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Maus. Die Geschichte eines Überlebenden – gelesen als Fabel

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Versuch einer Definition des Begriffes Fabel

3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen einer Fabel und Maus
3.1 Fabel und Maus weisen folgende Gemeinsamkeiten auf
3.2 Unterschiede zwischen einer Fabel und Maus

4. Darstellung der Tiere – Mäuse, Katzen, Hunde, Schweine - in Maus
4.1 Zusammenhang zwischen Holocaust und Tiermetapher

5. Besondere Erzählweise in Maus

6. Schlussbetrachtung

7. Bibliografie
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur
7.3 Onlinequellen

1. Einleitung

Diese Hausarbeit behandelt den von Art Spiegelman verfassten Holocaust Comic, Maus. A Survivor’s Tale,[1] welcher dem Genre der graphic novels zuzurechnen ist und in dem in zwei Teilen in Form einer Tierfabel zum einen die Geschichte des Holocaustüberlebenden Vladek Spiegelman erzählt wird, in dem aber auch anschaulich in eben dieser Form dargestellt wird, wie sein Sohn nicht mit der Vergangenheit zurecht kommt und wie sehr auch der Vater als Überlebender im Hier und Jetzt noch unter der eigenen Vergangenheit leidet. Der erste Teil des Buches wird mit „My Father Bleeds History“ untertitelt, der zweite Teil trägt den Untertitel „And Here My Trouble Began“. Während es im ersten Teil primär um die Leidensgeschichte des Juden Vladek Spiegelman, Arts Vater, und dessen Frau Anja geht, so knüpft der zweite Buchteil direkt an diese Leidengeschichte bis zur Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz an, zeigt aber gleichzeitig auch Arts Kampf mit der Geschichte des Vaters fertig zu werden und den Kampf die dadurch entstandene Distanz zwischen Vater und Sohn zu verringern. Ebenso erzählt der zweite Teil vom Überlebenskampf der beiden als Mäuse dargestellten Juden in diversen Vernichtungslagern, immer unter der Aufsicht der als Katzen dargestellten Deutschen, über das Kriegsende hinaus bis zum Wiedersehen der Eheleute Spiegelman in der alten Heimatstadt.

„Man kann sagen, dass ‚Maus’ eigentlich eine Fabelgeschichte in Comic-Form ist.“ Diese These stellt Alexander Missal provokant in seiner im Internet veröffentlichten Rezension zu Maus auf. (Missal Oktober 2009)[2]

In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob sich Spiegelmans Werk wirklich dem Genre der Fabel zurechnen lässt, zusätzlich soll geklärt werden, was das Besondere an diesem Werk ist. Des Weiteren ist zu analysieren, ob es den Protagonisten gelingt, die Kriegs- und Deportationserfahrungen zu verarbeiten, und wenn ja, in welcher Generation dieser Prozess der Verarbeitung stattfindet.

Primär möchte ich diese Analyse anhand von Kapitel zwei des zweiten Bandes „Auschwitz (Time Flies)“ ausführen. Zu Beginn dieses Kapitels sitzt Art Spiegelman verzweifelt an seinem Schreibtisch und versucht vergeblich, seinen Comicband mit den Erinnerungen seines Vaters zu vollenden. Der erste Teil des Comics hat bereits Erfolge gefeiert, so dass nun die Medien auf Art Spiegelman aufmerksam werden und die Erinnerungen seines Vaters vermarkten, was Art sichtlich schmerzt. Um einen Ausweg aus dem eigenen Schmerz zu finden, sucht Art einen Psychiater auf; zur gleichen Zeit geht die Geschichte seines Vaters weiter. Vladek befindet sich im Konzentrationslager[3] Auschwitz und wird nach und nach Augenzeuge der Judenvernichtung. Vladek selbst ist stets darauf bedacht, der eigenen Vernichtung zu entgehen; er entwickelt im Verlauf des Kapitels immer neue Überlebensstrategien. Am Ende des Kapitels wird eine Alltagsszene aus dem Leben von Vladek und Art Spiegelman gezeigt; genauer gesagt eine Szene, in der Vladek von seinen Holocausterlebnissen berichtet.

2. Versuch einer Definition des Begriffes Fabel

Das Wort Fabel geht auf den lateinischen Begriff fabula zurück, was übersetzt werden kann mit ‚sprechen’ bzw. ‚bekennen’. In die deutsche Sprache kam der Begriff im 13. Jahrhundert. Seit etwa 1515 ist der Begriff mit `phantasiereich erzählen’ belegt (Leibfried 1982:1), erst ab dem 18. Jahrhundert gewinnt der Begriff an Konstanz und entwickelt sich zur Gattungsbezeichnung. Man wendet den Begriff Fabel „auf die Form einer Erzählung an, in der Tiere, Pflanzen oder Dinge eine führende Rolle spielen und in der eine bestimmte Lehre verdeutlicht werden soll.“ (Leibfried 1982:1)

Auch Robert Louis Stevenson drückt im Abschnitt ´Analysis of the Fable Form’ seines Buches Learning to Write aus, dass der Begriff Fabel nicht konkret zu definieren sei und steht damit in einer Linie mit vielen anderen Wissenschaftlern, die sich schwer tun mit einer genauen Definition. Laut Stevenson wird in der bekanntesten Form der Fabel eine Moral gelehrt welche auf etwas fantastischem, aber auch spielerischem basiert. (Stevenson 2009:107) Jedoch hat die Gattung Fabel laut Stevenson im Laufe der Zeit eine Entwicklung durchgemacht „to degenerate from this original type [...] pleasantry of description should become less common“ (Stevenson 2009:108) hin zu einer Fabel, die nichts ehrenhaftes mehr beinhaltet, jedoch „still presents the essential character of brevity“ (Stevenson 2009:109) und auch weiterhin unterschwellig dem Leser eine Moral vermittelt. Neu ist jedoch für Stevenson, dass

„the fabulist now seeks analogies where before he merely sought humorous situations. There will be now a logical nexus between the moral expressed and the machinery employed to express it. The machinery [] becomes less fabulous. We find ourselves in presence of quite a serious [] division of creative literature; [] sometimes we have the lessons embodied in a sober, everyday narration. [] The moral tends to become more indeterminate and large []. (Stevenson 2009:109-110)

In diesem Prozess gehen einige typische Fabelmerkmale verloren, andere bleiben, wenn auch in veränderter Form, bestehen.

Auch ich möchte mich im Rahmen dieser Arbeit nicht an einer Begriffsdefinition versuchen, sondern primär die typischen Fabelmerkmale nach Leibfried anwenden, aber auch die von Stevenson beobachtete Veränderung des Begriffes versuchen im Spiegelman Text wiederzufinden. In den folgenden Kapitel werden wir herausstellen, ob Maus der Gattung der Fabel zuzurechnen ist und welche Merkmale in welcher Ausprägung vorhanden sind.

3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen einer Fabel und Maus

3.1 Fabel und Maus weisen folgende Gemeinsamkeiten auf

Ob man den vorliegenden Comic nun tatsächlich dem Genre der Fabel zurechnen kann, soll mit Hilfe von Leibfrieds Text „Fabel“ geklärt werden. In diesem Text listet Leibfried typische Merkmale einer Fabel auf, welche nun mit dem zu untersuchenden Text abgeglichen werden sollen. Es ist unter Kritikern keine eindeutige Definition des Begriffs Fabel zu finden[4], daher möchte ich mich auf die Kriterien von Leibfried beziehen, auch wenn diese nicht mehr dem neuesten Forschungsstand entsprechen. Grund für meine Auswahl ist die Tatsache, dass Leibfried primär Charakteristika der Fabel auflistet, die für die breite Masse der Leser nachvollziehbar sind und das Medium Comic eben von diesen Lesern auch nicht unbedingt als wissenschaftlicher Text, bzw. Text mit Hintergrundaussage, wahrgenommen wird.

Leibfried stellt fest, dass „zum Inventar der Fabel [...] unbelebte Naturgegenstände, Pflanzen und Tiere [gehören]. Die handelnden Figuren der Fabel sind überwiegend Tiere, und zwar dem Leser bekannte“ (Leibfried 1982:22). Wenn man sich nun den Comic ansieht, so stellt man fest, dass die handelnden Figuren auch hier für den Leser bekannte Tiere - Tierköpfe auf menschlichen Körpern um genau zu sein - sind. Im Einzelnen handelt es sich um: Katzenköpfe (Nazis), Mäuseköpfe (Juden), Schweineköpfe (Polen), Froschköpfe (Franzosen), Hundeköpfe (Amerikaner) und Elchköpfe (Schweden), sowie Fischköpfe (Briten). Des Weiteren finden sich Fliegen als Bedeutungsträger[5], aber auch unbelebte Gegenstände aus der Natur wie Bäume und Sträucher, aber auch Häuser. Eine Besonderheit ergibt sich in der Darstellung dieser Gegenstände, denn es handelt sich durchweg um Zeichnungen in schwarz-weiß. Diese sind primär skizzenhaft und verdeutlichen dadurch die dramatischen Effekte.[6] Durch die unterschiedlichen Panelgrößen, einem typischen Charakteristika des Mediums Comic, wird die Bedeutung der einzelnen Zeichnungen verstärkt bzw. der Leser bekommt ein Zeitgefühl.[7] (vgl. Spiegelman 1997:255 vor allem das erste und letzte Panel)

Als weiteres Kriterium der Fabel wird ein begrenzter Figurenkatalog benannt. Ebenso spricht Leibfried von ‚Gruppenbildung’, wenn mehrere Tiere auftauchen (vgl. Leibfried 1982:22). Auch dieses Kriterium lässt sich in Maus wiederfinden, durch die immerwährende Darstellung der Deutschen als Katzen bzw. der Juden als Mäuse. Leibfried spricht von dem „dialogischen Charakter“ (Leibfried 1982:22) der Fabel. Unter einem dialogischen Charakter ist zu verstehen, dass die Handlung primär über im Dialog miteinander kommunizierender Darsteller fortgeführt wird. Auch dies ist in den einzelnen Panels von Maus zu beobachten.[8] Wenn man in Maus von einem Dialog spricht, so ist zu beachten, dass der Dialog auf drei Ebenen stattfindet, nämlich einmal in der Vergangenheit, also während des zweiten Weltkrieges, aber auch in der Gegenwart, in den Gesprächen zwischen Vladek und Art, sowie im super-present, in Arts Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seines Vaters (vergleiche McGlothlin 2003: 185)[9].

[...]


[1] Die Zitate aus Maus in dieser Arbeit beziehen sich immer auf die gedruckte Ausgabe, welche unter Primärtexte angegeben ist. Lediglich das Zitat bezüglich des super-present bezieht sich auf die CD ROM Version von Maus.

[2] Missal sieht in Maus eines der ungewöhnlichsten Beispiele um den Horror des Holocaust verständlich zu machen. Missal sieht in den Tieren „eine Anspielung auf traditionelle und moderne Formen des Mediums: Fabel, Karikatur und Disney Charaktere.“ In der Literatur ist man sich jedoch nicht einig, ob es sich bei Maus wirklich um eine Fabel handelt, was vor allem daran liegt, dass es keine einheitliche Definition des Begriffs Fabel gibt; weiteres in den folgenden Kapiteln.

[3] Im folgenden KZ abgekürzt

[4] „Seit längerem gibt es eine umfangreiche Diskussion in der Literaturwissenschaft um eine Definition der Fabel. Die unterschiedlichen Positionen [...] machen es unmöglich, ein Wesen der Tierfabel zu bestimmen.“ (Frahm 2006:25) Dadurch, dass das Buch von Leibfried nicht mehr dem neuesten Forschungsstand entspricht werde ich zum Thema Maus primär neuere Literatur verwenden um dies auszugleichen und auch neuere Aspekte in meine Arbeit aufnehmen zu können.

[5] dieses wird an anderer Stelle in der Arbeit näher erläutert

[6] vgl. Missal

[7] vgl McCloud 2006: 110 „Panelrahmen ist unser Leitfaden durch Zeit und Raum.“

[8] Vgl. die immer gleichbleibende Panelgröße bei Dialogen zwischen Art und Vladek, so z.B Spiegelman 1997:238. In diesen Panels wird wenig Abwechlung gezeigt; auch bleibt die Persepektive mehr oder weniger die selbe.

[9] Auf die genaue Bedeutung der Erzähl- bzw. Sprechebenen soll zu einem späteren Zeitpunkt genauer eingegangen werden.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640683161
ISBN (Buch)
9783640683284
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150674
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Fakultät für Philologie - Englisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Maus Geschichte Fabel

Autor

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Titel: Maus. Die Geschichte eines Überlebenden – gelesen als Fabel