprozesse in Geschwisterbeziehungen
5.3 Die emotionale Qualität von Geschwisterbeziehungen
5.4 Unfreiwilligkeit der Beziehung und Konflikte
5.5 Rolle von Konflikten für die soziale und kognitive Entwicklung

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis.

1 Einleitung

Wer an Geschwister denkt, sieht vielleicht eine Kindheitsszene am Familientisch mit dem Bruder, erinnert sich an ein Geburtstagsgeschenk, das die ältere Schwester kürzlich zugeschickt hat, an einen schon lange zurückliegenden heftigen Streit über das längere Aufbleiben der kleinen Schwester oder an gemeinsame tolle Ferien am Meer mit den beiden Brüdern im eigenen Zelt. Geschwisterbeziehungen sind die zeitlich ausgedehntesten Beziehungen im Leben eines Menschen. Sie besitzen etwas Schicksalhaftes, weil man sie sich nicht aussuchen kann, sondern in sie hineingeboren wird. Geschwisterbeziehungen können nicht einfach beendet werden und wirken auch dann fort, wenn unter Umständen die Kontakte auf ein Minimum beschränkt oder gar abgebrochen wurden. Durch das „Aufwachsen in einem Nest“ kann die Beziehung unter Geschwistern durch ein Höchstmaß an Intimität charakterisiert werden, das in keiner anderen Sozialbeziehung erreicht wird. Zwischen Geschwistern entwickeln sich mehr oder weniger ausgeprägte Verpflichtungen, einander zu helfen und sich zu solidarisieren, so beziehen sie z.B. gemeinsam Front gegen Dritte (gelegentlich auch gegen die eigenen Eltern). Typisch für die meisten Geschwisterbeziehungen ist aber eine tief verwurzelte (oftmals uneingestandene) Ambivalenz: einerseits gibt es intensive positive Gefühle von Nähe, Zuneigung, Liebe und andererseits negative Gefühle wie Rivalität, Ablehnung und sogar Hass. Ob eine weitgehend positive Beziehung gelingt, hängt nach heutigem Forschungsstand entscheidend davon ab, inwieweit Eltern partnerschaftlich und individuell mit ihren Kindern umgehen.
Die Geschwisterbeziehungen wie auch die Geschwisterkonstellation tragen zur Identitätsbildung bei und haben großen Einfluss darauf, wie wir uns später anderen Menschen gegenüber verhalten. Der jahrelang erworbene Schatz von Einstellungen, Denkmustern und Handlungsstrategien mit Geschwistern wird schließlich zum Grundmuster für den Umgang mit den Mitmenschen auch außerhalb der Familie.

2 Begriffseinordnung: Geschwisterbeziehung

Bevor der Begriff der Geschwisterbeziehung, der aufgrund verbreiteter umgangssprachlicher Nutzung keine eindeutige Definitionsstruktur aufweist, näher eingeordnet werden soll, muss zunächst geklärt werden, was unter dem Begriff „Geschwister“ im allgemeinen zu verstehen ist und wie die Geschwisterbindung, oft als Synonym für Geschwisterbeziehung verwendet, in der Literatur definiert wird. Kasten definiert den Geschwisterbegriff folgendermaßen: „Mit dem Begriff „Geschwister“ bezeichnet man in den meisten Kulturen und Sprachgemeinschaften Individuen, die über eine (zumindest) teilweise identische genetische Ausstattung verfügen, weil sie dieselbe Mutter / denselben Vater / dieselben Eltern haben“ (Kasten 1993, S. 8). Wichtige Bereiche werden mit dieser Begriffsbestimmung jedoch ausgeblendet, beispielsweise Adoptivkinder, Pflegekinder und Stiefkinder, die in ihrer Familie Geschwisterbeziehungen mit gleicher Qualität aufbauen können, wie Kinder mit derselben biologischen Mutter bzw. demselben biologischen Vater. Auch Bank und Kahn beschreiben die Geschwisterbindung „als – intime wie öffentliche – Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern Die Bindung kann sowohl warm und positiv als auch negativ sein“ (Bank/ Kahn 1989, S. 21). Auf der Grundlage dieser Definition soll im folgenden versucht werden, den Begriff Geschwisterbeziehung im Bereich Familie-Gruppe-Gesellschaft genauer zu verorten. Zum einen gehört die Geschwisterbeziehung zu den sogenannten innerfamilalen Beziehungen, die bestimmte Familienmitglieder untereinander haben. Abzuheben ist diese aber sowohl von der Eltern-Kind-Beziehung als auch von der Ehepartner- Beziehung. Des weiteren sind Geschwisterbeziehungen ebenfalls abzugrenzen von extrafamilialen Beziehungen, wie zum Beispiel Peerbeziehungen. Zum anderen kann man innerhalb der Familie im allgemeinen zwei Arten von Beziehungen unterscheiden: die vertikale Beziehung des Kindes zu den Eltern, welche Kinder aufschauen und die Eltern als Autoritätsperson wahrnehmen lässt, und die horizontale Beziehung der Geschwister untereinander, welche meist charakterisiert ist durch ein offeneres und ungeschminkteres Miteinander der Kinder, die sich in der Regel so kennen, wie sie die Eltern niemals kennen lernen werden. Die Geschwisterbeziehungen gehören, wie die Elternbeziehung, zu den sogenannten Primärbeziehungen. Die Geschwisterbeziehung ist somit nicht nur eine der längsten Sozialbeziehungen des Menschen sondern hat auch eine große Bedeutung für die Entwicklung des Kindes. Zum Beispiel lernen Geschwister von klein auf den Umgang mit altersnahen Personen und erwerben somit wichtige soziale Kompetenzen wie Teilen, die Bedürfnisse anderer zu akzeptieren, mit Frustration umzugehen etc. In Bezug auf die Eltern-Kind-Beziehung besitzt die zwischen den Geschwistern ein zusätzlich bedeutsames Potential, indem sie Einflüsse der Eltern auf die Kinder in hohem Maße modifizieren und relativieren kann.

3 Geschwisterforschung

Das Thema Geschwisterbeziehungen wurde von den Human- und Sozialwissenschaften lange Jahrzehnte kaum behandelt. Während sich die Kunst und Literatur schon sehr lange und intensiv mit Geschwisterbeziehungen beschäftigt hat, so zum Beispiel zahlreiche Märchen (Hänsel und Gretel, Brüderchen und Schwesterchen) in denen Geschwistern eine herausragende Bedeutung zukommt, dauerte es in der Wissenschaft einige Zeit, bis man begann, sich mit der Geschwisterbeziehung näher auseinander zu setzen. Anfang des 20. Jahrhunderts war Alfred Adler einer der Ersten, der sich, im Rahmen seiner Individualpsychologie, systematisch mit der Geschwisterthematik beschäftigte. Auch wenn die Geschwisterbeziehungen nur einen Aspekt seiner Individualpsychologie darstellten, wird er auch heute noch von vielen Forschern als Vater der Geschwisterkonstellationsforschung angesehen. Adler interessierte bei seinen tiefenpsychologischen Forschungen vor allem die den Lebensstil prägende Wirkung der Stellung eines Kindes in seiner Geschwisterreihe. Mit Adlers Arbeiten war der Grundstein für die heute als traditionell bezeichnete Geschwisterkonstellationsforschung gelegt, deren zentrale Annahme darin besteht, dass sich die Geschwisterkonstellation einer Familie (z.B. Geburtsrangplatz) nachhaltig auf die Entwicklung der einzelnen Kinder auswirkt und diese dadurch dauerhaft geprägt werden. In den meisten früheren Untersuchungen standen somit vordergründige Effekte strukturell einfacher Variablen (z.B. Position in Geschwisterreihe) im Mittelpunkt des Interesses, da man, angelehnt an Adlers Überlegungen, davon ausging, dass diese Effekte auf das Individuum ausüben und wesentlich die Persönlichkeitsentwicklung prägen. Neuere Arbeiten beschäftigen sich eher mit der Frage, über welche Unterschiede im elterlichen Verhalten oder im Verhalten der Geschwister zueinander Strukturmerkmale vermittelt werden. Somit richtet sich die Aufmerksamkeit heutiger Geschwisterforschung eher auf verursachende Prozesse und Wechselwirkungen: „Intra- und interkulturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede und auch kulturelle Variabilität werden stärker berücksichtigt“ (Kasten 1993, S. 11). Untersucht wird zum Beispiel der geschwisterliche Umgang miteinander, der Umgang mit bzw. durch die Eltern und die Entwicklung der Geschwisterbeziehung über die Lebensspanne.

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Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640632336
ISBN (Buch)
9783640632817
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151520
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
Schlagworte
Jugend Liebe Sozialwissenschaftliche Konzepte Theorien Intimität Vergleich Geschwisterbeziehungen

Autor

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