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Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens

Organisation – Ziele – Probleme des jüdischen Abwehrvereins

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 27 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zur Geschichte jüdischer Emanzipation und den Anfängen jüdischer Abwehr

2. Organisationsstruktur des Central-Vereins

3. Ziele des Central-Vereins
3.1. Durchsetzung staatsbürgerlicher Rechte
3.2. Aufklärung über das Judentum
3.3. Bekämpfung des Antisemitismus

4. Methoden und Arbeitsweisen des Central-Vereins
4.1. C.V.-Pressedienst
4.2. C.V.-Zeitung

5. Probleme und Hindernisse bei der Umsetzung der Ziele des Central-Vereins
5.1. Aufstieg der NSDAP und politischer Antisemitismus
5.2. Gesellschaftlicher Antisemitismus
5.3. Innerjüdische und vereinsinterne Differenzen

Fazit

Einleitung

Ein unbefangener freier Umgang mit der Geschichte der Juden in Deutschland, losgelöst von Gedanken an Ghetto, Verfolgung, Deportation, an Auschwitz und unendliches Leid, ist heute nicht mehr möglich. Diese Tatsache lässt sich nicht leugnen oder ausblenden. Gleichwohl eröffnet die Beschäftigung mit dem jüdischen Leben in Deutschland vor der systematischen Vernichtung durch das NS-Regime Eindrücke einer sehr bemerkenswerten deutschen Minderheit der damaligen Zeit. Aber ein auf die „Endlösung der Judenfrage“ ausgerichtetes Denken und Betrachten dieser Geschichte verfehlt unweigerlich ihr Ziel. Man darf die Geschichte der Juden in Deutschland nicht als zwangsläufige Vorgeschichte oder Prolog der Gräueltaten des NS-Regimes ansehen. Man sollte dabei stets auch die Phase der gemeinsamen deutschen Geschichte von Juden und Nichtjuden beachten.

Die jüdische Bevölkerung war in der wilhelminischen Ära und der Weimarer Republik ein Bestandteil der gesamtdeutschen Bevölkerung. Sie waren ebenso Akteure und Mitgestalter verschiedener gesellschaftlicher Prozesse und wirtschaftlicher Entwicklungen wie die Bürger christlichen Glaubens. Leider wird diese Tatsache oft verkannt. Die heutige mediale Auseinandersetzung mit der Geschichte der Juden in Deutschland dreht sich häufig nur um Antisemitismus und die Judenverfolgung. Dabei wird die Erfolgsgeschichte des sozialen wie wirtschaftlichen jüdischen Aufstiegs zwangsläufig außen vor gelassen.[1]

Wie Trude Maurer schreibt, ist der Forschung über den C.V.[2] problematisch, da das Archiv des Vereins nicht erhalten ist, wenngleich die Ausgaben der Central-Verein-Zeitung. Blätter für Deutschtum und Judentum. Allgemeine Zeitung des Judentums[3] nahezu vollständig vorliegen. Dokumente aus Nachlässen von Mitgliedern und Führungspersönlickeiten und aus jüdischen Gemeinden müssen zur Untersuchung herangezogen werden. Nichts desto trotz bewertet Maurer den C.V. als gut erforscht. Historiker wie Arnold Pauker haben dabei Pionierarbeit auf dem Feld der C.V.-Forschung geleistet. Als Leiter des Londoner Leo-Baeck Instituts wirkte er maßgeblich bei der Aufarbeitung der deutsch-jüdischen Geschichte mit.[4]

Ein Teil dieser Erfolgsgeschichte ist meines Erachtens die Gründung und die Arbeit des C.-V. deutscher Bürger jüdischen Glaubens. Der jüdische Abwehrverein steht demzufolge im Mittelpunkt dieser Arbeit und soll auf seine Organisation, seine Ziele und Arbeitsweisen hin näher untersucht werden. Der zeitliche Schwerpunkt soll auf sein Wirken während der Weimarer Republik gelegt werden. Von Bedeutung ist dabei, inwiefern der Verein seine Ziele benannte und verfolgte, welchen Änderungen sie aufgrund äußerer Einflüsse unterlagen und wie die Ziele in der Praxis umgesetzt wurden. Dabei ist die C.V.-Zeitung als Vereinsorgan von besonderem Interesse. Aber auch die vielseitigen Probleme, mit denen sich der C.V. konfrontiert sah, etwa der Aufstieg der NSDAP, der allgegenwärtige politische und gesellschaftliche Antisemitismus sollen erörtert werden. Dabei wird sich zeigen, wie sehr auch innerjüdische und vereinsinterne Differenzen die Arbeit des C.V. beeinflussten. Ein Resümee darüber, wie erfolgreich der Verein mit seiner Arbeit war, ob er seine Ziele erreichen konnte und in welchen Bereichen er zum Scheitern verurteilt war, soll in einem abschließenden Fazit gezogen werden.

Ausgeklammert werden müssen hierbei, aus Rücksicht auf den Umfang der Arbeit, einige Aspekte des gesellschaftlichen Antisemitismus. Auch der Aufstieg der NSDAP kann nicht in seiner ganzen Fülle dargestellt werden. Es können lediglich einige bedeutende Geschehnisse bzw. Ereignisse, die für den C.V. von Bedeutung waren, angeführt werden.

1. Zur Geschichte jüdischer Emanzipation und den Anfängen jüdischer Abwehr

Die Verwirklichung der Emanzipation, die rechtliche Gleichberechtigung der Juden in Deutschland, dauerte nahezu ein ganzes Jahrhundert. Sie vollzog sich nicht gleichmäßig, sondern unterlag starken Schwankungen, hervorgerufen durch gesellschaftliche und politische Unruhen und Umwälzungen. Die jüdische Emanzipation muss stets im Kontext der Gesamtentwicklungen und der Entstehung einer modernen Gesellschaft gesehen werden. Die Regelungen jüdischer Gleichberechtigung waren regional sehr unterschiedlich. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts lebten die Juden noch relativ isoliert von der christlichen Bevölkerung. Sie unterlagen erheblichen Einschränkungen, etwa dem Verbot Grundbesitz zu erwerben, Landwirtschaft zu betreiben und Handwerk auszuüben. Als finanzielle Grundlage blieben ihnen Pfandleihgeschäfte, Hausierer- und Geldhandel. Obwohl die Steuerleistungen der jüdischen Bevölkerung von erheblichem Interesse für die jeweiligen Staatsführungen waren, wurden sie nur als Schutzjuden geduldet, ihre Aufenthaltsberechtigungen waren jederzeit aufkündbar. Als die Aufklärung Einzug in Deutschland hielt und damit verbunden, das Aufweichen der ständischen und feudalen Gesellschaftsstrukturen, wurde das Verhältnis von Juden und Christen immer angespannter. Christian Konrad Wilhelm von Dohm, Vertreter der Bürgerrechte für Juden, schrieb 1781 das bahnbrechende Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“, in dem erstmals Gedanken dahingehend aufgeworfen wurden, dass Juden nicht von Natur aus schlecht seien, sondern aufgrund ihrer rechtlichen und gesellschaftlichen Restriktionen zu ihrer Lebensweise gezwungen würden. Verliehe man ihnen staatsbürgerliche Rechte und Freiheiten, wären sie in der Lage zu besseren und nützlichen Staatsbürgern zu werden.[5]

Nach ersten Erfolgen auf dem Weg zur rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Minderheit, beispielsweise durch das Emanzipationsedikt in Preußen von 1812, folgten schwere Rückschläge. Gerade in der Restaurationszeit, nach der 1848er Revolution, wurden in vielen Teilen des zukünftigen deutschen Reiches die vormals erlangten Rechte von den Regierungen revidiert. Aufgrund der einsetzenden Hochkonjunktur Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Fortschreiten und der Umsetzung der aufklärerischen Gedanken war es jedoch nicht mehr denkbar, dass in einer modernen Gesellschaft eine Minderheit nur aufgrund ihres religiösen Unterschiedes benachteiligt wurde. Mit der Gründung des Deutschen Reiches wurde die völlige rechtliche Gleichstellung der jüdischen Minderheit für das gesamte deutsche Territorium Realität. Fehlende Verfahrensweisen auf rechtlicher Ebene wurden in der Weimarer Republik ergänzt, jüdische Gemeinden wurden als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt. Somit hatten jüdischen Gemeinden den Status einer Kirche, wie das christliche Pendant.

Allerdings war diese Gleichberechtigung schon bald wieder in Gefahr. Mit dem Wiederaufleben und der Verschärfung des Antisemitismus, vor allem nach der Gründerkrise 1873 und nach der Weltwirtschaftskrise 1929, sahen sich die Juden gezwungen, ihre errungenen Freiheiten und Rechte aktiv gegen die Gegner der jüdischen Emanzipation zu verteidigen.

Die hauptsächliche „Waffe“ war dabei das gedruckte Wort. Einzelne jüdische Bürger organisierten sich und setzten eine Vielzahl von Abwehrflugblättern und –schriften in Umlauf. Als Reaktion auf den Antisemitismus organisierte sich ein immer größerer Teil der jüdischen Minderheit. Sie begann ihren Abwehrkampf mit dem Ziel der Wahrung der ihnen konstitutionell verbürgten Rechte und gegen ihre gesellschaftliche Unterdrückung und Entrechtung.

Anstoß zur Gründung des Central-Vereins gab die anonym veröffentlichte Schrift „Schutzjuden oder Staatsbürger“ von Raphael Löwenfeld. Er forderte die Juden auf, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und ihre erlangten Rechte zu verteidigen. Neben dem Central-Verein gab es verschiedene jüdische Zweckverbände zur Abwehr des Antisemitismus bzw. zur Wahrung ihrer Menschenrechte; beispielsweise den Verband nationaldeutscher Juden und den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten sowie den Verband der Ostjuden. Am 16. März 1893 gründete sich der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Erster Vorsitzender war der Arzt Martin Mendelssohn. Ein weiterer bedeutender Mitbegründer und Vorsitzender war bis 1919 der Rechtsanwalt Eugen Fuchs, dem Ludwig Holländer in seinem Amt folgte. Wie sich die innere Organisation des Vereines darstellte, soll im Folgenden näher betrachtet werden.[6]

2. Organisationsstruktur des Central-Vereins

Der C.V. gab sich zu seiner Gründung 1893 eine Vereinssatzung. Diese wurde während seines Bestehens dreimal geändert. Die Schilderung der internen Organisation des C.V. bezieht sich hier auf die Satzung von 1928, die zweite Satzung. Sie ist aufgrund ihrer Anpassungen an das Wachstum des Vereins und den Schwerpunkt seiner Arbeit sowie im Hinblick auf die Intensität und Bedeutung des Vereins zu seiner Zeit exemplarisch für die vorliegende Arbeit. Die dritte Satzungsänderung erfolgte im Jahr 1935 auf Druck des nationalsozialistischen Regimes und soll hier nur gestreift werden.

Der Verein war regional gegliedert in Zentrale, Orts-, Provinzial- und Landesverbände. Die Zentrale bzw. Hauptgeschäftsstelle des C.V. war in Berlin ansässig. Sie unterteilte sich in 25 Abteilungen, u.a. „Organisation und Propaganda“, „Abwehr und Aufklärung“ und „Rechtsausschuss“. Die Mitgliederwerbung, basierend auf persönlichen Kontakten und öffentlichen Versammlungen, gestaltete sich überaus erfolgreich. Jedoch besteht über die genauen Mitgliederzahlen in der Literatur keine einstimmige Meinung. 1932 bestand laut Bernstein der Verein aus 60000 Mitgliedern in 23 Landesgruppen und 634 Ortsgruppen. Barkai spricht von nahezu identischen Zahlen für das Jahr 1921. Man kann aber letztlich davon ausgehen, dass der Verein in Hochzeiten bis zu 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung vertrat und seinen Anspruch, die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung zu repräsentieren, anhand seiner Mitgliederzahl untermauern konnte. Die Mitgliederstruktur des Vereins spiegelte die assimilierte, deutsch-patriotische, überwiegend mittelständische jüdische Bevölkerungsschicht wieder. Allerdings wurden nur deutsche Staatsbürger aufgenommen, osteuropäischen jüdischen Einwanderern beispielsweise gewährte der Verein keine Mitgliedschaft.[7]

Insgesamt stellt sich die finanzielle Situation des Vereins für Barkai als stabil dar, auch wenn er anführt, dass bislang keine detaillierten Kassenberichte zur Auswertung vorliegen. Der Großteil der Vereinseinnahmen ergab sich, neben Mitgliedsbeiträgen, aus Spenden und Erbschaftsdelegaten jüdischer Organisationen und Privatpersonen.

Organe des Vereins waren die Hauptversammlung, der Vorstand und der Arbeitsausschuss. Die Hauptversammlung tagte alle zwei Jahre und bestand aus allen Delegierten der regionalen Gruppen und des Vorstandes. Hier wurden die Richtlinien des Vereinsvorgehens beschlossen. Der Vorstand setzte sich aus 80 Delegierten der Hauptversammlung, aus direkt in den Landesgruppen gewählten Mitgliedern und Ehrenmitgliedern zusammen. Der Vorstand wählte den Vereinsvorsitzenden, seine Stellvertreter und den Vereinsdirektor, der die Geschäftsführung überwachte. Der Arbeitsausschuss bestand aus Mitgliedern des Vorstandes. Diese waren der Vereinsvorsitzende und dessen Stellvertreter, der Vereinsdirektor und 25 Vorstandsmitglieder. Fraglich ist, ob der Verein in seinem 47 jährigen Bestehen demokratischen Verfahren folgte. Es wird angenommen, dass zentrale Fragen und Leitlinien vom Vorstand beschlossen und an die Landes- und Ortsgruppen weitergereicht wurden, die von solchen Beschlussfassungen ausgeschlossen waren.[8]

3. Ziele des Central-Vereins

Der C.V. wurde als speziell jüdischer Verein gegründet mit dem Ziel, „alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrbaren Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken“[9]. Hierbei wird eine Betonung des Deutschtums und des Zugehörigkeitsgefühls der jüdischen Bevölkerung als integraler Bestandteil des deutschen Volkes, neben der Betonung des Erfordernisses einer Gegenwehr, deutlich. Vor Ende der Weimarer Republik machte es sich der Verein außerdem zur Aufgabe, alle Parteien und Behörden zur Wachsamkeit anzuhalten und sich für den Schutz der demokratischen Einrichtungen einzusetzen. Ergänzt wurden seine Ziele nun um die Gegenagitation der nationalsozialistischen Judenhetze.

[...]


[1] Rürup, Reinhard: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von der Emanzipation bis zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, in: Blasius, Dirk/ Diner, Dan (Hrsg.): Zerbrochene Geschichte. Leben und Selbstverständnis der Juden in Deutschland, Frankfurt a.M.: Fischer Verlag, 1991, S. 81 und 95; und Richarz, Monika (Hrsg. und eingel.): Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918-1945, Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte, Bd. 3, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1982, S. 36f.

[2] Central-Verein, im Folgenden mit C.V. abgekürzt.

[3] Im Folgenden abgekürzt mit C.V.-Zeitung.

[4] Maurer, Trude: Die Juden in der Weimarer Republik, in: Blasius, Dirk/ Diner, Dan (Hrsg.): Zerbrochene Geschichte. Leben und Selbstverständnis der Juden in Deutschland, Frankfurt a.M.: Fischer Verlag, 1991, S. 115f.

[5] Dohm, Christian Conrad Wilhelm von: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden und deren Einwirkung auf die gebildeten Stände Deutschlands, Hildesheim: Olms, 1973.

[6] Rürup: Jüdische Geschichte in Deutschland, S. 83ff; und Paucker, Arnold: Der jüdische Abwehrkampf gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus in den letzen Jahren der Weimarer Republik, Hamburg: Leibniz-Verlag, 19692, S. 33f; sowie Herzig, Arno: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: C.H. Beck, 1997, S. 189ff.

[7] Maurer: Die Entwicklung der jüdischen Minderheit in Deutschland (1780-1933), S. 120.

[8] Vgl. Maurer: Die Entwicklung der jüdischen Minderheit in Deutschland (1780-1933), S. 120; und Bernstein, Reiner: Zwischen Emanzipation und Antisemitismus – Die Publizistik der deutschen Juden am Beispiel der „C.V.-Zeitung“, Organ des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, 1924 – 1933, S. 66-74; sowie Barkai, Avraham: „Wehr Dich!“. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938, München: C.H. Beck 2002, S. 120ff.

[9] C.V.-Zeitung, VII. Jahrgang, Heft 7, S. 100.

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640628780
ISBN (Buch)
9783640628681
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151294
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Juden Abwehrverein Drittes Reich Kaiserreich Weimarer Republik

Autor

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