Lade Inhalt...

Vom Flügeltelegraphen zur elektromagnetischen Telegraphie

Seminararbeit 2008 29 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Telegraphie und deren Voraussetzungen
2.1 Fruhe Entwicklung: Der optische Telegraph
2.2 Der elektromagnetische Telegraph
2.3 Technische Voraussetzungen
2.4 Gesellschaftliche Voraussetzungen

3. Auswirkungen auf den Welthandel und die Borse
3.1 Entstehung eines landerubergreifenden Netzes
3.2 Grundung von weltumspannenden Nachrichtenagenturen
3.3. Erfindung des Borsentickers
3.4. Folgen fur den Welthandel

4. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

"Die Telegraphie ist das Werkzeug des Friedens. (...) Die Telegraphie ist das Werk- zeug der Wirtschaft. Schnelle Nachrichtenbeforderung regelt Produktion und Guter- austausch, gestaltet den Weltmarkt. Die Telegraphie ist das Werkzeug der Kultur. Sie ist die Schopferin (...) der schnellen Verbreitung wichtiger Ereignisse wirtschaftlicher, politischer, kultureller Art uber die ganze Erde.[1]

Basisinnovationen wie die Dampfmaschine, die Eisenbahn, die Erfindung der Koh- lenstofflampe und die damit verbundene Elektrifizierung oder das Automobil schufen neue Produktions- und Transportkapazitaten, verbesserten die Lebensqualitat und fuhrten jeweils zu einer signifikanten Steigerung des Wohlstands.[2] Der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratieff (1892 - 1938) entdeckte einen Zu- sammenhang zwischen genannten Basisinnovationen und langfristigen Konjunktur- zyklen (sogenannte Kondratieff-Zyklen). Jede konjunkturelle Hochphase konnte von Kondratieff mit einer Innovation verknupft werden.

Auffallend ist, dass die Anfange der elektromagnetischen Telegraphie parallel zu dem in den 1840er Jahren beginnenden zweiten Kondratieff verlaufen, der seinen Hohepunkt in den 1870er Jahren erreicht, also in der Zeit, in der es gelingt durch den Ausbau submariner elektromagnetischer Telegraphenlinien die Kontinente miteinan- der zu vernetzen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Kondratieff-Zyklen. Aus: Handeler (2005), S. 11

Die zentrale Frage die in dieser Arbeit diskutiert werden soil ist also: Welche Auswir- kungen hatte die Entwicklung des Telegraphen auf die Wirtschaft?

Um die Auswirkungen der Entwicklung des Telegraphen diskutieren zu konnen, wird in Kapitel 2.1 zunachst ein Uberblick uber die Entstehung der optischen Telegraphie gegeben. Es werden sowohl die Grenzen und Mangel des optischen Systems als auch dessen Nutzen aufgezeigt. AnschlieRend, in Kapitel 2.2, wird die Entstehung der elektromagnetischen Telegraphie untersucht. Neben der Darstellung der ver- schiedenen Telegraphenapparate wird die Durchsetzung des Morse-Systems analy- siert. Im dritten und vierten Teil des 2. Kapitels werden die technischen und gesell- schaftlichen Voraussetzungen untersucht, die die Entwicklung und Verbreitung des Telegraphen ermoglichten. Dabei wird insbesondere die Nachfrageseite des Teleg- raphenmarktes beleuchtet.

Aufbauend auf diesen Grundlagen befasst sich das dritte Kapitel dieser Arbeit aus- schlieRlich mit den Folgen der Telegraphie fur den Welthandel und die Borse. In Kapitel 3.1 wird zunachst auf die Entstehung eines landerubergreifenden Netzwerks als Voraussetzung fur den Welthandel eingegangen. Speziell die aufwendige Verle- gung submariner Kabel und die Standardisierung der Systeme werden in diesem Kapitel erklart. Im zweiten Teil des 3. Kapitels wird die Entstehung weltumspannen- der Nachrichtenagenturen, als Schlusselbranche des Nachrichtenhandels beleuchtet. In Kapitel 3.3 wird die Erfindung des Borsentickers als eine typische Anwendung der Telegraphie im Welthandel beschrieben. Eine Konkretisierung der Folgen der Teleg­raphie fur den internationalen Handel wird dann in Kapitel 3.4 vorgenommen. Hierbei wird insbesondere der internationale Warenhandel untersucht.

Die Arbeit schlieRt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick auf die Weiter- entwicklungen der elektromagnetischen Telegraphie.

2. Die Entwicklung der Telegraphie und deren Voraussetzungen

Dieses Kapitel analysiert die zeitliche Entwicklung der Telegraphie. Ausgehend von der Entwicklung des optischen und des spateren elektromagnetischen Telegraphen werden auch die technischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dargestellt, welche diese Innovation erst ermoglicht haben. Ferner sollen die Vor- und Nachteile der einzelnen Systeme beleuchtet werden, um aufzuzeigen, aus welchen wirtschaftli­chen und technischen Grunden sich bestimmte Systeme durchsetzten.

2.1 Fruhe Entwicklung: Der optische Telegraph

Die Geschichte der optischen Telegraphie lasst sich bis ins antike Griechenland zuruck verfolgen.[3] Nach Uberlieferungen des griechischen Generals Polybios gab es bereits im 2. Jhd. v. Chr in Griechenland einen funktionierenden Fackeltelegraphen, welcher die einzelnen Buchstaben des griechischen Alphabets abbilden konnte. Der Sender zundete zwei getrennt voneinander stehende Reihen mit Fackeln in bestimm- ter Anzahl. Die Zahl der Fackeln in der ersten Reihe entsprach der Nummer einer Tafel, die andere Fackelreihe der Zeile auf der entsprechenden Tafel. Der Empfanger konnte dann an dieser Stelle den Buchstaben ablesen. Ein Grund dafur, dass dieser Telegraph gerade in Griechenland entstanden ist, war das hoch entwickelte relativ kurze Alphabet der Griechen. Aufgrund dieser Kurze konnte das gesamte Alphabet in einer kleinen Matrix dargestellt werden, wodurch der Telegraphencode sehr knapp gehalten wurde.

Diese fruhe griechische Entwicklung scheint aber schnell wieder in Vergessenheit geraten zu sein.[4] Anders ist es nicht zu erklaren, dass spatere optische Telegraphen wie die von Sextus Julius Africanus (3. Jhd. n. Chr.) oder Hieronymus Cardanus (1550) deutlich primitiver gestaltet waren. Auch der 1616 von Franz Kessler entwi­ckelte optische Telegraph arbeitete, im Gegensatz zu dem Telegraphen von Poly­bios, nur mit einem erheblich reduzierten Alphabet.

Das erste weitlaufige Telegraphennetz entstand erst im Verlauf der Franzosischen Revolution in Frankreich.[5] Der von dem geistlichen Claude Chappe gemeinsam mit seinen Brudern entwickelte optisch-mechanische Telegraph wurde im Jahr 1793 erstmals erfolgreich getestet. Dieser sogenannte Semaphor oder Flugeltelegraph wurde auf Kirchturmen oder auf den Dachern der neu gebauten Telegraphenstatio- nen errichtet. Als Zeichengeber diente ein dreigliedriger um seine Mittelachse dreh- barer Balken.

Dem aus einer wohlhabenden franzosischen Familie stammende Claude Chappe gelang es u. a. durch die Unterstutzung seines Bruders, der als Lobbyist in der gesetzgebenden Versammlung wirkte, seine Erfindung der Regierung vorstellen zu durfen.[6] Aufgrund der guten Beurteilung des Telegraphen durch das Konventsmit- glied Lakanal bekam Chappe noch im selben Jahr den Auftrag eine erste optische Telegraphenlinie zwischen Paris und Lille zu errichten. Frankreich investierte in dieses kostspielige Projekt vor allem deshalb, weil es sich in Land- und Seekriegen einen groRen Nutzen von der Telegraphie versprach.[7]

Paris diente als Zentrum des noch 1852 aus uber 500 Stationen bestehenden und 4800km langen franzosischen Telegraphennetzes, welches alle in dieser Zeit bedeu- tenden Stadte Frankreichs umfasste.[8] Die Zeit zur Ubermittlung einer Nachricht auf der Strecke Paris - Lille schrumpfte dank Chappes Telegraphen von 24 Stunden, bei Zustellung durch Reiter, auf nur 2 Minuten.[9]

Auch im restlichen Europa, z.B. in Preußen in den 1830er Jahren, begann man animiert durch die Erfolge in Frankreich mit dem Aufbau von Systemen zur optischen Nachrichtenubermittlung[10]. Das Telegraphensystem der Bruder Chappe loste ein internationales Konkurrenzdenken aus und fuhrte so zu einer Vielzahl von Entwick- lungen in der Nachrichtentechnik, die sich meist an dem franzosischen Vorbild orientierten.[11] In einigen Landern wie z. B. Schweden und Danemark gelang es ein eigenes nationales Telegraphensystem ahnlich dem in Frankreich aufzubauen. Aufgrund der verschiedenen landerspezifischen Systeme und den damit verbunden unterschiedlichen Telegraphen-Codes bildete die Landesgrenze zugleich eine Grenze fur die Nachrichtenubermittlung mittels optischem Telegraphen.

Ein entscheidendes Argument gegen die optische Telegraphie waren neben den ohnehin schon hohen Investitionskosten die immensen alljahrlichen Betriebskosten des Telegraphennetzes, die vor allem durch die hohen Personalkosten entstanden[12]. Die Kosten fur den Versand der pro Jahr beforderten 500-700 Telegramme betrugen in Preußen um 1849 durchschnittlich 100 Taler pro Stuck, was etwa dem Dritte]l des Jahresgehalts eines Telegrafisten entsprach[13]. Finanzielle Mittel fur eine Investition in diesem Umfang aufzubringen war also allein dem Staat moglich, der die immensen Kosten durch den hohen militarischen Nutzen der neuen Nachrichtentechnik rechtfer- tigen konnte[14]. Die Nutzung des Telegrafensystems fur Privatpersonen wurde auf- grund staatlicher Sicherheitsbedenken nicht gestattet[15]. Die Ubermittlung war somit auf militarische und staatliche Telegramme beschranktlahm legen.. Erst ab 1849 wurden in Preu- Ren einzelne Linien unter strenger Reglementierung fur den Privatverkehr geoffnet.[16] Telegramme des Staates und der Eisenbahnverwaltung hatten auf diesen Linien allerdings stets Vorrang vor den Nachrichten der privaten Nutzer.

Außer den hohen Kosten wies die optische Telegraphie noch weitere Probleme wie z. B. die inhaltliche Begrenzung der Nachrichten durch den eingeschrankten Teleg- raphencode auf. Ferner bestand das Risiko, dass Nachrichten bei Ubermittlung, von Dritten mitgelesen und decodiert wurden.

Fur die Ubermittlung eines Telegramms war es erforderlich, dass die Kommunikation zwischen den benachbarten Stationen der Telegraphenkette uberall reibungslos funktionierte. So konnte ein unachtsamer oder gar betrunkener Telegraphist eine ganze Telegraphenlinie lahm legen[17] Ein groRes Defizit der optischen Telegraphie war auch die Abhangigkeit von den Sichtverhaltnissen zwischen den sehr dicht gebauten Telegraphenstationen. Neben dem vor allem im Spatherbst oder Winter auftretenden Nebel und Schneefall kam es im Sommer zu Beeintrachtigungen der Sichtverhaltnisse durch hitzebedingtes Luftflimmern[18]. Zusatzlich zu der Problematik schlechter Witterungsverhaltnisse bestand in allen Jahreszeiten das Problem, dass eine Ubertragung von Nachrichten ausschließlich bei Tageslicht moglich war. Die durchschnittliche Ubertragungszeit betrug im Sommer somit nur sechs und im Winter sogar nur drei Stunden am Tag.

Obwohl die franzosische Abgeordnetenkammer 1842 noch Gelder fur die Entwick- lung eines auch Nachts einsetzbaren Flugeltelegraphen bewilligte[19], war die optische Telegraphie nicht schnell und nicht flexibel genug fur die Bedurfnisse dieser Zeit. Angetrieben durch die immer großer werdenden Anforderungen der Gesellschaft an die Nachrichtenubermittlung aber auch durch die Mangel der optischen Anlagen wurde die Entwicklung der elektromagnetischen Telegraphie schnell voran gebracht.

[...]


[1] Auszug aus der Einfuhrungsrede des dt. Staatsekretars Dr. Bredow zum Beginn des "Dritten Internationalen Telegraphisten-Wettstreits" in Berlin 1922; von Steiger/Vatter (2002), S. 11

[2] Vgl. hier und im Folgenden: Handeler (2005), S. 10

[3] Vgl. hier und im Folgenden: Aschoff (1981), S. 8f

[4] Vgl. hier und im Folgenden: Aschoff (1981), S. 10-13

[5] Vgl. hier und im Folgenden: Herbarth (1978), S.19

[6] Vgl. Standage (1999), S. 7; Museum fur Kommunikation (2000), S. 39

[7] Vgl. Herbarth (1978), S.19

[8] Vgl. hier und im Folgenden: Herbarth (1978), S. 20

[9] Vgl. Museum fur Kommunikation (Hg.) (2000), S. 26 f.

[10] Vgl. Museum fur Kommunikation (Hg.) (2000), S. 28 f.

[11] Vgl. hier und im Folgenden: Herbarth (1978), S. 18

[12] Vgl. Reindl (1993), S. 63

[13] Vgl. Museum fur Kommunikation (Hg.) (2000), S. 30

[14] Vgl. Borscheid (2004), S. 150

[15] Vgl. Reindl (1993), S. 62

[16] Vgl. hier und im Folgenden: Herbarth (1978), S. 117

[17] Vgl. Museum fur Kommunikation (Hg.) (2000), S. 26

[18] Vgl. hier und im Folgenden: Herbarth (1978), S. 113

[19] Vgl. Flichy (1994), S. 78

Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640624034
ISBN (Buch)
9783640624096
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150996
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Telegraphie elektromagnetische Telegraphie Morse Flügeltelegraph Optische Telegraphie Wirtschaftlichkeit der Telegraphie Basisinnovationen Börsenticker Welthandel Kommunikation im 19. Jhd. Wirtschaftlichkeit der Kommunikation Einfluss der Kommunikation auf die Globalisierung Globalisierung Einfluss der Kommunikation auf den Welthandel

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Vom Flügeltelegraphen zur elektromagnetischen Telegraphie