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Typisierungen des Sozialstaats

Seminararbeit 2010 23 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition: Sozialstaat

3. Varianten des Wohlfahrtsstaats
3.1 Hintergrunde der Typisierungen nach Esping-Andersen
3.1.1 De-Kommodifizierung
3.1.2 Stratifizierung
3.2 Typologien des Wohlfahrtsstaats nach Esping-Andersen
3.2.1 Der liberale Wohlfahrtsstaat
3.2.2 Der konservative Wohlfahrtsstaat
3.2.3 Der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat
3.2 Reale Wohlfahrtsstaatstypen
3.2.1 Der liberale Wohlfahrtsstaat am Beispiel Englands
3.2.2 Der konservative Wohlfahrtsstaat am Beispiel Deutschlands.
3.2.3 Der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat am Beispiel Schwedens ..
3.4 Der rudimentare Wohlfahrtsstaat

4 Der Sozialstaat im internationalen Vergleich nach Bereichen
4.2 Arbeitslosenversicherung
4.3 Krankenversicherung
4.4 Rentenversicherung

5 Schlussbetrachtung

I. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich will mich aus eigener Kraft bewahren, ich will das Risiko selbst tragen, will fur mein Schicksal selbst verantwortlich sein. Sorge du, Staat, dafur, dass ich dazu in der Lage bin.“ (Ludwig Erhard, 1957).

Diese Anforderung, wie sie Ludwig Erhard formuliert hat, stellt einen Staat vor eine groBe Herausforderung. Im Laufe der Zeit und insbesondere der unterschiedlichen politischen Entwicklungen und der damit verbundenen Gestaltung der Sozialversicherungen in den verschiedenen Landern, haben sich um dieser Forderung nachzukommen, verschiedenste Systeme der sozialen Sicherung entwickelt. Je nach Zielsetzung des jeweiligen Staates konnen die Charakteristika eines Sozialstaats stark oder auch weniger stark ausgepragt sein und von Land zu Land stark variieren. Die Frage die daher aufkommt ist zunachst jene nach den Moglichkeiten einer aussagekraftigen Typisierung einzelner Wohlfahrtsstaaten, sowie auch den Ausgestaltungsmoglichkeiten der einzelnen Typen in der Realitat.

In der vorliegenden Arbeit sollen daher zunachst verschiedene Sozialstaatsmodelle, wie sie der danische Politikwissenschaftler und Soziologe, Gasta Esping-Andersens formuliert hat, erlautert werden. Des Weiteren wird ein internationaler Vergleich zwischen Deutschland, England und Schweden bezuglich der Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung sowie der Rentenversicherung durchgefuhrt.

2. Begriffsdefinition: Sozialstaat

Fur den in der Literatur haufig beschriebenen Sozialstaat wird oft der Terminus „Wohlfahrtsstaat“ verwendet. Dabei handelt es sich aus international vergleichender Sicht um verschiedene nationale Varianten des gleichen Typus gesamtgesellschaftlicher Entwicklung (Kaufmann, 1997, 21). Daher wird im Folgenden der Terminus „Sozialstaat“ nicht weiter verwendet.

Der vorliegenden Arbeit soll die sehr allgemein gehaltene Definition des Wohlfahrtsstaates nach Harry Girvetz zugrunde gelegt werden:

„Der Wohlfahrtsstaat ist der institutionelle Ausdruck der Obernahme einer legalen und damit formalen und ausdrucklichen Verantwortung einer Gesellschaft fur das Wohlergehen ihrer Mitglieder in grundle- genden Belangen.“ (Kaufmann, 1997, 21).

Der Wohlfahrtsstaat ist ebenso wie ein planwirtschaftlicher Versorgungsstaat, ein Obrigkeitsstaat oder ein „liberaler“ Rechtsstaat, ein Staatstypus. Der Wohlfahrtsstaat zeichnet sich durch die Gestaltung seiner Sozialordnung nach bestimmten sozialen Zielen im Rahmen demokratischer rechtsstaatlicher Verfassung mit Hilfe seiner Politik, Rechtsordnung und Verwaltung aus. (Der Brockhaus multimedial, 2008)

Die Zielsetzung eines Wohlfahrtsstaates ist vielfaltig. So zahlen die Hilfe gegen Not und Armut und die Sicherung eines menschenwurdigen Existenzminimums ebenso wie mehr Gleichheit durch den Abbau von Wohlstandsdifferenzen durch Umverteilung und auch die Kontrolle von Abhangigkeitsverhaltnissen zu den Zielen. Des Weiteren hat ein Sozialstaat zum Ziel, die Sicherheit gegenuber Lebensrisiken zu gewahren sowie den Wohlstand anzuheben und auszubreiten (Kaufmann, 1997, 22).

3. Varianten des Wohlfahrtsstaats

Im Folgenden wird nun eine Typisierung der Wohlfahrtsstaaten durchgefuhrt. Dies erfolgt anhand der Einteilung der einzelnen Charakteristika der verschiedenen Wohlfahrtsstaaten in Typen.

3.1 Hintergrund der Typisierung Esping-Andersens

Gasta Esping-Andersens „drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus“ beruhen auf einem fruheren Entwurf einer differenzierten Typologie von Richard Titmuss. Bereits in dem 1974 erschienen Werk „Social Policy. An Introduction11 von Titmuss hat dieser zwischen drei grundlegenden Wohlfahrtsstaatsmodellen unterschieden (Titmuss, 1974, 23ff). Seine Untergliederung erfolgte in die residualen Wohlfahrtsstaaten, welche sich lediglich durch bereitgestellte Basisleistungen vom Staat fur Bedurftige auszeichnen und des Weiteren nicht in das Marktgeschehen eingreifen. Ein weiterer Typ nach Titmuss bildet den leistungsbasierten (meritokratischen) Wohlfahrtsstaat. Hier sind Sozialversicherungen die bestimmende Absicherungsform und die Leistungsanspruche an Erwerbsarbeit gekoppelt. Der dritte Typ hat er als institutionellen Wohlfahrtsstaat bezeichnet, welcher sich durch starke Eingriffe in das Marktgeschehen, starke Umverteilungspolitik und universalen Rechten auszeichnet.

Ausgehend davon hat Esping-Andersen die von Titmuss vorgeschlagenen, jedoch nie empirisch wie auch theoretisch fundierte Typologie ausgearbeitet und die Ergebnisse in seinem Buch „The Three Worlds of Welfare Capitalism11 festgehalten. Esping- Andersen hat bei der Entwicklung seiner Typologie jedoch nicht nur an die von Titmuss angeknupft sondern auch an die geteilte Wahrnehmung von Unterschieden zwischen skandinavischen und kontinentaleuropaischen Wohlfahrtsstaaten, sowie auch den Unterschieden zwischen europaischen und weniger entwickelten Staaten im Sinne von sozialen Sicherungssystemen wie beispielsweise den USA. Esping-Andersens Entwurf liegt fur die Wohlfahrtsproduktion die Aufgabenteilung zwischen Staat, Markt und Familie zugrunde. Daraus begrundet sich, dass die einzelnen Typen auch als Wohlfahrtsstaatsregime bezeichnet werden (Ullrich, 2005, 43).

Gosta Esping-Andersen ist unter den Wohlfahrtsstaatsforschern nicht allein mit seiner Meinung, dass die Hohe der Sozialausgaben (Sozialleistungsquote) kein ausreichender Indikator fur Wohlfahrtsstaatlichkeit ist (Esping-Andersen, 1990, 19). Zur „Respezifizierung“ des Wohlfahrtsstaatskonzepts schlagt Esping-Andersen daher drei Kriterien vor (Esping-Andersen, 1990, 21ff): Die Dekommodifizierungswirkung, die Stratifizierungswirkung sowie die Verknupfung des Wohlfahrtsstaates mit dem Markt und der Familie bei der Wohlfahrtsstaatsproduktion. Wobei die ersten beiden im Vergleich mit letzterem eine wichtigere Rolle einnehmen.

3.1.1 De-Kommodifizierung

Der Begriff der Dekommodifizierung leitet sich von der Kommodifizierung her, welche fur das „zur Ware machen“ (commodity = Ware) von menschlicher Arbeit steht. Die Dekommodifizierung (Esping-Andersen, 1990, 21ff) beschreibt dann das AusmaB, in dem der Wohlfahrtsstaat dem Einzelnen ein Leben unabhangig vom Markt und hier dann insbesondere unabhangig von Erwerbsarbeit, ermoglicht. Wobei nur die Existenz von Sozialleistungen nicht ausreicht, um von einer dekommodifizierenden Wirkung zu sprechen. Genauso wenig ist es moglich, rein am Ausgabenniveau den Grad der Dekommodifizierung zu messen. Nach Esping-Andersen sind fur den Grad der Dekommodifizierung vielmehr drei Aspekte (Esping-Andersen, 1990, 47) ausschlaggebend:

1. die Regeln, nach denen Leistungen vergeben werden
2. die Hohe der Einkommensersatzleistungen
3. Umfang der sozialen Rechte

Folglich beruht ein Anstieg der dekommodifizierenden Wirkung eines Sicherungssystems auf steigender Hohe der Einkommensersatzleistungen, auf steigender Bezugsdauer von Leistungen und auf abnehmender Restriktivitat des Zugangs zu Leistungen.

3.1.2 Stratifizierung

Mit der Stratifizierung (Esping-Andersen, 1990, 23ff) soll die Wirkung des Wohlfahrtsstaates auf die soziale Ungleichheit beschrieben werden. In diesem Zusammenhang betont Esping-Andersen, dass der Wohlfahrtsstaat nicht nur auf bestehende Ungleichheit reagiert und sie verringert, sondern noch vielmehr ein eigenes System der Stratifizierung sei (Esping-Andersen, 1990, 23). Somit haben unterschiedliche Sicherungssysteme auch jeweils andere Wirkungen auf die sozialen Ungleichheiten. Bedurftigkeitsgeprufte Fursorgeleistungen haben beispielsweise eine verstarkende Wirkung auf bestehende Unterschiede, wohingegen Sozialversicherungsmodelle auf den Erhalt bestehender Statusunterschiede ausgerichtet sind. Lediglich universalistische Systeme, was bedeutet, dass alle Staatsburger gleichermaBen leistungsberechtigt sind, haben Statusgleichheit und eine klassenubergreifende Solidaritat zum Ziel (Esping-Andersen, 1990, 25). Je nach Ausgestaltung des sozialen Sicherungssystems kann eine unterschiedliche Wirkung auf soziale Stratifizierung erwartet werden (Ullrich, 2005, 43ff).

Esping-Andersen hat anhand der Dekommodifizierung und der Stratifizierung drei Typen herausgearbeitet, welcher er als den liberalen, konservativen und sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatstyp bezeichnet. Wichtig dabei ist jedoch, dass diese Typen trotz empirischer Nachweisbarkeit, nur theoretische Konstrukte darstellen, welche lediglich als Annaherung an reale Wohlfahrtsstaatstypen angesehen werden sollten (Ullrich, 2005, 46).

3.2 Typologien des Wohlfahrtsstaats nach Esping-Andersen

3.2.1 Der liberale Wohlfahrtsstaat

Charakteristisch fur den liberalen Wohlfahrtsstaatstyp ist sein hoher Anteil an bedurftigkeitsgepruften Leistungen mit zwar universalen, das heiBt fur die gesamte Bevolkerung zuganglich, jedoch geringen Transfers die lediglich eine Mindestsicherung gewahren, sowie ein niedriges Niveau an Sozialversicherungsleistungen (Esping- Andersen, 1990, 26). Diese Eigenschaften haben einen starken Grad der Privatisierung zur Folge, worunter der Anteil privater Ausgaben fur Alter sowie Gesundheit an den jeweiligen Gesamtausgaben zu verstehen ist. Im liberalen Regime fallt der Dekommodifizierungs-Effekt eher gering aus und somit gewinnt die Rolle des freien Marktes und der Familie an Wichtigkeit. Durch den geringen Progressionsgrad des Steuersystems wird eine Umverteilung weitestgehend vermieden. Bezuglich der Stratifizierung im liberalen Wohlfahrtsstaat ist die Stigmatisierung der Bedurftigen, beispielsweise durch Verteilung von Lebensmittelmarken, zu nennen. Desweiteren ist dieser Typ des Wohlfahrtsstaates durch geringe Ausgaben fur aktive Arbeitsmarktpolitik gekennzeichnet und einer niedrigen Anzahl von nach Berufsgruppen differenzierten Sicherungssystemen (Kohl, 1994, 71). Lander wie Kanada, die Vereinigten Staaten, Australien und GroBbritannien konnen hier als Beispiel fur einen liberalen Wohlfahrtsstaat aufgefuhrt werden (Esping-Andersen, 1990, 27).

3.2.2 Der konservative Wohlfahrtsstaat

Nach Esping-Andersen werden Osterreich, Frankreich und Deutschland dem konservativen Wohlfahrtsstaatstyp zugerechnet. Im Gegensatz zum liberalen Typ wird hier Wert auf die Gewahrung sozialer Sicherheit und Statuserhalt gelegt. Dieser Statuserhalt hat ein geringes MaB an Umverteilungspolitik zur Folge, jedoch wird fur eine Existenzsicherung durch den Staat im Rahmen der Umverteilung gesorgt. Konservative Wohlfahrtsstaaten folgen dem Solidaritats-, Aquivalenz- und dem Subsidiaritatsprinzip und sind durch den Einfluss der Kirche sowie christlichen Parteien gepragt. Sie finanzieren sich groBtenteils durch Beitragszahlungen, wobei Fursorge- und Versorgungsleistungen hauptsachlich steuerfinanziert werden. Die Dekommodifizierung fallt in diesem Regime moderat aus. Hinsichtlich der Stratifizierung ist das Aquivalenzprinzip zu erwahnen, welches fur eine berufsspezifische Segregation und somit fur Statusdifferenzen sorgt (Augustin- Dittmann, 2009, 4). Anders als beim liberalen Modell, ist der Grad der privaten Absicherung niedrig und die Sozialleistungen dienen als Einkommensersatz, welche sich am Arbeitsverhaltnis orientieren (Ullrich, 2005, 46).

3.2.3 Der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat

Im Unterschied zu den beiden bereits beschriebenen Typen, weist der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat universalistische Programme auf. Es wird hier Gleichheit auf hochster Ebene angestrebt, was ein groBes MaB an Sozialausgaben erfordert (Esping-Andersen, 1990, 27). Das hohe Leistungsniveau der Sozialversicherungen hat die Gewahrung einer Lebensstandardsicherung zum Ziel. Das sozialdemokratische Regime finanziert sich durch Steuern sowie Beitrage, jedoch mit einem weniger ausgepragten Aquivalenzprinzip als beim konservativen Typ (Augustin-Dittmann, 2009, 4f). Ein weiteres Ziel liegt hier in der Schaffung maximaler individueller Unabhangigkeit, sowohl von der Familie als auch dem Markt. Im Vergleich mit dem liberalen und dem konservativen Wohlfahrtsstaat findet hier eine starke Dekommodifizierung, sowie eine starke Umverteilung statt (Kohl, 1994, 71). Bei der Stratifizierung lautet das Schlagwort „Universalismus“, da hier die sozialen Rechte als Burgerrechte angesehen werden. Hauptsachlich die skandinavischen Staaten, wie Schweden, Danemark und Norwegen folgen diesem Typus des Wohlfahrtsstaats.

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Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640619030
ISBN (Buch)
9783640618897
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150447
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,3
Schlagworte
Sozialstaat; Typisierung Wohlfahrtsstaat Esping-Andersen Wohlfahrtsmodelle Sozialstaatsmodelle

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