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Phänomen der Fremdheit als Grund für das Scheitern des Protagonisten Karsch in Uwe Johnsons "Das dritte Buch über Achim"

Seminararbeit 2009 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ein Land – zwei Staaten: Fremdheit in BRD und DDR
2.1 Das Straßenbild
2.2 Die Sprache

3 Das Fremde zwischen den Menschen
3.1 Ost vs. West: Achim und Karsch
3.2 Einheimisch und doch fremd: Karin
3.3 Karschs Bemühungen um Verständnis

4 Wie die Fremdheit zum Scheitern führt

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Teilung Deutschlands ist einer der prägendsten Einschnitte in der Geschichte des Landes, dauerte dieser Zustand der zwei Staaten doch mehrere Jahrzehnte. Obwohl beide die gleiche Vergangenheit hatten, entwickelten sie sich, vor allem aufgrund der verschiedenen Besatzungsmächte und deren unterschiedlichen Ideologien, in zwei verschiedene Richtungen.

Diese Differenzen und vor allem die Menschen in Ost- und Westdeutschland stellt Uwe Johnson in seinem zweiten Buch „Das dritte Buch über Achim“ (DBA) in den Mittelpunkt. Da er selbst vom Osten in den Westen Berlins umzog, verfügte er über eine große Menge an Einsichten und Erfahrungen. Er ist auch einer der ersten gewesen, die das Thema der Grenzproblematik literarisch umgesetzt haben. Schnell wurde er zu bem deutschen Schriftsteller, der als 'Dichter des geteilten Deutschlands' galt, da die Teilung dieses Landes (seines Landes) immer der Ausgangspunkt für seine Romane gewesen ist.

„Obwohl sich Uwe Johnson stets dagegen wehrte, als 'Dichter der beiden Deutschland' zu gelten, verbindet sich mit dieser Zuschreibung noch heute das Wirken des Erzählers Johnson.“1

In all seinen Büchern geht es also um das geteilte Deutschland. Doch was macht das „Dritte Buch über Achim“ dann so speziell? Eine wesentliche Problematik in dem Buch ist so offensichtlich, dass man sie fast schon wieder übersehen könnte: Die Fremdheit. Denn sie scheint in vielen Fällen die Ursache für die Handlungen zu sein, die der Leser so seltsam empfindet und denen sowie den Handelnden er die Schuld zuspricht. Es ist jedoch meistens durchaus sinnvoller, nicht die Auswirkungen zu suchen, sondern sich mit den Ursachen zu beschäftigen. Nur so können Probleme gelöst werden – wenn sie gelöst werden wollen. Inwieweit die Fremdheit Ursache für die Handlungen im „Dritten Buch über Achim“ ist und ob sie 'behandelt' wird, soll im Folgenden an den zentralen Aspekten des öffentlichen Lebens geklärt werden: dem Straßenbild, der Sprache und hauptsächlich am Verhalten der Menschen und der Interaktion zwischen ihnen.

Die Behandlung dieses Themas ist so bemerkenswert, da dieses Buch 1961 erschien und bis zum Mauerbau von Seiten der DDR die Vereinigung der beiden Teile Deutschlands noch offiziell erklärtes Ziel der Regierungen war. Uwe Johnson hat jedoch schon damals hinter die Fassaden der politischen Erklärungen geschaut und das eigentliche Problem zu greifen versucht.

2 Ein Land – zwei Staaten: Fremdheit in BRD und DDR

Bei einem Besuch eines unbekannten Landes, einer unbekannten Stadt, sind es meistens nicht die Menschen, die zuerst auffallen. Davon gibt es zwar viele verschiedene, doch sie sind nicht das erste Charakteristische. Was jedoch am meisten ins Auge fällt bei einem ersten Besuch ist die Umgebung. Dem ersten Ort gehört die meiste Aufmerksamkeit und dieser ist ausschlaggebend für einen gesamten Eindruck über das Land oder die Stadt.

2.1 Das Straßenbild

Solche ersten Eindrücke macht auch der Journalist Karsch im „Dritten Buch über Achim“, als er von der Bundesrepublik Deutschland in die Deutsche Demokratische Republik reist. Am meisten Aufmerksamkeit schenkt er dem Straßenbild, welches er unaufhörlich beobachtet und von dem er die Unterschiede zur BRD notiert. Hierbei sei betont, dass er von Anfang an immer nur die Gegensätze notiert und nur diese dem Leser deutlich werden. Sofern Karsch Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten wahrnimmt, werden diese dem Leser nicht mitgeteilt und finden auch in Karschs Bewusstsein kaum einen Platz.

„Indem Karsch die Außenwelt beschreibt, versucht er die Unterschiede festzustellen, dabei auf das Vergleichen und damit auf die Möglichkeit des Gleichen zu verzichten.“2 Die Unterschiede beschäftigen ihn jedoch während seines ganzen Aufenthaltes in der DDR. Auch mit den Personen um ihn herum versucht er die Erscheinung der Straßenbilder zu diskutieren, so zum Beispiel mit Karin und Achim, mit denen er die meiste Zeit verbring: „Sie trafen sich vor dem Theater, sprachen über die Unterschiede der beiden deutschen Straßenbilder, fuhren los.“3 Durch die Häufigkeit der Gespräche und der Betrachtungen des Straßenbildes entsteht ein „beständiges Reflexionsfeld“. Daraus wird erkennbar, dass die Unterschiede die Grundlage für das Erkennen in der Fremde bilden.4

Jedoch nicht nur die West-Ost-Fremdheitserfahrungen durch Karsch werden thematisiert. Auch die andere Seite wird durch den kurzen Besuch des Westens durch Achim gezeigt. Der Aufenthalt im anderen Teil Deutschlands (aus Achims Sicht) geschieht aus dem Grund, dass Achim sich eine westliche Dreigangschaltung für sein Fahrrad kaufen will. Dabei wird er jedoch völlig überrumpelt aufgrund der vielen Unterschiede zur BRD. Er bemerkt zum Einen, dass die „Ruinen ausgebessert“ sind und „viele Frauen die Straße (begingen)“. Zum Anderen sah er „die Bankgebäude riesiger in den Himmel sausen“ und „die Polizisten [….] anders geschnittene Kleidung“ tragen.5

All diese Dinge kennt er nicht aus der DDR, innerlich widerstrebt es ihm aber, aufgrund der gesehenen Äußerlichkeiten die BRD als besseren Staat anzusehen. Er identifiziert sich selbst mit dem Straßenbild der DDR und im Gegensatz dazu identifiziert er die Menschen der BRD auch mit dem Straßenbild des Westens, sodass er nicht nur die Straßen, sondern auch die Leute als fremd empfindet.

Sowohl Karsch als auch Achim haben also Fremdheitserfahrungen im jeweiligen anderen Deutschland. Diese Eindrücke, die als Gemeinsamkeit scheinen, sind aber bezeichnend für „die massiven Verständigungsschwierigkeiten“6 der beiden, wie sie im Abschnitt 3.1 am Beispiel von Karsch und Achim als Vertreter von West und Ost noch näher erläutert werden.

Kurz angerissen wird das Motiv der Beschreibung des Straßenbildes auch während des Aufenthalts von Karsch und Achim in Prag. Dies ist eine Reise zu einem ziemlich späten Zeitpunkt im Buch, was auch daran deutlich wird, dass Karsch langsam das Anliegen der Verleger zu begreifen scheint. Hier setzt er nämlich die angestrebte Wiedervereinigung (die ja durch ihn, einen Westdeutschen, vorangetrieben werden soll, indem er das Leben in der DDR als nur positiv beschreibt) zum ersten Mal selbst als Argument ein. Auf Achims Frage, warum er zu den Unterschieden zwischen BRD und DDR nicht auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Westdeutschland und Tschechien beschreibt, entgegnet er, dass er sich damit ja nicht vereinigen solle.7 Achim betont jedoch den stärkeren sozialistischen Charakter Tschechiens im Vergleich zu Westdeutschland, woraus erkennbar wird, dass er selbst auch die Unterschiede zwischen den beiden deutschen Ländern als zu groß einschätzt, um an eine Wiedervereinigung zu glauben. Im Gegensatz dazu impliziert dieser Ausspruch Achims, dass er eine Vereinigung mit anderen sozialistischen Ländern für viel wahrscheinlicher und wünschenswerter hält.

2.2 Die Sprache

Einen wesentlichen Teil einer Gesellschaft macht auch die Sprache aus. Wenn man in ein anderes Land reist, ist man darauf vorbereitet, auf eine andere Sprache zu treffen und sie nicht zu verstehen, sofern man sie nicht als Fremdsprache gelernt hat. In Achims Fall trifft es ihn aber ziemlich unvorbereitet, dass er bei seinem kurzen Besuch in der BRD auch dort die Sprache nicht versteht, denn eigentlich sind es zwei deutsche Staaten mit einer gemeinsamen Sprache. Aber auch an diesem Punkt des gemeinsamen Umgangs bemerkt Achim – so wie Karsch auf der für ihn anderen Seite – nur die Unterschiede. Die Bedeutungen der „Tafeln vor den Ämtern waren ihm unverständlich“.8 Außerdem ist Achim die Auswahl der Neuigkeiten bei den Zeitschriften fremd. In diesem Fall geht es nicht nur um die Sprache selbst, sondern um die Themen, die durch die Sprache vermittelt werden. Achim stellt die Neuigkeiten, die in den Zeitungen stehen, infrage und bezweifelt sogar deren Wahrheitsgehalt, weil er sich solche Neuigkeiten mit dem Informationsstand der DDR als Horizont nicht vorstellen kann.

Jedoch auch Karsch war mit einer gewissen Erwartung an Gemeinsamkeiten in diesen Besuch hineingegangen, da man zumindest nach objektiven Maßstäben die gleiche Sprache und die gleiche Vergangenheit hat. Jedoch wird der „Kulturschock […] verstärkt […] von der gemeinsamen deutschen Sprache, die Karsch in eine Vertrautheit ,hineintäuscht’, die längst nicht mehr existiert.“9 Hinzu kommen mehrere Alltagssituationen, in denen die Sprache ein Hindernis zur gegenseitigen Verständigung darstellt. So bekommt Karsch einmal, nachdem er nur eine Rechnung verlangte, eine Zeitung gereicht.10

Sprachliche Probleme treten auch zwischen Karsch, dem westdeutschen Journalisten, und dem ostdeutschen Literaturverlag auf. Karsch möchte eine Biografie schreiben, in der er in Reihenfolge genau beschreibt, was er herausgefunden und beobachtet hat. Frau Ammann, Vertreterin des Verlags der DDR, besteht jedoch darauf, Achim als Sozialisten durch und durch von Kindesbeinen an darzustellen und pocht auf die Vorbildfunktion solcher Bücher für die sozialistischen Arbeiter. Sie zeichnet ihr Bild von einem sozialistischen Autor, dem Karsch in ihren Augen nicht entspricht. So wie er ihren Anforderungen nicht entspricht, kann er ihre Vorstellungen nicht teilen. In ihrem Entwurf des Autors „erkannte er sich nicht [...] und hielt ihn nicht für lernbar.“11

Hierbei ist die Frage, ob sich beide Parteien nicht verstehen und aufeinander zukommen wollen oder aufgrund der vielen Unterschiede wirklich einfach nicht können. Chloe Paver stellt passend zu diesem Konflikt fest:

„Johnson appears to be pessimistic about the possibility of mutual understanding here. It is not simply that Karsch and Frau Ammann each apply a different interpretative model of the world. Each of them has internalized this model so thoroughly that neither is even aware of it. As a result, it is not even possible for them to see what causes their misunderstandings.“12

Es liegt also nahe, dass beide das Denken und die Wesensart der Staaten so verinnerlicht haben, dass überhaupt kein Verständnis zwischen ihnen aufkommen kann. Außerdem findet kein weiterer konstruktiver Dialog zwischen ihnen statt und die Biografie kommt am Ende nicht zustande, weder in der Art des Westens noch in der gewünschten Art des Ostens. Dies zeigt, dass auch eine gemeinsame Sprache wesentliche Unterschiede im Sein nicht überbrücken kann, sondern dafür ein inneres Verständnis vonnöten ist.

[...]


1 Pflaumenbaum, S. 27

2 Pflaumenbaum, S. 29

3 DBA, S. 29

4 Pflaumenbaum, S. 33

5 DBA, S. 206

6 Pflaumenbaum, S. 44/45

7 DBA, S. 161

8 Pflaumenbaum, S. 45

9 Krellner, S. 83

10 Vgl. DBA, S. 34

11 DBA, S. 117

12 paver,S. 36

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640624546
ISBN (Buch)
9783640624768
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151117
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Neuere deutsche Literatur und Kulturgeschichte
Note
2,0
Schlagworte
Uwe Johnson das dritte Buch über Achim Fremdheit Ost-West Karsch

Autor

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