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Christlicher Gottesdienst in pluralistischer Gesellschaft

Möglichkeiten für den Schulgottesdienst am Beispiel der Liturgischen Gastfreundschaft

Essay 2010 9 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Einleitung

Besonders als Religionslehrer ist die Situation des religiösen Pluralismus schwierig zu handhaben, weil Schüler, die verschiedenen Religionen angehören, in (schul-)gottesdienstlichen Situationen gleichermaßen geachtet und angesprochen werden sollen. Um Anhaltspunkte für ein Verhalten in der Vorbereitung von Feiern mit Menschen verschiedener Religionen zu geben, soll in diesem Essay zunächst geklärt werden, wie man aus liturgiewissenschaftlicher Sicht den Pluralismus differenzieren kann, indem die Kennzeichen des religiösen und rituellen Pluralismus aufgezeigt werden, um danach die Frage danach zu stellen, wie diese beiden Formen zusammenhängen. Anschließend sind die Herausforderungen und Aufgaben an das liturgische Leben der Kirche darzustellen. Hieraus entwickeln sich Problemfelder, die es an meinem Beispiel für ein liturgisches Projekt, das sich dem Pluralismus stellt, auszuführen gilt.

Liturgie und Kultur

Der Gottesdienst kann als Zusammenspiel von Theologie und Kultur beschrieben werden. In der Liturgie findet ein Dialog von Gott und Menschen statt. Die Gemeinde als Kollektiv sowie jeder einzelne Gläubige steht mit Gott im Dialog. Dem Selbstverständnis der gläubigen Christen folgend ist der Gottesdienst eineEinladungGottes an die Menschen, woraus die Gewissheit resultiert, dass Gott die Begegnung mit dem Einzelnen sucht. Der Gottesdienst ist dabei immer auch im kulturellen Umfeld der Teilnehmenden eingebunden. Weil sich diese Gegenüberstellung von theologischer Substanz und kulturellem Umfeld nicht auf eineSeiteauflösen lässt, kann von einem Spannungsverhältnis die Rede sein, durch das deutlich wird, dass Liturgie und Kultur aufeinander verwiesen sind.

Um die Problematik, die durch Feiern mit Gläubigen verschiedener Religionen hervorgerufen werden kann, verständlich zu machen, ist es nötig, zunächst zu verstehen, was unter dem Begriff des Pluralismus überhaupt zu verstehen ist.

Religiöser und ritueller Pluralismus

Für den liturgiewissenschaftlichen Zugang kann zwischen zwei Arten von Pluralismus unterschieden werden. Zunächst sind die Kennzeichen des sogenannten religiösen Pluralismus aufzuzeigen; später die des rituellen Pluralismus daraus herzuleiten.

Der Begriff desPluralismusmeint etwas anderes als der Begriff derSäkularisierung. Während man sich bei der Säkularisierung u. a. auf die unterschiedlichen Wege von Staat und Religion bezieht, geht es mit dem hier gemeinten Pluralismusbegriff um dieKoexistenzvon Kulturen und Religionen.

Weil der Staat eben nicht mehr die religiösen Institutionen stärkt (Säkularisierung), können (mehrere) Religionen nebeneinander existieren (religiöser Pluralismus). Wenn man wie Volkhard Krech (2008) die religiöse Vielfalt, also gleichsam den religiösen Pluralismus in Deutschland betrachtet, erfährt man, dass im Landesdurchschnitt fast 2/3 der deutschen Gesellschaft christlicher Konfession (32% katholisch, 32% evangelisch) sind. 28% sind nicht getauft – die übrigen 8% (also ca. 6 Mio. Menschen) gehören anderen Religionsgemeinschaften an. Der Großteil der Gläubigen der anderen Religionsgemeinschaften ist dem Islam zuzuordnen. Durch die Vielzahl der verschiedenen gelebten Religionen kann man von der heutigen Zeit als einer stark pluralistisch ausgeprägten Zeit sprechen.

Auf den ersten Blick scheint es, als sei der religiöse Pluralismus als negativ zu bewerten, weil z. B. jede Religion für ihre vertretene „Wahrheit über Gott“ kämpfen muss. Benedikt Kranemann (2006) führt an, dass diese durch den Pluralismus geprägte Zeit nicht die religiöse Überzeugung der einzelnen Religion schwäche, sondern sogar zu der jeweiligen Vitalität beitrage. Diese Vitalität resultiert aus Faktoren, die unter den Begriff desrituellen Pluralismusfallen. Durch denrituellen Pluralismuskann eine Gesellschaft beschrieben werden, in der Rituale und Zeichen aus verschiedenen Religionen zusammenfließen und sich ergänzen können. Aus den einzelnen Religionen fließen gleichsam die dortigen Rituale wie oben erläutert in die Kultur und nähren von dort aus erneut die Religionen. Dadurch dass Religion und Kultur aufeinander verwiesen sind, werden die Rituale und Zeichen deranderenReligion von der Gesellschaft wahrgenommen und das Spektrum dieser Handlungen kann sich ergänzen.

Kernprobleme

„Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen, sie feiert Geheimnisse“

(Carlo Kardinal Martini, zitiert nach Alexander Saberschinksy 2006)

Dieses Zitat gibt Hinweise für die Beantwortung der Frage nach der religiösen Feier mit Mitgliedern verschiedener Religionen, weil es aufzeigt, dass es um das Mysterium, also das Glaubensgeheimnis jeder einzelnen teilnehmenden Religion geht. In dem Zitat wird vom Feiern von Geheimnissen gesprochen. Glaube und Feier gehören demnach eng zusammen. Da sich jede Religion von der anderen durch eben den jeweiligen Glauben abgrenzt, ist eine Feier, die allen gleichermaßen gerecht wird, natürlich schwer – wenn überhaupt – zu arrangieren. Im Folgenden soll auf die Schwierigkeiten hingewiesen werden, die es in einer Feier mit mehreren Religionen zu überwinden gilt.

Es gibt Unterschiede zwischen den Glaubensüberzeugungen innerhalb der Religionen. Selbst die abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam), die sich auf den Stammvater Abraham gründen, haben innerhalb ihrer Theologie weitläufige und nicht zu verallgemeinernde Unterschiede. Beispielsweise kann man als Christ von keinem Muslim oder Juden verlangen, im Horizont des Paschamysteriums die Feier zu vollziehen, weil für sie Leiden, Tod und Auferstehung Christi nicht in ihrem Glauben verankert sind. Hierdurch wird direkt vorausgesetzt, dass kein gemeinsames Gebet innerhalb einer Feier stattfinden darf, weil die bestehenden Unterschiede einfach ausgeblendet würden. Dies würde keiner Religion gerecht. Eine Lösung dieses Problems besteht darin, dass jeder für sich aus dem eigenen Glaubenshintergrund heraus beten kann, während der andere schweigend beiwohnt. Nur dadurch könnte die Achtung, die die Religionen untereinander haben sollen, herausgestellt werden.

Liturgisch ist weiterhin bedeutsam, dass die Elemente des Gottesdienstes von der jeweiligen Religionsgemeinschaft für sich ausgewählt werden, damit nicht andere Religionen gleichsam über Gebetselemente bestimmen und dadurch respektlos erscheinen. Gerade in diesem Punkt ist von den Organisatoren ein hohes Fingerspitzengefühl für die Bedürfnisse der anderen gefordert, um den ungemein wichtigen Respekt nicht zu unterlaufen.

Feiertypen

Nach dem Abriss der Problemfelder ist zu differenzieren, in welcher Art von Feiern überhaupt verschiedene Religionsgemeinschaften teilnehmen können. Michael Meyer-Blanck unterscheidet vier verschiedene Feiertypen: Die „Liturgische Gastfreundschaft“, „Multireligiöse Feiern“, „Interrelegiöse Feiern“ und „Religiöse Feiern für alle“.

Innerhalb dieser vier Formen ist dieinterreligiöse Feierwegen der oben angesprochenen Kernprobleme sehr bedenklich. Dieser Feiertyp zeichnet sich dadurch aus, dass besonders auf das Gemeinsame der teilnehmenden Religionen fokussiert wird. Gefährlich wird dies dadurch, dass ein gemeinsames Gebet den gegenseitiges Respekt voreinander schwierig macht, weil sich hier nur an die Gemeinsamkeiten gehalten wird, nicht aber die interreligiösen Unterschiede – und hier geht es vor allem um die Glaubenswahrheiten – beachtet werden. Ein gemeinsames Gebet könnte so verstanden werden, als hätten alle Beteiligten dieselbe Gottesvorstellung. Gerade der skizzierte religiöse Pluralismus würde damit nicht ernst genommen.

Ein zweiter Typus von Glaubensfeier ist mit dermultireligiösen Feierbenannt. Besonders bei lebensnahen Gedenktagen oder nach Katastrophen können die teilnehmenden Religionen differenziert ihre je eigene Praxis gemeinsam feiern. Dabei kann der Anlass als Gemeinsamkeit verstanden werden, der Umgang damit aber religionsspezifisch vollzogen sein.

Der dritte Typus von Feier ist diereligiöse Feier für alle. Durch die Institution der Schule oder des Stadtteils wird hier eineFeier für alle, unabhängig ihrer Religion organisiert. Anlässe ohne speziell religiösen Hintergrund (z. B. Schulentlassfeiern, Stadtteiljubiläen, etc.) können hier gemeinsam, aber trotzdem religiös, abgehalten werden. Weil diese Feiern eben keineReligion für alledarstellen sollen, sondern die gemeinsamen Fragen des Lebens im Vordergrund stehen – und dies auch klarzustellen ist – muss hier dringend der oben beschriebene rituelle Pluralismus beachtet werden. Nur wenn die Riten und Zeichen, die in solchen Feiern durchdacht und kritisch aus möglichst allen Blickwinkeln betrachtet worden sind, kann dieser Typus – ohne dabei Missionscharakter zu haben–, insofern angemessen erscheinen, als dort zwar nicht die Fragen des Lebens beantwortet, wohl aber die Fragen gemeinsam gestellt werden können.

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Details

Seiten
9
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640615117
ISBN (Buch)
9783640615407
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150355
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Theologie praktische Theologie Liturgie Pluralismus Gottesdienst Liturgische Gastfreundschaft Schulgottesdienst

Autor

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