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Der neue Nationalismus in der Weimarer Republik

Betrachtungen zu einem vergessenen Phänomen

Wissenschaftliche Studie 2009 14 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Der neue Nationalismus in der Weimarer Republik

Betrachtungen zu einem vergessenen Phänomen

Neuer Nationalismus: was bedeutet das? Armin Mohler schreibt in seinem Standardwerk über die „Konservative Revolution“ hierzu: „‚neu meint dabei die Abgrenzung vom bisherigen Nationalismus, den man mit der aufs Bürgerliche zielenden und abschätzig gemeinten Betitelung ‚Patriotismus’ beiseite schiebt’“[1].

Obgleich der neue Nationalismus (kultur-)konservative Elemente in einem gewissen Rahmen übernahm, unterschied er sich doch wesentlich vom tradierten Konservatismus und Patriotismus des Kaiserreichs. Das Frontkämpfererlebnis als verbindendes Element aller Schichten, die sozialen und ökonomischen Verwerfungen der Nachkriegszeit, die Revolutionierung der Wirtschaft, die politische Demütigung des Versailler Diktates und der Verlust tradierter Wertvorstellungen bildeten den historischen Hintergrund und Ursprung des sich nun herausbildenden neuen Nationalismus’. Den Kern der rechten Gruppierungen in der Frühphase der Weimarer Republik („Vaterländische Bewegung“) bildeten größtenteils deutschnational eingestellte Organisationen mit bürgerlich, patriotisch- konservativem Hintergrund (Wehrverbände, Jugendbünde, Traditionsgruppen, u.a.). Dem Attribut „national“ wohlgesinnt, verwahrten sich diese Gruppierungen zunächst vor der Bekennung zum Nationalismus, „pflegte[n] Wehrgesinnung und Tradition“ und waren „in ihren radikaleren Ausläufern, den ‚völkischen’ Gruppierungen, antisemitisch, auf Rasse und deutsch- gläubige Erneuerung ausgerichtet“[2]. Obschon die rechtskonservativen Wehrverbände dem Nationalismus noch reserviert gegenüberstanden, etablierte sich dieser zusehends innerhalb der nationalen Bewegung, wovon vor allem die heterogenen „Völkischen“ stark beeinflußt wurden.

In der Kampfzeit von 1918 bis 1923 beteiligte sich die „nationale Jugend“ durch ihr zahlreiches Mitwirken in den Kampfverbänden (Freikorps) an der Wiederherstellung und Stabilisierung der Ordnung der Weimarer Republik, deren liberal-demokratischen Parlamentarismus sie eigentlich zutiefst verachtete. Hingegen standen ihre Finanziers, die „ihnen gerade in der kritischen Inflationszeit die materielle Bewegungsfreiheit (bei gleichzeitiger ideeller Gefangenschaft) ermöglicht hatten“[3], nicht eindeutig in Opposition zum bestehenden System der parlamentarischen Demokratie.

Dieses Arrangement mit der bestehenden Ordnung bedeutete für die „nationale Jugend“ Unheilvolles: die Inflation verstärkte die materielle Not dieser vorwiegend aus dem Mittelstand entstammenden Mitglieder der Bewegung, die von dem militärischen Leben der Kriegs- und Bürgerkriegsjahre geprägt waren. Während die älteren Offiziere aufgrund ihres höheren Dienstgrades eine entsprechend gute Rente vom Staat erhielten sowie darüber hinaus oftmals in der Wirtschaft Einstellung fanden, standen die jungen Offizieren und freiwilligen Kämpfer nach ihren Kampfeinsätzen (1914-1923) vor dem finanziellen Ruin. Diese existentielle Not entlud sich in der verständlichen Abneigung gegenüber dem parlamentarischen System von Weimar. Aus diesem historischen Kontext heraus verwandelte „die Jugend der Kampfverbände (…) jetzt ihre zu bestimmten Bürgerkriegszwecken gegründeten Organisationen in ‚Bünde’, das bedeutet Wert-, Gesinnungs-, Lebensgemeinschafen“[4]. Nun, nach diesem „Erwachen“, erfolgte die Ausbildung eigener Ideen über Volk und Staat und letztlich die Entstehung der Ideologie des neuen Nationalismus.

Der neue Nationalismus erschuf den Mythus vom „Dritten Reich“, – wobei hier inhaltliche Unterschiede zu dessen historischer Verwirklichung nach 1933 zu konstatieren sind – der als beherrschendes Element in den neuen bzw. jungen nationalen Organisationen auftrat. An Moeller van den Brucks Buch „Das Dritte Reich“ (1923) verdeutlichte sich dieses im deutschen Nationalismus vorherrschende Leitmotiv. Über das Aussehen des angestrebten neuen Reiches schrieb Moeller van den Bruck: „Wir setzen an die Stelle der Parteibevormundung den Gedanken des dritten Reiches. Er ist ein alter und großer deutscher Gedanke. Er kam auf mit dem Verfalle unseres ersten Reiches. Er wurde früh mit der Erwartung eines tausendjährigen Reiches verquickt. Aber immer lebte in ihm noch ein politischer Gedanke, der sich wohl auf die Zukunft, doch nicht so sehr auf das Ende der Zeiten, als auf den Anbruch eines deutschen Zeitalters bezog, in dem das deutsche Volk erst seine Bestimmung auf der Erde erfüllen werde“[5]. Des weiteren sah das Ideal ein starkes, von einer Elite geführtes Reich aller Deutschen vor, das eine völkische Gemeinschaft auf Grundlage von gleicher Sprache und Rasse einigen sollte. Dieses Reich sollte eine Werte-, Kultur- und Gesinnungsgemeinschaft aus allen deutsch Empfinden und Seienden darstellen, die voraussetzt, „daß eigene kulturelle und politische Werte aus der deutschen Vergangenheit und Gegenwart gewonnen werden, daß demnach nicht der Anschluß an die Weltzivilisation vollzogen wird, sondern allen anderen Völkern gegenüber das deutsche Volk seine spezifische Form und seine spezifischen Inhalte herausbildet“[6].

Moeller van den Bruck betonte die dem Kaiserreich inhärenten positiven Entwicklungsansätze, die jedoch aufgrund eines schwachen Patriotismus’ vernachlässigt und mit der Revolution von 1918 endgültig zerstört wurden. Er schreibt hierüber folgende aufschlußreiche Sätze: „Der Patriotismus, zu dem wir (…) erzogen wurden, glaubte die Nationalität schon mit dem Lande erklären zu können, in dem ein Mensch geboren wird, und mit der Sprache, die er spricht. Aber es war unzureichend. Deutscher ist nicht nur, wer deutsch spricht, wer aus Deutschland stammt oder gar, wer dessen Staatsbürgerschaft besitzt. Land und Sprache sind die natürlichen Grundlagen einer Nation, aber ihre geschichtliche Eigentümlichkeit empfängt sie von der Art, wie ihr das Leben von Menschen ihres Blutes im Geiste vorgewertet wird. Leben im Bewußtsein seiner Nation heißt Leben im Bewußtsein ihrer Werte. Der Konservativismus einer Nation sucht diese Werte zu erhalten: durch Bewahrung der überlieferten Werte, soweit sie Wachstumskraft in der Nation behielten – und durch Einbeziehung aller neuen Werte, soweit die die Lebenskraft der Nation vermehren. Eine Nation ist eine Wertungsgemeinschaft“[7].

Der Umbruch 1918 stellte für Moeller van den Bruck den Triumph des westlichen Demokratie- und Parteiensystems, welches mit deutschem Geist absolut unverbindbar wäre, dar. Deutsch bedeutet für ihn eine Geschichte von Widersprüchen und Gegensätzlichkeiten, die aber nicht negiert werden sollen, sondern einer Verknüpfung bedürfen. Moeller van den Brucks Denken basierte auf einem aktivistischen Traditionalismus bzw. einem revolutionären Konservatismus, wobei dessen primäre Zielsetzung die Schaffung einer Wertungsgemeinschaft – im Gegensatz zu einer an äußeren Eigenschaften festgemachten Staatsgemeinschaft – war. In dieser Wertungsgemeinschaft erführen, dem Elitedenken verpflichtet, nur die Wertvollsten Aufnahme, was den Ausschluß bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen bedeute.

[...]


[1] Armin Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch. 2. Aufl. Darmstadt 1972. S. 144.

[2] Karl Otto Paetel: Nationalbolschewismus und nationalrevolutionäre Bewegungen in Deutschland. Geschichte, Ideologie, Personen. Schnellbach 1999. S. 54.

[3] Ernst H. Posse: Die politischen Kampfbünde Deutschlands. Nachdruck der 2., erw. Aufl. Berlin 1931. Toppenstedt 2004 (=Quellentexte zur Konservativen Revolution. Reihe: Die Nationalrevolutionäre, Bd. 3). S. 72.

[4] Ebd. S. 73.

[5] Moeller van den Bruck zitiert nach: ebd. S. 74-75.

[6] Moeller van den Bruck zitiert nach: ebd. S. 75.

[7] Moeller van den Bruck zitiert nach: ebd. S. 76-77.

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640629770
ISBN (Buch)
9783640630035
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151397
Note
Schlagworte
Nationalismus Weimarer Republik

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