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Die Sozialstruktur der ehemaligen DDR und ihre Modernisierung

Referat (Ausarbeitung) 2000 14 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zum Begriff “Modernisierung”

III. Zur Sozialstruktur der (ehemaligen) DDR
a) Modernisierungsfortschritte
b) Modernisierungsdefizite

IV. Nachholende Modernisierung in den neuen Bundesländern
a) Modernisierungstendenzen als Folge der Wiedervereinigung
b) Demodernisierungstendenzen als Folge der Wiedervereinigung

V. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Moderne europäische Gesellschaften, wie sie seit den politischen Revolutionen des späten 18.

Jahrhunderts und der Industriellen Revolution gewachsen sind, unterscheiden sich von vormodernen

organischen Sozialsystemen durch funktionale Ausdifferenzierung in den Bereichen Politik,

Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. In einer als modern bezeichenbaren bürgerlichen Gesellschaft

gekennzeichnet durch Demokratisierung, marktabhängiges Wirtschaften und kulturelle Pluralität sind

politische, ökonomische und kulturelle Entscheidungsträger nicht mehr identisch.

Von diesem Modernisierungsverständnis ausgehend, lässt sich die Sozialstruktur der DDR als

modernisierungshemmend, ja als Modernisierungsrückschritt kennzeichnen und die sozialstruktu-

rellen Wandlungen im Gefolge der Wiedervereinigung als nachholende Modernisierung deuten.

Aufgabe dieser Arbeit ist es, in kurzer Form, dies in den einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen

nachzuvollziehen. Da die oben gegebene Definition von Modernisierung umstritten und problematisch

ist, weil ihr ein lineares Geschichtsverständnis zugrunde liegt[1], soll zunächst im ersten Teil näher auf den

Modernisierungsbegriff eingegangen werden. Ausgehend von einer modifizierten Version des

Modernisierungsbegriffs kann dann die Sozialstruktur der DDR auf Modernisierungsfortschritte und

Modernisierungsdefizite untersucht werden. Anschließend werden die Auswirkungen der Zäsur der

Wiedervereinigung und des folgenden Transformationsprozesses (in Richtung des Gesellschaftsmo-

dells der BRD) auf die ostdeutsche Sozialstruktur thematisiert.

II. Zum Begriff “Modernisierung”

Zur Analyse sozialen Wandels wird in der Soziologie häufig der Begriff Modernisierung verwendet.

Als systematisches Modell zur Beschreibung und Bewertung von Nachkriegsgesellschaften erscheint

dieser Begriff zum ersten Mal im Rahmen von Parsons Arbeiten zum Strukturfunktionalismus in den

1950er Jahren. Parsons stellt das Gesellschaftsmodell der westlichen Industrienationen, insbesondere

der USA, als Leitbild dar und geht von einer evolutionären Entwicklung der “unterentwickelten

Staaten” in Richtung dieses Leitbildes aus. (Parsons 1972.) Kritiker haben bemängelt, dass diese De-

finition des Modernisierungsbegriffs einer Idealisierung der westlichen Gesellschaften nahe kommt

und außerdem Brüche und Kosten im Modernisierungsprozess vernachlässigt. Die Schwächen einer

“linear” gedachten Modernisierung von Gesellschaften in Richtung eines Idealbildes hat auch die

vieldiskutierte These des Historikers Francis Fukuyama aufgedeckt, der nach dem Zusammenbruch

der “bipolaren Weltordnung” von einer Vollendung der globalen Modernisierung im Sinne des west-

lich- liberalen Gesellschaftsmodells und damit vom “Ende der Geschichte” ausgeht. (Fukuyama

1992.) Neuere Modernisierungskonzepte gehen nicht mehr von einer linearen Entwicklung aus.

Modernisierung wird jetzt als “ein variantenreicher und keineswegs linearer Vorgang, gekennzeich-

net von ungleichzeitigen Abläufen, Rückschritten und widersprüchlichen Teilentwicklungen”, be-

schrieben. (Rucht 1994, S. 60.) Die Kriterien, an denen die Modernität einer Gesellschaft und ihrer

Struktur gemessen werden kann, sollen Rationalität und Leistungsfähigkeit sein, und zwar im Hin-

blick darauf, ob “eine möglichst hohe Befriedigung der Wünsche und Bedürfnisse möglichst vieler

Menschen” durch sie gewährleistet werden kann. (Geißler(A) 1992, S. 305.) Das heißt, dass eine Ge-

sellschaft, um als modern zu gelten, einer immer größeren Mehrheit ihrer Mitglieder eine positive Bi-

lanz von Befriedigungen und Versagungen ermöglichen muss. (Geißler 1996, S. 360.) Diese Maß-

stäbe sollen im Folgenden der Untersuchung und Beurteilung der Sozialstruktur der (ehemaligen)

DDR zugrunde liegen und es ermöglichen, Modernisierungsfortschritte und -defizite ausfindig zu

machen.

III. Zur Sozialstruktur der (ehemaligen) DDR

Ausgehend von dem skizzierten Modernisierungsbegriff lassen sich in der Sozialstruktur der DDR

sowohl Modernisierungsvorsprünge, als auch Modernisierungsdefizite im Vergleich mit der Sozial-

struktur der BRD feststellen. Elemente, die für die Modernisierung in der BRD als charakteristisch

bezeichnet werden können (Wohlstandssteigerung, Höherqualifizierung, Umschichtung nach oben,

Verschiebungen innerhalb der drei Produktionssektoren, Lockerung des Schichtgefüges, Ver-

ringerung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten, Lockerung der Familienbindungen, Differenzie-

rung der privaten Lebensformen, Alterung und Geburtenrückgang) sind auch in der Sozialstruktur

der DDR wiederzufinden, allerdings nicht in gleicher Ausprägung. Es bestanden und bestehen z.T.

weiterhin sowohl Modernisierungsfortschritte, als auch Modernisierungsdefizite in der ostdeutschen

Sozialstruktur, wobei die Modernisierungsdefizite eindeutig überwiegen und z.T. systemsprengende

Wirkungen entfachten. (Geißler(A) 1992, S. 305ff./ Ebd. 1996, S. 363ff.)

a) Modernisierungsfortschritte

Es lassen sich in der Sozialstruktur der DDR drei markante Modernisierungsvorsprünge ausmachen.

Der erste “Vorsprung” bezieht sich auf den Gleichstellungsvorsprung der Frauen in der DDR, der

durch die ideologisch gesteuerte “Emanzipation von oben” ermöglicht und durch die

Abwanderungsbewegungen vor dem Bau der Mauer erzwungen wurde. Im Vergleich zur BRD

besaßen die Frauen in der DDR einen allgemein höheren Bildungsstand, waren in der Mitte der

Berufshierarchie stärker vertreten und zudem politisch engagierter. Verstärkte Bildung und

Berufstätigkeit von Frauen trug auch zur Auflockerung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung in den

Familien bei, nicht aber zur Infragestellung des Modells der “bürgerlichen” Familie zugunsten

alternativer Formen des Zusammenlebens, wie dies in der BRD seit den 1960/70er Jahren

zunehmend der Fall wurde. (Geißler(B) 1992, S. 15f.)

Der zweite “Vorsprung” ist im Bereich der Versorgung mit beruflicher Qualifikation anzusiedeln.

Kurz vor der Wende waren in der BRD noch 23% aller Erwerbstätigen Ungelernte, aber nur 10% in

der DDR. (Geißler(B) 1992, S. 16f.) Man muss diesen Vorsprung insofern relativieren, als auch

Teilfacharbeiter in den statistischen Angaben der DDR berücksichtigt sind.

[...]


[1] Zumindest behaupten das “postmoderne” und neohistoristische Kritiker.

Details

Seiten
14
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783640627479
ISBN (Buch)
9783640627806
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151045
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Sozialstruktur Modernisierung DDR Wiedervereinigung

Autor

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Titel: Die Sozialstruktur der ehemaligen DDR und ihre Modernisierung