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Mao Zedongs Bildpolitik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie

Leseprobe

Inhalt

1. Einfuhrung

2. Die Funktion der Kunst bei Mao Zedong

3. Machtkonsolidierung und Mobilisierung der Bevolkerung
3.1 Fruhe Kampagnen
3.2 Der GroCe Sprung nach vorn

4. Personenkult um Mao
4.1 Mao als Ikone in China
4.2 Mao als Ikone im Westen

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Anhang
7.1 Abbildungsverzeichnis
7.2 Kurze Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert

1. Einfuhmng

„Die Revolution ist kein GaladinerA[1]

Fallen die Schlagworte „China“ und „Propaganda,“ werden sicher viele Zuhorer sofort ein bestimmtes Bild oder eine bestimmte Vorstellung vor Augen haben. Jeder hat schon einmal eines der unter der Herrschaft Mao Zedongs[2] in der Volksrepublik China publizierten Propagandaplakate gesehen. Bei Betrachtung eines Buches mit chinesischen Propagandaplakaten drangt sich der Eindruck einer Fulle von bunten, immerzu gleich aussehenden Szenen auf. Die Masse an kunstlerischer Produktion in China lasst sich in verschiedene Perioden einteilen: Zunachst in die Zeit nach Grundung der Volksrepublik China im Jahr 1949 und die damit verbundenen fruhen Regierungskampagnen. Es folgt der sogenannte GroCen Sprung nach vorn, beginnend 1958, und die GroCe Proletarische Kulturrevolution von 1966 bis zu Maos Tod im Jahre 1976. Dieser Gliederung folgt auch vorliegende Arbeit. Die unterschiedlichen Inhalte, die durch die Plakate vermittelt werden sollten, konnen ebenfalls in drei Punkte gegliedert werden: 1. Die Konsolidierung der Macht der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) auf nationaler Ebene, 2. die Mobilisierung der gesamten Bevolkerung, und 3. den Gipfel der radikalen Kulturpolitik der Partei, die Kulturrevolution.

Da Frau Natalia Kot und ich unserer Referat im Seminar gemeinsam vortrugen und unsere Vorbereitungen dementsprechend aufgeteilt hatten, wird sich diese Arbeit nicht mit der Kulturrevolution und deren Bildpropaganda beschaftigen, sondern ich verweise diesbezuglich auf die Arbeit von Frau Kot.

Es konnen zwei verschiedene Arten von Propaganda unterschieden werden: Die der Agitation und die der Integration. Wahrend erstere sich auf die Beeinflussung der Emotionen der Menschen konzentriert, um diese zu einer bestimmten Handlungsweise zu bewegen, zielt letztere auf Kontrolle ab, indem sie eine erstrebenswerte Situation abbildet und die Bevolkerung dazu bringt, sich so zu verhalten, dass diese Situation erreicht wird.[3] Beide Arten finden unter Maos Bildpolitik Verwendung und werden besprochen.

Diese Arbeit beschaftigt sich lediglich mit den offiziellen Propagandaplakaten der Volksrepublik China. Gleichwohl aktive individuelle Kunstler und Kunstlergruppen werden anderswo besprochen.[4]

Die KPCh benutzte die Plakatkunst, um die Inhalte ihrer Politik im Land zu verbreiten und der Bevolkerung zu demonstrieren, welches Verhalten von ihr erwartet wurde. Dies wird durch das oben stehende Zitat unterstrichen: Fur die Revolution muss hart gearbeitet und Opfer mussen gebracht werden. Wie dies der Bevolkerung vermittelt wurde, wird anhand einiger ausgewahlter Beispiele deutlich werden. Die enorme Zahl an chinesischen Plakaten lasst nur einen kleinen Blick auf das breite Spektrum der von ihnen abgedeckten Themengebiete zu. Nach Behandlung der Konsolidierungsphase und des GroCen Sprunges wird beleuchtet, wie mit der Person Mao in China wahrend seiner Regierungszeit umgegangen wurde und wie er bis heute rezipiert wird, und darauf folgend, wie Mao in Europa und den USA ebenfalls zur Ikone werden und sein Portrait sogar noch mehr Verbreitung finden konnte als das beruhmte Bild von Che Guevara. Wie konnte ein Despot, der jahrzehntelang tyrannisch uber die bevolkerungsreichste Nation der Erde herrschte, zu einem modischen Accessoire werden?

Chinesische Ausdrucke und Eigennamen werden in dieser Arbeit in der heutzutage allgemein gebrauchlichen Pinyin-Umschrift wiedergegeben.

2. Die Funktion der Kunst bei Mao Zedong

Im Mai des Jahres 1942 fand in der chinesischen Stadt Yan’an, die 1935 das Ziel des Langen Marsches[5] gewesen war und bis 1948 die politische und militarische Basis der Kommunistischen Partei bildete, ein Parteitag statt, auf welchem Mao sich unter anderem zu Literatur und Kunst auCerte.

Er definierte die Rolle der Kunst und des Kunstlers in der Volksrepublik prazise. Eine „Armee der Kulturschaffenden“[6] werde benotigt, die an der „Kulturfront“[7] agieren musse. Mao betonte, ,,daC sich Literatur und Kunst als ein Bestandteil in den Gesamtmechanismus der Revolution gut einfugen [mussen], daC sie zu einer machtvollen Waffe fur den ZusammenschluC und die Erziehung des Volkes, fur den Ansturm gegen den Feind und dessen Vernichtung werden [mussen], daC sie dem Volk helfen [muss] einmutig gegen den Feind zu kampfen.“[8]

Kunst und Literatur stunden immer im Dienste der Politik und des Volkes und seien Teil der Revolutionsmaschinerie. Kunst musse erziehen,[9] „l’art pour l’art“ gebe es nicht. Zwar seien Literatur und Kunst der Politik untergeordnet, hatten aber trotzdem einen enormen Einfluss auf sie. Ohne Kunst konne auch keine Revolution stattfinden. Jede Kunst, die nicht im Dienste der Partei oder Politik stunde, stelle eine Abweichung von den fundamentalen Bedurfnissen des Volkes dar.

Grundlegende Voraussetzung fur eine Kunst, die die Massen erreicht, sei ein vollstandiges Verstandnis der Zielgruppe. Mao betonte immer wieder die Bedeutung des Dialoges mit den Massen. Kunstler und Literaten seien oftmals zu weit entfernt von Soldaten oder Bauern, um zu wissen, was diese wirklich beschaftigt, und daher von ihnen entfremdet. Deswegen sei eine Popularisierung und ein Finden des „Stils der Massen“[10] notwendig, die die Gedanken und Emotionen der Kunstler und Literaten mit denjenigen der groCen Masse an Arbeitern, Bauern und Soldaten verschmelzen lasst Mao forderte die Einheit von Politik und Kunst, die Einheit von Inhalt und Form, die Einheit von revolutionarem politischem Inhalt und einer moglichst perfekten Kunstform. Ziel von Kunst und Literatur sei also die Schaffung einer neuen Kultur bzw. Sozialethik, die Schaffung einer neuen Gesellschaft und eines neuen Menschen, der vollig selbstlos treu dem Aufbau des Kommunismus in China ergeben ist.

Bereits im Jahre 1937 wurde eine Reform von Kunst und Literatur auf Grundlage des stalinistischen Prinzips, dass Kunst im Dienste der Partei steht, eingeleitet und die Lu-Xun-Akademie fur Literatur und Kunst in Shanghai gegrundet.[11] Hier manifestierten sich die Ideen der KPCh, was Struktur und Ideologie der kulturellen Aktivitaten anbelangte. Die Akademie wurde zum Zentrum der Implementierung der kommunistischen Kulturpolitik.

Maos Terminologie ermoglichte einen groCen Interpretationsspielraum. Das Verhaltnis zwischen Kunst und Politik in der Volksrepublik war—und ist—nicht statisch, sondern einem standigem Wandel unterworfen,[12] was mit Maos Aussage, die Kunst musse sich an den Massen und deren Bedurfnissen orientieren, korrespondiert.

3. Machtkonsolidierung und Mobilisierung der Bevolkerung

Im Jahre 1949 lagen zwolf Jahre des Krieges hinter den Chinesen (Burgerkriege, Antijapanischer Widerstandskrieg und Zweiter Weltkrieg), die Infrastruktur, Industrie und Geldwesen zerstort hatten. Das Land musste zunachst eine „Reparaturphase“[13] durchlaufen, und die Kommunistische Partei Chinas unter Mao begann, die chinesische Gesellschaft auf der ganzen Linie zu verandern und neu zu ordnen. Eine „rigorose Umkrempelung“[14] fand statt. Es wurden zahlreiche neue Gesetze und 1954 eine neue Verfassung erlassen. Es kann von einem regelrechten „Kampagnengewitter“[15] gesprochen werden: Allein im Jahre 1950 fanden drei verschiedene politische Bewegungen statt, u.a. die „Kampagne gegen die Konterrevolutionare.“ 1951 folgten die „Drei-Anti-Kampagne“ und die „Gedankenreform-Kampagne.“ In den darauf folgenden Jahren gab es zahlreiche Massenkampagnen mit verschiedenen Zielen, teilweise lokal beschrankt und den ortlichen Gegebenheiten angepasst. Ab 1955 wurde ein Plan zur Geburtenkontrolle[16] sowie ein Programm zur Alphabetisierung der Bevolkerung initiiert, das u.a. die Vereinfachung der Schriftzeichen vorsah[17]. 1956 bis 1957 fand die „Hundert-Blumen-Bewegung“ statt, die die Intellektuellen Chinas zu offener Kritik am System und der Partei aufforderte. Nach anfanglichem Zogern in der Bevolkerung brach im Mai 1957 alle Kritik am Staat und der Monopolstellung der Partei hervor. Nach einigen Monaten uberstieg diese das fur die Partei tolerierbare MaC und Mao lieC in einer weiteren „Kampagne gegen die Rechtsabweichler“ mehr als 300000 Personen, meist Intellektuelle, verhaften.

Treibsatz fur politische Veranderungen waren in China in der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts Propaganda-Plakate, deren Inhalt von der gerade aktuellen Politik bestimmt wurde und der mit der zur Zeit laufenden Regierungskampagne korrespondierte. Die Kommunistische Partei arbeitete mit Vorbildern und Rollenmodellen, die die jeweilige politische Lage reflektierten und die Vorstellungen des notwendigen Verhalten zur Schaffung einer Anderung enthielten. Es wurde eine Parallelwelt geschaffen, die von Helden und Heldinnen bevolkert war: von den Personifikationen der politischen Ideale. Als unermudliche Arbeiter, mutige Soldaten der Roten Armee, fleiBige Schulkinder oder ergebene Parteimitglieder fuhrten sie [die dargestellten Personen, Anm. d. Autorin] als perfekte Burger vorbildliches Verhalten vor.“[18]

Der Autor auBert sich hier weniger zu chinesischer als zu sowjetischer Bildpropaganda. Doch das Zitat findet ebenso gut auf die Volksrepublik Anwendung.

Die Propagandaplakate lieferten leicht verstandliche Bildinformationen, die das gewunschte Verhalten vorbuchstabierten.[19] Diese Vorgehensweise war nichts Neues: Bereits zu Zeiten Konfuzius’ (vermutlich 551-479 v. Chr.) hatte es Illustrationen gegeben, die v.a. der unteren Bevolkerungsschicht sittlich richtiges Verhalten verdeutlichen sollten. Wie es auch bei Europa der Fall ist, hat der Einsatz von Kunst im Dienste der Politik in China also eine sehr lange Geschichte.

Nach 1949 wurden alle Massenkommunikationsmittel verstaatlicht und uber das ganze Land ausgedehnt. Das Propagandakomitee, das einen Teil des Zentralkomitees der Partei bildete, uberwachte alle Veroffentlichungen. Ab 1966 wurde es durch die „Kleine Gruppe der Kulturrevolution“ ersetzt, angefuhrt von Jiang Qing (1914­1991), Maos Frau. Die Poster und Plakate wurden v.a. in staatlichen Buchladen verkauft—zu Preisen, die sich jedermann leisten konnte: Ein Poster kostete 3-33 Fen, was ca. 3-30 Cent entspricht.

3.1 Fruhe Kampagnen

Nach der Ausrufung der Volksrepublik und der Flucht der Nationalisten unter der Fuhrung von Chiang Kai- shek (1887-1975) nach Taiwan waren zunachst drei Themen auf den Plakaten vorherrschend: Die Proklamation der Volksrepublik an sich, die neue Verfassung von 1954 sowie der Wiederaufbau von Landwirtschaft und Industrie und damit auch die Machtkonsolidierung und Legitimation der Kommunistischen Partei.

Auf einem Plakat aus dem Jahre 1951, mit Produgiere mehr! Leiste mehr! betitelt (Abb. 1), kommt der Aufruf zum Wiederaufbau des Landes zum Ausdruck. Es handelt sich um eine direkte Anrede an das chinesische Volk, wie sie oft Verwendung fand. Dieser Imperativ besteht aus nur vier Schriftzeichen, begleitet von zwei Ausrufezeichen. Die Schriftzeichen am unteren Bildrand bestehen noch aus Langzeichen—die Schriftreform fand erst einige Jahre spater statt.

[...]


[1] Dies ist der Titel des dritten Teils der vierteiligen Dokumentation Mao: Eine chinesische Geschichte von Pierre-Andre Boutang und Gu Renquan (2006).

[2] Mao wurde 1893 geboren und war von 1943 bis zu seinem Tod 1976 der Erste Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). ,Mao’ ist eigentlich sein Familienname, daher musste genaugenommen von ,Zedong Mao’ die Rede sein. In dieser Arbeit wird aber die allgemein gebrauchliche Form ,Mao Zedong’ verwendet.

[3] Vgl. Yang, Rhetoric of Propaganda, S. 20.

[4] Das auCerst ausfuhrliche Werk Painters and Politics in the People’s Republic of China von Julia Andrews beschaftigt sich weiter mit diesem Thema.

[5] Nach einem groCen Angriff Chiang Kai-sheks auf das kommunistische Lager im Jahre 1934 muss die Basis velassen und die Partei neu organisiert werden. Im Zuge dessen findet der beruhmte Lange Marsch der Roten Armee (1934/1935) statt, der bis heute den zentralen Heldenmythos der Kommunistischen Partei bildet. Mao legte damals mit seinen Truppen ca. 12000 km zuruck und kam nur noch mit 10% der ursprungichen Menge an Soldaten am Zielort Yan’an an. Bereits wahrend des Langen Marsches wurden grafische Blatter produziert und an die Bevolkerung entlang des Marschwegs verteilt, um deren Unterstutzung zu gewinnen und die kommunistische Ideologie zu verbreiten.

[6] Mao, Reden, S. 2.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 3.

[9] Diese Meinung hatte auch Lenin vertreten. Sh. Clark, Kunst und Propaganda, S. 76.

[10] Ebd., S. 9.

[11] Lu Xun (1881-1936) war ein chinesischer Schriftsteller und Intellektueller, der sich maCgeblich an Bewegungen zur Reform der chinesischen Sprache Anfang des 20. Jahrhunderts beteiligte.

[12] Galikowski, Art and Politics in China, S.2.

[13] Weggel, Geschichte Chinas, S. 141.

[14] Ebd., S. 142.

[15] Ebd. S. 147. Eine Liste der verschiedenen Kampagnen wird bei dem kurzen geschichtlichen Abriss uber Chinas Geschichte im 20. Jahrhundert im Anhang aufgefuhrt.

[16] Nach einer Volkszahlung von 1953/1954 gab es in diesen Jahren 582 Millionen Chinesen (60% davon waren unter 18 Jahren). Sh. Franke (Hg.), China-Handbuch, S. 125.

[17] Die heute in China gebrauchlichen Schriftzeichen—auch Kurzzeichen genannt—gehen auf die Reformen unter Mao Zedong zuruck. In der Republik China auf Taiwan werden bis heute die sogenannten Langzeichen verwendet.

[18] Clark, Kunst und Propaganda, S. 86f.

[19] Radio, Fernsehen und Kino gab es in den 50er und 60er Jahren in China bei der Mehrheit der Bevolkerung nicht.

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640620524
ISBN (Buch)
9783640620258
Dateigröße
905 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150585
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Kunsthistorisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Mao Zedong Kunst und Diktatur China Propaganda Plakatkunst Kulturrevolution Politik und Ästhetik

Autor

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Titel: Mao Zedongs Bildpolitik