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Jungen als Bildungsverlierer?!

Seminararbeit 2009 53 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Rückblick

3 Status Quo – Aktuelle Situation
3.1 Das Verhalten der Jungen
3.2 Die Leistungen der Jungen
3.2.1 Das Fach Deutsch und die Lesekompetenz der Jungen
3.2.2 Die Fächer Mathematik und Naturwissenschaften[1]

4 Studien
4.1 IGLU-Studie
4.1.1 Aktuelle Situation
4.1.2 Was ist IGLU
4.1.3 Ergebnisse der IGLU-Studien
4.1.4 Negative Ergebnisse
4.1.5 Differenz zwischen Mädchen und Jungen
4.1.6 Maßnahmen, um Jungen zu fördern[2]
4.2 PISA-Studie
4.2.1 Was ist PISA
4.2.2 PISA-Ergebnisse
4.2.3 Jungen mit Migrationhintergrund
4.2.4 PISA-unterstützende Belege[3]

5 Jungenarbeit
5.1 Vorschläge zur Jungenförderung in der Schule
5.1.1 Wege zur jungenfreundlichen Schule
5.1.2 Praxistag für Jungen zur Erkundung jungen-untypischer Berufsfelder
5.1.3 Mädchen- und Jungenstunden
5.1.4 Diskussion der Vorschläge[4]

6 Fazit[5]

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nach aktuellen Diskussionen in der Politik und den Medien, ausgelöst durch die erschreckenden Ergebnisse von PISA im Jahr 2000, gilt das männliche Geschlecht in der Bildung als benachteiligt. Jungen werden zu ‚Katastrophenjungen’ degradiert und die Presse produziert täglich Schlagzeilen wie „Jungen sind die neuen Sorgenkinder des Bildungssystems[6] oder „Die Krise der kleinen Männer[7], „Mädchen auf der Überholspur[8], „Männliche Bildungsverlierer[9], „Die Alpha- Mädchen[10] sowie „Schlaue Mädchen, Dumme Jungen[11].

In der vorliegenden Ausarbeitung des Referats „Jungen als Bildungsverlierer?!“ soll nun aufgrund der aktuellen Relevanz die Problematik der Benachteiligung von Jungen im gegenwärtigen Bildungssystem dargelegt werden.

Hierfür halten wir es für sinnvoll, zunächst über einen kurzen historischen Rückblick aufzuzeigen, wie es generell zu einer Benachteiligung der Jungen im Bildungssystem kommen konnte. Dieser Rückblick leitet zum Status Quo, der aktuellen Situation, über. Hier wird ausführlich beschrieben, wie das aktuelle Bild von Jungen in Bildungsinstitutionen ist und in wieweit Jungen in der Schule benachteiligt sind.

Die Ergebnisse des Status Quo werden anschließend durch die Befunde der Studien IGLU und PISA überprüft.

Des Weiteren werden verschiedene Ansätze zur Vorbeugung und Vermeidung der Benachteiligung von Jungen diskutiert.

Dieser Abschnitt wurde beim Vortrag in Form von Gruppenarbeiten vorgenommen, die hier ausgearbeitet und ergänzt wurden.

Den Abschluss bildet ein kurzes und prägnantes Fazit, dass alle Ergebnisse komprimiert zusammenfasst.

2 Historischer Überblick

Als in den fünfziger und sechziger Jahren in Westdeutschland die Koedukation durchgesetzt wurde, wurde auch die Gleichstellung der Frau formal verwirklicht. Den Mädchen wurden demnach gleiche Bildungschancen zugestanden.[12]

In den siebziger Jahren, also zur Zeit der Frauenbewegung, begann man jedoch am koedukativen Schulsystem zu zweifeln. Dieses habe den Frauen bisher nur theoretisch zu einer Geschlechtergleichstellung verholfen. In der Praxis würden jedoch mädchendiskriminierende Strukturen vorherrschen. Das Schulsystem sei im Ganzen noch zu sehr an den Bildungsmaßstäben der Jungen orientiert. So ergebe sich für die Mädchen eine Benachteiligung. Folgerichtig forderten die Frauen nun auch, die Bedürfnisse und Anliegen des weiblichen Geschlechts in die Theorie und Praxis des Bildungssystems einzubeziehen.[13]

In den nachfolgenden Jahren, bis ca. 1990, versuchte man nun der Benachteiligung der Mädchen und Frauen im Bildungswesen entgegenzuwirken: Die Fächer und Stundenzahlen wurden angeglichen, Defizite der Mädchen in den naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik wurden erkannt und durch spezielle Fördermaßnahmen wurde versucht diesen Mängeln entgegenzuwirken. Zudem wurden die Mädchen auch in Bezug auf Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen gefördert.[14]

Die Jungen hingegen wurden seit Jahrzehnten als nicht förderbedürftiges Geschlecht angesehen. Sie galten als diejenigen, die vom Bildungssystem profitierten. Das ist nicht weiter verwunderlich. Schließlich bekamen sie im Erwachsenenalter bisher die lukrativsten Arbeitsplätze und begannen häufig eine steile Karriere. Über die Schulleistungen machte man sich also bis dato keinerlei Gedanken.[15]

Doch im Laufe der Zeit wurde das bisher als benachteiligt geltende weibliche Geschlecht, nicht zu letzt durch die jahrelangen Fördermaßnahmen, selbstbewusster, zielstrebiger und so auch besser in der Schule. Es passte und passt sich seit jeher an die gesellschaftlichen Spielregeln und geforderten Kompetenzen der Gesellschaft an und holt nun das männliche Geschlecht in Sachen Leistung, Berufschancen und Karriere ein.[16]

Das Bildungssystem änderte sich also in Folge der Mädchenförderung derartig, dass man heute sagen kann, dass es überwiegend an den Stärken und Interessen der Mädchen ausgerichtet ist. Heute gelten die Jungen als benachteiligt und die Themen ‚Jungenförderung’ und ‚Jungen als Bildungsverlierer’ rücken immer mehr in den Mittelpunkt.

3 Aktuelle Situation - Status Quo

„ ‚Wenn wir wirklich wollen, dass es unsere Töchter einmal leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen’ und ‚die Anerkennung der Mädchen kann nur auf Kosten der kleinen Buben geschehen’, postulierte der Feminismus der 80er Jahre. Dieses Ziel scheint heute erreicht. Jungen sind die großen Bildungsverlierer unserer Zeit geworden.“[17]

Der Blick in die Schulen ist natürlich unerlässlich um zu klären, ob Jungen die zeitgenössischen Bildungsverlierer sind.

Nicht zu letzt deshalb, weil die Schule und die unterschiedlichen Schultypen „wesentlich die späteren sozialen Positionen in der Gesellschaft festschreiben“.[18]

Den Grund für die Bildungsmisserfolge von Jungen sehen auch Experten in den Schulen. Vor allem hinsichtlich der Einflussnahme der Lehrkräfte auf erfolgreiche Bildung wird der Grund häufig in der von Frauen dominierten Lehrerschaft, die insbesondere an den Grund- und Gesamtschulen vorherrscht, gesehen. Aufgrund dessen könnten die Jungen sich nicht an männlichen Vorbildern orientieren.

Die Relevanz männlicher Lehrkräfte für schulischen Erfolg von Jungen ist bislang [jedoch] spekulativ.“ [19]

In diesem Abschnitt soll daher die aktuelle Situation der Jungen in den Schulen näher beleuchtet werden. Dazu wird zunächst das allgemeine Verhalten der Jungen vorgestellt, das in der Schule gezeigt wird. Im Anschluss werden die Leistungen der Jungen dargelegt, die schließlich auch auf Leistungen im Fach Deutsch, der Lesekompetenz und Kompetenz in naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik bezogen werden. Ein kurzes Zwischenfazit bildet den Schluss dieser ersten Einheit.

3.1 Das Verhalten der Jungen

Möglicherweise ist der insgesamt geringere Schulerfolg von Jungen darauf zurückzuführen, dass sie relativ zu Mädchen [...] geringere soziale Kompetenzen mitbringen, sich sozial weniger angepasst verhalten und eher dazu neigen, auf Konflikte und Frustrationen im Schulalltag mit Aggressivität zu reagieren"[20]

Jungen, natürlich nicht pauschal alle Jungen, aber immerhin ein Großteil, stellen hiernach gegenwärtig einen Hauptanteil aller auffälligen Kinder dar.

Aufgrund dessen wird auch von vielen Lehrkörpern übereinstimmend die Meinung vertreten, dass der Unterricht ohne Jungen wesentlich reibungsloser und harmonischer verlaufe, weil die meisten Konflikte durch Jungen entstünden.[21]

Dieses ist jedoch nicht weiter erstaunlich, denn die Gesellschaft, inbegriffen auch Lehrerinnen und Lehrer und die männlichen Schüler selbst, halten heutzutage noch immer an den traditionell männlichen Rollenzuweisungen fest. Als ‚Männlich’ wird so jeder Angehörige des männlichen Geschlechts bezeichnet, der Dominanz, körperliche und mentale Stärke, Selbstbewusstsein, einen gut bezahlten Beruf und ein bestimmtes Maß an Aggressivität vorzeigen kann. Schulleistungen, die im nächsten Punkt ausführlicher besprochen werden, stehen in der Rangliste der Männlichkeitsattribute jedoch ganz unten. Wehe dem Jungen, der gute Noten schreibt! Ihm wird sehr schnell der Titel ‚Streber’ zuteil oder ihm wird sofort die Homosexualität unterstellt.[22]

Viele Jungen orientieren sich dementsprechend und verständlicherweise lieber an den typisch männlichen Eigenschaften und sind so in ihrer Geschlechterrolle gefangen, denn diese ist in unserem gegenwärtigen Bildungssystem und in unserer leistungsorientierten Gesellschaft vordergründig nicht mehr gefragt.[23]

Begehrt und verlangt werden eher Kompetenzen, die dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden. Dazu zählen in jedem Falle Einfühlungsvermögen, Verlässlichkeit, Ehrgeiz, Leistung, Organisationskonzept, Fachkompetenz, soziale Kompetenz, Selbstbewusstsein sowie Durchsetzungsvermögen. Selbstverständlich besitzen nicht alle Mädchen und Frauen diese Qualitäten, genauso wenig, wie nicht alle Jungen und Männer keine dieser Befähigungen aufweisen. Doch hat der Großteil des weiblichen Geschlechts gelernt, die eigenen und geforderten Eigenschaften auszuspielen und sich zu Nutzen zu machen.[24]

Zudem wurde es den Frauen und Mädchen, auch durch die Emanzipation, leicht gemacht sich von ihren alten Geschlechterstereotypen zu trennen. Neben ‚Küche, Kindern und Kirche’ ist für sie ein weiterer Begriff hinzugekommen, die ‚Karriere’.[25]

Die Jungen dagegen halten, aus den obigen Gründen, an ihrer ‚Männlichkeit’ fest und glauben fest daran, dass allein die Tatsache ‚mannhaft’ zu sein ausreicht, um in der Welt einen angesehenen Status zu besitzen oder zu erlangen. Eine Vielzahl der Jungen hat es hierdurch bisher versäumt, sich die gefragten Eigenschaften anzueignen oder sie zu zeigen.

Vielmehr versuchen sie ihre ‚Männlichkeit’ noch zu beweisen und zeigen in der Schule das ihnen zugeschriebene auffällige Verhalten in Form von Unaufmerksamkeit, Unruhe, Stören, Ablenken, schlechten Leistungen und Gewalt. Sie Rüpeln, plustern sich auf, haben unleserliche Handschriften, sind undiszipliniert, wenig anstrengungsbereit und können schlechter Organisieren.[26]

Zudem neigen sie dazu, entgegen der aktuellen Lage, sich selbst zu überschätzen. Im schulischen Kontext heißt dieses, dass sie die subjektiven Fähigkeiten und Begabungen unrealistisch einschätzen. Sie zeigen sich eher unbeirrt von Rückschlägen und machen für eigenes Versagen, zumindest äußerlich, andere Menschen verantwortlich.

Ist ein Test demzufolge schlecht ausgefallen, sehen die Jungen dieses Versagen nicht bei sich selbst, sondern durch die rosarote Brille und beschönigen entweder ihr Ergebnis oder beschuldigen den Lehrkörper die Arbeit zu schwer gemacht zu haben etc. Letztendlich zählt nur, dass sie ihr Selbstbild wahren, auch wenn dieses Verhalten nicht zu einer Verhaltensänderung, zum Beispiel in Form von disziplinierterem Lernen, und so zu einer positiven Weiterentwicklung beiträgt.[27]

Dennoch, insgeheim erkennen die Jungen ihre Leistungen. Weiterhin bemerken sie ebenfalls ganz genau, dass sie in der Schule ernsthaft benachteiligt werden, denn sie sind diejenigen, die für ihr männliches Verhalten, das doch widersinnigerweise aber ein Großteil der Gesellschaft von ihnen verlangt, im Unterricht abgestraft werden und zwar durch Ermahnungen und schlechten Noten. Hier wird die für die Jungen verzweifelte Lage deutlich. Sie sind unsicher und bekommen gegenwärtig nur geringfügig Unterstützung von den Lehrpersonen oder Eltern. Sie reagieren deshalb häufig mit Frust und Verweigerung und sehen keinen anderen Ausweg, als sich auf anderen Gebieten Respekt und Anerkennung zu verschaffen. Praktisch heißt dieses: Die Jungen, die im Unterricht keine Chance bekommen die Besten zu sein, sind eben die Besten im ‚Nichtzuhören’, im Stören und im Prügeln auf dem Schulhof.

Besonders durch die Beteiligung an Gewaltdelikten glauben Jungen daran, einen Statusgewinn verzeichnen zu können.[28] [29]

Dieses Verhalten zieht fatalerweise jedoch nicht das erwünschte Ansehen nach sich, sondern Verweise und Klassenkonferenzen. Aufgrund der so gezeigten mangelnden Sozialkompetenz kommt es bei Jungen häufiger zu besagten Maßnahmen als bei Mädchen und auch in Klassen für verhaltensauffällige Kinder sind die Jungen so stärker vertreten.[30]

Letzteres aufgreifend attestieren Ärzte Jungen häufiger AD(H)S als den Mädchen, obwohl im Ganzen mit Bescheinigungen bezüglich AD(H)S Vorsicht geboten ist, da diese Krankheit heutzutage sehr gern und schnell als Lösung für Probleme jeglicher Art missbraucht wird.[31]

Zusammengefasst zeigen Jungen insgesamt ein eher schulunangepasstes Verhalten, das jedoch durch die Geschlechterstereotype der Gesellschaft heftig forciert wird. Dieses treibt, laut Meinung der Lehrer, die Leistungen, auf die im nun folgenden Punkt eingegangen wird, in den Keller und nicht die Intelligenz. Doch selbst Pädagogen, die sich der Jungenproblematik bewusst sind, bevorzugen die Mädchen aufgrund ihres besseren Verhaltens.[32]

„Wir machen es den Mädchen leichter, weil sie es uns leichter machen.“[33]

3.2 Die Leistungen der Jungen

In allen Fächern erhalten Jungen auch bei gleichen Kompetenzen schlechtere Noten.“[34]

Jungen schneiden so in der Schule schlechter ab, was natürlich auch Auswirkungen auf spätere Berufsmöglichkeiten und eventuelle Karrieren hat.

Bereits zu Beginn der Bildungslaufbahn werden Jungen benachteiligt, da weniger Jungen vorzeitig eingeschult werden als Mädchen. Im Gegenteil, mehr Jungen als Mädchen werden zurückgestellt und kommen so häufig erst mit knapp sieben Jahren in die Schule.[35]

Weiterhin bekommen die Jungen unlängst in der Grundschule durchschnittlich schlechtere Noten als die Mädchen. Dieses führt zu fatalen Konsequenzen. Die Lehrkörper schreiben den männlichen Schülern schlechtere Empfehlungen bezüglich der weiterführenden Schulen. Dieses führt dann dazu, dass weniger Jungen von den Lehrkräften eine Gymnasialempfehlung bekommen und daher eher an geringer qualifizierenden Schultypen zu finden sind. So legen weniger Jungen als Mädchen das Abitur ab, bilden jedoch an den Hauptschulen den geschlechtlichen Hauptanteil.[36]

Die Sorgen um die Jungen sind somit berechtigt, denn die Noten der Jungen werden immer schlechter, da sie mit dem heutigen Schul- und Bildungssystem, das, wie schon erwähnt, eher an den Frauen orientiert ist, nicht zurecht kommen. Die schlechten Noten liegen jedoch nicht nur an den schlechten Leistungen. Vielmehr bekommen die Jungen, wie im Zitat vorweggenommen, trotz gleicher Leistung schlechtere Noten. Dieses liegt höchstwahrscheinlich am ‚männlichen’ Verhalten der Jungen, das dahingehend stark mit den Leistungen korreliert.[37]

Wie im vorangegangenen Punkt bereits ausführlich erläutert verhalten sich die Jungen so wie es die Gesellschaft von ihnen verlangt, ‚männlich’. Um den Denunzierungen von Mitschülern, wie ‚Streber oder ‚Schwuler’ zu entgehen, zeigen männliche Schüler so großes Desinteresse an Unterricht und Leistungen und kümmern sich eher um gleichaltrige Freunde und deren Reaktion auf das eigene gezeigte ‚männliche’ Verhalten. Dieses wird in der Wissenschaft auch „Performanzorientierung“ genannt. Die „Fachperforman z“, das Fachwissen, das gezeigt werden soll, gerät somit ins Abseits und die Jungen weisen weniger Leistung vor, als sie eigentlich könnten. „Dieses Phänomen ist unter dem Stichwort ‚Underachievement’ bekannt.[38]

Ein solches Verhalten ist bei den weiblichen Schülern nur selten zu beobachten.

Stattdessen werden die Leitungen der Mädchen immer besser. Mädchen beginnen mittlerweile sogar die Jungen in den bisher von den Jungen dominierten naturwissenschaftlichen Fächern wie Chemie und Physik einzuholen. Das Fach Biologie ist so schon längst zur Frauendomäne geworden.[39]

Des Weiteren beherrschen die Jungen das ‚Sitzenbleiberbild’. Die Anzahl der männlichen Sitzenbleiber ist gegenwärtig sehr besorgniserregend. Zudem brechen die männlichen Schüler häufiger die Schule ohne Abschluss ab. Dieses geschieht erfahrungsgemäß parallel mit der Pubertät, in der die zukünftigen Männer sich noch mehr als zuvor auf den Freundeskreis beziehen und Eltern, Schule, Leistungen und berufliche Ziele in den Hintergrund treten.[40]

Aufgrund all dieser aktuellen Fakten bezüglich der Leistungen sprechen Forscher und Experten von der „Jungenkatastrophe“ und von einer sich entwickelnden „handfeste [n] Versagerquote“.[41]

3.2.1 Das Fach Deutsch und die Lesekompetenz der Jungen

Die geringeren Leistungen im Deutschunterricht beeinflussen auch andere Schulfächer negativ.“[42]

Zunächst einmal beteuern viele Grundschullehrer, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich der ersten Schuljahre im Fach Deutsch noch keinerlei Leistungsunterschiede der Mädchen zu den Jungen erkennbar sind, obwohl Wissenschaftler bereits im Kindergartenalter „von leicht geringeren Deutschkompetenzen der Jungen berichten[43] . Besonders in der Rechtschreibung sehen sich die Experten bestätigt. Diese ist bereits ab der ersten Klasse bei den Jungen durchschnittlich schlechter als bei gleichaltrigen Mädchen. An welchen Bedingungen dieses liegen könnte, wird in den später folgenden Studien erläutert.[44]

Größer wird der Unterschied der Leistungen im Fach Deutsch jedoch definitiv erst ab der fünften Klasse. Hier zeigen die Jungen auch geringere literarische Lesekompetenz. Mit dem Begriff ‚Lesekompetenz’ ist jedoch nicht das bloße Umwandeln von Graphemen (Buchstaben) in Phoneme (Laute) gemeint, sondern vor allem auch das Verstehen des Textes. Im literarischen Bereich besitzen die Mädchen deutlich bessere Fähigkeiten. Dieses liegt vielleicht an der mangelnden Motivation und dem mangelnden Interesse der Jungen am Lesen.

Demgegenüber zeigen Jungen jedoch eine beachtliche Lesekompetenz in Sachtexten, wie einige Lehrkörper berichten.[45]

Dennoch, erst zu Beginn der Oberstufe nähern sich die Deutschleistungen der Geschlechter wieder an. Durchschnittlich bekommen die männlichen Schüler bis dahin schlechtere Noten im Fach Deutsch als die Mädchen und gelten in Deutsch aber auch in allen anderen sprachlichen Fächern als weniger kompetent.[46]

Zudem ist die Legasthenie, die Lese-Rechtschreib-Schwäche, unter Jungen weiter verbreitet als bei den Mädchen, was für ihre Deutschleistungen natürlich nicht gerade förderlich ist.[47]

Letztendlich sieht es aktuell so aus, dass in den meisten Schulen, trotz dieser gegenwärtigen Lage, noch keine generellen Förderprogramme eingesetzt werden, die die Deutschleistungen und Lesekompetenzen der Jungen angleichen. Dieses ist sehr bedenklich, sind doch auch in den übrigen Fächern beide Fähigkeitsbereiche verlangt, um gute Noten zu bekommen und den Anschluss nicht zu verlieren.[48]

Allerdings ist es derzeitig so, dass in einigen wenigen Schulen verstärkt geschlechtergerechte Literatur angeboten wird, oder sogar Jungen andere Bücher als Schullektüre lesen dürfen oder müssen als die Mädchen. Diese Maßnahme soll die Lesemotivation und das Leseinteresse der Jungen zumindest erst einmal steigern.[49]

3.2.2 Die Fächer Mathematik und Naturwissenschaften

Die guten Leistungen von Jungen in Mathematik weisen diesen Bereich als Jungendomäne aus.“[50]

Jungen zeigen grundsätzlich gute mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse. Diese werden allerdings auch von der Gesellschaft und so auch von den Lehrkörpern erwartet und unterstellt.

Die Leistungsstärke der Jungen baut sich in Mathematik ab der fünften Kasse aus, ebenso wie sich bei den Mädchen zu diesem Zeitpunkt die Deutschleistungen verbessern.

Dennoch, „auf den unteren Kompetenzstufen finden sich mehr Jungen als Mädchen. Risikoreich erweist sich eine Tendenz zur Selbstüberschätzung.“[51] So ist auch im Bereich der Mathematik und der Naturwissenschaften eine Korrelation mit dem bereits erläuterten Verhalten der Jungen erkennbar. Die Verhaltungsweise der Jungen forciert auch hier schlechte Leistungen und lässt die Mädchen nicht nur Anschluss finden, sondern lässt sie auch die Jungen, wie zum Beispiel in den Fächern Biologie und Chemie, überholen.[52]

Ingesamt geht die Zeit der reinen Mädchenförderung hiernach langsam zu Ende, denn die Jungen sind gegenwärtig die ‚Problemkinder’ der Schulen. Sie sind durch ihr eigenes Verhalten, das von der Gesellschaft jedoch aufgrund von Geschlechterstereotypen erwartet wird und das ihre Leistungen negativ beeinflusst, benachteiligt. Doch bisher gibt es nur wenige Schulen, die die Jungen explizit fördern. So sieht es aktuell so aus, dass Jungen deutliche Nachteile gegenüber den Mädchen haben.

Bestätigen dieses aktuelle Bild von Jungen als Bildungsverlierer auch die wissenschaftlichen Studien? IGLU und PISA haben den Blick auf die geschlechtergetrennten Leistungsdefizite gelenkt und werden so im Anschluss dargestellt.

[...]


[1] Bis hierhin bearbeitet von: Antje Müller

[2] Bis hierhin bearbeitet von: Sina Landwehr

[3] Bis hierhin bearbeitet von: Dana Büse

[4] Bis hierhin bearbeitet von: Janina Schaber

[5] Gemeinsam erarbeitet

[6] Vgl.: Spiewak, Martin : Die Krise der kleinen Männer. In: DIE ZEIT, Nr. 24 (07.06.2007). Auch: http://www.zeit.de/2007/24/B-Jungen (26.01.2009).

[7] Vgl.: Ebd.

[8] Vgl.: Gaserow, Vera : Mädchen auf der Überholspur – Forscher sehen einen „Krieg der Geschlechter“ kommen. In: Frankfurter Rundschau, Nr. 221 (22.09.2006). Auch: http://www.berlin.de/imperia/md/content/senatsverwaltungen/senwaf/gm/eine_schule_fuer_jungen_und_maedchen.pdf (26.01.2009).

[9] Vgl.: Taffertshofer, Birgit : Männliche Bildungsverlierer. Jungen sind laut einer Studie im Durchschnitt eine Schulnote schlechter als Mädchen. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 181 (08.08.2007). Auch: http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/127/335976/text/ (26.01.2009).

[10] Vgl.: Supp, Barbara; Bonstein, Julia; Dürr, Anke; Krahe, Dialika; Theile, Merlind; Voigt, Claudia; Werner, Kathrin : Die Alpha-Mädchen. In: SPIEGEL special 1/2008 (26.02.2008).Auch: http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=55972850&aref=image036/2008/02/25/ROSPC200800100180029.PDF&thumb=false (26.01.2009).

[11] Vgl.: http://www.spiegel.de/sptv/thema/0,1518,300131,00.html (26.01.2009).

[12] Vgl.: Kaiser, Astrid : Koedukation und Jungen. Soziale Jungenförderung in der Schule. 2. Auflage, Weinheim, 2005. Und: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=54256316&suchbegriff=Koedukation&top=Lexikon (26.01.2009).

[13] Vgl.: Ebd.

[14] Vgl.: Ebd.

[15] Vgl.: Kaiser, Astrid : Koedukation und Jungen. Soziale Jungenförderung in der Schule. 2. Auflage, Weinheim, 2005. Und: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=54256316&suchbegriff=Koedukation&top=Lexikon (26.01.2009).

[16] Vgl.: Hurrelmann, Klaus; Quenze, Gudrun : Lasst sie Männer sein. In DIE ZEIT, Nr. 44 (23.10.2008). Auch: http://www.zeit.de/2008/44/C-Leistungsabfall (26.01.2009).

[17] Zitiert aus: http://forum.zartbesaitet.net/index.php?topic=8020.0 (26.01.2009).

[18] Vgl.: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[19] Zitiert aus: Ebd.

[20] Zitiert aus: Hannover, Bettina : Gender revisited: Konsequenzen aus PISA für die Geschlechterforschung. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 7. Jg., Beiheft 3, 2004 (S. 88).

[21] Nur leicht abgeändert übernommen von: http://pz.bildung-rp.de/pn/paedagogischebeitraege1_06/dieschuleeinjungenfeindlicherbiotop.htm (26.01.2009).

[22] Vgl.: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[23] Vgl.: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009). Und: Hurrelmann, Klaus; Quenze, Gudrun : Lasst sie Männer sein. In DIE ZEIT, Nr. 44 (23.10.2008). Auch: http://www.zeit.de/2008/44/C-Leistungsabfall (26.01.2009).

[24] Vgl.: Ebd.

[25] Vgl.: Hurrelmann, Klaus; Quenze, Gudrun : Lasst sie Männer sein. In DIE ZEIT, Nr. 44 (23.10.2008). Auch: http://www.zeit.de/2008/44/C-Leistungsabfall (26.01.2009).

[26] Vgl.: http://pz.bildung-rp.de/pn/paedagogischebeitraege1_06/dieschuleeinjungenfeindlicherbiotop.htm (26.01.2009).

[27] Vgl.: Hurrelmann, Klaus; Quenze, Gudrun : Lasst sie Männer sein. In DIE ZEIT, Nr. 44 (23.10.2008). Auch: http://www.zeit.de/2008/44/C-Leistungsabfall (26.01.2009). Und: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009). Und.: Thimm, Katja : Angeknackste Helden. In: DER SPIEGEL Nr. 21/2004 (17.05.2004). Auch:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/65/67/dokument.html?titel=Angeknackste+Helden&id=30917656&top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&qcrubrik= (29.01.2009).

[28] Vgl.: http://www.zdf.de/ZDFde/suche.html?pn=1&kw=die+m%E4nnlichkeitsl%FCcke&Suchen.x=15&Suchen.y=8 (26.01.2009); Film : aspekte „Die Männlichkeitslücke“. Vom 01.08.2008.

[29] Vgl.: Hurrelmann, Klaus; Quenze, Gudrun : Lasst sie Männer sein. In DIE ZEIT, Nr. 44 (23.10.2008). Auch: http://www.zeit.de/2008/44/C-Leistungsabfall (26.01.2009). Und: http://pz.bildung-rp.de/pn/paedagogischebeitraege1_06/dieschuleeinjungenfeindlicherbiotop.htm (26.01.2009).

[30] Vgl.: Thimm, Katja : Angeknackste Helden. In: DER SPIEGEL Nr. 21/2004 (17.05.2004). Auch:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/65/67/dokument.html?titel=Angeknackste+Helden&id=30917656&top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&qcrubrik= (29.01.2009).

[31] Vgl.: Ebd.

[32] Vgl.: Thimm, Katja : Angeknackste Helden. In: DER SPIEGEL Nr. 21/2004 (17.05.2004). Auch:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/65/67/dokument.html?titel=Angeknackste+Helden&id=30917656&top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&qcrubrik= (29.01.2009).

[33] Zitiert aus: Ebd.

[34] Vgl.: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[35] Vgl.: Ebd.

[36] Vgl.: Ebd.

[37] Vgl.: Thimm, Katja : Angeknackste Helden. In: DER SPIEGEL Nr. 21/2004 (17.05.2004). Auch:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/65/67/dokument.html?titel=Angeknackste+Helden&id=30917656&top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&qcrubrik= (29.01.2009). Und.: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[38] Zitiert aus und vgl. Absatz: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[39] Vgl.: Ebd.

[40] Vgl.: Ebd.

[41] Zitiert aus: Thimm, Katja : Angeknackste Helden. In: DER SPIEGEL Nr. 21/2004 (17.05.2004). Auch:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/65/67/dokument.html?titel=Angeknackste+Helden&id=30917656&top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&qcrubrik= (29.01.2009).

[42] Zitiert aus: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.02.2009).

[43] Zitiert aus: Ebd.

[44] Vgl.: Thimm, Katja : Angeknackste Helden. In: DER SPIEGEL Nr. 21/2004 (17.05.2004). Auch:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/65/67/dokument.html?titel=Angeknackste+Helden&id=30917656&top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&qcrubrik= (29.01.2009). Und: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[45] Vgl.: Ebd.

[46] Vgl.: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[47] Vgl.: Thimm, Katja : Angeknackste Helden. In: DER SPIEGEL Nr. 21/2004 (17.05.2004). Auch:

http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/65/67/dokument.html?titel=Angeknackste+Helden&id=30917656&top=SPIEGEL&suchbegriff=&quellen=&qcrubrik= (29.01.2009).

[48] Vgl.: Ebd.

[49] Vgl.: Ebd.

[50] Zitiert aus: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[51] Zitiert aus: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

[52] Vgl.: http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (26.01.2009).

Details

Seiten
53
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640622412
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150888
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Schlagworte
Jungen Bildungsverlierer Chancengleichheit Mädchen

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