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Die belles infidèles - Funktion, Form und Entwicklung dieser Übersetzungsmethode

Seminararbeit 2005 31 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Die “Belles infidèles“

1) Die “belles infidèles“ – Definition und Begriffsklärung

2) Die Entstehung der “belles infidèles“
2.1 Der Einfluß der Gesellschaft auf die Entstehung der “belles infidèles“
2.2 Die Entstehung der “belles infidèles“ in Frankreich Sprachen ist diejenige, die die Arbeit des Übersetzens am wenigsten

3) Die geschichtliche Entwicklung der “belles infidèles“
3.1 Beispiele für die formale Entwicklung der “belles infidèles“
3.2 Die “belles infidèles“ am Beispiel von Shakespeare- Übersetzungen im Laufe der Zeit

4) Der Niedergang der “belles infidèles“

5) Die “belles infidèles“ heute
5.1 Die “belles infidèles“ der Gegenwart am Beispiel Harry Potter
5.2 Verschiedene Aspekte der Anpassung von Literatur in der Übersetzung

6) Unterschiedliche Blickpunkte zur Diskussion um Texttreue und Freiheit Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse:

Literatur:

Vorwort

Die Beschäftigung mit dem von mir gewählten Thema, den “belles infidèles“, erwies sich glücklicherweise als genauso interessant, wie ich mir das zu Anfang erhofft hatte. Da mich die französische Übersetzungskultur im Allgemeinen interessiert und ich von den “belles infidèles“ bisher kaum etwas wußte, kam mir dieses Thema sehr gelegen.

In dieser Proseminar-Arbeit habe ich mich großteils mit der Funktion, der Form und der Entwicklung dieser Übersetzungsmethode beschäftigt, aber auch mit dem gesellschaftlichen Aspekt der “belles infidèles“, ihrer Symbolwirkung für die Entwicklungen innerhalb der französischen Gesellschaft.

Die Literatursuche zu den “belles infidèles“ gestaltete sich anfänglich etwas schwierig: Das Phänomen der “belles infidèles“ wurde zwar bereits eingehend behandelt und dokumentiert – vor allem die Artikel von Jürgen von Stackelberg waren sehr hilfreich für mich - und es mangelte keineswegs an Material, doch es war eher kompliziert, in Österreich – und speziell in Innsbruck - Bücher zu diesem Thema aufzutreiben. Dank der Fernleihe der Universitätsbibliothek war es mir jedoch schlußendlich möglich, mich mit den unterschiedlichsten Werken auseinanderzusetzen,

die mir aus Wien, Klagenfurt, Salzburg, Berlin und Paris zugeschickt wurden.

Die “Belles infidèles“

The "belles infidèles" are idiomatically appealing translations that do not convey the original meaning of a text. This form of translation that enjoyed great popularity in France from the sixteenth to the nineteenth century was justified by the argument that foreign texts had to be adapted to the conventions and the standards of French culture and literarure. Faithfulness was declared a negligilible criterion, whereas the main focus was on the expectations and the demands of the readership, composed of the French aristocrats. The development of the "belles infidèles" in France is deemed to be a symbol of the French language and self awareness. Nowadays, the "belles infidèles" are considered a sign/indicator of translational incompetence by many experts and in general, there prevails a rather dismissive attitude towards them. Nevertheless, the phenomenon of the "belles infidèles" is still applied, in particular in literary translation.

Les "belles infidèles" sont des traductions attrayantes de faVon idiomatique, qui ne rendent pas le sens du text original. Cette méthode de traduction, qui jouissait d‘une grande popularité dans la France du seizième au dix-neuvième siècle, a été justifié par l'argument qu‘il faudrait adapter les texts de langue étrangère aux standards et aux convenances de la culture et de la littérature franVaise. La fidélité a été declarée un critère secondaire, la priorité a été mis sur les prétentions et les attentes du public, composé de nobles franVais. Le développement des "belles infidèles" en France est considèré comme un symbol de l‘assurance et de la conscience de la langue des FranVais. Aujourd‚hui, les "belles infidèles" sont souvent perVues comme un signe d‘une incompétence du traducteur par de nombreux d‘experts et il y règne, en général, une attitude bien négative envers cette méthode de traduction. Pourtant, le phénomène des "belles infidèles" est toujours appliqué, surtout dans la traduction littéraire.

1) Die “belles infidèles“ – Definition und Begriffsklärung

Zu Beginn meiner Proseminararbeit möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich entschieden habe, den Begriff “belles infidèles“ nicht zu übersetzen, sondern die französische Version beizubehalten, da Begriffe wie “Treulose Schöne“ oder auch “Faithless Beauties“ in einschlägiger Fachliteratur kaum bis gar keine Anwendung finden. Auch in Hinsicht auf die Entstehungsgeschichte und die Herkunft der “belles infidèles“ erschien mir die Beibehaltung des französischen Originals wesentlich passender.

Gleich zu Anfang ist es wohl sinnvoll, den Begriff der “belles infidèles“ näher zu definieren: Was sind also “belles infidèles“ ? Die “belles infidèles“ sind im Allgemeinen idiomatisch schöne Übersetzungen, die nicht die Aussage des Originaltextes wiedergeben. Diese Form der Übersetzung, die sich vom sechzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert in Frankreich größter Beliebtheit erfreute, wirkt also wie ein zielsprachliches Original, das aber nur mehr wenig mit dem Originaltext gemein hat. Zur Zeit der “belles infidèles“ wurde dieser besondere Form der Übersetzung mit dem Argument gerechtfertigt, dass fremdsprachige Texte an die Sitten und Konventionen der jeweiligen Zielkultur, in den meisten Fällen also der französischen Kultur, angepasst werden müssten. Auf den Originaltext wurde im Zuge dieser Entwicklung kaum Rücksicht genommen, die Texttreue wurde zu einem nebensächlichen Kriterium erklärt.

Die Werke der “belles infidèles“ Übersetzer lasen sich folglich meist wie französische Originale und erfüllten damit auch ihren Zweck: Das erklärte Ziel der “belles infidèles“ Übersetzer war nicht die getreue Wiedergabe des Originaltextes, sondern dessen Verbesserung – sprachliche Qualität und Eleganz in der Zielsprache fungierten als wichtigste Bewertungskriterien für Übersetzungen.

Doch nicht nur die sprachliche und ästhetische Form von Texten wurde an die französischen Normen angepasst, auch inhaltliche Aspekte wurden oft grundlegend verändert: In sozialkritischen Werken lies man die gesellschaftlichen Umstände hinter einer Liebesgeschichte verschwinden, einige Geschichten mit unklarem oder sogar negativem Ausgang hatten mit einem Mal ein Happy End.

2) Die Entstehung der “belles infidèles“

Das Phänomen der “belles infidèles“ hat sich über Jahrhunderte weg entwickelt, doch bevor ich näher auf diese Entstehung eingehe, möchte ich klären, wie sie zu ihrem Namen kamen.

Der Begriff, genauer gesagt die Metapher “belles infidèles“ wurde im Jahr 1654 von dem französischen Philologen und Linguisten Ménage geprägt. Er bezog sich mit dieser Bezeichnung auf eine Lukian-Übersetzung, die sein Freund, der Übersetzer Nicolas Perrot d’Ablancourt veröffentlicht hatte. Ménage verglich diese Übersetzung mit einer Frau – schön, aber untreu: “Elles me rappellent à une femme que j’ai beaucoup aimée à Tours, et qui était belle mais infidèle“.

Nicolas Perrot d’Ablancourt (1606 – 1664), der Vorreiter der “belles infidèles“, übersetzte ausgesprochen elegant, aber sehr ungenau. Übersetzen bedeutete für ihn, antike Schriftsteller wie Tacitus oder Cäsar zu korrigieren und zu verbessern, ihre Werke gänzlich in die “vollkommenste“ Sprache zu verwandeln. D’Ablancourt setzte sich zum Ziel, sie zu Franzosen, echten französischen “gentilhommes“ zu machen. Seine Übersetzungen zeichneten sich hauptsächlich durch drei Merkmale aus: sie waren klar, galant und elegant. Werke, die ihm unzulänglich erschienen, wurden rücksichtslos so lange verändert, bis sie den damals aktuellen Standards entsprachen: “Cet autheur est sujet à des repetitions fréquentes et inutiles, que ma langue ny mon stile ne peuvent souffrir“, äußerte sich d’Ablancourt abschätzig im Vorwort zu seiner Übersetzung von Arrien im Jahr 1646.

Man nimmt an, dass die Bezeichnung “belles infidèles“ ursprünglich eher negativ gemeint war, da Ménage nicht als Anhänger der modernisierenden Übersetzung galt. Doch bereits im Jahr 1666 zeigte sich, dass das keineswegs alle Übersetzer so empfanden: Der holländische Übersetzer Huygen verwies in einem Brief, in dem er einige “Freiheiten“ in einer seiner Übersetzungen rechtfertigt, auf den großen französischen Übersetzer d’Ablancourt. Im Laufe der Jahre fand d’Ablancourts Übersetzweise weitere Anhänger, die “belles infidèles“ wurden immer populärer und viele Übersetzer folgten seinem Beispiel.

Zu ihnen zählten zum Beispiel unter anderem Louis Giry

(1596 – 1668), Pierre Perrin (1620 – 1675) und Paul Pellison (1624 – 1693). Auch Perrault, der in der französischen “Querelle des Anciens et des Modernes“ die Seite der “Modernes“ vertrat, fand an d’Ablancourts Methode Gefallen:

Dieser (Perrault) erklärte, Perrot d’Ablancourts Übersetzungen seien besser als die Originale. Nichts hätte dem klassischen Übersetzer lieber sein können als solch ein Lob. Denn sein ganzes Bemühen lief darauf hinaus, aus den antiken Autoren, die er übersetzte – Tacitus, Arrian, Xenophon, Caesar, Thukydides und andere – Franzosen zu machen, das heißt, sie die Sprache sprechen zu lassen, die ihm die denkbar vollkommenste zu sein schien: wohlgeordnet, klar, elegant, womöglich auch ein wenig galant, so wie es die “Vernunft“ und französische Umgangsformen verlangten.“1

2.1 Der Einfluß der Gesellschaft auf die Entstehung der “belles infidèles“

Die Übersetzer zur Zeit der “belles infidèles“ richteten sich nach einem Haupt-Parameter: den Erwartungen ihrer Leser, den Ansprüchen ihres Zielpublikums.

Aus welchen Bevölkerungsgruppen setzte sich das französische Zielpublikum nun zusammen, wer waren diese Leser ?

Im Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts, dem absolutistisch regierten Frankreich unter dem “roi soleil“, beeinflusste vor allem eine Gesellschaftsschicht die Form von Literatur – und damit die der Übersetzungen: Die adelige Hofgesellschaft, die in den Pariser “salons“ über Geschmack und Zeitgeist philosophierte und nach denen sich die geistige Elite Frankreichs richtete.

Freie Übersetzungen zur Zeit von Schriftstellern wie Racine oder Molière entstanden demnach nicht aus Ignoranz, sondern weil die Übersetzer nur ein Ziel verfolgten: ihre Werke unter allen Umständen an den Geschmack und die Erwartungen der höfischen französischen Gesellschaft anzupassen.

2.2 Die Entstehung der “belles infidèles“ in Frankreich

Kommen wir zu einer sehr grundsätzlichen Frage, die sich bei der Beschäftigung der “belles infidèles“ stellt: Aus welchem Grund hat sich diese Form der Übersetzung in Frankreich entwickelt, warum im Französischen und nicht in einer anderen Sprache ?

Meiner Ansicht nach gibt es dafür zwei Gründe:

Einer der Gründe ist wohl, dass die Entwicklung der “belles infidèles“ als Symbol des französischen Sprachbewußtseins betrachtet werden kann.

Die Sprache hat (und hatte) in der französischen Kultur damals wie heute einen außergewöhnlich hohen Stellenwert und wird als eines der höchsten Kulturgüter behandelt. Die Entwicklung der “belles infidèles“ verlief parallel zum wachsenden Sprach- und Selbstbewußtsein der Franzosen: alles vom “Genie“ der französischen Sprache Abweichende galt als unschön und inakzeptabel – von den Erzählstrukturen über den Ausdruck sowie inhaltliche Elemente.

Dieses Selbstbewusstsein wurde noch wesentlich durch die Vermittlerrolle verstärkt, die die französische Sprache im siebzehnten Jahrhundert innehatte: viele deutsche, niederländische und englische Übersetzer kamen mit den zum Beispiel spanischen Originaltexten nie in Berührung und orientierten sich an der französischen Version.

Ein weiterer Grund, warum die “belles infidèles“ ausgerechnet in Frankreich entstanden sind, dürfte die Tatsache sein, dass der Ausdruck in der französischen Sprache allgemein als abstrakter, intellektueller und eleganter empfunden wird, als zum Beispiel der des konkreteren, direkteren und sprachlich flexibleren Englisch. Dieser Umstand erleichterte den Übersetzern ihre Mission natürlich nicht und mag einer der Gründe dafür sein, warum sich die “belles infidèles“ gerade in Frankreich entwickelt haben.

Im Übrigen hat sich bereits eine nicht unerhebliche Anzahl an Autoren zur Sonderstellung der französischen Sprache geäußert, so zum Beispiel der Schriftsteller und Philosoph José Ortega y Gasset:

“ Ich bedaure, daß meine letzten Worte in dieser Gesellschaft

unfreiwilligerweise aggressiv klingen; aber das Thema, über das wir

sprechen, nötigt sie uns auf. Sie besagen: von allen europäischen

Sprachen ist diejenige, die die Arbeit des Übersetzens am wenigsten

erleichtert, die französische.“1

Auch Professor John Orr (1885 – 1966) spricht das Thema in einem seiner Artikel für die französische Zeitschrift “Vie et langage“ bezüglich der Übersetzung eines englischen Gedichtes an:

“On ne s’étonne pas que l’éditeur de l’édition polyglotte du poème de Gray (Londres, 1839), d’òu nous avons tiré cette traduction, ait qualifié le fran V ais de ‘language, it would appear, the least capable of any other of communicating a faithful idea of the original !‘ “.2

3) Die geschichtliche Entwicklung der “belles infidèles“

Die Tendenz zu bestimmten Änderungen, Weglassungen oder Hinzufügungen, die die Übersetzer an Originaltexten vornahmen ist ein Porträt des Zeitgeists, des Geschmacks der Leser zur jeweiligen Zeit.

Das sechzehnte Jahrhundert ist die Zeit der Entstehung der “belles infidèles“. Ab der Mitte des sechzehnten bis an das Ende des siebzehnten Jahrhunderts war die Übersetzung ein eigenes literarisches Genre, das vor allem einen Zweck hatte, nämlich die Aneignung von Wissen:

Dès la fin du treizième siècle, on voit dans l’histoire de notre littérature, la traduction répondre au plus noble des besoins: l’appétit du savoir. Pour les poètes et, du moins en partie, pour les auteurs d’imagination, das adaptations suffiront très longtemps encore.“3

Die Anpassung in Form der “belles infidèles“ eignete sich hervorragend, um das Wissen fremder Kulturen verstehen zu lernen und in den eigenen Horizont zu integrieren. Die Vermittlung von Wissen hing also auch zu einem großen Teil davon ab, ob es dem Übersetzer gelang, die in einem Werk enthaltenen Informationen auch kulturell zu transferieren.

Auf diese Weise trug die Anpassung an die landesübliche literarische Tradition oft zur Erweiterung der eigenen Sprache und Kultur bei: In Frankreich, sowie im Großteil Europas, lernte man von aus dem Lateinischen übersetzten Werken, die die Römer bereits in der Antike ausgehend von griechischen Originalen übersetzt hatten.

Ausgehend von diesem Hintergrund und der Methode der Anpassung von übersetzten Texten entwickelten sich in Frankreich im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts die berühmten “belles infidèles“.

Zu dieser Zeit experimentierten die französischen Übersetzer mit den verschiedensten Methoden des Übersetzens, originalhörige und modernisierende Übersetzungen hielten sich noch die Waage. Bis zum sechzehnten Jahrhundert überwog in Frankreich die für das Mittelalter typische “stoffvermittelnde“ Übersetzung.2

Die französischen Renaissance-Übersetzer betrieben das Übersetzen jedoch mit einem größeren Ehrgeiz als je zuvor. Sie sahen sich bald einem heiklen Problem gegenüber: Vollständige und genaue Übersetzung wurde durch die immer stärker werdende Forderung nach sprachlicher Eleganz und künstlerischem Ausdruck erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht.

Auf diese Zeit folgte bis in die sechziger Jahre des siebzehnten Jahrhunderts die Blütezeit der “belles infidèles“.

Die Hauptaufgabe der Übersetzer des siebzehnten Jahrhunderts war es, die ästhetischen Vorgaben und Konventionen der Gesellschaft zu erfüllen, um die potentiellen Leser anzusprechen:

“Plaire, telle est la devise des traducteurs fran V ais du 17e siècle“3

Auch Racine schreibt in seinem Vorwort zu “Bérénice“, dass es die wichtigste Aufgabe eines Übersetzers sei, den Leser zu berühren und ihm zu gefallen - die Prinzipien der Ästhetik triumphierten über Texttreue und Genauigkeit: Er passte die griechischen Stücke der Antike an die französischen Gepflogenheiten des siebzehnten Jahrhunderts an: Racine verbannte blutige Kämpfe und psychische Konflikte gänzlich aus den Werken und veränderte die Sprache, bis sie ihn passend für ein Drama des siebzehnten Jahrhunderts erschien. Indem er Eloquenz mit höherem Gedankengut verband, schlug Racine zwei Fliegen mit einer Klappe: er lehrte seine Leser, während er sie unterhielt. Diese Vorgehensweise ist typisch für die Dramen der Klassik – Unterhaltung wird mit Moral verbunden und die Zensur in der Literatur erlebte eine Hochkonjunktur. Zum Wohle der Leser versuchten Übersetzer, vulgäres und gesellschaftlich unerwünschtes Benehmen aus den Werken zu verbannen.1

Die Leser waren sich zu dieser Zeit durchaus bewusst, dass diese “Übersetzungen“ eher literarische Werke waren, die auf einem Ausgangstext basierten, wie Roger Zuber in seinem Werk verdeutlicht.

“On savait qu’elles (les traductions) s’écartaient du texte original, et qu’elles donnaient des héros une peinture choisie. Ce choix même témoignait des exigences du goût du temps“.1

Ab diesem Zeitpunkt scheiden sich die Geister bezüglich der weiteren Entwicklung der “belles infidèles“, die Wissenschaftler sind sich uneinig. Während einige behaupten, dass die “belles infidèles“ gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine Zeitlang aus der Mode gekommen seien, sind andere wiederum der Ansicht, dass ihre Blütezeit ohne Unterbrechung bis ans Ende des achtzehnten Jahrhunderts gedauert habe. Wie es wirklich um die Popularität der “belles infidèles“ gegen ende des siebzehnten Jahrhunderts bestellt war, konnte man bis jetzt nicht mit Sicherheit feststellen.

Im achtzehnten Jahrhundert machte die französische Übersetzungskultur große Veränderungen durch, ein Umbruch kündigte sich an: Die Übersetzung als eigene Gattung verlor erheblich an Beliebtheit und das allgemeine Interesse verlagerte sich weg von den “klassischen“ Sprachen wie Latein oder Griechisch hin zur englischen und deutschen Kulturlandschaft.

Vor allem die englische Literatur erfreute sich größter Beliebtheit, was dazu führte, dass der Großteil der französischen Übersetzungen am Ende des achtzehnten Jahrhunderts Übersetzungen aus dem Englischen waren.

Im achtzehnten Jahrhundert begann man endlich, Kompromisse zwischen dem Prinzip der Treue zum Originaltext und den sprachlichen und kulturellen Konventionen der französischen Kultur zu schließen.

Die theoretische Diskussion über Übersetzen zog sich durch das gesamte achtzehnte Jahrhundert. Die Anpassung übersetzter Texte wurde im Allgemeinen (noch) nicht als Verrat am Original und dessen Autor, sondern als Mittel betrachtet, um fremdsprachige Werke an eigene Kultur heranzuführen.

Die Methode der “belles infidèles“ behielt unter den Übersetzern ihre Vormachtstellung, allerdings wurden auch die Stimmen der Kritiker lauter: das wachsende Interesse an fremden Kulturen bewirkte etwas “respektvollere“ und tolerantere Haltung gegenüber fremdsprachigen Originaltexten.

3.1 Beispiele für die formale Entwicklung der “belles infidèles“

Die “belles infidèles“ behielten ihre Vormachtstellung in Frankreich ausgesprochen lange, nämlich zwei Jahrhunderte lang, vom sechzehnten bis ins achtzehnte Jahrhundert. Es stellt sich also die Frage: Wie haben sich die “belles infidèles“ im Laufe der Zeit entwickelt ?

Ist es möglich, dass sie zweihundert Jahre lang dieselbe Form bewahrt haben ? Und gesetzt den Fall, dass die Form gleich geblieben wäre, hätten sie auch zweihundert Jahre lang dieselbe Funktion erfüllt ? Mit dieser und ähnlichen Fragen beschäftigt sich auch der Göttinger Romanistik-Professor Jürgen von Stackelberg in seinem Werk “Blüte und Niedergang der Belles infidèles“ eingehender:

“Kann wirklich angenommen werden, daß in einem Lande, das sich immer gern Moden angeschlossen hat, vom späten sechzehnten bis zum späten achtzehnten Jahrhundert ein und dieselbe Übersetzung im Schwange war ? Daß runde zweihundert Jahre lang dieselben “Schönen“ dieselbe Art von “Untreue“ aufzuweisen gehabt haben ? () Und wenn dem so war: können diese “Schönen Ungetreuen“ oder “Ungetreuen Schönen“ allemal dieselbe Funktion zu erfüllen gehabt haben ?“1

Bereits von Stackelbergs kritische Fragestellung gibt einen Hinweis darauf, dass das eher unwahrscheinlich ist. Tatsächlich ist naturgemäß kaum anzunehmen, dass das Erscheinungsbild und die Funktion der “belles infidèles“ über einen so langen Zeitraum unverändert geblieben ist.

Schon die “unterschiedlichen Materialmengen“1 an Übersetzungen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert zeigen, wie sehr sich der geschichtliche Hintergrund und die gesellschaftlichen Umstände in dieser Epoche der “belles infidèles“ verändert und entwickelt haben: die Zahl der übersetzten Werke im siebzehnten und im achtzehnten Jahrhundert divergiert stark – während im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts nur fünf englische Werke ins Französische übersetzt wurden, verhundertfachte sich diese Zahl im achtzehnten Jahrhundert.

Außerdem ist an diesem Punkt zu berücksichtigen, dass das Hauptinteresse während des siebzehnten Jahrhunderts aus Übersetzungen aus dem Italienischen und den alten Sprachen lag: Da diese Sprachen dem Französischen in Inhalt, Form und Rhetorik um einiges ähnlicher waren als das Englische, hatten sich die Übersetzer des achtzehnten Jahrhunderts in dieser Hinsicht größeren Herausforderungen zu stellen als ihre Kollegen ein Jahrhundert zuvor.

All diese Überlegungen lassen die Kontinuität der “belles infidèles“ über zwei Jahrhunderte als äußerst zweifelhaft erscheinen, doch es gibt einen Punkt, der sich in all dieser Zeit in der Tat kaum verändert hat: die Denkweise und die Intention der Übersetzer der “belles infidèles“. Im siebzehnten sowie im achtzehnten Jahrhundert stand ein und dasselbe Prinzip, ein einziger Grundgedanke hinter dieser Übersetzungsweise: Die Literatur sollte in Frankreich eingebürgert werden. Das Hauptaugenmerk wurde aus diesem Grund nur auf eine Aufgabe gelegt: aus dem fremdsprachigen Autor einen Franzosen zu machen.

Das Ergebnis orientierte sich ausschließlich am Geschmack und an den Erwartungen der französischen Leser – was nach den damaligen Maßstäben auch bedeutete, dass sich die “belles infidèles“ – Übersetzungen am guten Geschmack im Allgemeinen orientierten, den die Franzosen für sich und ihre Sprache zu beanspruchen neigten.

[...]


1 von Stackelberg (1988), S.16

1 Ortega y Gasset (1963), S.32

2 Orr (1957), S.102

3 Zuber (1995), S.19

2 von Stackelberg (1971), S.583

3 van Hoof (1991), S.48

1 Lhermitte (2005), S.36

1 Zuber (1995), S.75

1 von Stackelberg (1988), S.17

1 von Stackelberg (1988), S.18

Details

Seiten
31
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640618972
ISBN (Buch)
9783640618774
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150393
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Institut für Translationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Funktion Form Entwicklung

Autor

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Titel: Die belles infidèles - Funktion, Form und Entwicklung dieser Übersetzungsmethode