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Zur Überlieferungsproblematik im Bereich der Minnelyrik und Sangspruchdichtung bei Walther von der Vogelweide

Eine vergleichende Analyse am Beispiel von L 74, 20 und L 34, 4

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 28 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Raum und Zeit

3. Varianz
3.1.1. Bestandsvarianz
3.1.2. Folgevarianz
3.1.3. Textvarianz

4. Interpretation
4.1. Nement frowe
4.2. Ahi wie kristenliche

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur

Anhang

Textfassungen Nement frowe L 74,

Textfassungen Ahî wie kristenlîche L 34,

1. Einführung

Will man einen mittelalterlichen Text verstehen, so ist es hilfreich ihn immer im Spiegel seiner Überlieferungsgeschichte zu betrachten. Dies gilt natürlich auch für Walthers Werke, die zunächst einmal mündlich existierten. Allerdings geht man auch von einer schriftlichen Fixierung seitens des Autors aus, der die Texte entweder selbst verfasste oder aber durch einen Schreiber fixieren ließ. Diese ersten und nicht belegten Fassungen können dem besseren Memorieren gedient haben, möglicherweise führte Walther aber auch eine Sammlung seines Repertoires mit sich und griff bei verschiedenen Aufführungssituationen auf bereits vorgetragene Texte zurück, die er durch Veränderungen auf sein Publikum zuschnitt. Was diese ersten Textfassungen betrifft, bleibt jedoch vieles im spekulativen Bereich. Wesentlich ist, dass die Fixierung Walthers Werke frühestens zum Zeitpunkt seines Todes um 1230 bis ins späte 15. Jahrhundert hinein stattfand. Handschrift M, deren Entstehungszeitpunkt auf 1225 bis 1230 angesetzt wird, liegt somit am nächsten an Walters Schaffensphase, überliefert jedoch nur drei Strophen. Umfangreichere Textzeugen finden sich erst mit der Handschrift A ab ca. 1270, also bereits 40 Jahre nach Walthers Tod. Die jüngsten Überlieferungen im 15. Jahrhundert bezeugen die Handschriften s, m, t, y, F, Ca, c und alpha. Nun wurde ein Text nicht immer auf die gleiche Art und Weise fixiert und in eine Handschrift eingebunden. Einerseits gibt es bereits Unterschiede hinsichtlich der Handschriften selbst, die man beispielsweise als eine Autorensammlung oder als thematische Textsammlung verstehen kann. Was die Texte an sich betrifft, so werden diese in den verschiedenen Handschriften unterschiedlich präsentiert. Sie unterscheiden sich nicht nur im Strophenbestand und der Strophenanordnung, sondern weisen auch Textvarianz auf, die von Wortlautänderungen bis hin zu wesentlichen Änderungen in der Textaussage reichen können. Dementsprechend können sie einen Text ent- oder verschärfen, ihn in seiner Aussage wesentlich erweitern oder auch zu Gattungsinterferenzen führen, die wiederum auf das Textverständnis zurückwirken können. Was in der älteren Forschung somit als Fehler in der Übertragung der Texte oder durch das Unwissen der Schreiber verstanden wurde, sieht man heute mit anderen Augen. Tervooren verweist mit Recht darauf, dass gerade die späten Handschriften oder Fragmente sich von denen aus der ersten Überlieferungsphase dahingehend abgrenzen, dass sie anstatt des historischen den exemplarische Autor in den Vordergrund rücken und es sich bei den verschiedenen Textfassungen jeweils um Lesarten oder Textstufen handelt[1]. Somit wurde also versucht, sich die Texte anzueignen, sie wurden nach den bestimmten Bedürfnissen der jeweiligen Zeit gestaltet[2].

Die vorliegende Hausarbeit wird sich mit der Überlieferungsproblematik der Texte L 74,20 Nement Frowe und L 34,4 Ahî wie kristenliche kritisch auseinandersetzen. Dabei soll auf die Datierung der Werke, ihren Strophenbestand und -anordnung sowie textliche Unterschiede eingegangen werden. Hierzu werden vor allem mit Hinblick auf die Interpretation verschiedene Forschungsansätze berücksichtigt werden, um in der Gesamtschau einen Überblick über die Überlieferungsproblematik dieser beiden Texte ermöglichen zu können.

2. Raum und Zeit

L 74,20 wurde in den Handschriften A, C und E überliefert. L 34,4 ist nur in den Handschriften A und C vorzufinden, obwohl der Unmutston, zu dem das Textbeispiel gehört, in A, C und B präsentiert wird. Auf diese Ungereimtheit soll erst im späteren Teil der Arbeit eingegangen werden. In diesem Abschnitt soll zunächst die Datierung der Handschriften sowie deren Entstehungsort näher betrachtet werden, um im Anschluss daran auf die Datierung der einzelnen Textstücke einzugehen.

Handschrift A ist, wie eingangs erwähnt, eine der ältesten Handschriften und wird auf die Zeit um 1270 datiert. Chronologisch gesehen, sind ihr die Weingartner Liederhandschrift B (1300-1325) und die Manesssiche Handschrift C (um 1300 entstanden, mit Nachträgen bis 1330/40) am nächsten. Den Abschluss bildet die Würzburger Handschrift E, die mit einem Entstehungszeitraum um 1345-1354 angesetzt ist. Für die beiden Texte bedeutet das, dass sie rund 40 Jahre nach dem Tod Walthers ihren Weg über nicht überlieferte Vorlagen in die Handschrift A gefunden haben. L 74,20 wurde also ab der Aufnahme in Handschrift A über einen Zeitraum von ca. 84 Jahren tradiert, L 34,4 hingegen über 70 Jahre. Die Texte selbst lassen sich in unterschiedlichem Maße auf ihre Entstehungszeit zurückführen. Während die Sangspruchdichtung den Vorteil genießt, dass aktuelle historische und politische Gegebenheiten in den Text mit einbezogen wurden, lässt sich die Minne- oder Liebeslyrik mit ihrer eher abstrakten Thematik nicht an solchen äußeren Umständen festmachen. Dennoch gab es zahlreiche Unternehmungen, die sich der Datierung der Minnelieder Walthers widmeten. Dieses Bestreben ist Sievert zufolge eng verbunden mit der Anstrengung, die Lebensstationen und die persönliche Entwicklung Walthers von der Vogelweide zu rekonstruieren[3]. Dabei rücken vor allem Besonderheiten ins Blickfeld der Betrachtung. Die Minnelyrik Walthers existiert in verschiedenen Prägungen. Zum Einen gibt es Werke, in denen er das lyrische Ich aus der Sicht eines alten Mannes erzählen lässt, zum Anderen drängen sich auch Bezüge zu anderen Autoren wie beispielsweise Reinmar oder auch zu eigenen, früher entstandenen Texten auf. Auch verschiedene Strophen- und Versformen sowie experimentelle Mischformen seiner Dichtungen legten es nahe, dass sich an Walthers Werken ein gewisser Entwicklungsstand des Dichters ablesen ließe[4]. Mohr führte als Analysestrategie für diese Besonderheiten noch das ‚genaue Hinhören‘ an, womit man eine zeitliche Einordnung der Minnelyrik in verschiedene Schaffensphasen erreichen könne- hiervon distanziert sich Sievert, die diese doch recht subjektive Herangehensweise aufgrund der mangelhaften wissenschaftlichen Nachvollziehbarkeit zurückweist[5]. Eine zeitliche Einordnung von Minnelyrik erscheint also nicht objektiv möglich, da historische Bezüge aus den verschiedenen Liedern nicht ersichtlich werden und sie möglicherweise über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder vorgetragen worden sind[6]. Im Gegensatz hierzu wird in L 34, 4 und der Folgestrophe L 34,14, die man üblicherweise als Opferstockstrophen bezeichnet, ein historisch- politisches Ereignis umrissen. Zunächst einmal verweist HS A in der 7. Strophe, V. 8 Er g 1 ht 1 ch han zwene alman under e 1 ne crone braht auf das Doppelkönigtum der Könige Otto IV und Friedrich II im Jahre 1198. Walther führt aus, dass dies zu einer Schwächung des Reichs geführt habe und Innozenz III, der Papst, um den es in den Strophen geht, diese Situation für seine Vorteile ausnutzte. In diesem Zusammenhang ist davon auszugehen, dass Walther auf die Kreuzzugsbulle quia maior eingegangen ist, in der er einen Vorwand zur eigentlichen persönlichen Bereicherung des Papstes sieht. Die gesammelten Gelder kämen also nicht dem für 1217 geplanten Kreuzzug zugute, sondern füllten Innozenz weh _ el schr 1 n bzw. vel _ che schr 1 n. Damit verbindet Walther zwei unterschiedliche Ereignisse so, dass man das Doppelkönigtum als Verwirrungstaktik betrachten kann, die verschleiern soll, welchem ursprünglichen Zweck das Sammeln der Gelder dienen soll. Für L 34,4 existieren dennoch verschiedene Datierungsvorschläge, die von 1200 bis 1216 reichen. Allgemein geht man jedoch von Sommer 1213 aus, als die quia maior auch im deutschsprachigen Gebiet allgemein bekannt wurde.

Bisher wurde die Entstehungszeit der Handschriften und Texte dargelegt. Im folgenden Abschnitt soll die geografische Verbreitung der Texte bzw. Handschriften kurz umrissen werden. Zur Veranschaulichung dient hierfür die nachstehende Abbildung aus Klein (1999)[7].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Klein, Thomas (Hrsg.): Textkritik und Edition. Berlin, New York: de Gruyter, 1999. S. 270

Beide Texte, L 34,4 wie auch L 74,20 wurden mit den Handschriften A, B und C also vorwiegend im Süddeutschen Raum in alemannischer Schreibsprache überliefert. Lediglich Handschrift C mit einer Textfassung von L 74,20 verweist darüber hinaus auch in den ostfränkischen Raum.

3. Varianz

Willemsen definiert Varianz als „die Summe der Abweichungen zwischen zwei oder mehr Texten“. Zu diesen Abweichungen rechnet er Unterschiede im Material, Textvarianz und Strophenvarianz. Ob eine Handschrift auf Pergament oder Papier verfasst wurde und welches Format sie hat, zählt hierbei in den ersten Bereich. Unterschiede in der Lautgestalt bis hin zu Veränderungen des Stropheninhaltes berühren die Textvarianz. Die Anordnung und den Bestand der Strophen ordnet er der Strophenvarianz unter[8]. Welche Chancen und Möglichkeiten bieten nun die varianten Fassungen eines Textes? Zunächst einmal betrachtete man Varianz in der älteren Forschung als eine Art zunehmende Fehlerhäufung in der Übertragung, die somit die unterschiedlichen Qualitäten eines Textes dokumentierten, der je nach Abweichung von einer der Urfassung am nächsten stehenden Fassung beurteilt wurde. Hier bestand das Ziel in der Rekonstruktion des Urtextes. Neuere Ansichten distanzieren sich allerdings von der Fehlerbetrachtung und gehen weg von einem in sich geschlossenen Text hin zu einem Werk, das für Veränderungen offen war und das Möglichkeiten zur individuellen Anpassung bot, je nachdem, wo das Werk aufgeführt wurde, welche Publikumsvorlieben vorherrschten oder welche historisch- politischen Ereignisse zum gebotenen Zeitpunkt aktuell waren[9]. Man versuchte sich also einem idealen mittelalterlichen Rezipienten zu nähern, um sich Existenz, Sinn und Wirkung der varianten Fassungen erklären zu können. Die verschiedenen Textfassungen werfen viele Probleme auf, was die Textaussage an sich betrifft, die Einordnung des Werks in eine Gattung oder auch die Zuordnung des Textes in eine bestimmte Schaffensphase Walthers. Doch auch der Umgang mit den Varianten an sich birgt eine Menge Fragen ‒ kann man diese Texte als Produkte eines Bearbeitungsprozesses durch den Rezipienten betrachten? Handelt es sich um einen Text mit seinen Varianten oder um mehrere gleichwertige Texte? Um also einen mittelalterlichen Text zu verstehen, ist es nötig, ihn in der Gesamtheit seiner Überlieferungsproblematik, vor allem aber mit Hinblick auf die Varianz, zu analysieren und zu interpretieren. Aus diesem Grund sollen L 74,20 und L 34,4 in den folgenden Abschnitten auf die verschiedenen Varianzformen hin untersucht werden. Die Ergebnisse werden dann für die Interpretation unter Punkt 4 wieder aufgegriffen und ihre Bedeutung für die vorliegenden Texte im Hinblick auf die verschiedenen Forschungsansätze dargelegt. Ein Überblick über die verschiedenen Fassungen befindet sich im Anhang dieser Arbeit.

[...]


[1] Vgl. Tervooren, Helmut: Die späte Überlieferung als Editionsproblem. Bemerkungen zu Lyrikhand-

schriften des späten 14. und 15. Jahrhunderts. In: Bein, Thomas (Hrsg.): Walther von der Vogelweide.

Textkritik und Edition. Berlin: de Gruyter, 1999. S. 186 und 193; ab sofort zitiert als ‚Bein‘

[2] Bein, S. 187

[3] Vgl. Sievert, Heike: Studien zur Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide. Göppingen: Kümmerle Verlag, 1990. S. 121; ab

sofort zitiert als ‚Sievert‘

[4] Zu diesem Abschnitt Vgl. Sievert, S. 121

[5] Vgl. Sievert, S. 122

[6] Vgl. Sievert, S. 128

[7] Klein, S. 270

[8] Zu diesem Abschnitt vgl. Willemsen, Elmar: Walther von der Vogelweide. Untersuchungen zur Varianz

in der Liederüberlieferung. Frankfurt am Main u.a.: Lang, 2006. S. 30; ab sofort zitiert als ‚Willemsen‘

[9] Hierzu frei nach Willemsen, S. 173f

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640625529
ISBN (Buch)
9783640625307
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151175
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Walther Vogelweide Eine Analyse Beispiel L 74_20 L 34_4 Nement frowe ahi wie kristenliche Bestandsvarianz Textvarianz Folgevarianz Interpretation Varianz Überlieferung Überlieferungsproblematik Mädchenlieder Minnelyrik Fassung Ringkomposition Pastourelle Sangspruchdichtung Doppelkönigtum Minne Thronstreit Quia Major Papst Innozenz III Thomasin von Zerklaere Opferstock Papstschelte

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