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Gandhi - Im Zeichen von Ahimsa und Satyagraha

Betrachtung der biografischen Entwicklung und des spirituellen Denkens Mahatma Gandhis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 40 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ahimsa paramo dharma - Die oberste Pflicht ist Gewaltlosigkeit
Einleitung

2. Die Biografie Mahatma Gandhis - Handler und Koch in einer Person
Hauptteil
2.1.1. Die Erziehung in Indien - Der desorientierte Hindu Gandhi
2.1.2. Das Studium in England - Der beschamte Inder Gandhi und seine pragendsten Erfahrungen mit der Gita und dem Christentum
2.2.1. Sudafrika - Eine Zugfahrt entflammt den politischen Kampf
2.2.2. Die Geburtsstunde des Satyagraha - Vom Zeitungswettbewerb zum Leben auf der Farm
2.3. Wie die Religion die Politik beherrscht - Gandhis Lebensabend in Indien

3. Contemplari, et contemplata aliis tradere - Gandhis Spiritualitat
3.1. Wider die auBere Form - Gandhis Religionsverstandnis
3.2. Die Wesenseinheit von Gott und Wahrheit
3.3. Ahimsa - Gewaltlosigkeit in Gedanken, Worten und Taten
3.4. Der groBe Fluss - Satyagraha

4. Was bleibt? - Die GroBe Seele und seine Bedeutung fur die Welt
Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Ahimsa paramo dharma - Die oberste Pflicht ist Gewaltlosigkeit

Einleitung

„Was mich fesselt, laBt mich eilen;

Was mich schmerzt, laBt mich auffahren;

Was mich niederschlagt, das laBt mich laufen;

Durch meine Tranen reise ich getrost;

Durch mein Kreuz steige ich hinauf Ins Licht der Menschheit;

LaB mich verherrlichen mein Kreuz,

O Gott!“[1]

In diesem kurzen Gedicht werden die dunklen Seiten des menschlichen Lebensweges nachgezeichnet. Dieser Weg ist erfullt von Schmerz, Leid und Kummer, vor denen der Mensch nicht entfliehen oder sich verstecken kann. Er kann aber darauf vertrauen, dass es am Ende aller Zeiten eine Erlosung von all diesen irdischen Plagen gibt. Das Leben als tagliches Kreuz sowie die Erlosung in Form der Auferstehung bilden die beiden Pole der menschlichen Existenz. So zumindest schildert es der Verfasser des Gedichtes.

Beim ersten Lesen wird man unweigerlich an das Leben und das Geschick Jesu Christi erinnert. Er ertrug Leid und Schmerz, um nach drei Tagen zur Suhne aller Menschen wieder aufzuerstehen. Unter dieser Deutung scheinen die Verse von einem frommen Christen erdacht zu sein, der sich und sein Leben in Analogie zum Weg Christi betrachtet. Umso uberraschter ist man jedoch, dass es nicht aus der Feder eines glaubigen Christen stammt, sondern aus der eines Hindus - Mohandas Karamchand Gandhis.

Doch wie kann es sein, dass der glaubige Hindu Gandhi, der seinen Landsleuten und der ubrigen Welt eher unter seinem Ehrentitel Mahatma (GroBe Seele) bekannt ist, sich einer dezidiert christlichen Terminologie bedient? Ist es vielleicht nur ein Zufall, dass er die Symbole von Kreuz und Auferstehung nutzt? Reicht ihm der indische Sprachschatz nicht aus, um seinen Glauben poetisch auszudrucken? Oder ist Gandhi schlichtweg, wie ihm dies von seinen Kritikern oftmals vorgeworfen wird, ein heimlicher Christ?[2] Bereits zu Beginn der nachfolgenden Ausfuhrungen sei vorweggenommen, dass Gandhis Inanspruchnahme der christlichen Terminologie weder eine Notlosung etwaiger Sprachmangel war, noch dass er sich damit zum Christentum als solchem bekennen wollte. Margaret Chatterjee bringt es in ihren Ausfuhrungen zum religiosen Denken Gandhis auf den Punkt, wenn sie sagt, dass Mohandas ein Mann „[...] war, dessen religioses Leben nicht vorrangig durch philosophische Texte [des Hinduismus], auch nicht durch Autoritat der [entsprechenden] Schriften geformt worden ist, sondern durch eine Unmenge von Faktoren [bestimmt wurde].“[3] An diese Einschatzung knupft die folgende Arbeit an. Gandhis Streben, Handeln und Denken waren einem groBen Ziel gewidmet - dem wahrhaftigen und gewaltfreien Leben aller Menschen. Ihm war es dabei vollig gleich welcher Religion, welcher politischen Orientierung oder welcher Nationalitat diese Menschen angehorten. Es gab fur ihn nur eine fundamentale Voraussetzung, die von Allen eingehalten werden musste - die Gewaltlosigkeit. Diese, als oberste Pflicht eines geordneten Kosmos, war der Dreh- und Angelpunkt in Gandhis friedfertigem Denken. Ahimsa paramo dharma![4]

Um jedoch alle Menschen erreichen zu konnen, bedurfte es eines Konzeptes, das jeden Einzelnen ansprach und das verstanden werden konnte. So entwickelte Gandhi ein Konglomerat aus verschiedenen hinduistischen Traditionen, aus westlich philosophischen Einflussen und aus Eigeninterpretationen heiliger Schriften. Solche ,Syntheseversuche‘ waren in der Geistesgeschichte nichts Seltenes.[5] Im aktiven Kontakt mit den unterschiedlichsten Stromungen - dem Hinduismus, dem Christentum, dem Islam sowie der Philosophie eines Tolstois oder eines Ruskins - versuchte Gandhi durch allmahliches Ausprobieren und Experimentieren auf eine ewige, groBere Wahrheit zu stoBen, die seiner Meinung nach allen religiosen Ansichten zugrunde lag.[6] Die dabei gewonnenen Erkenntnisse wollte er in allen Bereichen des Lebens anwenden. An diesem Punkt stoBen wir heute aber auf ein Verstandnisproblem. Gandhis „Leben und seine Spiritualitat [entsprangen einem] fortdauernden Experimentieren, einer immerwahrenden Neugier.“[7] Aus diesem Grand scheint es in seinem Konzept Widerspruche zwischen Wort und Tat gegeben zu haben, d.h. Widerspruche zwischen dem religiosen Philosophen und dem Politiker Gandhi.[8] Diese waren jedoch nur oberflachlich. An seinen Grundeinstellungen ruttelte Gandhi nie. Um jedoch sein Konzept besser nachzeichnen zu konnen, beschranken sich die nachfolgenden Ausfuhrungen nur auf einige Aspekte seines Denkens - auf sein Religions- und Wahrheitsverstandnis, auf seine Vorstellung der Ahimsa (Gewaltlosigkeit) und des Satyagraha (Festhalten an der Wahrheit).[9]

All diese Aspekte wirken in seinem spirituellen Denken zusammen, bedingen einander und konnen als dynamische GroBen nicht getrennt, sondern nur als Einheit verstanden und betrachtet werden. Gandhi selbst bezeichnet ihr Zusammenspiel als „den koniglichen Weg, der sowohl zur irdischen als auch zur spirituellen Gluckseligkeit fuhrt.“[10] Diese Dynamik basiert vor allem auf den unterschiedlichen Lebensetappen Gandhis, weshalb die Betrachtung seiner Biografie den Ausgangspunkt sowie den Rahmen der nachfolgenden Darstellungen bildet. Anknupfend daran wird dann naher auf das religios-spirituelle Denken Gandhis eingegangen.

2. Die Biografie Mahatma Gandhis - Handler und Koch in einer Person

Hauptteil

Der Freiburger Religionswissenschaftler Anand Nayak gliedert das Leben Mahatma Gandhis in drei wichtige Abschnitte. Zunachst in die Erziehungsperiode zwischen 1869­1893 und dann in die Sudafrikaperiode zwischen 1893-1914. In diesen beiden Lebensabschnitten, so Nayak, gewann Gandhi die Grundlagen seines spirituellen Denkens, das er in der sogenannten Indienperiode zwischen 1914-1948 zum Motivator seines politischen als auch seines sozial-gesellschaftlichen Tuns machte. Diese Einteilung wird nachfolgend beibehalten.

Der Name Gandhi bedeutet soviel wie „Handler von Gewurzen oder Geruchen.“[11] Ein Handler reist in der Regel umher, sammelt die unterschiedlichsten Gewurze oder Geruchsnuancen und beliefert damit sowohl Koche als auch Parfumeure. Diese verfeinern sie und kreieren neue, wohltuende Speisen und Dufte. Gandhi war beides - Handler und Koch in einem. Er lebte in den unterschiedlichsten Landern, sammelte die verschiedensten Impressionen und erstellte daraus eine bis dahin unbekannte Komposition.

2.1.1. Die Erziehung in Indien - Der desorientierte Hindu Gandhi

Mohandas Karamchand Gandhi wurde am 2. Oktober 1869 im Furstentum Porbandar, in der heutigen Provinz Gujarat, geboren. Kaba, sein Vater, war Ministerprasident des Furstentums und mit Putlibai, Mohandas Mutter, bereits zum vierten Mal verheiratet. Sie schenkte ihrem Mann, der bereits zwei Tochter aus den vorrangegangenen Ehen hatte, nochmals vier Kinder. Unter diesen war Mohandas, der von seiner Mutter liebevoll Moniya genannt wurde, das jungste Kind.[12] Die Position, die Gandhis Vater im Furstentum inne hatte, brachte es mit sich, „dass [sich] alle Schichten der Bevolkerung wie Angehorige aller Religionen in seinem Haus trafen [...].“[13] Mit allen kam sein Vater, den Gandhi in seiner Autobiographie als wahrheitsliebenden, aufrichtigen, tapferen und religios einfachen Mann beschreibt, sehr gut aus.[14] So kam der junge Mohandas schon fruhzeitig mit anderen Glaubensrichtungen und Religionen in Kontakt und erkannte, dass alle Menschen in Bruderlichkeit miteinander und nebeneinander existieren konnen. Spater war er der Uberzeugung, dass Liebe, Ehrfurcht vor allen Arten des Lebens und die Gewaltlosigkeit ausreichen wurden, um solch ein Nebeneinander zu ermoglichen.[15] Er ging in seiner Toleranz gegenuber anderen Religionen spater sogar soweit, dass er sie alle als „Wellen des einen Ozeans, Zweige des einen ewigen Baumes der Wahrheit, mannigfache Strahlen des einen Urlichtes, verschiedene Sprachen des einen Geistes, die variierenden Melodien der einen Grundharmonie, so viele Wege zum einen Ziel [nannte].“[16] Dieses Urteil konnte er naturlich erst in der Ruckschau eines langen Lebens treffen, doch eine Offenheit gegenuber anderen Glaubensrichtungen lasst sich bereits in seiner fruhsten Kindheit nachweisen. Der junge Mohandas hatte muslimische und parsische Freunde. So berichtet er z.B. von einem jungen Muslimen namens Mehtab, mit dem er seiner naturgegebenen Experimentierfreude nachging. Die beiden jungen Manner rauchten, aBen Fleisch und besuchten sogar die ortlichen Bordelle.[17] Aus unserem europaischen Kontext heraus, erscheinen solche Dinge zur normalen Adoleszenz eines Heranwachsenden zu gehoren. Doch im indischen Kontext galt ein solches Verhalten als unentschuldbarer Affront. Die wichtigste Stimme seines Gewissens fand Gandhi jedoch in seiner Mutter Putlibai.[18] Genau wie ihr Ehemann entstammte sie der hinduistischen Vaishya-Kaste, genauer gesagt der Unterkaste der Modh-Bania. Diese Handler-Kaste, die zu jener Zeit nicht nur in Indien, sondern auch in den Regionen der afrikanischen Kuste sowie auf den kanarischen Inseln und in England Geschaftskontakte pflegte, lebte sehr bescheiden. Obwohl die Kastenmitglieder die Gottin Lakshmi - die Gottin des Reichtums und des Wohlstandes - verehrten, machten sie sich nichts aus weltlichem Besitz. Sie lebten sehr fromm und abstinent. So tranken sie keinen Alkohol, ernahrten sich ausschlieBlich vegetarisch, gonnten sich keine Erholung oder Freizeitaktivitaten und besuchten regelmaBig den Tempel ihrer Gottheit. Gandhis Mutter praktizierte ihren Glauben rigoros. Er schildert dies folgendermaBen: „Wenn ich an meine Mutter denke, so weht mich vor allem der Duft der Heiligkeit an. Sie war tiefinnerlich fromm und hatte nie einen Bissen zum Munde gefuhrt, ohne ihre taglichen Gebete verrichtet zu haben. [...] Die hartesten Gelubde nahm sie auf sich und hielt sie ohne Wanken inne.“[19] In eben diesem mutterlichen Glauben wurde der junge Mohandas erzogen. Obwohl man oftmals in der Fachliteratur liest, dass Gandhi in der Tradition der Jains aufwuchs, ist diese Ansicht aufgrund der tiefen Religiositat seiner Mutter und der engen Mutter-Kind-Bindung kaum vorstellbar. Richtig ist jedoch, dass seine Familie sehr gute Beziehungen zu Monchen der strengen Jaina-Gemeinschaft unterhielt und dass Gandhi deren ethische Ansichten - vor allem im Hinblick auf sein spateres Gottesbild und sein Verstandnis der Ahimsa - in sein Denken integrierte. Bis dahin sollte es aber noch ein weiter Weg fur den jungen Mohandas sein.

Vor seiner offiziellen Erziehung am Alfred-Gymnasium in Rajkot wurde er zuhause durch seine Mutter in der hinduistischen Vaishya-Tradition erzogen. Sie nahm ihn in den Tempel mit, las mit ihm die Heiligen Bucher Indiens und schulte ihn in Gujarati, seiner Muttersprache. Doch je alter Mohandas wurde, je desinteressierter zeigte er sich an seiner eigenen indischen Tradition. Die Kultur und die Sprache der britischen Kolonialmacht reizten ihn eher. Immerhin versprachen sie ihm eine bessere Zukunft als die hinduistischen Traditionen.[20] Man kann festhalten, dass Gandhi in einer zwiespaltigen Umgebung aufwuchs. Auf der einen Seite lebte er in den festen Bahnen seiner indischen Identitat und auf der anderen Seite spurte er, dass es auBerhalb seiner eigenen Welt andere Moglichkeiten gab. Entsprechend seiner Kastenzugehorigkeit und den immanenten Traditionen, auf welche seine Mutter groBen Wert legte, wurde Mohandas nicht in Brahmanischen Studien unterrichtet, sondern ausschlieBlich in Kunst und Handel. Dies reichte ihm nicht aus - er empfand diese tradierte Einschrankung als Gangelung. Hierin konnen wir die Grundlagen seiner spateren Kritik am Kastensystem finden. „Niemand kann uns so sehr schaden, wie wir selbst.“[21] So wird Gandhi vierzig Jahre spater die abertausenden Kasten und Unterkasten beurteilen, die ursprunglich dem Menschen Halt und Schutz geben sollen, ihn jedoch in Wirklichkeit allmahlich zerstoren. Mohandas begann in dieser Phase, seine Kultur und dementsprechend auch seine bisherige Erziehung zu hinterfragen. Die innere Krise, in der er sich nunmehr sah, spitzte sich sogar bis zu einem Selbstmordversuch zu. Nach dem Tod seines Vaters plante Mohandas Medizin zu studieren - seine Stellung und die Kontakte seiner Familie hatten dies erlaubt.[22] Doch sein alterer Bruder, der nach dem Tod des Vaters traditionell als Oberhaupt der Familie fungierte, verweigerte seine Zustimmung. Nur widerwillig akzeptierte Mohandas dies und lieB sich vom Jurastudium uberzeugen. Nun kam es aber dazu, dass ihm die Kastenaltesten die Zustimmung zu diesem Studium verweigerten. Sie sahen darin eine unreine und verbotene Tat, da es bedeutet hatte, nach London zu gehen. Sie drohten ihm sogar mit dem Kastenausschluss. An dieser Stelle unterstutzte abermals Putlibai ihren Sohn maBgeblich. Sie erteilte ihre Zustimmung, jedoch unter bestimmten Auflagen. So musste Mohandas seiner Mutter versprechen, sich von Alkohol, Fleisch und Frauen fernzuhalten.[23]

2.1.2. Das Studium in England - Der beschamte Inder Gandhi und seine pragendsten Erfahrungen mit der Gita und dem Christentum

1888 kam Mohandas nach London, ins Herz des British Empire, um an der beruhmten Rechtsschule - Inner Temple - Jura zu studieren. Die nachsten drei Jahre beinhalteten fur den jungen Mann die pragendsten Erfahrungen seines bisherigen Lebens. Hier erkannte er nicht nur seine Unzulanglichkeiten hinsichtlich seiner eigenen religiosen Identitat, sondern er trat auch zum ersten Mal - ohne elterliche Kontrolle - in aktiven Kontakt mit anderen Religionen. Wie kam es dazu? Nun, Mohandas war bei Weitem nicht der einzige Inder, der zu dieser Zeit in London lebte. Viele seiner wohlhabenden Landsleute hatte es auf das englische Festland verschlagen. Den meisten von ihnen - und auch Gandhi bildete hierbei keine Ausnahme - fiel es jedoch schwer, sich an die neue Umgebung, die neuen Riten und die Rolle einer Minoritat zu gewohnen. So ahmten sie ihre britischen Gastgeber in allen Einzelheiten nach. Sie trugen Anzuge, befleiBigten sich einer gehobenen Sprache und konvertierten teilweise sogar zum Christentum. Gandhi, obwohl er nicht soweit ging, seine Religion zu wechseln, versuchte ebenfalls ein ,perfekter britischer Gentleman‘ zu werden. Doch alsbald erkannte er, dass die mondane europaische Gesellschaft, der er sich anzubiedern versuchte, ihn in einen Gewissenskonflikt brachte. Es fiel ihm zusehends schwerer, die Versprechen einzuhalten, die ihm seine Mutter abgerungen hatte. Vor allem im Hinblick darauf, dass etliche seiner verheirateten indischen Kommilitonen sich mit englischen Frauen einlieBen.[24] Gandhi bemerkte, dass sein Glaube zu schwach sei, um sich der Versuchungen der westlichen Moderne zu verschlieBen. Er brauchte ,Leidensgenossen‘, die ihm dabei zur Seite standen. Aus diesem Grund schloss er sich dem Verband der englischen Vegetarier an, fur die er dann auch erste Artikel zur religiosen Komponente einer fleischlosen Ernahrung verfasste. Die dadurch geschlossenen Kontakte sollten ihn zu den Wurzeln der Religion zuruckfuhren, „die er bereits aus dem MutterschoB kennen gelernt hatte.“[25] Gandhi berichtet in seiner Autobiographie, dass er zu dieser Zeit die Bekanntschaft zweier Theosophen machte, die ihn zum gemeinsamen Lesen der Bhagavadgita einluden. „Sie lasen Sir Edwin Arnolds Ubersetzung „The Song Celestical“ und forderten mich auf, das Original mit ihnen zu lesen. Ich fuhlte mich beschamt, denn ich hatte das gottliche Gedicht weder in Sanskrit noch in Gudscharati gelesen.“[26] Die Gita, die er darauf hin zu lesen begann, sollte sich fur ihn im Laufe der Jahre zum Buch par excellence fur die Erkenntnis der Wahrheit entwickeln. Doch bevor dies eintrat, unterlag Gandhi der Einschatzung Sarvepalli Radhakrishnans. Dieser ist der Ansicht, „die Bhagavadgita lehrt [...], daB der Weg des Wissens fur die meisten Menschen zu schwer und zu dornenvoll ist.“[27] Dies musste auch Gandhi erkennen. Allein die Gita zu lesen, reichte zum vollstandigen Verstehen des Hinduismus nicht aus. Angespornt durch Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891), die deutsch-russische Schriftstellerin, christliche Okkultistin und Mitgrunderin der Theosophischen Gesellschaft begann Gandhi, andere Bucher uber den Hinduismus zu studieren. „Ich entsinne mich, daB ich [...] Madame Blavatskys „Key to Theosophy“ gelesen habe. Dieses Buch erregte in mir den Wunsch, Bucher uber den Hinduismus zu lesen, und belehrte mich eines Besseren uber die von den Missionaren genahrte Vorstellung, der Hinduismus sei voll von Aberglauben.“[28] Diese Erinnerung Gandhis ist in zweierlei Hinsicht auBerst interessant. Zum einen kennzeichnet sie den Punkt, an dem Gandhi begann, sich als Hindu zu fuhlen. Und zum anderen kennzeichnet sie einen Entwicklungsabschnitt, in dem er kindliche Erfahrungen uberprufen und sogar revidieren musste. Wie bereits erwahnt, war Gandhis Elternhaus anderen Religionen stets offen gegenuber, mit Ausnahme des Christentums. Jenes, das sich seit dem 15. Jahrhundert auf dem indischen Subkontinent ausgebreitet hatte, gewann mit zunehmendem Einfluss der britischen Krone den Charakter einer fremdlandischen Kolonialreligion. „Ich faBte eine Art Abneigung gegen [das Christentum], und das hatte seinen Grand. In jenen Tagen pflegten christliche Missionare an einer StraBenecke nahe der Oberschule zu stehen und Reden zu halten, wobei sie die Hindus und ihre Gotter beschimpften. Das konnte ich nicht ertragen [...].“[29] Diese Haltung - unter den Eindrucken der Bekanntschaft zu aufgeschlossenen und am Hinduismus interessierten Christen wie Helena Blavatsky - begann nun allmahlich zu brockeln. Gandhi stellte fest, dass einige schlechte Erfahrungen aus seiner Kindheit nicht auf eine ganze Gemeinschaft, d.h. auf alle Christen angewandt werden konnen. Wahrend er die Schriften seiner eigenen Religion studierte, las er parallel dazu die Bibel und verglich beides miteinander. Sehr anschaulich schildert er, wie er sich muhsam durch das Alte Testament kampfte. „Ich las das Buch Genesis und schlummerte bei den folgenden Kapiteln ein. [...] Das Buch Numeri miBfiel mir beim Lesen.“[30] Leichter fiel ihm das Neue Testament. Besonders angetan zeigte er sich von der Bergpredigt und von den Lehren Jesu Christi.[31] Die dabei gewonnene Erkenntnis, dass die Bergpredigt nichts Neues war, sondern mit der Gita ubereinstimmte, brachte Gandhi zu der Einsicht, dass beide Lehren und beide Schriften „[...] vom selben Ursprung her kommen mussen.“[32] Jedoch sollte es noch gut zwanzig Jahre dauern, bis er sich ganzlich uber den gemeinsamen Ursprung aller Religionen im Klaren war.[33]

Nach drei Jahren Aufenthalt schloss Mohandas sein Jurastudium ab und konnte sich am 11. Juni 1891 am Obersten Gerichtshof in London als Anwalt registrieren lassen. Tags darauf kehre er nach Indien zuruck. Dort angekommen, versuchte er zunahst in Rajkot und dann in Bombay eine Anwaltskanzlei aufzubauen, doch beide Versuche scheiterten. So unterschrieb er 1893 einen Vertrag bei der muslimisch gefuhrten Firma Abdullah & Co. und ging in deren Auftrag nach Sudafrika. Der Aufenthalt dort war nur auf wenige Monate ausgelegt, doch schlussendlich blieb Gandhi uber zwei Jahrzehnte in Afrika. In dieser Zeit kampfte er fur die Rechte seiner Landsleute und entwickelte sein Konzept des Satyagraha. In der Ruckschau beurteilt Gandhi seinen Aufenthalt dort als Vorbereitung seines eigentlichen Kampfes und als gottliche Fugung. „So legte Gott die Grundlage [...] und sate die Saat des Kampfes fur die nationale Selbstachtung [Indiens].“[34]

[...]


[1] Zit. nach: WOLFF, Otto: Mahatma und Jesus. Ein Charakterstudie Mahatma Gandhis und des modernen Hinduismus, Berlin 1955, Seite 264.

[2] Vgl. Wolff, Otto: Charakterstudie, Seite 123/ Fischer, Louis: Mahatma Gandhi. Sein Leben und seine Botschaft an die Welt, Berlin 1955, Seite 124.

[3] Chatterjee, Margaret: Gewaltfrei widerstehen. Gandhis religioses Denken - Seine Bedeutung fur unsere Zeit, Gutersloh 1994, Seite 18.

[4] Ebd., Seite 76.

[5] Anmerkung DM: Man denke dabei nur an die gnostischen Anfange des Christentums oder an das 10. jahrhundert und an dessen Bestrebungen Aristoteles ins Denken zu integrieren.

[6] Vgl. Chatterjee, Margaret: Religioses Denken, Seite 90.

[7] Nayak, Anand: Gandhi. Meister der Spiritualitat, Freiburg im Breisgau 2002, Seite 9.

[8] Anmerkung DM: So sprach sich Mahatma Gandhi gegen jedwede Art von Gewalt aus, aber gleichzeitig rief er seine Landleute dazu auf, im Ersten Weltkrieg an der Seite der Briten zu kampfen. Dieser Widerspruch wird verstandlich, wenn man sich Gandhis Menschenbild und die damit verbunden Pflichten jedes einzelnen vor Augen fuhrt. Er wollte zwar um jeden Preis Gewalt verhindern, doch galt dies nur, wenn die grundlegende Einstellung vorhanden war - die Selbstlosigkeit. Jemand, der aus Feigheit heraus der gewaltsamen Konfrontation aus dem Wege geht, handelt nach Gandhis Verstandnis nicht im Sinne der Ahimsa, sondern aus Feigheit. Vgl. hierzu: Gandhi, Mohandas Karamchand: Was ist Hinduismus? ,Frankfurt am Main 2006, Seite 92.

[9] Anmerkung DM: Zur Aufschlusselung einzelner Begriffe wird auf Margaret Chatterjee zuruckgegriffen. Siehe dazu: Chatterjee, Margaret: Religioses Denken, Seite 182-184.

[10] Zit. nach: Chatterjee, Margaret: Religioses Denken, Seite 25.

[11] Vgl. Nayak, Anand: Gandhi. Meister der Spiritualitat, Seite 10.

[12] Vgl. Ebd., Seite 9.

[13] Wolff, Otto: Charakterstudie, Seite 34.

[14] Vgl. Gandhi, Mohandas Karamchand: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit, Gladenbach 1991, Seite 23f.

[15] Vgl. Wolff, Otto: Charakterstudie, Seite 34/ Zimmermann, Gerhard: Sie widerstehen. Sophie Scholl - Dietrich Bonhoeffer - Alfred Delp - Helmut James Graf von Moltke - Mahatma Gandhi - Martin Luther King, Neukirchen-Vluyn 1995, Seite 48.

[16] Ebd., Seite 131.

[17] Vgl. Nayak, Anand: Gandhi. Meister der Spiritualitat, Seite 13.

[18] Vgl. Ebd., Seite 11.

[19] Zit. nach: Hopken, Stefanie: GewaltfTeiheit und Dialog. Die Erziehungskonzeption Paulo Freires und Mahatma Gandhi, Oldenburg 2000, Seite 70/ Anmerkung DM: Der erwachsene Gandhi versuchte seiner Mutter darin zu folgen. So legte er u.a. das Armut- sowie das Keuschheitsgelubde ab.

[20] Anmerkung DM: Bis 1948 war Indien Teil des Britischen Empires. Der Status als Kolonie brachte es mit sich, dass im offentlichen Leben und in administrativen Aufgaben Indiens die englischen Behorden die Entscheidungsgewalt trugen. Auch im sozialen Bereich - z.B. im Bildungssystem - dominierten die europaischen Ansichten. Aus diesem Grund waren etwaige Aufstiegschancen (beruflich oder sozial) an die Kolonialmacht gebunden.

[21] Vgl. Nayak, Anand: Gandhi. Meister der Spiritualitat, Seite 103.

[22] Vgl. Ebd., Seite 90.

[23] Vgl. Ebd., Seite 15.

[24] Vgl. Ebd., Seite 16.

[25] Ebd., Seite 17.

[26] Gandhi, Mohandas Karamchand: Autobiographie, Seite 95/ Anmerkung DM: In den nachfolgenden Ausfuhrungen wird die Bhagavadgita als Gita abgekurzt.

[27] Radhakrishnan, Sarvepalli: Von Buddha bis Gandhi. In: Helmut von Glasenapp (Hrsg.): Von Buddha zu Gandhi. Aufsatze zur Geschichte des religiosen Indiens, Wiesbaden 1962, Seite 24.

[28] Gandhi, Mohandas Karamchand: Autobiographie, Seite 96.

[29] Gandhi, Mohandas Karamchand: Freiheit ohne Gewalt. Hg von K. Klostermeier, Koln 1968, Seite 106.

[30] Gandhi, Mohandas Karamchand: Autobiographie, Seite 97.

[31] Vgl. Ebd., Seite 98.

[32] Chatterjee, Margaret: Religioses Denken, Seite 51.

[33] Anmerkung DM: Eine kleine Episode - der Besuch Paris" zur Eroffnung der Weltausstellung 1890 - lieB ihn noch weiter in die christliche Spiritualitat eintauchen. Er besuchte die Kathedrale Notre-Dame und war tief beeindruckt von der Schonheit dieses Bauwerkes und der Frommigkeit der Pariser Christen.

[34] Gandhi, Mohandas Karamchand: Autobiographie, Seite 175.

Details

Seiten
40
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640619023
ISBN (Buch)
9783640618866
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150413
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Theologische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Mahatma Gandhi Gewaltlosigkeit Ahimsa Satyagraha Biografie spirituelles Denken Indien Kolonialherrschaft England christliche Einflüsse Jesus

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Titel: Gandhi - Im Zeichen von Ahimsa und Satyagraha