Lade Inhalt...

Chomskys „mentalistischer Spracherwerbsmechanismus“ vs. Bloomfields bzw. Skinners „Behaviorismus”

Seminararbeit 1995 17 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Gliederung

1. Bloomfields strukturalistisch-behavioristisches Kommunikationsmodell

2. Skinners kausal determiniertes Sprachverhaltensmodell
2.1 Chomskys Kritik
2.2 Chomskys Gegenthese ohne Semantikbeyug
2.3 Meisels Krituik an Chomskys „unsozialer“ Theorie
2.4 Chomskys „Gegenthese“ zum Strukturalismus

3. Chomskys funktionalßdeterminiertes Grammatikmodell
3.1 Chomskys „unkommunikative“ Grammatikabstarktion
3.2 Kontrastiver Theorienvergleich
3.2.1 Die Sternsche „Sprachdrangtheorie“
3.2.2 Skinners Theorie der „Wechseleinflusswirkung“
3.2.3 Chomskys syntaktische Strukturen
3.2.4 Skinners „Sanktionstheorie“
3.2.4.1 Skinners Projizierung seiner Sanktionstheorie auf das „Verbal Behavior“
3.2.5 Chomskys Rückbesinnung auf Originäres
3.2.6 Chomskys Spracherwerbsthesen
3.2.6.1 Sprachkompetenz
3.2.6.2 Sprachperformanz
3.2.6.3 Kommunikationskompetenz
3.2.6.4 Transformationskette angeborener Tiefenstrukturen
3.2.6.5 Tiefenstruktur als sprachliche Abstraktion
3.2.6.6 Vorsprachliche Kognition von Tiefenstrukturen
3.2.6.7 Lewis’ „Vogel“-Beispiel
3.2.6.8 Sprachentwicklung als Reifeprozess
3.2.6.9 Kindliche Sprachkreativität
3.2.6.10 „Kreative“ Nachahmung
3.2.6.11 Analoger Denkprozess
3.2.6.12 Elaborierung regelhafter Strukturen
3.2.6.13 Verifizierbarkeit von Chomskys Spracherwerbshypothesen
3.2.6.14 Verifizierbarkeit von Chomskys Sprachanwendungshypothesen

4. Literaturverzeichnis

1. Bloomfields strukturalistisch-behavioristisches Kommunikationsmodell

In der angloamerikanischen Linguistik setzte sich mit dem Erscheinen von Leonhard Bloomfields Buch „Language“[1] im Jahre 1933 der Behaviorismus gemeinsam mit dem Strukturalismus durch. Bloomfield verbannte in dem Bestreben, die Sprachwissenschaft in eine Naturwissenschaft zu konvertieren, alle „mentalistischen“ Termini aus seinem Repertoire. So ersetzte er den Handlungsbegriff mit seinen teleologischen und intentionalen Voraussetzungen durch das mit rein naturwissenschaftlich-empirischen Beobachtungsprozeduren feststellbare Verhalten („behavior“). Maßgeblich für diese Beschreibung ist das kausale Stimulus-Response-Schema (kurz: „S-R-Schema“, in deutscher Übersetzung als „Reiz-Reaktions-Schema“ bekannt). Gemäß dieser Theorie gibt es neben den physisch-physiologischen Reizen („stimuli“) beim Menschen auch noch „Ersatreize“ und „Ersatzreaktionen“ in Form von sprachlichen Äußerungen.

Statt dass Jill in Bloomfields berühmtem Beispiel den durch den Anblick des Apfels in ihr hervorgerufenen Stimulus durch eine „praktische“ Reaktion beantwortet – etwa auf den Baum klettert, um den Apfel zu pflücken und zu essen – äußert sie eine Ersatzreaktion in Form einer Bitte – genauer gesagt, in Form gewisser Schallwellen – an ihren Begleiter Jack, woraufhin dieser, dergestalt „gereizt“, an ihrer Stelle auf den Baum klettert und ihr den Apfel pflückt. Anstelle des simplen S→R-Schemas tritt ein S→r ... s→R-Schema, wobei die zwischengeschalteten Kleinbuchstaben die sprachlichen Ersatzstimuli und Ersatzreaktionen symbolisieren.[2] In „Sprache und Geist“[3] ironisiert Chomsky den Ansatz der Behavioristen, sie hätten

„[...] die Überzeugung, daß man das System der Stimulus-Response-Psychologie bald bis zu dem Punkt erweitern würde, wo es eine befriedigende Erklärung selbst für die geheimnivollste der menschlichen Fähigkeiten liefern würde. Die radikalsten Geister glaubten, daß man, um diese Fähigkeiten im vollen Umfang gerecht werden zu können, vielleicht keine s’s und r’s im Gehirn annehmen müsse - neben den großen S’s und R’s, die unmittelbarer Beobachtung zugänglich sind.“[4]

In diesem Zusammenhang geht es darum, die Kontinuität und sogar die Verschärfung der strukturalistischen Verkärzung im Ansatz der generativen Grammatik herauszuarbeiten. Bloomfield hatte immerhin noch in seinem Kommunikationsmodell die theoretische Ganzheit einer kommunikativen Situation vor Augen: einen Sprecher, einen Hörer sowie die Umgebung, soweit diese auf die Sinnesorgane einwirkt. Bei Chomsky gibt es nur noch einen monologisierenden und ideal-fiktiven „Sprecher-Hörer“, dessen Sprachfertigkeiten als von allen Bindungen an die Gesellschaft völlig losgelöst gedacht werden.

Bloomfield begründete den Sprachgebrauch noch: Jill will eien Apfel essen, und deshlab äußert sie eine Bitte; wobei man allerdings hinzufügen muss, dass es sich um ein naturgesetzliches, ergo kausales „deshalb“ handelt. Ebenso ist das „will“ nicht als ein intentionaler Akt zu verstehen, sondern als eine naturgesetzlich-kausale Reaktion auf gewisse Sinnesreize.

2. Skinners kausal determiniertes Sprachverhaltensmodell

2.1 Chomskys Kritik

Den konsequenten Versuch in dieser Richtung, nämlich menschliches Handeln als ein kausal determiniertes Verhalten zu erklären, hat B.F. Skinner in seinem Buch „Verbal Behavior“ unternommen. Chomsky weist ihm jedoch m.E. nach, dass im Falle des menschlichen „Verhaltens“ die ursprünglich empirisch-experimentell abgesicherten und definiertten Begriffe wie „stimulus“, „response“, „reinforcement“ etc. nichts weiter sind, als Metaphern für die „mentalistischen“ Begriffe „interest“, „intention“, „belief“ etc. – die ja gerade wegen ihrer Unschärfe durch die nicht-mentalistischen Begriffe ersetzt werden sollten -, so dass:

„[...] wir sie als bloße Umschreibungen für dass populäre Vokabular interpretieren müssen, das wir gewöhnlich verwenden, um Verhalten zu beschreiben und das keine spezielle Beziehung zu den gleichnamigen Ausdrücken hat, die bei der Beschreibung von Experimenten im Laboratorium gebraucht werden. Diese terminologische Revision fügt natürlich der bekannten mentalistischen Beschreibungsart keine Objektivität hinzu.“[5]

Allerdings besteht Chomskys Alternative darin, gar keine Erklärung für den Sprachgebrauch zu erwägen. Er nimmt die sprachliche „Kompetenz“ des „Sprecher-Hörers“ als anthropologische Eigenschaft an. Er schreibt hierzu:

„Es scheint mir kein Grund zu der Annahme zu bestehen, daß die menschliche Sprache nur ein komplexer Fall von etwas ist, was anderswo in der Tierwelt gefunden werden kann. Das wirft ein Problem für den Biologen auf, denn falls dies zutrifft, ist es ein Beispiel für einen echten ‘Entwicklungssprung’ – für das Auftreten eines qualitativ anderen Phänomens auf einer spezifischen Stufe der Organisationskomplexität [...]. In diesem Falle aber ist es eine vernünftige Vermutung, daß, wenn empirisch adäquate generative Grammatiken konstruiert und die universalen Prinzipien, die ihre Struktur und Organisation beherrschen, festgelegt werden können, diese dann wesentliche Beiträge zur Humanpsychologie darstellen werden.“[6]

Und weiter:

„Man kann einigen Wissenschaftlern den Wunsch nicht verübeln, den ’Erwerb und die Praktizierung des tatsächlich vorkommenden Sprachverhaltens’ zu untersuchen. Es bleibt jedoch nachzuweisen, daß diese Untersuchung etwas mit Sprachwissenschaft zu tun hat. Bis jetzt sehe ich keine Anzeichen dafür, daß dieser Anspruch begründet werden kann.“[7]

2.2 Chomskys Gegenthese ohne Semantikbezug

Chomsky versteht also unter der Sprache vorwiegend eine „Kompetenz in bezug auf formale Fähigkeiten, weshalb es nur konsequent war, die Semantik auszuklammern (so in den „Syntactic Structures“ 1957, der ersten programmatischen Veröffentlichung auf dem Gebiet der generativen Grammatik). Es ist daher auch kein Zufall, daß Chomsky selbst keine Semantiktheorie entwickelt hat. Dies haben vielmehr seine Schüler getan, zuerst Katz und Fodor et al. Allerdings hat Chomsky 1965 in den „Aspects“ das Katz-Fodorsche Semantikkonzept übernommen, was ihm von Searle – m.E. zu Recht – vorgeworfen wird.[8]

2.3 Meisels Kritik an Chomskys „unsozialer“ These

Chomsky lässt die Sinnfrage, im Bestreben, den menschlichen Geist vor der platten, vulgärmaterialistischen Determination zu bewahren, völlig außerhalb seiner Betrachtungen. So schreibt Meisel zutreffend, dass Chomsky sich für den Menschen nur als biologisches Gattungswesen interessiert:

„Darüber gerät der Mensch als soziales Wesen in Vergessenheit, die Person, deren Interaktionsweisen durch Sprache bedingt sind und Sprache bedingen. Der ideale Sprecher-Hörer kann zwar wohlgeformte Sätze bilden, doch er weiß nichts zu sagen.“[9]

2.4. Chomskys „Gegenthese“ zum Strukturalismus

Aber nur um diesen Preis konnte ihm gelingen, woran der Strukturalismus bis dahin gescheitert war, nämlich die Definitioon des Satzes als einer Einheit aus Nominal- + Verbalphrase. Der Satz ist somit bestimmt als ein formalsyntaktisches Konstrukt (kein semantisches), und alle anderslautenden Definitionsversuche werden abgewiesen, weil sie unzulässigerweise Sprache (Kompetenz) und Sprachgebrauch (Performanz) vermischen.

[...]


[1] L. Bloomfield, Language (New York 1933); 12. Aufl. London 1973.

[2] Eba. §2.2. ff.

[3] N. Chomsky, Sprache und Geist (Frankfurt/Main 1970); englisch 1968.

[4] Ebd., S. 12.

[5] N. Chomsky, A review of B.F. Skinner’s Verbal Behavior in Language 35 no. 1, S. 26 ff; wieder abgedruckt in Fodor/Katz (eds.) (1964, S. 547 ff.

[6] N. Chomsky, Sprache und Geist (Frankfurt/Main 1970); englisch 1968, S. 117 f.

[7] Ebd., S. 120, Anm. 5.

[8] N. Chomsky, Revolution in der Linguistik, S. 429.

[9] J.M. Meisel, Einführung in die transformationelle Syntax I. Grundlagen. Tübingen, S. 15.

Details

Seiten
17
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783640632244
ISBN (Buch)
9783640632695
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151431
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Sprachlernzentrum
Note
2,0
Schlagworte
Spracherwerb Language Acquisition Device Behaviorismus Chomsky Skinner Bloomfield

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Chomskys „mentalistischer Spracherwerbsmechanismus“ vs. Bloomfields bzw. Skinners „Behaviorismus”