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Soziale Marktwirtschaft - Wirtschaftsordnung für die Länder des Mittleren Ostens?

Bachelorarbeit 2004 56 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stilisierte Fakten über den Entwicklungsstand in den Ländern des Mittleren Ostens
2.1. Ökonomische Indikatoren
2.1.1. Pro – Kopf – Einkommen
2.1.2. Human Development Index
2.2. Soziale Indikatoren
2.2.1 Lebenserwartung bei der Geburt
2.2.2. Alphabetisierungsrate bei Erwachsenen
2.2.3. Bevölkerungswachstum

3. Soziale Marktwirtschaft
3.1. Hintergrund
3.2. Grundelemente einer funktionsfähigen Sozialen Marktwirtschaft
3.2.1. Privateigentum und Haftung
3.2.2. Vertragsfreiheit
3.2.3. Preissystem
3.2.4. Wettbewerb
3.2.5. Sozialer Ausgleich

4. Die Wirtschaftsordnung im Islam
4.1. Hintergrund
4.2. Staat und Religion in den Ländern des Mittleren Ostens
4.3. Grundelemente der islamischen Wirtschaftsordnung
4.3.1. Privateigentum
4.3.2. Zakat
4.3.3. Finanzsystem

5. Soziale Marktwirtschaft und Islam
5.1. Theoretischer Vergleich
5.2. Umsetzungsmöglichkeiten in der Praxis
5.2.1. Türkei
5.2.2. Iran
5.2.3. Irak

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das in der Öffentlichkeit westlicher Länder bestehende Bild von islamischen Ländern ist größtenteils durch die Medien geprägt. Die jüngsten Anschlagserien im Irak und speziell die Ereignisse des 11. Septembers 2001 rückten den Fokus des internationalen Interesses in Richtung Mittlerer Osten. Diese Gewalttaten islamischer Fundamentalisten führen zu einer Reihe von Vorurteilen, da sie stellvertretend für den Islam als Ganzes angesehen werden.[1] Schlagworte wie Djihad (der Heilige Krieg) und Al-Kaida im Zusammenhang mit Osama bin Laden und Saddam Hussein geistern durch die Medienlandschaft und zeichnen ein Bild des Schreckens in der Öffentlichkeit. So gilt der Islam als westfeindlich, verschlossen gegenüber westlichen Ideen und als extrem gewaltbereit in der Umsetzung seiner Ziele. Doch darf im Interesse einer objektiven Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht vergessen werden, dass es sich, trotz der in letzter Zeit häufig auftretenden Anschläge, hier um Taten fanatischer Fundamentalisten, die die Religion für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren, handelt und nicht um die Ausübung der islamischen Gebote.

In der Tat nimmt die Religion in den islamischen Ländern einen weitaus höheren, vielleicht gar nicht vergleichbaren, Stellenwert ein als in den westlichen Nationen. Der Islam ist nicht nur Staatsreligion, vielmehr sind die Staaten des Mittleren Ostens Religionsstaaten, deren Gesetze sich ausschließlich aus den Lehren des Islams ableiten. Dies wird unter anderem an der offiziellen Bezeichnung eines Staates deutlich. Die Islamische Republik Iran ist ein Beispiel für die Definition des Staates über die Religion.

Auch die Gründung der Organisation der Islamischen Konferenz am 25. September 1969 in Rabat, Marokko, vermittelt den Eindruck der Ausgrenzung westlicher Länder und der Errichtung einer islamischen Front gegen westliche Nationen. Zu den Zielen dieser Organisation zählen unter anderem die Stärkung der islamischen Solidarität innerhalb der Mitgliedsstaaten, die Kooperation auf politischer, wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und wissenschaftlicher Ebene und das Streben aller moslemischen Menschen ihre Würde, Unabhängigkeit und nationalen Rechte zu sichern.[2] Ausnahmslos alle Staaten des Mittleren Ostens zählen zu ihren Mitgliedern. Zusätzlich sind die arabischen Länder des Mittleren Ostens Mitglieder der am 22. März 1945 in Kairo, Ägypten, gegründeten Arabischen Liga, deren Ziele ähnlich formuliert sind.[3] Anders als in westlichen Nationen ist eine Trennung von Staat und Religion in islamischen Ländern nahezu undenkbar. Der Islam, als eine der fünf Weltreligionen mit über einer Milliarde Anhängern weltweit, will nicht nur in moralischen Fragen Antworten vermitteln und Regeln aufstellen. Er bietet vielmehr ein strikt verbindliches Regelwerk für alle Bereiche des menschlichen Daseins an, das auch für wirtschaftliche Bereiche gilt.

Trotz immenser Ölvorräte in einigen Ländern des Mittleren Ostens haben diese mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Die Länder des Mittleren Ostens zählen alle zu Entwicklungs- beziehungsweise zu Schwellenländern. Die Oberschichten der Länder mit großen Ölvorkommen verfügen durchaus über großes Vermögen, doch lebt die Bevölkerung, speziell die ländliche, in Armut und leidet unter der unzureichenden medizinischen Versorgung. Diese Probleme jedoch einzig und allein auf die Religion zurückzuführen wäre ebenso verfrüht, wie die Religion völlig aus dem wirtschaftlichen Bereich auszuklammern. „Insofern bleiben die eigenständigen, ökonomischen Vorstellungen des Islam Gegenstand kontroverser Diskussionen, die vor allem auch aus entwicklungspolitischer Sicht völlig neue Fragen aufwerfen.“[4] Westliche Wissenschaftler weisen dem Islam mitunter eine entwicklungshemmende Komponente zu. Die zugrundeliegenden Regeln und Gesetze würden den heutigen Anforderungen an eine effiziente Wirtschaft nicht mehr gerecht werden. Gegen diese These spricht die historische Entwicklung. „Denn das erste Jahrhundert der Verbreitung des Islam, in denen das Institutionengefüge der islamischen Gemeinde am stärksten den religiösen Vorgaben entsprach, waren politisch, kulturell, wissenschaftlich und nicht zuletzt wirtschaftlich eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Diese Tatsache spricht also eher für den entwicklungsbeflügelnden Einfluss des Islams.“[5]

Natürlich waren die internationalen Verflechtungen und vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen in früheren Zeiten bei weitem nicht so eng wie in den Zeiten der Globalisierung. Dennoch legt die Historie den Verdacht nahe, dass eine Lösung der ökonomischen Probleme nicht in einer Veränderung der religiösen Gewohnheiten zu suchen ist, sondern in der Anpassung der Wirtschaftsordnung an die aktuelle Situation. Diese muss nicht zwingend den religiösen Vorschriften widersprechen.

Da die Soziale Marktwirtschaft große wirtschaftliche Erfolge vorzuweisen hat, soll geprüft werden, ob sie eine mögliche Lösung der ökonomischen Probleme darstellen könnte und inwieweit die dafür notwendigen Voraussetzungen mit der islamischen Lehre vereinbar sind.

Die Heterogenität der Länder mit islamischer Staatsreligion erschwert eine allgemeingültige Aussage über die Möglichkeiten wirtschaftlichen Aufschwungs und Wachstums. Durch ihre Verbreitung über drei Kontinente (Europa, Afrika, Asien) unterscheiden sie sich sowohl in ihren geographischen Gegebenheiten als auch durch ihren geschichtlichen und kulturellen Hintergrund. So wurden die Länder des Mittleren Ostens stellvertretend ausgewählt um einen Vergleich zwischen Sozialer Marktwirtschaft und islamischer Wirtschaftsordnung durchzuführen.

Zunächst erfolgt eine Einordnung anhand ausgewählter Indikatoren in den globalen Zusammenhang. Danach wird die Soziale Marktwirtschaft der islamischen Wirtschaftsordnung gegenübergestellt, um dann im vierten Teil der Arbeit miteinander verglichen zu werden. Anhand ausgewählter Beispiele – Türkei, Iran und Irak - sollen die wirtschaftlichen Potenziale und die Wachstumsmöglichkeiten in den entsprechenden Ländern aufgezeigt werden.

2. Stilisierte Fakten über den Entwicklungstand in den Ländern des Mittleren Ostens

Ob ein Land zu den Entwicklungsländern gehört, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Gemäß des Entwicklungshilfeausschusses der Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD) zählen die Länder des Mittleren Ostens zu Entwicklungs- und Übergangsländern.[6] Da es bis heute noch keine eindeutige, verbindliche Definition „Entwicklungsland“ gibt, müssen bei der Beurteilung des Entwicklungsstandes eines Landes verschiedene Faktoren berücksichtigt werden. Generell zeigt sich der Entwicklungsstand eines Landes in den Möglichkeiten, die die Bewohner eines Landes zur Gestaltung ihres eigenen Lebens haben und in dem dabei erreichten Wohlstandsniveau.[7] Es gilt daher geeignete Indikatoren zu finden, um eine Beurteilung über den Entwicklungsstand eines Landes durchführen zu können. Indikatoren sind Messgrößen, die Auskunft über ein konkretes Phänomen geben, so liefert beispielsweise ein Entwicklungsindikator Informationen über den Entwicklungsstand eines Landes.[8] Zusätzlich muss eine geeignete Grenze der Werte eines Indikators festgelegt werden, die eine Einteilung in Industrie- und Entwicklungsländer ermöglicht.[9] Neben rein ökonomischen Indikatoren geben soziale Indikatoren Aufschluss über die Lebensbedingungen in einem Land.

Die Wirtschaftsstruktur der Region des Mittleren Ostens stellt eine besondere Konstellation innerhalb der Staaten der Dritten Welt dar. Sie ist wesentlich heterogener als in anderen Regionen. Die Bevölkerungszahl bewegt sich zwischen 2,9 Millionen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und 66,2 Millionen in der Türkei. Des Weiteren ist die Ausstattung mit Bodenschätzen, speziell mit Ölvorräten, sehr unterschiedlich. „Die besonderen Entwicklungsprobleme islamischer Staaten sind aus ökonomischer Sicht auf die unzulängliche quantitative und qualitative Mobilisierung der Faktorausstattung zurückzuführen. Sie erwachsen aus den heute so wichtigen Fragen der Bevölkerungsexplosion, der Landflucht, der Urbanisierung und der Industrialisierung.“[10] So gilt es passende Indikatoren zu finden, die diesen Problemen Rechnung tragen. Aus der Vielzahl der Indikatoren zur Ermittlung des Entwicklungsstandes eines Landes wurden die folgenden ausgewählt und für die Länder des Mittleren Ostens zusammengestellt.

2.1. Ökonomische Indikatoren

Zur Erlangung eines Überblicks über den wirtschaftlichen Entwicklungsstand eines Landes stellen ökonomische Indikatoren eine effiziente Hilfe dar. Sie können einerseits zur Messung des Entwicklungsstandes zu einem bestimmten Zeitpunkt herangezogen werden, andererseits dienen sie zur Beobachtung des Entwicklungsprozesses im zeitlichen Ablauf.[11] Die allgemeine Problematik dieser statistischen Kennzahlen liegt in der unterschiedlichen Interpretation und Vergleichbarkeit unterschiedlicher Quellen. Des Weiteren werden Schattenwirtschaft, Korruption und Regierungsführung nicht in offiziellen Erhebungen erfasst, was zu einer Verfälschung der Ergebnisse und somit zu einem falschen Eindruck führen kann. Zudem ist speziell über die Länder des Mittleren Ostens nicht genügend Datenmaterial verfügbar, um einen umfassenden Vergleich mit anderen Ländern durchzuführen. Zwar sind die Pro-Kopf-Einkommen dieser Länder nahezu vollständig erfasst, jedoch gibt es keine Informationen über die Einkommensverteilung, die genaueren Aufschluss über die Lebensbedingungen der Bevölkerung in den einzelnen Ländern geben könnten. Die Ursache dieses Mangels liegt zum einen in nicht vorhandenen Erhebungen innerhalb der Länder, zum anderen in einem Informationsstopp nach außen. Die Regierungen der Entwicklungsländer sind darauf bedacht, nur soviel Information über ihre schlechte wirtschaftliche Lage preiszugeben wie nötig ist, um eventuelle Hilfsmaßnahmen, wie öffentliche und private Entwicklungshilfe, zu erlangen. Dennoch stellen diese Indikatoren Hilfsmittel dar, um die Wirtschaftslage eines Landes zu charakterisieren.

2.1.1. Pro-Kopf-Einkommen (PKE)

„Bei der Messung des wirtschaftlichen Entwicklungsstands einzelner Länder gilt das Hauptaugenmerk dem zur Verfügung stehenden `Güterberg´. Als aussagefähigsten Indikator hierfür sieht man überwiegend des Pro-Kopf-Einkommen (PKE) an.“[12] Die Organisation der Vereinten Nationen (UNO), die Weltbank und die OECD verwenden das PKE als Hauptkriterium zur Einstufung als Entwicklungsland. Es errechnet sich durch Division des Bruttoinlandprodukts durch die Bevölkerungszahl. Aus Gründen der Vergleichbarkeit werden die errechneten Zahlen zum aktuellen Dollarkurs umgerechnet. Das PKE ist ein Maßstab für die Länderklassifikation der Weltbank im jährlich erscheinenden World Development Report. Die Länder werden dort aufgrund dieses Indikators wie folgt eingeteilt: Länder mit einem Pro-Kopf-Einkommen bis 745 $ zählen zu Ländern mit geringem Einkommen, Länder mit einem PKE von 746 $ bis

2 975 $ zählen zu Ländern mit niedrigem mittlerem Einkommen, Länder mit einem PKE von 2 976 $ bis 9 205 $ zu Ländern mit hohem mittlerem Einkommen und Länder mit einem PKE über 9 205 $ zählen zu Ländern mit hohem Einkommen.[13] Um den sich ändernden Wechselkursen Rechnung zu tragen werden diese Länderklassifikationen jährlich angepasst.

In den Ländern des Mittleren Ostens sind die PKE gehäuft im unteren Bereich zu finden. Sie umfassen eine Bandbreite von 460 $ im Jemen bis zu 2 540 $ in der Türkei. Libanon mit 4 010 $ und Saudi Arabien mit 7 230 $ zählen bereits zu Ländern mit höherem mittlerem Einkommen. Bahrein mit 9 370 $, Kuwait mit 18 030 $ und die Vereinigten Arabischen Emirate[14] gehören laut Weltbank zu Ländern mit hohem Einkommen. Dennoch sind sie Entwicklungsländer. Diese Divergenz zeigt den Bedarf an weiteren Indikatoren, um eine genauere Einteilung der Länder vornehmen zu können.

2.1.2. Human Development Index (HDI)

Der HDI, jährlich herausgegeben vom United Nations Development Programme, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, versucht anhand einer Kennzahl den Entwicklungsstand in den Ländern der Welt zu verdeutlichen. Anders als der Ländervergleich der Weltbank berücksichtigt er nicht nur das PKE eines Landes, sondern ebenso die Lebenserwartung bei der Geburt und die Alphabetisierungsrate der Erwachsenen eines Landes.[15] Der HDI ist ein Bestandteil des jährlich erscheinenden Human Development Reports, dem auch ein Länderranking zu entnehmen ist.[16] „Hierdurch werden auch Sinn und Zweck des HDI deutlich: Durch die Aufstellung einer Rangliste soll zum einen ein Vergleich der menschlichen Entwicklung zwischen einzelnen Ländern erfolgen, zum anderen der relative sozio-ökonomische Fortschritt einzelner Länder durch die Veränderung ihrer Platzierung ermittelt werden.“[17] Im Jahr 2003 wurden 175 Länder in den Index der menschlichen Entwicklung einbezogen. Je höher der Wert (zwischen 0 und 1), desto besser ist es um die Gesundheit, Bildung und wirtschaftliche Situation der Menschen dort bestellt. Die Länder werden in hochentwickelte Länder mit einem HDI von mindestens 0,80, Länder mit mittlerem Entwicklungsstand mit einem HDI zwischen 0,50 und 0,80 und gering entwickelte Länder mit einem HDI unter 0,50 eingeteilt.[18]

Nach dieser Einteilung zählen Bahrein, Katar, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate zu den hochentwickelten Ländern. Jemen ist das einzige Land dieser Ländergruppe, das nach dieser Einteilung zu den gering entwickelten Ländern gehört. Dennoch liegen die Länder des Mittleren Ostens weit hinter dem durchschnittlichen HDI der OECD-Staaten von 0,904 zurück, was den Entwicklungsbedarf der Länder im Bereich der menschlichen Entwicklung verdeutlicht, um den Anschluss an den Westen zu finden. Allerdings deuten die relativ guten HDI-Werte dieser Länder ebenfalls darauf hin, dass ein möglicher Anschluss durchaus nicht utopisch ist und durch die richtige Nutzung der vorhandenen Potenziale eine Annäherung an westliche Lebensstandards möglich sein könnte. „Insbesondere weist der Begriff des Lebensstandards eine über den materiellen Aspekt hinausgehende qualitative Dimension auf, die sich in gleichem Maße auf die politischen und sozialen Lebensbedingungen bezieht. Diese sind bei der Ermittlung des Entwicklungsstands einzelner Länder ebenso heranzuziehen wie das Ausmaß der materiellen Güterversorgung.“[19]

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll untersucht werden, ob die mögliche Verbesserung des Lebensstandards in einer effizienteren Gestaltung der Wirtschaftsordnung und deren Umsetzung in den Ländern des Mittleren Ostens zu suchen ist.

2.2. Soziale Indikatoren

Da ökonomische Indikatoren den Entwicklungsstand eines Landes nur unvollständig wiederspiegeln können, ist die zusätzliche Verwendung sozialer Indikatoren unerlässlich, um sich ein umfassenderes Bild über ein Land machen zu können. Soziale Indikatoren stellen ein Instrument zur Beurteilung sozialer Tatbestände dar und sind ein wichtiges Hilfsmittel bei der Erfolgskontrolle der zur Verbesserung gesetzten Ziele.[20]

2.2.1. Lebenserwartung bei der Geburt

Die Lebenserwartung bei der Geburt ist die Anzahl der Jahre, die ein Neugeborenes leben würde, wenn die Sterberaten zum Zeitpunkt seiner Geburt sich nicht im Laufe der Zeit verändern würden.[21] Die durchschnittliche Lebenserwartung hängt, abgesehen von genetischer Disposition, von den äußeren Lebensbedingungen ab. Armut, Hunger und mangelnde medizinische Versorgung senken die Lebenserwartung erheblich.

In den Ländern des Mittleren Ostens liegt die durchschnittliche Lebenserwartung, mit Ausnahme in Iran, Irak und Jemen, bei über 70 Jahren. Sie liegt somit nur um wenige Jahre hinter der durchschnittlichen Lebenserwartung der OECD-Staaten von 76,9 Jahren. Dies ist ein Indiz dafür, dass in den Ländern des Mittleren Ostens die Mittel zur Befriedigung der Grundbedürfnisse durchaus vorhanden sind. Die vorliegenden Zahlen deuten aber darauf hin, dass diese noch weit hinter den Möglichkeiten der entwickelten Staaten liegen, was auf eine falsche Mittelverwendung hindeutet. Da es sich jedoch um Durchschnittswerte handelt ist kein Einblick über eventuelle Differenzen zwischen beispielsweise Stadt- und Landbevölkerung möglich.

2.2.2. Alphabetisierungsrate bei Erwachsenen

Ein Grund für wirtschaftliche Unterentwicklung liegt im niedrigen Bildungsstand der Bevölkerung eines Landes. Grundvoraussetzung um die, wenn auch teilweise spärlich vorhandenen, Bildungsmöglichkeiten effizient nutzen zu können, ist die Fähigkeit lesen und schreiben zu können. Die Alphabetisierungsrate eines Landes zeigt den prozentualen Bevölkerungsanteil der Erwachsenen an, die in der Lage sind einen kurzen, verständlichen Text über ihr tägliches Leben zu schreiben und zu lesen. Da in vielen Ländern diese Raten aufgrund von Schätzungen gebildet werden, sind die unterschiedlichen Raten der Länder nicht sehr aussagkräftig für einen Vergleich.[22] Dennoch vermitteln sie einen ersten Eindruck über den durchschnittlichen Bildungsstand der Bevölkerung eines Landes.

Der Anteil der Analphabeten liegt in den Ländern des Mittleren Ostens immer noch zwischen 10 und 28 Prozent, wobei er in den Ländern Irak mit 44 Prozent und im Jemen mit 54 Prozent noch weit den Durchschnitt übersteigt. Eine Ursache ist der allgemeine Mangel an Bildungsmöglichkeiten. Eine weitere Ursache hierfür könnte die Ungleichstellung von Mann und Frau sein, die in einigen Ländern des Mittleren Ostens nach wie vor praktiziert wird. So erhalten Mädchen häufig nicht die Möglichkeit Schulen zu besuchen.

2.2.3. Bevölkerungswachstum

Während westliche Industrienationen einen Rückgang der jährlichen Geburtenrate verzeichnen müssen, ist die Entwicklung in den Entwicklungsländern gegenläufig. Das durchschnittliche Bevölkerungswachstum in den OECD-Staaten liegt bei 0,6 Prozent, demgegenüber stehen in den Ländern des Mittleren Ostens Bevölkerungswachstumsraten von bis zu über 4 Prozent. Dies liegt einerseits an mangelnder Aufklärung über Verhütungsmaßnahmen, beziehungsweise an einem Verbot solcher Mittel aufgrund religiöser Vorschriften, zum anderen ist die Sicherung der Altersversorgung durch eine hohe Kinderzahl tief im traditionellen und kulturellen Erbe der Länder des Mittleren Ostens verwurzelt. Trotz relativ hohen Säuglingssterberaten steigt die Bevölkerungsanzahl in diesen Ländern stetig. Eine Ausnahme bildet Kuwait, wo sich die Bevölkerungszahl rückläufig entwickelt, was mit dem relativ fortgeschrittenen Entwicklungsstand des Landes korreliert. Die hohe Zuwachsrate in den Vereinigten Arabischen Emiraten lässt sich nicht allein auf eine Erhöhung der Geburtenrate innerhalb der einheimischen Bevölkerung zurückführen, sondern kann mit dem Zuzug ausländischer Investoren, besonders in das sehr fortschrittliche und westorientierte Emirat Dubai, erklärt werden.

Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick der verwendeten Indikatoren für die Länder des Mittleren Ostens:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

È nach Schätzungen zu den Ländern mit geringem mittlerem Einkommen zählend; ² nach Schätzungen zu den Ländern mit hohem Einkommen zählend; ³ nach Schätzungen zu den Ländern mit höherem mittlerem Einkommen zählend

Quelle: World Development Report 2003, Human Development Report 2003 und eigene Berechnungen

[...]


[1] Vgl. Tibi, B.: Der religiöse Fundamentalismus, S. 21, S.107

[2] Vgl. http://www.oic-un.org/about/over.htm

[3] Vgl.: http://www.arableagueonline.org

[4] Ghaussy, A.G., Islamische Wirtschaftsordnung, S. 1

[5] Nienhaus, V.: Wirtschaftsordnung und wirtschaftliche Entwicklung: Islamische Religion und Tradition als Ursache wirtschaftlicher Unterentwicklung?, S. 363f.

[6] Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Liste der Entwicklungsländer- und gebiete sowie Übergangsländer- und gebiete 2002, http://www.bmz.de/infothek/hintergrundmaterial/statistiken/index.html

[7] Hemmer, H.-R.: Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, S. 3

[8] Ebd., S. 8

[9] Vgl. ebd., S. 8

[10] Ghaussy, A.G.: Islamische Wirtschaftsordnung, S. 16

[11] Vgl. Hemmer, H.-R.: Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, S. 3

[12] Hemmer, H.-R.: Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, S. 9

[13] Vgl. World Development Report 2003, S. 233

[14] Keine konkrete Zahl vorhanden, nur Schätzungen, s. Tabelle S.10

[15] Vgl. Hemmer, H.-R.: Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, S. 34

[16] Vgl. Human Development Report 2003: http://www.undp.org/hdr2003/

[17] Hemmer, H.-R.: Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, S. 34f.

[18] Vgl. Human Development Report 2003: http://www.undp.org/hdr2003/

[19] Hemmer, H.-R.: Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer, S. 8

[20] Vgl. Brümmerhoff, D.: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, S. 225

[21] Vgl. World Development Report 2003, S. 245

[22] Vgl. World Development Report 2003, S. 245

Details

Seiten
56
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640629763
ISBN (Buch)
9783640629596
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151395
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Schlagworte
Soziale Marktwirtschaft Islam islamic banking Wirtschaftsordnung Volkswirtschaftslehre Mittlerer Osten Wirtschaftspolitik Zinsverbot Scharia Staat und Religion Finanzsystem Zakat Internationale Wirtschaftsbeziehungen

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