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Die Bedeutung von Natur und Technik in Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand: Hintergründe für das Natur- und Technik-Motiv im Werk Gerhart Hauptmanns
2.1. Entstehung, Quellen und Einflüsse des „Bahnwärter Thiel“
2.2. Autobiographische Begründungen

3. Analyse von Natur und Technik im „Bahnwärter Thiel“
3.1. Natur und Technik im ersten Kapitel der Novelle
3.2. Natur und Technik im zweiten Kapitel der Novelle
3.3. Natur und Technik im dritten Kapitel der Novelle
3.3.1. Samstagabend/-nacht
3.3.2. Sonntagmorgen
3.3.3. Montagmorgen/-mittag
3.3.4. Montagabend, Montagnacht und Dienstagmorgen

4. Zeichenhaftigkeit von Natur und Technik für die seelische Entwicklung Thiels - Ein Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahre 1887 schrieb der damals 25jährige Gerhart Hauptmann mit Bahnwärter Thiel eine der bedeutendsten Novellen seiner Zeit. Die Ereignisse lassen sich – typisch novellistisch – in wenigen Sätzen zusammenfassen: Nachdem des Bahnwärters Thiel erste Frau Minna nach kurzer Ehe bei der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Tobias stirbt, heiratet Thiel, auf das Wohl des Jungen bedacht, kurze Zeit später erneut. Diesmal im Gegensatz zur zerbrechlichen, kränklichen Minna, eine dicke, starke Kuhmagd. Der herrschsüchtigen Lene und der Macht seiner Triebe ist Thiel schon bald nicht mehr gewachsen. Er flüchtet in die Vergangenheit und richtet sein Wärterhäuschen zu einer Kapelle für seine verstorbene Ehefrau ein. Mit der Zeit verfestigt sich für Thiel eine gespaltene Lebensweise zwischen der geistigen Liebe zu Minna und der triebhaften Liebe zu Lene. Tobias wird, als irdischer Vertreter Minnas, von der Liebe seines Vaters überhäuft, was Lene nach der Geburt des zweiten Sohnes dazu veranlasst, Tobias zu misshandeln. Thiel versinkt während dessen immer mehr in seine Traumwelt und erkennt die Misshandlung Tobias’ zunächst gar nicht. Bis er unerwartet Zeuge solch einer Misshandlung wird. Aber auch ist Thiel nicht gewachsen, er kann seinem geliebten Sohn nicht helfen und ihn vor der gewalttätigen Lene schützen. Von diesem Moment an, läuft die Erzählung auf eine Katastrophe hinaus. Nachdem Thiel Lene von einem geschenkten Acker in der Nähe seines Wärterhäuschens berichtet, begibt sich die Familie auf den Weg dorthin. Es gipfelt im Unglück: Während Thiel seiner Arbeit nachgeht und Lene den Acker bestellt, wird Tobias von einem vorbeifahrenden Zug erfasst und getötet. Der sowieso schon psychisch angeschlagene Thiel, der das Eindringen Lenes in das geheiligte Land der Toten und damit in sein zweites Leben nicht verhindern konnte, ist mit dem Tod seines Sohnes völlig überfordert. Er verfällt der Raserei, ermordet seine Frau und den zweiten Sohn und wird in die Irrenanstalt der Berliner Charité eingeliefert.

Wie die zweite Überschrift Novellistische Studie vorausdeutet, stellt Bahnwärter Thiel den Versuch einer neuen Art der Novelle dar. Dies fällt schon bei dieser kurzen Zusammenfassung der Erzählung auf. Fritz Martini fasst seine Beobachtungen kurz und treffend zusammen, indem er erklärt, dass Gerhart Hauptmann

das Gestaltungsschema der älteren Novellen umgekehrt [hat]. Die Novelle des 19. Jahrhunderts […] führte durch krisenhafte Gefährdung, durch den Sturz ins Ungeordnete und Chaotische, zu einer versöhnenden Ordnung des Lebens zurück. Hauptmann erzählt hingegen den unaufhaltsamen Weg eines auf Ordnung, Friedlichkeit und Güte angelegten Mannes zum Mord an seinem Weib und Kind, zum Irrsinn […]. Er zeigt den Durchbruch der Verzweiflung und den Zusammenbruch eines in seiner innersten Existenz zerstörten Menschen.[1]

Hauptmann verfolgt also nicht den klassischen novellistischen Stil und führt trotzdem konsequent ein bestimmtes Schema durch, nur umgekehrt.

Der Zusammenbruch des Protagonisten Thiel wird mithilfe von Natur und Technik verbildlicht und zeichenhaft dargestellt. In welcher Weise Hauptmann Natur und Technik auf den Bahnwärter einwirken lässt, wie er die Stimmung von Vitalem und Mechanischem darstellt, deutet auf eine interessante und spannende Auseinandersetzung mit seiner novellistischen Studie hin. Nicht ohne Anlass betont Martini, dass diese Novelle „anspruchslos, im schmalen Format, den Rang von Weltliteratur“ (Martini 2007: 55) besitzt. Hauptmanns einzigartiges literarisches Können entfaltet sich in seiner Beschreibung der Auswirkung von Natur und Technik auf den Menschen. Die zentrale Fragestellung dieser Hausarbeit ist aus diesem Grund: Inwiefern stehen Natur und Technik zeichenhaft für die physische und psychische Entwicklung Thiels?

Doch bevor dieser These genau nachgegangen werden kann, bleibt zu fragen, warum gerade die Motive Natur und Technik solch tiefe Bedeutung in Hauptmanns Werk haben. Somit werden neben der zentralen Frage, im zweiten Kapitel zunächst drei weitere Aspekte erläutert:

1. Welche Begründungen lassen sich für das Natur- und das Technik-Motiv im Werk Gerhart Hauptmanns finden?
2. Welche Quellen und Einflüsse haben sich auf die Arbeit Hauptmanns ausgewirkt? Ist die Novelle dem Naturalismus oder eher anderen Epochen zuzuordnen?
3. Weshalb spielt sein autobiographischer Hintergrund dabei eine gewichtige Rolle?

Im darauf folgenden Kapitel kann dann auf die zentrale Frage eingegangen werden. Mithilfe einer genauen Analyse und Diskussion der relevanten Passagen des Bahnwärter Thiel. Dabei stütze ich mich auf unterschiedliche Forschungsansätze, wie u. a. von Walther Hahn, Fritz Martini, Paul Requadt und Benno von Wiese.

Um des Weiteren eine systematische Herangehensweise zu ermöglichen, unterteile ich das Werk neben den von Hauptmann vorgegebenen drei Kapiteln, in vier weitere Stufen des dritten Kapitels, die die bedeutsamen Tagesabschnitte vor dem Unglück umfassen: Samstagabend/-nacht, Sonntagmorgen, Montagmorgen/-mittag sowie Montagabend, Montagnacht und Dienstagmorgen. Diesem Verfahren liegt die hypothetisch-deduktive Methode zugrunde. Das heißt, die Hypothese, dass Natur und Technik Thiels Seelenleben widerspiegeln und die nahende Katastrophe andeuten, wird aufgestellt. Daraus leite ich mithilfe von Forschungsansätzen eine Reihe von Schlüssen ab, die am Text selbst belegt werden sollen.

Schließlich wird die Zeichenhaftigkeit von Natur und Technik für den seelischen Zustand Thiels zusammenfassend bewertet: Hätte man in Natur und Technik schon Vorausdeutungen auf das schreckliche Unglück erkennen können?

2. Forschungsstand: Hintergründe für das Natur- und Technik-Motiv im Werk Gerhart Hauptmanns

Vor allem das Motiv der Technik findet im Werk Gerhart Hauptmanns immer wieder Eingang. So sind nicht nur im Bahnwärter Thiel Eisenbahn und Schienen ein zentrales Moment. In der Entstehungszeit des Bahnwärter Thiel verfasste Hauptmann u. a. auch viele Gedichte, die das Eisenbahnmotiv thematisierten, wie z. B. Im Nachtzug. Die literarische Verarbeitung der Technik ist nicht verwunderlich, wenn man die Zeit betrachtet, in der Gerhart Hauptmann aufwuchs. Das Ende des 19. Jahrhunderts war das Zeitalter der Industrialisierung. Der Fortschritt der Technik, der Bau von Fabriken und die großen wirtschaftlichen Probleme, führten zu Landflucht und Urbanisierung sowie dem starken Anwachsen der Bevölkerung. Es entstand eine große Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Kapitalisten und Proletariat. Wenige bereicherten sich an dem Elend vieler. Zu dieser Zeit fand das Thema der Machtlosigkeit des Menschen gegenüber der Maschine Einfluss in die Literatur. Im Bahnwärter Thiel stellt die Eisenbahn bzw. die Eisenbahnstrecke dieses übermächtige Ungetüm dar. Es vernichtete alles, was sich ihm in den Weg stellt und war zugleich Lebensmittelpunkt vieler Arbeiter der Unterschicht. Für Benno von Wiese (1956) ist die Eisenbahnstrecke das „zentrale Dingsymbol, das im Mittelpunkt des ganzen Geschehens steht“[2]. Diese Einsenbahnstrecke verinnerlicht nicht nur den rein technisch-mechanischen Aspekt, sondern darüber hinaus vitale und mystische Kräfte, die im Bahnwärter Thiel von zentraler Bedeutung sind. Auf diese Weise wird sie zu einem „gleichnishaften Ort“ (Wiese 1956: 271).

Doch auch der Natur kommt eine zentrale Bedeutung zu, obwohl sie nicht das ‚Dingsymbol’ selbst verkörpert. Der Leser erfährt von dem wortkargen Bahnwärter selbst wenig über seinen Zustand. Auch der Erzähler hält sich bei Beschreibungen von Thiels seelischer Verfassung zurück. Somit kommt der Natur die Aufgabe zu, das Innenleben des Bahnwärters darzustellen und darüber hinaus auf zukünftige Ereignisse indirekt hinzuweisen.

2.1. Entstehung, Quellen und Einflüsse des „Bahnwärter Thiel“

Bahnwärter Thiel war neben Fasching die erste novellistische Arbeit des jungen Hauptmanns. Die Forschung nimmt überwiegend an, dass das Werk nach historischer Vorlage entstand, konnte dies bis heute jedoch nicht eindeutig nachweisen. 1930 sprach Hauptmann selbst noch von einem sich tatsächlich zugetragenen „Unglücksfall“[3], bei dem das Kind eines Bahnwärters überfahren wurde. Am 26. Februar 1937 schrieb er jedoch in einem Brief an Walter Requard im Gegensatz zur einige Jahre zuvor getätigten Aussage:

Bahnwärter Thiel anlangend kann ich nur sagen, dass ich viel mit einem Bahnwärter in seinem Häuschen gesprochen habe, das mitten im Walde zwischen Fangschleusen und einem anderen märkischen Dorfe lag. Ob dieser mir einiges Stoffliche vermittelt hat, kann ich heute nicht mehr sagen, ich möchte es fast glauben. Jedenfalls ist alles, was die Natur, das einsame Leben, das Erscheinen der Züge betrifft, dort konzipiert (zit. n. Cowen 1981: 42).

Über den stofflichen Inhalt seines Werkes ist sich also auch Hauptmann selbst nicht ganz im Klaren. Es steht nur fest, dass sein Leben im märkischen Forst sehr prägend für seinen Werdegang als Schriftsteller war und dass aus diesem Grund einige Aspekte seines Werkes durchaus realitätsnah sind. Aber nicht nur der stoffliche Inhalt des Bahnwärters Thiel wird in der Forschung kontrovers diskutiert, auch die Erzählweise sowie die literarische Gestaltung der Novelle sind Teil zwiespältiger Annahmen: Ist die Novelle z. B. ein realistisches oder naturalistisches Werk? Überwiegend geht man davon aus, dass Bahnwärter Thiel eine naturalistische Novelle ist. So schreibt Günther Mahal (1997) beispielsweise, dass „dem kaum 25jährigen Gerhart Hauptmann [mit Bahnwärter Thiel ] die bekannteste deutsche Erzählung der naturalistischen Epoche“[4] gelang und verwies somit eindeutig auf Hauptmanns naturalistischen Bezug. Dies ist zum einen eine plausible Hypothese, weil die novellistische Studie erstmals 1888 im 10. Heft des IV. Bandes der Zeitschrift Die Gesellschaft. Realistische Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben erschien, dem Organ der Münchner Naturalisten. Zum anderen sind viele naturalistische Merkmale in der Erzählweise zu erkennen: der Aufbau der Erzählung ist chronologisch; es bestehen viele detailgetreue Beschreibungen des Milieus der kleinbürgerlichen, unintellektuellen Umwelt sowie genaue Orts- und Zeitangaben; der Mensch wird als triebhaft und Produkt dargestellt usw. Die für den Naturalismus bezeichnende Gesellschaftskritik oder das Thema der Vererbung spielen hingegen keine Rolle. Eine eindeutige Epochenzuordnung bleibt bei genauerer Betrachtung also schwierig. Sie würde die teilweise bewusst eingesetzte Uneindeutigkeit von Hauptmanns Werk vereinfacht darstellen, denn

trotz dieser […] beispielhaft […] naturalistischen Momente lag bei Hauptmann eine Besonderheit vor, die letztendlich der Grund dafür war, warum er nicht nur Naturalist sein konnte, genau genommen, warum er innerhalb dieser Bewegung seinen eigenen Weg ging. Denn in keiner der Erzählungen blieb er bei einer rein naturalistischen Erzählweise, die auf das empirisch Beobachtbare beschränkt war.[5]

[...]


[1] Fritz Martini: Nachwort. In: Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie, Stuttgart 2007 [1887] (Ausgabe: Reclam Universalbibliothek Nr. 6617), S. 50.

[2] Benno von Wiese: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen. Düsseldorf 1956, S. 271.

[3] zit. n. Roy C. Cowen: Hauptmann-Kommentar zum nichtdramatischen Werk. München 1981, S. 42.

[4] Günther Mahal: Experiment zwischen Geleisen. Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. In: Freund, Winfried (Hrsg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München 1997, S. 199.

[5] Zehra Gülmüs: Defiziente Transzendenzerfahrung in der frühen Prosa Gerhart Hauptmanns. phil. Diss. Frankfurt am Main 2000 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 1776), S. 131.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640621415
ISBN (Buch)
9783640621675
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150916
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Deutsche Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Bedeutung Natur Technik Gerhart Hauptmanns Thiel“

Autor

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Titel: Die Bedeutung von Natur und Technik  in Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“