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Erlebnispädagogik im 3. Reich

Eine Jugend wird instrumentalisiert

Studienarbeit 2009 22 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kurze Geschichte der Hitlerjugend

3 Die Hitlerjugend aus Sicht ihrer Mitglieder
3.1 Das Empfinden während der Nazi-Zeit
3.2 Rückblickende Berichte von Zeitzeugen

4 Erlebnspädagogische Elemente in der Hitler­jugend
4.1 Grundlagen der Erlebnispädagogik
4.1.1 Das Erlebnis
4.1.2 Die Natur
4.1.3 Das Individuum
4.1.4 Die Gemeinschaft

5 Die Instrumentalisierung der Hitlerjugend

6 Interpretation und Schlusswort
6.1 Interpretation
6.1.1 Das Erlebnis
6.1.2 Die Natur
6.1.3 Das Individuum
6.1.4 Die Gemeinschaft
6.2 Schlusswort

7 Literaturverzeichnis

8 Bildverzeichnis

1 Einleitung

Neben der sehr kritisch zu betrachtenden ideologischen Erziehung im Sinne des Nationalsozialismus bot die Hitlerjugend (unter Hitlerjugend wird in dieser Arbeit die gesamte Jugendbewegung im Dritten Reich verstanden, auch Jungvolk und Bund Deutscher Mädel) den Jugendlichen des Dritten Reichs vor allem ein bislang nicht da gewesenes Gruppen- und Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Umstände der damaligen Zeit und die enge Angliederung bzw. Zusammenarbeit mit der Regierungspartei NSDAP gaben der HJ die Möglichkeit, den Kindern und Jugend­lichen das zu bieten, wonach sich viele sehnten.

Diese Arbeit wird sich auf der einen Seite mit der Frage beschäftigen, inwiefern erlebnispädagogische Elemente die HJ-Bewegung geprägt haben. Dieser pädago­gische Ansatz wurde von den Nazis eingesetzt bzw. pervertiert, um eine auf einen Führer ausgerichtete, stark kollektiv orientierte Jugend auszubilden. Die individuel­le Freiheit wurde zugunsten des Kollektivs geopfert.

In einem ersten Teil wird kurz die Geschichte der Hitlerjugend umrissen; es wird knapp dargelegt, wie die HJ entstanden ist, wie sie gegliedert war und welche Stellung sie im Nazi-Statt eingenommen hat (Kapitel 2). Diese Fakten sind wichtig für das Verständnis dieser Arbeit. In einem nächsten Teil wird anhand von Inter­views mit Hitlerjungen von damals wie mit Zeitzeugen von heute aufgezeigt, wie die Betroffenen selbst diese Zeit erlebt haben. Wie bewerten diese Leute ihre Zeit in der Hitlerjugend, was haben sie geschätzt haben und was hat sie ermutigt, in die HJ einzusteigen und sich aktiv zu beteiligen (Kapitel 3)? Aufgrund dieser Aus­sagen und mit Einbezug eines kurzen Abrisses zur Geschichte und Definition der Erlebnispädagogik, werden in einem Hauptteil (Kapitel 4-6) die erlebnispädagogi­schen Elemente innerhalb der HJ untersucht und es soll die These bestätigt werden, dass die HJ-Führung sehr gezielt kollektive Erfahrungen bzw. „Erlebnisse“ der Jugendlichen genutzt hat, um diese für ihre Zwecke zu manipulieren und istru­mentalisieren. Ferner soll aber auch aufgezeigt werden, dass die HJ-Führung nicht interessiert war am Modell der Erlebnispädagogik an sich, sondern sie bediente sich gewisser Modelle, um ihre den Zielen der Erlebnispädagogik über weite Stre­cken entgegensetzten Ziele zu erreichen.

Es werden in dieser Arbeit auch Bilder dieser Zeit eingebaut, da ein Bild bekannt­lich oft mehr sagen kann als viele Worte. Weshalb die HJ für viele ihre „2. Heimat“ war, weshalb vielen Jugendlichen diese Staatsjugendorganisation so wichtig war, kann aufgrund von Bildern besser nachgefühlt werden, da dort dieses kollektiv stif­tende Element oft sehr gut visibel ist.

2 Kurze Geschichte der Hitlerjugend

Die Nationalsozialisten präsentierten sich als Gruppierung, die vor ihrer Machter­greifung das „Alte“ bekämpfte; Hitlers totalitärer Führungsanspruch hatte grosse Anziehungskraft auf die Massen: eine charismatische Führungspersönlichkeit, die Besserung versprach, gab den Menschen natürlich Hoffnung (Giesecke 1981, zi­tiert in Fitschen 2006, S. 5).

Bereits weit vor der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 wurden erste national­sozialistische Jugendorganisationen gegründet. Schon 1922 gab es solche, auf der einen Seite die „Jungmannschaften“ (14 – 16 jährige), auf der anderen Seite den „Jungsturm Adolf Hitler“ (16 – 18 jährige; Fitschen 2006, S. 5). Gerade die letztere Bezeichnung weist darauf hin, dass der Personenkult rund um Adolf Hitler schon früh sichtbar wurde. Obschon die NSDAP-Jugendorganisationen nach dem misslungenen Hitler-Ludendorff-Putsch verboten wurden, konnten einige Ortsgrup­pen weiter bestehen; diese schlossen sich 1926 unter dem Namen „Grossdeut­sche Jugendbewegung“ (GDJB) zusammen (Fitschen 2006, S. 5). Im Juli 1926 wurde die GDJB umbenannt in „Hitler Jugend“. Die Hitlerjugend war somit berech­tigt, als Jugendorganisation der NSDAP aufzutreten (Brandenburg 1968, zitiert in Fitschen 2006, S. 6). Im gleichen Zeitraum entstanden der „Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund“ (1926) und der NS-Schülerbund (1929; Fitschen 2006, S. 6).

Bei Hitlers Machtergreifung 1933 spielte die HJ jedoch eine geringe Rolle: lediglich 1 % der Jugendlichen zählten zur HJ und dies obschon bereits 1931 mit Baldur von Schirach ein neuer Gesamtverantwortlicher bestimmt wurde, welcher einen bürokratischen Apparat aufbaute, welcher Millionen von HJ-Mitgliedern hätte ver­walten können. Durch Hitlers Machtergreifung und die damit einhergehenden Er­mächtigungsgesetze war jedoch der Weg für die HJ zur Staatsjugend zu mutieren, geebnet.

Die Nationalsozialisten traten mit dem Ziel auf, die innere Einheit des Volkes wie­der herzustellen (Fitschen 2006, S. 6). Mit diesem Anspruch begann die HJ mehr und mehr andere Jugendverbände anzugreifen und schliesslich zu vereinnahmen. So gab es bereits 1933 ein Abkommen mit den protestantischen Jugendverbän­den, welches besagte, dass diese Gruppen nahtlos in die Hitlerjugend eingeführt werden würden. Ein weiteres Beispiel war die Anordnung der Gestapo vom 28. Februar 1933: unter Berufung auf eine Notverordnung befahl diese die Auflösung aller bürgerlicher Jugendbünde und untersagte ihnen weitere Zusammenkünfte (Kater 2005, S. 22).

Nachdem die Mitgliederzahlen – auch aufgrund solcher rigiden Vorgehensweisen – kontinuierlich angestiegen sind, wurde die Mitgliedschaft in der HJ 1939 zur Pflicht erklärt (Schuber-Weller 1993, zitiert in Fitschen 2006, S. 7). Somit wurde die „Staatsjugend zur „Zwangsjugend“ (Brandenburg 1968, zitiert in Fitschen 2006, S. 7). Bereits vor dem Obligatorium waren rund 60 % aller Jugendlicher Mitglied der HJ. Dies scheint eine beträchtliche Zahl zu sein und zeigte auch, wie attraktiv das autoritäre NS-System für junge Deutsche war. Von den von Baldur von Schi­rach angestrebten 100 % war man aber noch weit entfernt. Nun also besagte das Gesetz: „Alle Jugendlichen vom 10. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr sind ver­pflichtet, in der Hitlerjugend Dienst zu tun.“ Angesichts des bevorstehenden Kriegs hielt es Hitler und die HJ-Führung für angezeigt, die HJ stärker zur Vorbereitung auf den Wehrmachtdienst zu nutzen, dies war ohne Zwang nicht zu machen (vgl. Kater 2005, S. 25). Auf die gezielte Instrumentalisierung der Jugend wird in Kapitel 5 detailliert eingegangen.

Trotzdem gab es immer noch eine beträchtliche Anzahl Jugendlicher, welche ent­weder der HJ nie beigetreten waren, oder solche, welche offiziell dazugehörten, aber den Aktivitäten fern blieben. Ging man vor 1939 eher nachsichtig mit diesen Dissidenten um, so änderten die Nazis diese Handhabung nach dem Obligatori­um. Zwar wurde nach wie vor nicht juristisch belangt, wer in diesen Belangen gegen das Gesetz verstiess, aber Jugendliche, welche sich weigerten, in der HJ mitzumachen, wurden als Feinde des NS-Gemeinschaft abgestempelt. Durch soziale und politische Sanktionen wurden Jugendliche davon abgehalten, der HJ fern zu bleiben. Anfang 1939 erreichte die Zahl der Mitglieder kurzzeitig respekta­ble 98.1 % der jugendlichen Bevölkerung.

Grundsätzlich gilt zu sagen, dass in der HJ eine sehr hierarchische, nahezu militä­rische Kommandostruktur herrschte (vgl. Kater 2005, S. 30 f).

Wie die Mitglieder selbst diese Zeit erlebten und wie sie die Erlebnisse beschrei­ben und bewerten, damit setzt sich das nachfolgende Kapitel auseinander.

3 Die Hitlerjugend aus Sicht ihrer Mitglieder

Obschon es über die ganze NS-Zeit hinweg immer eine erhebliche Anzahl Dissi­denten und Rebellen gab, welche sich der HJ und später der NSDAP nicht bzw. nur mit Widerwillen anschlossen, gab es eine grosse Zahl begeisterter und moti­vierter Jugendlicher, welche in der HJ voller Leidenschaft und Enthusiasmus mit­gemacht haben. Diese Arbeit und im besonderen dieses Kapitel setzt sich vor al­lem mit diesen Jugendlichen auseinander.

Auch im Nachhinein betrachtet, beschreiben viele ehemalige Hitlerjungen die damalige Zeit positiv. So sagt z. B. K. J. Höffkes, der 1938 als 10-jähriger zum Jungvolk kam, er habe die HJ „nie als Diktatur empfunden“. Es habe „Disziplin und Ordnung“ geherrscht, Werte, „die auch unserer heutigen Jugend durchaus gut tun würden.“ Als ein wichtiges Element empfand er es, dass er sich „einer grossen Gemeinschaft angehörig fühlte.“ Im Mittelpunkt stand „unser Volk, unsere Heimat, das Vaterland; wir haben gemeinsam gesungen, Sport getrieben und im Gelände gespielt.“ Diese Erlebnisse wertet Höffkes durchwegs positiv und er sagt absch­liessend, dass ihm in der HJ alles in allem „sehr gute Tugenden vermittelt wurden“ (Axmann et al 2003).

3.1 Das Empfinden während der Nazi-Zeit

Dass diese Worte nicht nostalgische Vergangenheits-Schwärmerei sind, zeigen zahlreiche Aussagen von Hitlerjungen während ihres Einsatzes in der HJ zu Zeiten des 3. Reichs. So berichtet 1938 ein Hitlerjunge namens Hans Wolf:

„Der Tag war heiss und der Weg weit. Die Sonne glutete in der fast baumlosen Heide. Der Sand flimmerte. Ich war müde. Meine Füsse brannten in den neuen Halbschuhen, jeder Tritt schmerzte, und ich dachte immer nur an Rast und Wasser und Schatten. Ich biss die Zähne zusammen, um nicht schlappzumachen. Ich war der Jüngste und zum ersten Male auf Fahrt. Vor mir ging Rudolf, der Führer. Er war gross und stark. Sein Tornister wuchtete schwer und drückend auf den Schul­tern. Rudolf trug das Brot für uns sechs Jungen, den Hordentopf und eine Reihe von Büchern, aus denen er uns des Abends in der Bleibe immer so feine und spannende Geschichten vorlas. Mein Affe barg nur ein Hemd, ein paar Turnschuhe, Waschzeug und das Kochgeschirr, daneben eine Zeltbahn für Regentage und Strohlager. Und doch glaubte ich, den Tornister nicht mehr schleppen zu können. Die Kameraden waren alle etwas älter und schon viel gewandert. Ihnen machten die Hitze und der Marsch wenig aus. Sie seufzten ab und zu und tranken lauwarmen Kaffee aus den Feldflaschen. Immer mehr blieb ich zurück. Dann wieder versuchte ich, durch Laufen den Abstand zu verringern. Auf einmal schaute Rudolf sich um. Er stutzte, sah mich in der Ferne heranschlei­chen und wartete. Die Kameraden schritten weiter einer Waldgruppe zu, die am Horizont sichtbar war. ‘Müde?’, fragte Rudolf mich freundlich? Ich bejahte verschämt. Wir gingen langsam nebeneinander her. Ich humpelte. Aber ich wollte es Rudolf nicht wissen lassen. Als wir an eine Wacholderstaude kamen, setzte sich der Führer und sagte: ‘Etwas verschnaufen!’ Erleichtert warf ich mich nieder. Ich wollte nicht sprechen. Ich hatte Scheu. Rudolf gab mir zu trinken. Ich dankte und lehnte mich behaglich nach hinten über, froh, die wehen Füsse ausstrecken zu können, und auf einmal schlief ich … Als wir weitermarschierten, schmerzten die Füsse weniger, und der Affe drückte auch nicht mehr so. Ich war darüber sehr froh.“ (Deutsches Lesebuch für Volksschulen 1938, zitiert in Kater 2005, S. 17).

Dieser Erfahrungsbericht fasst das Wesentliche des Gemeinschaftserlebnisses zusammen. Im Zentrum stand nicht mehr das Individuum, sondern die Gemein­schaft und die gemeinsamen Erlebnisse. Auch wird hier schon deutlich, wie in der NS-Zeit auch in kleineren Gruppen der Führerkult gelebt wurde. Es war wichtig, dass die Jugendlichen immer daran erinnert wurden, wie klein und schwach sie doch für sich allein sind und wie wichtig es ist, von einer Gruppe stärkerer Kame­raden unterstützt zu werden (Kater 2005, S. 18). Der Führer Rudolf nimmt dabei eine zentrale Rolle ein: er ist der Stärkste von allen, welcher sich nicht nur um die körperlichen Bedürfnisse seiner Schützlinge kümmert, sondern er ist – gerade durch das Vorlesen von Geschichten – ihr geistiger Mentor. Rudolf ist für seine Gruppe jenes Vorbild, welches Adolf Hitler für sein Volk ist. Opferbereitschaft und Treue sind für ihn wichtig, besonders unter widrigen Umständen, und letzten Endes würde er seinen Trupp insgesamt genauso schützen wie den kleinen Hans, den er vor völliger Erschöpfung und vor dem Zusammenbruch bewahrt.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640625642
ISBN (Buch)
9783640625802
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v151040
Institution / Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz – Pädagogische Hochschule
Note
2.0
Schlagworte
3. Reich Nationalsozialismus Pädagogik Hitlerjugend Jugend Jugendszenen

Autor

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