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Wolfgang Robert Griepenkerl: 'Das Musikfest oder Die Beethovener' und die Kultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 16 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorrede

3. Gegensätzliche Positionen
3.1 Die Kunst und ihre Bedeutung
3.2 Die Kunst im Wandel der Zeit
3.3 Beethoven
3.4 Die Beethovener

4. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis

Wolfga ng Robert Griepenkerl: Das Musikfest oder Die Beethovener und die Kultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

1. Einleitung

Wolfgang Robert Griepenkerls Novelle Das Musikfest oder Die Beethovener wird in der Sekundärliteratur vor allem unter dem Aspekt der Schilderung der 9. Sinfonie Beethovens betrachtet[1] und gilt heute als wichtiges literarisches Zeugnis der Beethoven-Rezeption des 19. Jahrhunderts. In der vorliegenden Arbeit hingegen soll ein anderer Schwerpunkt gelegt werden: über die Rezeption Beethovens hinausgehend liefert Griepenkerl mit seinen Ausführungen über den Beginn einer neuen historischen wie kulturellen Epoche, über die Kunst als Ideenausdruck und Beethoven als den Vorreiter dieses neuen Zeitalters für die Musik einen Einblick in das allgemeine kulturelle Verständnis der Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts. So benutzt Griepenkerl die Handlung seiner Novelle dazu, immer wieder gegensätzliche Positionen über Kunst, speziell die Musik, und Beethoven herauszustellen. Diese divergierenden Ansichten können als programmatisch für die der ersten Jahrzehnte nach Beethovens Tod angesehen werden[2].

Griepenkerl (1810–1868) war zu seinen Lebzeiten ein weithin anerkannter Musikkritiker, der unter anderem für Robert Schumanns Neue Zeitschrift für Musik editierte. Dies ermöglichte ihm auch die Veröffentlichung von Teilen seiner Novelle, bevor diese 1838 das erste Mal herausgegeben wurde. Die große Beliebtheit der Novelle machte eine zweite Auflage erforderlich, die, erweitert um eine Vorrede und eine musikalische Zugabe von Giacomo Meyerbeer, 1841 erschien.

In der Novelle stellt Griepenkerl zwei Gruppen sich gegenüber: einerseits die sogenannten Beethovener, zu denen als Hauptvertreter Graf Adalbert von Rohr, der Organist Pfeiffer und der Vikarius gehören. Ihre Opposition wird von den Veranstaltern des Musikfestes, Kaufmann Siebert, Weinhändler Funk und Dr. Ganz, dem Redakteur einer Zeitschrift mit Namen Rhinozeros, gestellt. Die Handlung der Novelle lässt sich zügig zusammenfassen: in einer unbenannten Stadt soll ein Musikfest stattfinden, das zunächst von der Opposition organisiert und finanziert wird, dann jedoch unter die Obhut des Grafen von Rohr gestellt wird, der dieses deswegen übernimmt, um sicher zu stellen, dass Werke von Beethoven zur Aufführung kommen. Unterstützt wird er hierbei von dem Organisten Pfeiffer, der ihn mit einer ansässigen Adelsfamilie namens Mellin bekannt macht. Die Tochter dieser Familie, Cäcilie, und Adalbert verlieben und verloben sich kurzentschlossen. Indes fühlt die Opposition sich hintergangen und sinnt auf Rache. Während der Proben der 3. und 9. Sinfonie Beethovens vergisst Adalbert, ganz gefangen von der Musik, seine Verlobte, die ihm dies sehr verübelt. Zu allem Überfluss vermutet Adalbert sehr bald eine Affäre zwischen dem Organisten und Cäcilie. So endet die Novelle denn in einer umfassenden Katastrophe: das Musikfest scheitert, Cäcilie sowie Pfeiffer, unglücklich in Cäcilie verliebt, sterben an gebrochenem Herzen. Des Weiteren sind die Todesfälle der Mutter Pfeiffers, eines Kontrabassisten namens Hitzig und dessen Sohn zu beklagen. Adalbert in Begleitung des Vikarius wandert aus und es ward nie wieder von ihnen gehört.

2. Vorrede

Den Inhalt der Vorrede zur zweiten Auflage schrieb Griepenkerl dem Organisten Pfeiffer zu, indem er die Vorrede als aus dessen Nachlass gewonnen bezeichnete. Darin beschreibt Pfeiffer, wie er seine Zeit, die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, in geschichtlicher und kultureller Hinsicht beurteilt. Damit wird den Ansichten der Beethovener, wie sie im Laufe der Novelle ersichtlich werden, bereits zum Teil vorausgegriffen.

So versteht Pfeiffer seine Zeit als Beginn einer neuen Epoche. Die entscheidende Veränderung, die alle Bereiche menschlichen Lebens betreffe, sieht er darin, dass sich der Mensch im Gegensatz zu vorherigen Jahrhunderten „[n]icht mehr als patriculäres Individuum fühlt […]; er hat sich als Theil des großen Ganzen begriffen“[3]. Den Anstoß für diese Veränderung habe die Französische Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts gegeben, in der über den Einzelnen das Allgemeine gestellt wurde. Inzwischen habe sich ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen eingestellt, sodass das Individuum sich als gesellschaftliches Wesen begreife, sich aber eben davon nicht beschränkt fühle. Dieses Gleichgewicht bezeichnet Pfeiffer als „große Idee“[4].

Ihren Ausdruck fände diese Idee jedoch nicht nur in der Weltgeschichte sondern auch in Religion, Philosophie und Kunst, die er als die „höchsten Sphären göttlicher Offenbarung“[5] beschreibt. Die Aufgabe, die die Kunst seit eh und je verfolge, sei „Geist und Natur, Ideales und Reales in Eins zu bilden“[6] und „einen ewigen Hymnus zum Preise der Idee“[7] anzustimmen. Tatsächlich käme damit der Kunst dasselbe Streben zu wie der Religion und der Philosophie; sie bediene sich lediglich anderer Ausdrucksformen.

Entsprechend zu den historischen Entwicklungen wäre auch in der Kunst eine neue Epoche eingetreten. So habe sie sich zuvor in der „idyllische[n] Zeit“[8] mit Belanglosigkeiten, die das einzelne Individuum bewegen mochten, beschäftigt. Pfeiffer formuliert es folgendermaßen: „Das sanfte Säuseln hat seine Endschaft erreicht; der Herr will nun einmal in Wettern sprechen!“[9] Damit bezieht er sich darauf, dass auch in der Kunst nun die Individualität vor der großen Allgemeinheit zurücktrete.

Noch würden zwar vorwiegend Kunstwerke hervorgebracht, die nicht dem neuen Ideal gerecht würden, aber es gäbe auch schon Vertreter desselben. In der Poesie nennt Pfeiffer hier das „ewig vorleuchtende Dreigestirn – Shakespeare, Goethe, Schiller!“[10]. Was die Werke der neuen Epoche besonders von denen der alten abhebe, sei ihre Schilderung der Geschichte in ihrer „absoluten Bedeutung“[11]. In den Werken würde keine Partei ergriffen, keine Bewertung vorgenommen, sondern alle Seiten urteilsfrei beleuchtet. In der Musik sieht Pfeiffer diese Ideale, die wiederum als Ausdruck der Idee bezeichnet werden, besonders in der dramatischen Oper, dem Oratorium und der Sinfonie verwirklicht[12], mit denen der Zuhörer „in der Geschichte innerstes Heiligtum“[13] geführt würde.

3. Gegensätzliche Positionen

Im Verlauf der Handlung der Novelle führt Griepenkerl den in der Vorrede bereits angerissenen Standpunkt über die Veränderung der geschichtlichen und kulturellen Situation und die Bedeutung der Kunst weiter aus und fügt ihm in der Diskussion über Beethoven einen weiteren Schwerpunkt hinzu. Als von besonderem Wert kann die Gegenüberstellung der beiden polaren Positionen einerseits der Beethovener und andererseits ihrer Opposition in Person der ursprünglichen Veranstalter des Musikfestest bezeichnet werden. Hiermit gelingt es Griepenkerl, ein Licht auf zu seiner Zeit herrschende, divergierende Meinungen zu werfen. Im Folgenden sollen daher die Diskussionen über Kunst, speziell Musik, über den Wandel der Kunst im Laufe der Zeit, über Beethoven und seine Sinfonien ausführlich besprochen werden.

[...]


[1] So etwa in Schmitt, Revolution im Konzertsaal oder in Eichhorn, Beethovens Neunte Symphonie

[2] Vgl. Levy, Griepenkerl: In seinem Aufsatz stellt Levy die unterschiedlichen Standpunkte der Beethovener dar und betrachtet diese als Spiegel der unterschiedlichen Strömungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. So vertritt Adalbert Levys Meinung nach einen sozio-politischen, Pfeiffer einen rein künstlerisch-philosophischen und der Vikarius einen theologischen und humoristischen Interpretationsansatz von Beethoven. Im Folgenden führt Levy diese These weiter aus, geht jedoch nicht, wie es in der vorliegenden Hausarbeit angestrebt wird, auf die Meinungen der Opposition ein. Damit stellt er nur die eine Seite der Situation im 19. Jahrhundert, wie Griepenkerl sie abbildet, dar.

[3] Griepenkerl, Musikfest, S. V/VI

Alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf die Primärliteratur.

[4] S. IX

[5] S. XI

[6] S. XIII

[7] S. XIII

[8] S. XV

[9] S. XV

[10] S. XIX

[11] S. XIX

[12] Vgl. S. XXII

[13] S. XXIII

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640614288
ISBN (Buch)
9783640614462
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150298
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Musikwissenschaftliches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Wolfgang Robert Griepenkerl Musikfest Beethovener Musik Kultur 19. Jahrhundert Beethoven Wiener Klassik Beethoven-Rezeption Romantik

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Titel: Wolfgang Robert Griepenkerl: 'Das Musikfest oder Die Beethovener' und die Kultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts