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Darstellung von professionellen Handlungsstrategien im Enthospitalisierungs- und De-Institutionalisierungsprozess von Erwachsenen mit psychischer Erkrankung im zeitlichen Verlauf

Bachelorarbeit 2009 47 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Geschichte der deutschen Psychiatrie
1.1 Entstehung der deutschen Psychiatrie
1.2 Deutsche Psychiatrie im Nationalsozialismus
1.3 Psychiatriereform in DDR und BRD

2 Historische Einordnung des Enthospitalisierungsgedan­kens
2.1 Hospitalisierung psychiatrischer Langzeitpatienten als Folge von Institutionalisierung
2.2 Psychiatriereform
2.2.1 Entstehungsvoraussetzungen der Psychiatriereform
2.2.2 Psychiatrie-Enquete
2.2.3 Vorgaben und Empfehlungen der Expertenkommis­sion

3 Spezifizierung des Begriffs Enthospitalisierung
3.1 Rahmenbedingungen der Enthospitalisierung
3.1.1 Formale Enthospitalisierung
3.1.2 Inhaltliche Enthospitalisierung
3.1.3 Gemeindepsychiatrie – ein regionales Verbundsystem
3.2 Wohngemeinschaften und -gruppen als neuer Lebensraum für psychiatrisch Hospitalisierte

4 Trialogischer Ansatz
4.1 Psychose-Seminar
4.1.1 Entstehung
4.1.2 Voraussetzungen/Rahmenbedingungen
4.1.3 Inhalt und Zielstellung
4.1.4 Handlungsbestandteile
4.2 Psychose-Seminar Berlin-Pankow
4.3 Gegenüberstellung von Psychose-Seminar und psychoedukativer Gruppe

5 Aktuelle Perspektiven und Missstände im Enthospitalisierungsprozess
5.1 Umhospitalisierung

6 Zukunftsperspektive

7 Literaturverzeichnis

Einleitung

Die im Jahr 1975 verabschiedete Psychiatrie-Enquete leitete eine weit­reichende Reformbewegung in der Bundesrepublik Deutschland ein. Der Fo­kus der Bemühungen lag auf der Humanisierung der Lebensbedingun­gen für Menschen mit psychischer Erkrankung in psychiatrischen Einrich­tun­gen; die verwahrende Psychiatrie musste der therapeutisch-rehabilita­tiven weichen. Parallel dazu wurde die Auflösung der klassischen psychi­at­ri­schen Großkrankenhäuser empfohlen. Um Alternativen bieten zu kön­nen, begann die Neuorganisation der psychiatrischen Versorgungsland­schaft. Im Rahmen der Entwicklung hin zur Gemeindepsychiatrie wurden zehn­tau­sende PatientInnen entlassen und für die nun neu entstehenden Wohnbereiche wurde es notwendig, Enthospitalisierungskonzepte zu erstellen.

Meine Tätigkeit als Heilerziehungspfleger in einem Enthospitalisierungs­projekt bietet mir einen Einblick in die Lebenswelt von Menschen mit see­lischen Erkrankungen. Im Rahmen dieser Tätigkeit kam mir, verbunden mit meinem Interesse an den theoretischen Ansätzen sowie den En­quete-Vorgaben, die Idee für das Thema dieser Bachelor-Arbeit.

In Kapitel 1 und 2 möchte ich den geschichtlichen Entstehungshinter­grund von Enthospitalisierungskonzepten beleuchten. In Kapitel 3 gehe ich auf die inhaltliche Gestaltung von Enthospitalisierungsvorhaben ein und betrachte die Wohngemeinschaft als ein Angebot des gemeinde­psychiatrischen Versorgungssystems. In Kapitel 4 werde ich den trialogi­schen Ansatz beschreiben sowie auf seine Anwendung bei Psychose-Se­mi­naren ein­gehen. Anschließend möchte ich in Kapitel 5 auf die Perspek­tiven und Miss­stände, die im Ent­­­hos­­pita­lisi­erungs- und De-Institutionali­sie­rungs­pro­zess entstehen können, hinweisen. Schließlich ziehe ich in Kapitel 6 Schlussfolgerungen für die Praxis des Enthospitalisierungspro­zesses.

1 Geschichte der deutschen Psychiatrie

1.1 Entstehung der deutschen Psychiatrie

Die Entstehung der eigenständigen deutschen Psychiatrie basiert auf den Elementen der Industrialisierung sowie auf den durch sie ausgelösten wirt­schaftlichen Wandel. Die voranschreitenden industriellen Produktions­mechanismen fordern fachlich geeignete und belastbare ArbeiterInnen. Menschen, die geistig oder körperlich nicht voll einsatzfähig waren, galten als unbrauchbar. Um die gesamte Familie in den Produktionsprozess zu in­vo­l­vieren, wurden für Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf spe­zi­el­le Einrichtungen geschaffen. Folglich kam es zur Eröffnung von Alten­­hei­men, Waisenhäusern und Pflegeheimen, „Idiotenanstalten“ – gemeint sind Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung – und „Irren­anstalten“ (für Menschen mit seelischer Erkrankung) sowie Krüppelheime und Gefängnisse (vgl. Dörner 1995, S. 41). Die Errichtung dieser Institu­tio­nen stellte die Grundzüge des noch heute gültigen Versorgungssys­tems dar. Dörner betont, dass zum damaligen Zeitpunkt die „Soziale Fra­ge“ erstmals geschaffen wird: Ein Teil der Bevölkerung fällt auf, da er den Ansprüchen, die das neue industrielle System an sie stellt, nicht gerecht werden kann (vgl. Dörner 1993, S. 21). Als Folge der Institutionalisierung wer­den die Betroffenen aber auch entfremdet, ausgegrenzt und ver­sachlicht (vgl. Dörner 1995, S. 41).

Die VertreterInnen des Fachgebietes Psychiatrie legen ihren Focus spezi­ell auf die Erforschung der medizinischen Ursachen, die für die Entste­hung von psychischen Krankheiten verantwortlich sind. Wilhelm Griesin­ger fasst bereits im Jahr 1845 in seinem Werk „Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten“ die seelischen, körperlichen, objektiven, subjektiven, materialistischen und idealistischen Aspekte der Psychiatrie zusammen. Parallel dazu fordert er als erster die Gründung der Gemein­de­psychiatrie (vgl. Dörner/ Plog/ Teller/ Wendt 2002, S. 496f.). Emil Kraepelin entwickelt um 1887 sein wissenschaftliches Konzept der „De­mentia praecox“. Im Rahmen seiner Untersuchungen zeigt sich deutlich, dass die psychiatrischen PatientInnen vollständig aus der bürgerlichen Indus­triegesellschaft ausgeschlossen werden. Sein Konzept entwickelte er aufbauend auf seine empirischen Beobachtungen der Entwicklung der le­benslänglich in Anstalten untergebrachten PatientInnen bis zu ihrem „geistigen Tod“ (vgl. Dörner 1993, S. 35). Die von Kraepelin geprägten diagnostischen Grundbegriffe finden noch heute weltweite Anerkennung; die Definitionen des ICD (International Statistical Classification of Disea­ses and Related Health Problems/ Internationale Klassifikation der Krank­heiten) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders/ Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) be­ziehen sich auch gegenwärtig auf ihn. Um eine Verbesserung des Zustandes der psychiatrischen PatientInnen zu erreichen, kam es zur Ent­wicklung verschiedener Behandlungsformen; darunter befanden sich z.B. die Arbeits- und Beschäftigungstherapie, die Schocktherapie, aber auch die Tiefenpsychologie. Der schweizer Psychiater Bleuler setzte in der Be­hand­lung seiner PatientInnen mit psychischer Erkrankung nicht nur – wie vie­le seine KollegInnen – auf den Einsatz von Medikamenten sondern ar­beitete auf der Basis der tiefenpsychologischen Theorien Freuds und for­derte das Gespräch zwischen TherapeutIn und PatientIn in fest vereinbar­ten Sitzungen als Therapiegrundlage.

1.2 Deutsche Psychiatrie im Nationalsozialismus

Der Beginn der psychiatrischen „Fehlentwicklung“ ist im 19. Jahrhun­dert zu verzeichnen; die Behandlung der Menschen mit seelischer Erkrankung erfolgte durch eine Medizinisierung nur stereotyp. Die (eigentlich) erfor­der­lichen Gespräche werden durch die Konzentration auf Messbares und die Ursachenforschung ersetzt. Ab dem Jahr 1890 beginnt eine breit angelegte Diskussion über psychopatische Minderwertigkeit, Rassen­fragen, Vererbung und Euthanasie (vgl. Dörner/ Haerlin/ Rau/ Schernus/ Schwendy 1980, S.19). Das innerstaatliche Politikprogramm der Natio­nal­­­so­zialisten beinhaltet die Lösung zur bestehenden sozialen Frage: Alle Menschen, die dem technischen Fortschritt, den der Industrialisierungs­prozess mit sich gebracht hat, nicht gewachsen sind, das heißt als nicht gesund, leistungs- oder anpassungsfähig (genug) gelten, sollen getötet werden (vgl. Dörner u.a. 2002, S. 501 ). Auf Grundlage der Rassentheorie fordern 1920 der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Erich Hoche die „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (Dörner/ Haerlin/ Rau/ Schernus/ Schwendy 1980, S.19). Men­schen mit psych­isch­er Erkrankung werden als „Ballastexistenzen“, „geistig Tote“ und als das „furchtbares Gegenbild echter Menschen“ bezeichnet (ebd., S. 80). Die von der Bevölkerung und der Ärzteschaft betrachteten Geistes­krankheiten werden als erblich erachtet; es wird berechnet, dass „bei einem Bevölkerungsanteil der erblich Minderwertigen und Asozialen von 50% und ihrer höheren Fortpflanzungsquote, in etwa 3 Geschlech­terfolgen (..) von den Gesunden fast nichts mehr übrig geblieben sein würde“ (ebd., S. 82). Als Folge der geleisteten Agitation wird im Juni 1933 das Sterilisationsgesetz unter Meldepflicht verabschiedet. Dies ge­schieht unter Meldepflicht; als Folge der Verabschiedung werden in Deut­schland bis zum Kriegsende ca. 400.000 Menschen sterilisiert (vgl. Dörner 1995, S. 38). Um die Bevölkerung noch weiter von dem „lebensun­wer­ten Leben“ zu „befreien“, erlässt Hitler am 1. September 1939 das Eut­ha­na­sie-Gesetz. Dieses erlaubt es den Ärzten das Leben von unheilbar Geistes­kranken zu beenden.

„Mit dem 1. September 1939 begann das nationalsozialistische Deutschland nicht nur den Vernichtungskrieg nach außen, sondern auch nach innen. Schon 14 Tage nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen begannen die nachrückenden Einsatzkommandos systematisch, zunächst die polnischen Patienten der psychiatrischen Krankenhäuser in Polen zu ermorden; auch die Vergasungsmethode wurde zunächst an polnischen Patienten erprobt: Dies geschah noch ziemlich öffentlich!“ (Dörner/ Plog/ Teller/ Wendt 2002, S. 501)

Bis zur Beendigung dieser Maßnahme im August 1941 werden über 70.000 „unheilbar Kranke“ ermordet. Der Großteil der beteiligten Psychi­ater bleibt auch nach Kriegsende praktizierend tätig. Eine Aufarbeitung der Taten, die gegenüber den Menschen mit seelischer Erkrankung er­folg­ten, ereignet sich vorerst nicht. Im Januar 1984 beginnt Dörner mit ei­ner Briefaktion, fordert die Rehabilitation der Zwangssterilisierten und der Über­­le­benden von Tötungsanstalten. Als Folge dessen schließen sich im Feb­ruar 1987 zuvor Zwangssterilisierte, Überlebende und die Kinder der Er­mordeten zusammen, gründen den „Bund der Euthanasie-Geschädig­ten und Zwangssterilisierten“.

1.3 Psychiatriereform in DDR und BRD

Die Anstaltspsychiatrie befindet sich nach dem zweiten Weltkrieg in ei­nem sehr desolaten Zustand; aufgrund der vorangegangenen Ereignisse kommt die Psychiatrie fast zum Erliegen (vgl. Schmuhl 2003, S. 16). Die Aufarbeitung der Geschehnisse und Verbrechen, die im deutschen Nati­onal­sozialismus an Menschen mit seelischer Erkrankung verübt wurden, erfolgte nur geringfügig und ging zögernd voran. Die Ermordung der Pati­en­tInnen polnischer Psychiatrien wurde erstmals 1993 von Jaroszewski und Dörner benannt und erforscht (vgl. Jaroszewski 1993). In der DDR wird wesentlich eher als in der BRD versucht, die nationalsozialistische Ver­gangenheit der Psychiatrie aufzuarbeiten. Die ersten Ansätze mit Re­formcharakter lassen sich in den „Rodewischer Thesen“ von 1963 finden. Diese fordern „eine aktive, optimistisch-therapeutische Grundhaltung; ei­ne Öffnung der Kliniken und Stationen zur Verbesserung der sozialen Ent­faltung der Patienten; eine Differenzierung der therapeutischen Ange­bote (..), eine entscheidende Verbesserung der personellen und ma­teriellen Ressourcen (..) und eine ambulante sozialpsychiatrische (Nach-) Betreuung“ (Crome 2003, S. 83). Die Auswirkungen dieser Thesen sind eher gering, da es bei der Umsetzung der Zielstellung an politischer Unterstützung und Öffentlichkeit mangelt. Als Folge der fehlenden externen Beihilfe ergibt sich eine Reform im Inneren der psychiatrischen Anstalten. Die im Jahr 1974 veröffentlichten „Brandenburger Thesen“ be­in­halten einerseits eine Erweiterung des Krankenbegriffs, beschränken sich aber andererseits auf die – schon bestehende – Forderung nach der Ver­änderung im Inneren der psychiatrischen Kliniken. Die „Rodwischer The­sen“ bilden das Fundament für die zentralen Fragen der Psychiatrie-Enquete in der BRD (vgl. ebd.).

2 Historische Einordnung des Enthospitalisierungs-gedan­kens

2.1 Hospitalisierung psychiatrischer Langzeitpatienten als Folge von Institutionalisierung

In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kam es weltweit zu ei­ner Protestbewegung sowie zu einer mit ihr einhergehenden Kritik an der im Klinikalltag praktizierten vorherrschenden Anstaltspsychiatrie. Der ame­­­­­­ri­ka­nische Soziologe Erving Goffman bezeichnete dieses Phänomen als „Totale Institution“ (1973). Mit diesem Begriff zeigte sich deutlich, dass der Institutionalisierungsprozess das Eigenleben der PatientInnen blo­ckiert, de­­ren persönliche Entwicklung sogar verhindert. Die sozialen und beruf­lichen Kompetenzen der PatientInnen gehen verloren, bereits be­stehen­de, gefestigte Beziehungen zur Familie und zu Freunden nehmen immer mehr ab. Als Folge ergibt sich daraus eine immer stärker werdende insti­tu­­tio­nelle Abhängigkeit der KlientInnen (vgl. Eink 1995, S. 4).

Nach Goffman werden in dieser Form die Bereiche Arbeit, Freizeit und Woh­­­­­nen nicht mehr getrennt voneinander betrachten; vielmehr werden die vorhandenen Grenzen aufgehoben und die Bereiche gehen in einan­der über, da die PatientInnen alle drei Lebensbereiche in ein und dersel­ben Einrichtung durchlaufen. Die in den Anstalten lebenden Menschen sind einer Autorität unterstellt und führen die häufig eintönigen Beschäfti­gun­gen „in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schick­sals­genossen aus“; dabei sind „alle Phasen des Arbeitstages exakt geplant“ (Goffman 1973, S. 17) und durch einen bestehenden Regelkata­log festgesetzt. Die vorgeschriebenen Arbeitsabläufe sollen dazu befähi­gen, die „offiziellen Ziele der Institution zu erreichen“ (ebd., S. 17). Die PatientInnen müssen, den Erwartungsdruck der Klinik aushaltend, ihre ei­genen Bedürfnisse, Wünsche und Interessen zurückstellen und sich de­nen der Einrichtung anpassen. Goffman vertritt die Ansicht, dass die Ein­rich­tung die BewohnerInnen prägt, die eigentliche Krankheit nur als ne­ben­sächlich betrachtet wird. Ihre Persönlichkeit verschwindet zunehmend und wird durch ein (durch das Klinikpersonal) bestimmtes Krankheitsbild ersetzt.

Nach erfolgter Manifestierung der durch Klinikbehandlung hervorgerufe­nen Schäden sprechen pädagogische und medizinische Fachkräfte von Hos­pita­lisierung. Die in der Literatur häufig verwendeten Begriffe „An­stalts­neu­rose“ (Barton 1972) und „psychiatrischer Hospitalismus“ (Bart­mann 1994) tragen die gleiche Bedeutung. Barton beschreibt die Anstalts­neurose als eine „Krankheit, die durch folgende Symptome charakterisiert wird: Apathie, Mangel an Initiative und Interesse, besonders außerhalb des persönlichen Bereiches, Unterwürfigkeit, offensichtliche Unfähigkeit, für die Zukunft zu planen, eine schwach ausgeprägte Persönlichkeit, manch­mal auch charakteristische Haltung und Bewegungen“ (Barton 1972, S. 70). Barton stellt des Weiteren fest, dass die Anstaltsneurose auch kontinuierlich anhält, wenn die vorherrschende psychiatrische Er­kran­kung therapiert und ausgeheilt ist. Die bei den PatientInnen beste­henden Hospitalisierungsschäden können erst geheilt werden, wenn sie die klinische Einrichtung verlassen oder sich die konzeptionellen Ansätze sowie die damit verbundenen Arbeitsabläufe in den jeweiligen Instituti­onen verbessern. Aufgrund der langjährigen Klinikaufenthalte können sich viele Hospitalisierte ein Leben außerhalb der Klinik nicht vorstellen. Die fes­ten Rahmenbedingungen, die der Klinikalltag mit sich bringt, fehlen ihnen, lassen Gefühle von Hilflosigkeit und mangelnder Zuversicht be­züglich der Zukunft aufkommen. Dementsprechend wurde den Fach­kräften, aber auch der Zivilgesellschaft die hohe Bedeutung der zu er­schaf­­fenden Enthospitalisierungskonzepte deutlich. Diese Leitbilder soll­ten einerseits die institutionellen Veränderungen innerhalb der psy­chiatrischen Kliniken hervorbringen, andererseits aber auch den Men­schen mit Langzeithospitalisierungsschäden dazu befähigen, sich außer­halb des intensiv betreuten Rahmens zurecht zu finden (vgl. Bartmann 1994, S. 40f.).

2.2 Psychiatriereform

2.2.1 Entstehungsvoraussetzungen der Psychiatriereform

In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Betreuung und Versorgung psychisch Kranker in Deutschland in den 68 vorhande­nen psychiatrischen Landeskrankenhäusern und Pflegeheimen durchge­führt. Die Kliniken hatten durchschnittlich 1200 Betten und waren stark überfüllt. Zusätzlich waren die Häuser häufig baufällig und lagen am Stadt­rand oder sogar außerhalb der Stadtgrenzen. Folglich wurde auf­grund dieser Begebenheit der Begriff „Verwahrpsychiatrie“ geprägt (vgl. Finzen 1985, S. 23ff.). Große Schlafsäle sowie verschlossene Fenster­gitter und Türen, permanente Kontrolle und anhaltender Zwang prägten das tägliche Leben der psychiatrischen PatientInnen (vgl. Kunze 1990, S. 201). Des Weiteren herrschte ein Fachkräftemangel vor; ein/e Psychia­terIn hatte demzufolge ca. 150 PatientInnen zu betreuen. Die Situation der PsychologInnen und SozialarbeiterInnen gestaltete sich noch schwie­riger: auf eine/n PsychologIn kamen ca. 500 PatientInnen, auf eine sozial­arbei­terische und sozialpädagogische Fachkraft bis zu 900 KlientInnen.

Im Rahmen der Studentenbewegung 1967/68 entstand eine öffentliche Debatte über die Lebenssituation von Menschen mit psychischer Erkran­­kung. Der CDU-Abgeordnete Picard brachte im März 1970 einen Antrag zur aktuellen Situation der Psychiatrie in das Parlament des Deutschen Bun­des­tages. Zeitgleich starteten mehrere Initiativen, wie z.B. die Deut­sche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP), um in ihren Reihen Dis­kussionen über die Betreuungsarbeit zu führen; an den entsprechenden Run­den beteiligten sich VertreterInnen psychiatrischer Berufsgruppen und Pa­tientInnen, aber auch PolitikerInnen (vgl. Finzen, 1985, S. 30ff.). Die Deut­sche Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde (DGPN) er­stellte einen Rahmenplan, der klare Leitlinien für die Ausgestaltung der psy­chiatrischen Hilfsangebote darstellte. Während die Enquete und der Ex­per­tenbericht Empfehlungen darstellen, trägt die Psychiatrie-Personal­ver­ordnung (1991) Gesetzescharakter (vgl. Kunze/Kaltenbach 1994). Die Per­sonalsituation hat sich in den psychiatrischen Kliniken nach deren Einführung wesentlich verbessert.

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Details

Seiten
47
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640623136
ISBN (Buch)
9783640623280
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150631
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
1,7
Schlagworte
De-Institutionalisierung Trialog Psychiatrie Psychose-Seminar Nationalsozialismus Psychiatrie-Enquete Psychiatriereform Gemeindepsychiatrie

Autor

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