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Factoring im Mittelstand. Instrument des Krisenmanagements im Zeichen der Finanzkrise

Bachelorarbeit 2010 79 Seiten

BWL - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung

2 Finanzmarktkrisenbedingte Auswirkungen auf den deutschen Mittelstand
2.1 Volkswirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes in der Gesamtwirtschaft
2.2 Finanzierungssituation des Mittelstandes
2.2.1 Einfluss des Baseler Akkordes
2.2.2 Finanzierungsstruktur des Mittelstandes
2.2.3 Finanzierungsschwierigkeiten im Zuge der Finanzkrise

3 Factoring als Instrument des Krisenmanagements
3.1 Grundlagen und Funktionsweise von Factoring
3.1.1 Begriffsbestimmung
3.1.2 Rechtliche Rahmenbedingungen
3.1.3 Ablauf
3.1.4 Betriebswirtschaftliche Funktionen
3.2 Ausgestaltungsformen von Factoring
3.2.1 Factoring mit und ohne Delkredere
3.2.2 Inhouse-Factoring
3.2.3 Offenes und stilles Factoringverfahren
3.2.4 Fälligkeitsfactoring
3.2.5 Sonderformen

4 Anwendung von Factoring auf mittelständische Unternehmen
4.1 Voraussetzungen für eine erfolgreiche Implementierung
4.1.1 Anforderungen an das Unternehmen
4.1.2 Anforderungen an die Forderungen und an das Produkt
4.1.3 Anforderungen an das Factoringinstitut
4.2 Kosten des Factoring
4.3 Auswirkungen von Factoring auf das Unternehmen
4.3.1 Auswirkungen auf Zahlungsfähigkeit und Rentabilität
4.3.2 Auswirkungen auf Bilanz und Kennzahlen
4.3.3 Zusätzliche Auswirkungen
4.4 Grenzen und Probleme der Factoringlösung
4.5 Lösbarkeit der Finanzierungsproblematik
4.6 Empirische Ergebnisse und deren Evaluation
4.6.1 Zielsetzung der Umfrage
4.6.2 Methodische Vorgehensweise
4.6.3 Analyse und Bewertung der Ergebnisse
4.6.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

5 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Rechtsprechungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bedeutung des Mittelstandes (ausgewählte Positionen)

Abbildung 2: Grundstruktur einer Factoringfinanzierung

Abbildung 3: Ablauf einer Factoringfinanzierung

Abbildung 4: Jahresumsätze der Gesellschaften

Abbildung 5: Prozentuale Branchenverteilung der Factoringkunden

Abbildung 6: Factoringvarianten der befragten Unternehmen

Abbildung 7: Factoringvarianten aller Mitglieder des deutschen Factoring-Verbandes (nach Umsatz)

Abbildung 8: Durchschnittlich gewährte Zahlungsziele der Kunden

Abbildung 9: Durchschnittliches Zahlungsverhalten der Abnehmer

Abbildung 10: Zeitraum vom Kundenerstkontakt bis zur Kundenerstauszahlung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Veränderungen im Zuge der Finanzkrise

Tabelle 2: Ausgewählte Positionen der Bilanz ohne Factoring (in Tsd. Euro)

Tabelle 3: Ausgewählte Positionen der Bilanz mit Factoring (in Tsd. Euro)

Tabelle 4: Unternehmensdaten und Factoringkonditionen (Beispiel in Tsd. Euro)

Tabelle 5: Kosten-Nutzen-Analyse anhand Gewinn- und Verlustrechnung

Tabelle 6: Quantitative Ergebnisse der Umfrage im Überblick

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobenicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Der deutsche Mittelstand ist in jüngster Zeit mit erheblichen Veränderungen konfrontiert worden. Die fortschreitende Umgestaltung der Kapitalmärkte durch neue Regelungen und die daraus resultierenden Folgen sind nicht zu übersehen. Erschwerend hinzugekommen ist die Finanzkrise, die sich zunehmend stärker auf die Realwirtschaft übertragen hat. Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) bekommen dies insbesondere durch eine restriktivere Geldpolitik der Kreditinstitute zu spüren: angeregt durch die neuen Anforderungen des Baseler Akkordes II, aber auch nun unverkennbar durch die Auswirkungen der Finanzkrise, die das Kreditvergabeverhalten der Banken erheblich beeinflusst haben. Das Vertrauen in den Wirtschaftskreislauf ist gesunken, Kreditlinien sind gekürzt und Unternehmen bonitätsmäßig abgestuft worden. Die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen haben sich aufgrund dessen drastisch verschlechtert. In den Medien sind immer häufiger Schlagzeilen wie „Finanzkrise gefährdet den Mittelstand“[1] oder „Kreditklemme verschärft sich weiter“[2] zu lesen.

Neben den Kreditinstituten als direkte Auslöser sind vielfach die Abnehmer der mittelständischen Unternehmen von der Krise betroffen. Auch das lässt sich aktuell aus ökonomischer Fachpresse vermehrt aufgreifen: „Zahlungsmoral der Wirtschaft sinkt“[3] und „Zahlungsausfälle steigen drastisch an“[4], um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie unschwer zu erkennen ist, spiegeln das schlechtere Zahlungsverhalten sowie die erhöhte Anzahl an Forderungsausfällen die Folgen für mittelständische Unternehmen wider.

Als Konsequenz dieser Entwicklungen rücken alternative Finanzierungsformen wieder stärker in den Fokus von Unternehmen. Einerseits, um an notwendige Liquidität zu gelangen oder diese aufrecht zu erhalten, um die Finanzkrise zu überstehen. Andererseits versucht man, mehr Unabhängigkeit von dem kurzfristigen Hausbankkredit zu erreichen. Die folgende Ausarbeitung des Themas „Factoring im Mittelstand – Instrument des Krisenmanagements im Zeichen der Finanzkrise“ wird in diesem Zusammenhang speziell auf das Finanzierungsinstrument Factoring eingehen. Dabei soll aufgezeigt werden, inwiefern Factoring als ein alternatives, ergänzendes Instrument zur Finanzierung für mittelständische Unternehmen angesehen werden kann. Dabei wird eine konkrete Darstellung der Wirkungsweise auf Liquidität und in diesem Zusammenhang auch Rentabilität vorgenommen. Aber auch die Anwendbarkeit und die weiteren Auswirkungen, die Factoring auf Unternehmen hat, werden erörtert, da es sich bei Factoring nicht nur um ein reines Kreditsubstitut handelt.

1.2 Gang der Untersuchung

Zunächst wird im Hauptteil dieser Ausarbeitung auf den Mittelstand in Deutschland eingegangen. Dabei steht zunächst die volkswirtschaftliche Position des Mittelstandes im Vordergrund. Es folgt eine Beschreibung der regulatorischen Veränderungen durch den Gesetzgeber, der Finanzierungsstruktur und abschließend der Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf den Mittelstand. Im dritten Kapitel wird Factoring als Finanzierungsinstrument vorgestellt. Dabei werden die Grundlagen, die Funktionsweise sowie die Ausgestaltungsformen von Factoring geklärt. Im vierten Kapitel folgen dann die Anwendungsmöglichkeiten von Factoring bei mittelständischen Unternehmen. Zunächst geschieht dies in der Theorie, in der Voraussetzungen, Implementierung und Wirkung, aber auch Kosten und Probleme beleuchtet werden. Ergänzend folgt im Anschluss eine empirische Erhebung, eine Umfrage unter den Mitgliedern des größten deutschen Factoringverbandes. Am Ende des Kapitels werden die Forschungsergebnisse kritisch analysiert. Das fünfte und somit letzte Kapitel enthält ein zusammenfassendes Fazit, welches die Arbeit abschließt.

2 Finanzmarktkrisenbedingte Auswirkungen auf den deutschen Mittelstand

2.1 Volkswirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes in der Gesamtwirtschaft

Für den deutschen Mittelstand gibt es keine allgemeingültige Definition und aufgrund der Heterogenität bezüglich Branche, Umsatz, Mitarbeiteranzahl oder Rechtsform auch unterschiedliche Abgrenzungen. In dieser Ausarbeitung wird Bezug genommen auf die Definitionen des Statistischen Bundesamtes sowie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn. Dabei wird der Mittelstand durch die beiden quantitativen Merkmale Arbeitnehmeranzahl sowie Jahresumsatz charakterisiert. Der Mittelstand, auch als kleine und mittlere Unternehmen bekannt, umfasst nach dem Statistischen Bundesamt Unternehmen, in denen zwischen 10 und 249 Arbeitnehmer beschäftigt sind und die einen Jahresumsatz von 2 bis 50 Mio. Euro erwirtschaften.[5] Das Institut für Mittelstandsforschung fasst den Mittelstand in Deutschland etwas weitläufiger, da hier alle Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern und mit bis zu 50 Mio. Euro Jahresumsatz diesem Terminus zugehörig sind. Nach dieser letzten Eingrenzung gehören 99,7 Prozent aller Unternehmen in Deutschland dem Mittelstand an, beschäftigen dabei gut 70 Prozent aller Arbeitnehmer und stellen ca. 80 Prozent aller Ausbildungsplätze bereit.[6] Desweiteren erzielt der Mittelstand knapp 50 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung, zahlt mit ebenfalls 50 Prozent die Hälfte aller Unternehmenssteuern in Deutschland und erwirtschaftet mehr als ein Drittel der gesamten Umsätze.[7] Abbildung 1 stellt diese Angaben grafisch dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bedeutung des Mittelstandes[8] (ausgewählte Positionen)

Neben diesem quantitativen Rahmen lässt sich in der Literatur auch eine qualitative Eingrenzung finden: Die überwiegende Mehrheit der mittelständischen Unternehmen wird von den Eigentümern geführt (daher auch oftmals die Verwendung des Begriffs „Familienunternehmen“). Es fallen Haftung, Verantwortung, Leitung und Eigentum oft auf eine oder mehrere Familien.[9] Der Eigentümer identifiziert sich mit dem Unternehmen und handelt mit erhöhtem Risiko. Dies stellt folglich einen Unterschied zu einem reinen managergeführten Unternehmen dar. Als weitere qualitative Merkmale sind die Disposition weniger Finanzierungsquellen, kleinere Einkaufsmengen, dafür aber persönliche Beziehungen zwischen Eigentümer und Mitarbeitern sowie ein stärkeres gesellschaftliches Engagement im regionalen Umfeld zu beobachten.[10] Der Mittelstand kann aufgrund der beschriebenen Fakten als „Rückgrat“ der deutschen Wirtschaft bezeichnet werden und trägt daher eine sehr hohe volkswirtschaftliche Bedeutung in der Gesamtwirtschaft.

2.2 Finanzierungssituation des Mittelstandes

2.2.1 Einfluss des Baseler Akkordes II

Bevor auf die Finanzierungsstruktur des Mittelstandes eingegangen wird, scheint es zweckmäßig, die gesetzlichen Regelungen von Basel II darzustellen. Diese haben bedeutenden Einfluss auf die Kreditvergabepraxis der Banken und somit unmittelbar auch auf den Mittelstand.

Im Rahmen des Risikomanagements für Banken hat die Bank für Internationalen Zahlungsverkehr (BIZ) ein Regelwerk durch den Baseler Akkord II geschaffen, das Ende 2006 vollständig und verbindlich für alle Kreditinstitute in Deutschland in Kraft getreten ist.[11] Das Gesetz regelt u.a. die Eigenkapitalausstattung von Banken zur Hinterlegung von Krediten und stellt eine Erweiterung von Basel I aus dem Jahr 1988 dar, in der Banken dazu gezwungen werden, Kredite an Unternehmen mit einem einheitlichen Satz von 8 Prozent (sog. Solvabilitätskoeffizient) mit Eigenkapital zu hinterlegen.[12] Der hier relevante und wesentliche Unterschied ist die neuartige Erweiterung, dass sich Unternehmen beim Kreditvergabeprozess einem quantitativen (und qualitativen) Ratingsystem[13] unterziehen müssen. Hierbei wird ihre Kreditwürdigkeit (Bonität)[14] untersucht und dementsprechend ein Gewichtungsfaktor für den Zinssatz und anschließend die Kreditkonditionen festgelegt.

Das Rating setzt sich aus einer Prüfung bzw. Erhebung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, der finanziellen Verhältnisse, der Managementkompetenz sowie den Geschäftschancen und -risiken zusammen.[15] Bei Unternehmen mit schlechterem Rating erhöht sich der Gewichtungsfaktor, steigt somit der Kreditzins für das Unternehmen und gleichzeitig auch die Eigenkapitalanforderung bei der Bank, mit der sie den Kredit absichern muss. Das Ziel des Gesetzgebers ist es, mehr Transparenz und Stabilität zu schaffen, eine intensivere Auseinandersetzung mit dem möglichen Ausfallrisiko des Schuldners zu erreichen und schließlich auch dafür zu sorgen, dass bonitätsstarke Unternehmen nicht mehr die Risiken für bonitätsschwache Unternehmen mittragen müssen.[16]

2.2.2 Finanzierungsstruktur des Mittelstandes

Aus klassischer Betrachtungsweise stellt sich bei der Frage der Unternehmensfinanzierung die Wahl zwischen Eigen- oder Fremdfinanzierung. Diese beiden Möglichkeiten können jeweils noch weiter in Innenfinanzierung (intern) oder Außenfinanzierung (extern) unterteilt werden. Dabei sind insbesondere erwirtschaftete Gewinne (intern) oder als Pendant dazu, wenn die Mittel aus der Innenfinanzierung nicht ausreichen, Kredite (extern), von hoher Bedeutung.[17] Die Unterscheidung ist insofern von Bedeutung, da je nach Art und Weise der Bereitstellung des Kapitals jeweils Unterschiede bezüglich den Rechten der Kapitalgeber, der Dauer der Kapitalüberlassung, der Gewinn- und Verlustbeteiligung sowie der Kapitalkosten zu tragen kommen.[18]

Die Kosten für Fremdkapital (FK) haben in der Regel einen geringeren Kapitalkostensatz gegenüber den Finanzierungskosten für Eigenkapital (EK) und werden daher bevorzugt. Dies ist damit zu erklären, dass die EK-Rendite der Kapitalgeber wächst, sofern die Rendite der Investitionen die FK-Zinsen übersteigt.[19] Diese Hebelwirkung nennt man „Leverage-Effekt“.[20] Ein hoher Verschuldungsgrad kann neben der Perspektive der Kapitalgeber aber auch aus Unternehmenssicht wünschenswert sein. Denn „financial leverage“, also die Steigerung des Gewinns durch einen optimalen Verschuldungsgrad, ist aufgrund der steuerlichen Abzugsfähigkeit der Kreditzinsen (tax shield) in der Theorie erheblich günstiger für Unternehmen.[21] Durch die Unternehmenssteuerreform von 2008 wurde allerdings eine Netto-Zinsschranke von zunächst einer Million Euro eingeführt.[22] Diese wurde Mitte 2009 auf nun drei Millionen Euro erhöht.[23]

Demgegenüber stehen allerdings das erhöhte Risiko und die in der Realität auftretenden Sicherheitsvorschriften der Banken sowie die Gegebenheiten des deutschen Finanzsystems: So stellt die Eigenkapitalquote eine der wichtigsten Kennzahlen im Unternehmen dar und für Kreditinstitute ist ein solider Grad an EK (in Relation zur Bilanzsumme) aufgrund der persönlichen Haftung als Sicherheit unabdingbar, ergo ist die Kreditwürdigkeit besser je höher das EK ist.[24] In Wachstums- und Investitionsphasen gilt vorhandenes EK als Erfolgsfaktor und in Krisenzeiten ist es wiederum ein kostbarer Risikopuffer.[25]

Trotzdem weisen mittelständische Unternehmen eine sehr niedrige EK-Quote auf, die sich im Durchschnitt auf ca. 14 Prozent (2007) beläuft. Bei Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als einer Million Euro liegt der Durchschnitt sogar nur bei ca. 7 Prozent.[26] Eine niedrige EK-Quote bedeutet im Umkehrschluss eine hohe Fremdkapitalquote, wobei Kontokorrentkredite oder Betriebsmittelkredite die Bilanz von mittelständischen Unternehmen dominieren. Daher sind Unternehmen enorm von dem Kreditvergabeverhalten ihrer Hausbank abhängig.[27] Da Kontokorrentkreditlinien zum Ausgleich von unerwarteten Liquiditätsengpässen notwendig sind,[28] stellen diese für die Unternehmen ein existenznotwendiges Kriterium dar. Besonders wenn Investitionen getätigt oder Betriebsmittel refinanziert werden, wird die Abhängigkeit vom Kreditvergabeverhalten der Banken deutlich. Bis zuletzt hat sich dies, durch enge und vertrauensvolle Beziehungen mit der eigenen Hausbank, jedoch als problemlos dargestellt.

Allerdings hat sich die Bedeutung des traditionellen Finanzierungsrückgrates Bankkredit durch die oben erläuterten Baseler Beschlüsse geändert.[29] Die Folge ist, dass Unternehmen die Auswirkungen von den neuen Regelungen zu spüren bekommen und sich einer objektiven Beurteilung unterziehen müssen. Aufgrund ihrer Rechtsform und Größe bleibt den meisten mittelständischen Unternehmen ein Zugang zum Kapitalmarkt verwehrt, sie können daher kein zusätzliches EK durch den Verkauf von Anteilsrechten generieren.[30]

2.2.3 Finanzierungsschwierigkeiten im Zuge der Finanzkrise

Aufgrund der oben genannten Tatsachen, der Umsetzung der Baseler Beschlüsse zum Jahresende 2006 sowie den überwiegend schwachen Finanzstrukturen mittelständischer Unternehmen, kamen Finanz- und dann Wirtschaftskrise zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt. Selbst Kreditinstitute bekamen Probleme bei der Refinanzierung,[31] besonders öffentlichkeitswirksam durch den Zerfall von Lehman Brothers und weiteren amerikanischen Banken zu verfolgen.[32] In Deutschland kam eine existenzbedrohende Krise bei der IKB Deutsche Industriebank sowie der Zerfall der Hypo Real Estate hinzu.[33] Die logische Konsequenz war, dass nun auch der Geldhahn für viele deutsche Unternehmen zunehmend enger gedreht wurde. Auf der einen Seite wollen Kreditinstitute nicht noch weitere Risikopositionen in ihr Portfolio aufnehmen und auf der anderen Seite auch ihr eigenes Eigenkapital schonen, da sie die Kredite folglich mit 8 Prozent EK hinterlegen müssen.[34]

Dieses Verhalten der Banken hat zur Folge, dass zunächst nur Kreditnehmer mit hervorragender Bonität bedient werden. Bei allen weiteren Kreditnehmern wird eine viel umfassendere Prüfung stattfinden und der Kreditzins signifikant erhöht. Außerdem werden mehr Sicherheiten gefordert, die Kreditlinien gekürzt oder im ungünstigsten Fall das Kreditgesuch sogar vollständig abgewiesen.[35] Die Risiken für den Mittelstand, der aufgrund seiner chronischen Unterkapitalisierung in hohem Maße auf Fremdkapital angewiesen ist, sind eindeutig: Liquiditätsengpässe, im Endstadium Zahlungsunfähigkeit und Insolvenz.[36] Dieser Prozess wird durch eine zunehmend schlechtere Zahlungsmoral der Abnehmer weiter dramatisiert und beschleunigt. Weltweit ist die Zahl von Forderungsausfällen im Jahr 2008 um 47 Prozent, in Deutschland um 25 Prozent gestiegen,[37] was zur Folge hat, dass Außenstände drastisch ansteigen und mehr und mehr „totes“ Kapital angehäuft wird. Da die Forderungen, durch eingeräumte Zahlungsziele, den größten Teil des Umlaufvermögens darstellen, ist jegliche weitere Bindung von Liquidität mit einer Erhöhung der Kapitalkosten eines Unternehmens verbunden.[38] Einen detaillierteren Aufschluss über Forderungsausfälle ergibt sich aus Tabelle 1.

Eine Studie von Creditreform (2008) belegt die aufgeführten Überlegungen mit konkreten Zahlen aus der Praxis: Demnach plant knapp ein Viertel der mittelständischen Unternehmen eine Aufnahme von Fremdkapital, für knapp ein Drittel aller befragten Unternehmen ist es bereits seit Herbst 2007 schwieriger, an Kredite zu gelangen. Besonders kritisch ist dies bei Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern zu beobachten, da hier sogar knapp 40 Prozent Schwierigkeiten haben, sich Liquidität zu beschaffen. Ähnliche Werte werden von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in einer Unternehmensbefragung ausgewiesen, die bei über 35 Prozent der Unternehmen einen erschwerten Kreditzugang als Ergebnis präsentiert. Zum Vorjahr bedeutet dies eine Zunahme von 6 Prozent. Auffällig ist ebenfalls, dass knapp 50 Prozent von den Unternehmen, die erschwerten Kreditzugang vermelden, Probleme haben, überhaupt einen Kredit (zu angemessenen Konditionen) zu erhalten.[39] Als Gründe werden hauptsächlich das Verlangen von höheren Sicherheiten, intensivere Prüfungen seitens der Bank und hohe Kreditzinsen genannt.[40] Ebenso zeigt sich in der Studie nochmals die besorgniserregende EK-Quote von unter 10 Prozent bei knapp einem Drittel der befragten Unternehmen.[41]

In einer weiteren Veröffentlichung von Creditreform (2009) hat sich im Vergleich zum Vorjahr die Situation bereits weiter verschlechtert, die EK-Quote ist erneut um wenige Prozentpunkte gesunken.[42] Bedrohlich wirkt ebenso die hohe Anzahl an Insolvenzen in der ersten Jahreshälfte 2009, die mit 16.650 einen Anstieg von etwa 14% zum Vorjahreszeitraum beträgt.[43] Nachfolgend eine Tabelle zur Veränderung relevanter Kennzahlen (ausgewählter Positionen).

Abbildung in dieser Leseprobenicht enthalten

Tabelle 1: Veränderungen im Zuge der Finanzkrise[44]

Da ein hoher EK-Anteil, wie erläutert, maßgeblich zur Bonitätseinstufung und zum Rating beiträgt, und somit auch die Kreditkonditionen elementar beeinflusst, kann die momentane Entwicklung aus Unternehmensperspektive nur negativ beurteilt werden. Besonders, wenn bedacht wird, dass viele Experten erwarten, dass sich die Zugangsbedingungen für Kredite weiter verschlechtern werden.[45] Für mittelständische Unternehmen, deren Situation sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich verschärft hat, stellt sich angesichts dessen nun verstärkt die Frage, welche alternativen Finanzierungsmöglichkeiten sich ihnen neben dem klassischen Bankkredit bieten. Vor diesem Hintergrund kommt Factoring in Betracht, da es dem Unternehmen Liquidität und obendrein einen hohen Grad an Unabhängigkeit verschafft: Unabhängigkeit von dem Kreditvergabeverhalten der Hausbank und Unabhängigkeit gegenüber dem Zahlungsverhalten seiner Abnehmer.[46] Andere Finanzierungsalternativen werden nachfolgend nicht betrachtet und sind daher nicht Gegenstand dieser Arbeit.

3 Factoring als Instrument des Krisenmanagements

3.1 Grundlagen und Funktionsweise von Factoring

3.1.1 Begriffsbestimmung

Unter dem Finanzierungsbegriff Factoring versteht man den fortlaufenden Ankauf von kurzfristigen Geldforderungen aus Warenlieferungen und Dienstleistungen durch ein Factoringunternehmen gegen gewerbliche Mehrfachabnehmer seines Factoringkunden.[47] Das Factoringunternehmen (Factor) verpflichtet sich auf Grundlage eines abgeschlossenen Rahmenvertrages seinem Forderungsverkäufer (Factoringkunde) die laufenden Forderungen aus Lieferungen und Leistungen gegen seine Abnehmer (Debitoren) abzukaufen. Factoring kann damit der Innenfinanzierung zugeordnet werden, da es sich um eine Vermögensumschichtung, genauer gesagt um eine Kapitalfreisetzung durch die Veräußerung von Forderungen an den Factor, handelt.[48] Der Ankauf von Einzelforderungen wird ausgeschlossen. Hierdurch grenzt sich Factoring schon von anderen, einzelgeschäftsbezogenen Finanzierungsalternativen wie z.B. der Forfaitierung sowie den Asset-Backed-Securities ab.[49]

Factoring hat aus betriebswirtschaftlicher Sichtweise drei verschiedene Elemente: Finanzierungsfunktion, Dienstleistungsfunktion sowie Delkrederefunktion (Schutz bei Zahlungsunfähigkeit des Debitors).[50] Das reguläre Standardverfahren eines Factoringgeschäfts deckt alle drei Funktionen ab und wird daher auch als Full-Service-Factoring bezeichnet. In der Praxis gibt es allerdings weitere Varianten und Vertragsformen, die in Kapitel 3.2 ausführlich vorgestellt werden. Die nachfolgende Abbildung 2 stellt das klassische Grundmodell einer Factoringfinanzierung und die Interaktionen zwischen den drei involvierten Beteiligten grafisch dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Grundstruktur einer Factoringfinanzierung[51]

[...]


[1] Dierig, Carsten (2008).

[2] Ramthun, C./ Fischer, M./ Schnitzler, L. (2009).

[3] O.V. (2009a).

[4] O.V. (2009c), S. 16.

[5] Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland (2003).

[6] Vgl. IfM Bonn (2002).

[7] Vgl. IfM Bonn (2009); siehe auch: Linnemann, C. (2007), S. 7.

[8] Eigene Darstellung in Anlehnung an IfM Bonn (2009).

[9] Vgl. Linnemann, C. (2007), S. 4.

[10] Vgl. Rois, C. (2006), S. 20; siehe auch: Goeke, M. (2008), S. 12.

[11] Vgl. Bundesbank (2009).

[12] Vgl. Smidrkal, R. (2005), S. 16.

[13] Vgl. Everling, O. (2002), S. 91.

[14] Vgl. Wöhe, G./ Döring, U. (2008), S. 668.

[15] Vgl. Vitzthum, S. (2008), S. 58.

[16] Vgl. Müller, S. et al. (2006), S. 4f; siehe auch: Vitzthum, S. (2008), S. 50f.

[17] Vgl. Werner, H. (2006), S. 23f.

[18] Vgl. Bieg, H./ Kußmaul, H. (2009), S. 123.

[19] Vgl. Wöhe, G./ Döring, U. (2008), S. 661f.

[20] Vgl. Reichling, P./ Beinert, C./ Henne, A. (2005), S. 110f.

[21] Vgl. Brealey, R./ Myers, S./ Allen, F. (2008), S. 472-489; siehe auch: Stark, J. (2002), S. 37; siehe auch: Wöhe, G./ Döring, U. (2008), S. 665f.

[22] Vgl. Weiser, C. (2008), S. 13.

[23] Vgl. o.V. (2009b).

[24] Vgl. Wöhe, G./ Döring, U. (2008), S. 590.

[25] Vgl. Werner, H. (2006), S. 34.

[26] Vgl. Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V. (2009), S. 40f.

[27] Vgl. Wolf, B. (2003), S. 5f.

[28] Vgl. Wöhe, G./ Döring, U. (2008), S. 609.

[29] Vgl. Broda, B. (2003), S. 467f.

[30] Vgl. Bieg, H./ Kußmaul, H. (2009), S. 68.

[31] Vgl. Kleimaier, N. (2009), S. 12.

[32] Vgl. Lieven, P. (2009), S. 221; siehe auch: Glebe, D. (2008), S. 128.

[33] Vgl. Glebe, D. (2008), S. 119f.

[34] Vgl. Oehler, A./ Kohlert, D./ Linn, A. (2009), S. 382.

[35] Vgl. Broda, B. (2003), S. 468; siehe auch: Terliesner, S. (2009) S. 19.

[36] Vgl. o.V. (2008), S. 29.

[37] Vgl. o.V. (2009c), S. 16.

[38] Vgl. Euler Hermes Kreditversicherungs-AG (2009a), S. 7.

[39] Vgl. KfW (2009), S. 4f; siehe auch: BDI-Mittelstandspanel (2009), S.21.

[40] Vgl. Simmert, D. (2009), S. 7.

[41] Vgl. Creditreform (2008), S. 42f.

[42] Vgl. Creditreform (2009b), S. 20f.

[43] Vgl. Goedeckemeyer, K. (2009), S. 32; siehe auch: Creditreform (2009b), S. 24.

[44] Eigene Darstellung der Daten aus Creditreform (2009b), S. 20-24; i.V.m. KfW (2009), S.4.

[45] Vgl. KfW (2009), S. 22.

[46] Vgl. Torner, K. (2009), S. 18.

[47] Vgl. Bette, K. (2001), S. 46; siehe auch: Fischl, B. (2006), S. 20.

[48] Vgl. Bieg, H./ Kußmaul, H. (2009), S. 30.

[49] Vgl. Hermann, J. (2006), S. 37.

[50] Vgl. Bieg, H./ Kußmaul, H. (2009), S. 406; siehe auch: Wöhe, G./ Döring, U. (2008), S. 613.

[51] Eigene Darstellung in Anlehnung an den Bundesverband Factoring für den Mittelstand (2010).

Details

Seiten
79
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640623129
ISBN (Buch)
9783640623297
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150632
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Lehrstuhl für Finanzwirtschaft und Banken
Note
1,3
Schlagworte
Factoring Finanzkrise Mittelstand Krisenmanagement Alternative zu Kredit Kreditsubstitut KMU Kreditklemme alternative Finanzierungsform Unabhängigkeit von Kredit Wirtschaftskrise Finanzierungsalternative Unternehmensfinanzierung Thema Factoring

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Titel: Factoring im Mittelstand. Instrument des Krisenmanagements im Zeichen der Finanzkrise