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Arno Schmidts Begriff von der Allmacht: Die Bestimmung seines Leviathans

Hausarbeit 2009 9 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schmidts Leviathan
2.1 Kurzzusammenfassung der Handlung
2.2 Textverweise und das sich daraus ergebende Bild vom Leviathan

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis
4.1 Literarische Quellen
4.2 Internetquellen

Erklarung

1. Einleitung

Katastrophen, wie der Zweite Weltkrieg, erfordern neue Strategien der Verarbei- tung. Verdrangung und unterschwellige Schuldzuweisungen waren zwar probate Mit- tel, um der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rekonstruierung nicht den Neuan- fang mit dem schweren historischen Erbe zu verbauen. Fur die intellektuelle junge Generation jedoch konnte sich daraus kein brauchbares Lebenskonzept ableiten. Sie stellten die Fragen, denen der GroBteil der Gesellschaft auswich. Sie waren Anklage, Richter und Vollstrecker zugleich. Ihre Texte wollten radikal, innovativ und nichts verschleiernd sein. Diese Literaten standen, wie die umgebende Gesellschaft, an ei- nem Nullpunkt, einem literarischen: die alten Normen konnten nicht ubernommen werden, ideologisch verwendete Stilmittel sind obsolet geworden - kurz: was war, durfte fortan nicht mehr sein. Ohne eine literarische Tradition im Rucken und nur mit wenigen brauchbaren Vorbildern ausgestattet musste sich quasi aus den Trummern des Vergangenen ein neues literarisches Modell entwickeln, welches weder den gan- gigen Mustern des Verdrangens folgte noch das Alte auf umgefarbte Weise am Uber- leben hielt. Es war im wahrsten Sinne eine Trummerliteratur.

Anhand Arno Schmidts 1949 erstmals veroffentlichten Text „Leviathan oder Die beste der Welten‘u soll gezeigt werden, wie eine solche literarische Auseinanderset- zung aussehen konnte. Im Fokus steht dabei Schmidts Antwort auf die Frage, was das Weltgeschehen lenkt. Es ist die schon oft gestellte Frage nach dem Guten und dem Bosen. Schmidt Antwort ist die Negation des Guten und der Postulierung einer zer- storerischen Allmacht: dem Leviathan. Die genaue Bestimmung seines Leviathan-Be- griffs ist Ziel dieser Hausarbeit.[1]

2. Schmidts Leviathan

2.1 Kurzzusammenfassung der Handlung

Es sind die letzten Kriegstage, in denen der namenlose Erzahler Notizen uber seine Erlebnisse in sein Tagebuch vornimmt. Gemeinsam mit einigen versprengten Gestal- ten - ein Pfarrer mit Familie; Anne, die geheime Liebe des Protagonisten; zwei HJ- Angehorige; ein Postbeamter; und weitere - flieht er per Lokomotive und einem Gu- terwaggon aus dem Kampfgebiet. Wahrend der nur kurz wahrenden Flucht erklart er seinen Mitfluchtlingen seine Gedanken zu einem mehrdimensionalen Universum und fuhrt, von den Kriegsgeschehnissen sichtlich verdrossen, den Teufelsbeweis. Er stellt eine das Universum beherrschende Chaosmacht vor, von welcher der Mensch selbst Teil ist: den Leviathan.

2.2 Textverweise und das sich daraus ergebende Bild vom Leviathan

Gleich der Titel gibt Schmidts gedanklichen Weg vor: Ironisierend nimmt er Be- zug auf Leibniz’ Feststellung, Gott habe die beste aller moglichen Welten geschaffen. Leibniz ging davon aus, dass Gott aus einer Vielzahl von moglichen Welten die beste, wenn auch nicht von Leid freie, Welt erwahlte.

Die Handlung und die Beschreibung der Umwelt lasst nicht darauf schlieBen, dass Schmidt diese These teilte. Gott wird bei ihm auBerdem nicht als gutige und weise handelnde Macht deutlich, sondern als ein Schuldiger, der all das erfahrene Leid zu- lasst. Sein Protagonist macht dies in seinen Aufzeichnungen deutlich: Ein Kind, von Splittern zerfetzt, verblutet im Schnee, wahrend der Pfarrer die „2000 Jahre alten Ka- lauer“[2] vorbetet. Fassungslos schreibt der Protagonist:

Haben diese Leute denn nie daran gedacht, daB Gott der Schuldige sein konnte? [...] Oder fas- sen sie's einfach nicht, und mampfen kuhselig ihren Kohl weiter durch die Jahrhunderte? Das ist der Geist, der FluBregulierungen als Mistrauensvota gegen Gott und Eingriffe in SEINE Schopfung ablehnt.[3]

Die Schuld Gottes wird nie wieder so deutlich benannt, wie in diesem Beispiel. Die Uberbetonung des Begriffs „seine Schopfung“ durch die Schreibung in Kapital- buchstaben weist darauf hin, dass alles Leid auf Erden von ihm gewollt ist. Seine Schuld entstand also nicht aus dessen Unachtsamkeit, sondern als bewusst schlechte Tat: wohl darin, den Leviathan zu erschaffen und ihn in seinem Wirken nicht zu be- schranken. Doch das lasst sich nur erahnen.

Erstmals begegnet der Leser diesem damonischen Wesen in Verbindung mit einer Aussage uber zwei Angehorige der Hitlerjugend:

Die HJ verglich die Panzerfauste [...], sie spielten so eifrig damit, echte Kinder des Leviathan (Du bist mein lieber Sohn...); boses Eisen und todliches Feuer; ei, die Wohlgeratenen.[4]

Diese spottisch kommentierte Beobachtung zeigt eines deutlich: der Leviathan ist etwas Boses, seine Vertreter auf Erden handeln ganz in seinem Sinne. Interessant an diesem Zitat ist, dass nicht etwa von den Kindern Gottes die Rede ist, sondern von den Kindern des Leviathans. Dabei sind Gott und der Leviathan nicht etwa deckungs- gleich, wie das Zitat „Du bist mein lieber Sohn“[5] nahe legt. Zu deutlich wird in Schmidts Geschichte begrifflich zwischen Gott und dem Leviathan unterschieden. Auch finden sich keine weiteren Hinweise auf eine deckungsgleiche Identitat. Der Leviathan ist eher als Zwischeninstanz zwischen Mensch und Gott zu verstehen.

Spater wird darauf hingewiesen, dass der Leviathan nicht unbedingt einzigartig sein muss:

Nichts berechtigt uns nebenbei, anzunehmen, daB unser Leviathan einzig in seiner Art sei. Es mag viele Wesen seiner GroBenordnung und unter ihnen gute [...] geben. Wir sind allerdings leider an einen Teufel geraten.[6]

[...]


[1] Arno Schmidt: Leviathan und Schwarze Spiegel, Frankfurt a. M. 2004.

[2] Schmidt, S. 22.

[3] Schmidt, S. 22.

[4] Ebd., S. 27.

[5] Bibel, Matth. 1,11.

[6] Schmidt, S. 30.

Details

Seiten
9
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640619009
ISBN (Buch)
9783668206076
Dateigröße
753 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150398
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Arno Schmidt Leviathan Germanistik Nachkriegsliteratur Philosophische Betrachtung des Weltalls

Autor

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