Lade Inhalt...

Der erste apokalyptische Reiter

Essay 2010 7 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Einleitung

Die apokalyptischen Reiter wurden in der Geschichte schon häufig thematisiert. Die zahlreichen exegetischen Abhandlungen, aber auch die beträchtliche Anzahl an Gemälden bis hin zu Titel- und Künstlernamen musikalischer Bands bezeugen bis heute ein erhebliches Interesse am Gegenstand. Durch die für heutige Leser der Offenbarung des Johannes oft nicht (leicht) zu verstehende Bildsymbolik sind zudem verschiedenste Deutungen dieser apokalyptischen Reiter möglich, die sicher auch zu deren Erfolg in der Rezeptionsgeschichte beigesteuert haben.

Innerhalb der Auslegungsgeschichte ist besonders der erste Reiter (Offb 6,2) oft unterschiedlich gesehen worden. Das weiße Pferd, der ihm gegebene Kranz und der Bogen, sowie Parallelen zu dem ähnlich beschriebenen Christus in Offb 19,11, veranlassten viele Exegeten dazu, den ersten Reiter als Christus zu identifizieren. Gegen dieses positive Bild wird seit Luther argumentiert[1].

Mit diesem Essay wird ein weiterer Blick auf den ersten Reiter angestrebt. Nachdem der theologische Hintergrund der urchristlichen Leser skizziert wird, werden Argumente für das positive und das negative Bild des ersten Reiters dargelegt, um schließlich zu diskutieren, auf welcher Seite die Argumente überwiegen.

Zur Naherwartung in der Offenbarung

Zunächst ist der briefliche Charakter der Offenbarung in Erinnerung zu rufen. Johannes schreibt seine apokalyptische Prophetie „an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien“ (Offb 1,4). Jürgen Roloff (1984) bemerkt in der Anrede (Offb 1, 4-8) eine sprachliche Nähe zu den paulinischen Briefeingängen. Auch endet Johannes mit der Schlussformel „die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Offb 22,21). Dies ist insofern für die weitere Analyse wichtig, als durch die Briefform deutlich wird, dass Johannes im apokalyptischen Hauptteil (Offb 1,9-22,5) auf die konkreten Probleme der Gemeinde Bezug nimmt und damit auch an ihr jeweiliges Symbolverständnis anknüpfen muss, um sein Werk für die urchristlichen Gemeinden verstehbar zu machen. Das Urchristentum erwartet die baldige Wiederkunft Christi. Dies wird am Text besonders durch Vers 6,11b deutlich, in dem „sie […] noch kurze Zeit warten [sollten], bis die volle Zahl erreicht sei, durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müssten wie sie“. Bezieht man den Hintergrund der Naherwartung des Weltgerichts auf die Adressaten mit ein, kann man die Frage, die Johannes in der Offenbarung zu beantworten sucht, als Frage nach dem Wesen, dem Aussehen der Apokalypse (i.S.v. gr. αποκάλυψις Enthüllung, Offenbarung) identifizieren.

Das einzige Wesen, das in der Lage ist, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen und zu lesen, ist das Lamm. Die Literatur identifiziert das Lamm eindeutig mit Christus in Anlehnung an das Paschalamm (Apg. 8,32). Dieser Christus ist im Verstehenshorizont der Urchristen bereits ans Kreuz geschlagen und wieder auferstanden. Damit ist für den Leser eindeutig, dass Christus derjenige ist, der das Buch mit den sieben Siegeln öffnet.

Zur Entfaltung des konträren Verständnisses des ersten Reiters

Das Lamm öffnet nun die ersten Siegel (vgl. Offb 6,1-8). Hier werden der Reihe nach vier Reiter hervorgerufen. Jens Herzer (1999) charakterisiert den ersten auf einem weißen Pferd als Sieger, den zweiten auf einem roten Pferd als Krieg, den dritten auf einem schwarzen Pferd als Hungersnot und den vierten auf einem fahlen Pferd als Tod.

Legt man Offb 6, 2-8 und die obige Kurzcharakterisierung zugrunde, fällt auf, dass im Kontext der ersten vier Lebewesen negative Konnotationen überwiegen. Krieg, Hungersnot und Tod sind schwerlich als positive Begriffe zu werten. Der erste Reiter scheint dabei aus der Reihe zu treten, was im Laufe der Rezeptionsgeschichte verschiedene Deutungen zur Folge hatte.

Während die Kirchenväter den ersten apokalyptischen Reiter aufgrund der Ähnlichkeit zum weißen Reiter aus Offb 19,11 als Christus identifiziert bzw. positive Konnotation gesehen haben, verweisen Exegesen seit der Frühen Neuzeit auf eine negative Deutung.

Die Grundaussagen dieser Argumentationen (vgl. Herzer) beziehen sich auf sprachlicher Ebene zunächst auf die strenge Parallelität des ersten Reiters zu den übrigen Reitern. Wenn man die vier Reiter in Abhängigkeit voneinander und Zugehörigkeit zueinander versteht, müsse der erste Reiter auch in einer negativen Weise konnotiert sein. So kann man beispielsweise argumentieren, dass der Reiter als Sieger dargestellt ist, was direkt auch einen Verlierer nötig macht. Die Symbole „Pferd“ und „Bogen“, mit denen der Reiter ausgestattet ist, tun ihr Übriges, um den Reiter als Sieger eines Krieges zu kennzeichnen und damit negativ zu bewerten.

Ein weiteres Argument besagt, dass Christus bereits in Offb 6, 1 als Lamm präsent ist und die sieben Siegel öffnet. Demnach könne der erste Reiter nicht Christus sein, weil das Siegel nicht ihn selbst hervorrufen könne. Dieses letzte Argument scheint logisch einleuchtend. Dennoch weist Herzer darauf hin, dass die Szenerie von Offb 4, 1 bis Offb 6, 1 im Himmel spiele und sich das Buch mit den sieben Siegeln und das Lamm dort befänden, während die folgenden Ausführungen die himmlische Ebene verließen und die irdische Perspektive eingenommen und bis Offb 20 beibehalten würde.

Das Argument der parallelen Darstellung der vier Reiter versucht Michael Bachmann (1986) zu widerlegen. Die Parallelität wird von den Exegeten, die ein negatives Bild im ersten Reiter sehen, u. a. darin begründet, dass es eine „ästhetische Sünde“ sei, wenn Christus in einer Reihe mit Plagen (vgl. Reiter 2-4) stünde. Dem stellt Bachmann gegenüber, dass Homogenität innerhalb der Reihe schon dadurch gewährleistet sei, als dass es Gott ist, der die negativen Taten der übrigen Reiter zulässt bzw. das Lamm im Auftrag Gottes die Siegel öffnet.

Neben der Argumentation auf inhaltlicher Ebene stellt Bachmann fest, dass der folgende, zweite Reiter sprachlich dem ersten Reiter gegenübergestellt wird. In der Übersetzung „Da erschien ein andres Pferd; das war feuerrot.“ (Offb 6, 4 - Hervorhebung von Autor) wird der zweite Reiter sprachlich hervorgehoben und vom ersten insofern abgetrennt, als das Adjektiv ἄλλος (= ein anderer, der andre) innerhalb der Offenbarung immer eine Gegenposition markiert. In der historisch-kritischen Exegese ist die Verwendung des Wortes ἄλλος unfraglich. Keine Lesart weicht von der o.g. ab.

[...]


[1] vgl. Anmerkung Luthers zu Offb 6,2: „Dis ist die erste Plage/die verfolgunge der Tyrannen.“

Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640615100
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150354
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Neues Testament Bibel Apokalypse Offenbarung Apokalyptische Reiter Der erste apokalyptische Reiter

Autor

Zurück

Titel: Der erste apokalyptische Reiter