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Ein literaturpolitscher Kleinkrieg: Die Xenien von Schiller und Goethe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Xenien - Entstehungshintergrund, Motive und Intentionen

3. Der Xenienstreit - Ein literaturpolitischer Kleinkrieg?

4. Die Xenien - Literarische Geschosse im Kampf gegen Johann Friedrich Reichardt

5. „Die Gegner schießen zurück" - Zur Wirkung der Anti-Xenien

6. Nachwort

BIBLIOGRAPHIE

1. Vorwort

„Der Krieg ist zwangsläufig das obsessive Thema jener, die nach Frieden streben, so wie ein stabiler und vertretbarer Frieden das Ziel jedes Kriegers darstellt. Bei diesem Stand der Dinge fragte ich mich natürlich sofort, als ich hörte, dass Wolf Lepenies mit dem bedeutenden Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt werden soll, über den Frieden welches Krieges denn die Rede sei.“[1]

Mit diesen Worten eröffnete der rumänische Philosoph Andrei Plensu seine Laudatio anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, vergeben an Wolf Lepenies in der Frankfurter Paulskirche am 8. Oktober 2006.

Plesnu fragt in seiner Laudatio nach der Begründung eines „Friedenspreises“ und hebt dazu mit einer Sammlung kriegspolitischen Vokabulars an. Vom „Kampf“, vom „Krieg“ und seinen „Kriegern“, vom „Furor der Tat“ und vom „Front-Mensch“ ist die Rede.

Um kriegspolitisches Vokabular soll es auch in der vorliegenden Arbeit gehen, welche sich der Frage verpflichtet hat, inwiefern die von Schiller und Goethe verfassten Xenien aus der Perspektive eines literaturpolitischen Kleinkrieges analysiert werden können?

Wie Andrei Plesnu zeigen wollte, dass Wolf Lepenies für den Frieden als ein Krieger auftrat, so sollen auch die von Schiller und Goethe verfassten Xenien als im Medium des Krieges stehend gedeutet werden, obwohl die Dichter keine ernsthaften kriegerischen Absichten mit ihrem literarischen Projekt verfolgten.

Denn es ist eher kontraintuitiv zu glauben, dass Literatur, und dann auch noch ein gemeinschaftliches Werk der beiden wohl größten deutschen Dichter, in irgendeiner Form einen kriegerischen Anspruch haben könnte. Doch nimmt man zur Untersuchung der Xenien die parallel geführte Auseinandersetzung im umfangreichen Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe hinzu, so drängt sich eine solche Fragestellung gerade zu auf. Die Xenien, verstanden einerseits als Reaktion auf die an Schillers Horen geübte Kritik sowie andererseits als Antwort auf die in den Augen der Dichter in Schieflage geratene gegenwärtige literarische Situation, werden hier, im Briefwechsel, als Waffen konzipiert, die im „Kampf“ gegen jene Missstände ihren Dienst tun sollen.

Nach einer kurzen Darstellung zur Entstehung der Xenien, ihrer motivationalen Hintergründe sowie ihrer intentionalen Ausrichtung wird es darum gehen, den Gebrauch kriegerischen Vokabulars innerhalb des Briefwechsels und damit verbundene kriegsähnliche Strategien der beiden Dichter einmal genauer zu betrachten.

In einem nächsten Schritt steht dann die Analyse einiger ausgewählter Xenien gegen den Musiker Johann Friedrich Reichardt im Vordergrund. Es gilt dabei zu zeigen, dass die Xenien in ihrer literarischen Form des Distichons auch als Metaphern für waffenähnliche Konstrukte innerhalb eines literaturpolitischen Kleinkrieges verstanden werden können.

Ein Beleg dafür, dass die lyrische Form der Distichen tatsächlich mit Bedacht gewählt wurde, findet sich in der Xenie mit dem Titel: Das Mittel (Nr.176)[2],

Warum sprichst du uns das in Versen? Die Verse sind wirksam, Spricht man in Prosa zu euch, stopft ihr die Ohren euch zu.

Nach einer Analyse der Reichardtschen Xenien soll zum Abschluss noch ein kurzer Blick auf die Rezeption der Xenien und die durch jene „Kriegsgeschosse“ ausgelösten sog. „Anti-Xenien“ gerichtet werden. Denn es versteht sich von selbst, dass solch provokante Texte, wie die Xenien es waren, nicht ohne Folgen blieben und die Attackierten auf ihre Weise gewissermaßen „zurück geschossen haben.“

2. Die Xenien - Entstehungshintergrund, Motive und Intentionen

Bevor es darum gehen soll, den Entstehungshintergrund der Schiller-Goethischen Xenien zu betrachten sowie die mit der Xenienarbeit verbundenen Motive und Intentionen herauszuarbeiten, ist es lohnenswert zunächst einen kurzen Blick auf den Begriff „Xenie“ zu richten.

Der Begriff Xenie wurzelt etymologisch im griechischen Wort ,,to [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]“, was so viel bedeutet wie Gastgeschenk oder gastliche Bewirtung[3]. Beim alt-griechischen Wort Xenion handelt es sich grammatisch um ein sog. Pluraletantum, das heißt es existiert ausschließlich im Plural. Wenn wir in der Literaturwissenschaft von der Xenie oder den Xenien sprechen, benutzen wir dem Lateinischen Wort Xenium entlehnte Bezeichnungen und beschreiben damit zweizeilige Verseinheiten, die sich aus einem Hexameter und einem Pentameter zusammensetzen, sog. Distichen.[4]

Eine der ersten Formen literarischer Xenien finden sich im 13. Buch der Epigrammensammlung des römischen Dichters Martials aus dem 1. Jh. n. Chr.

In diesem Buch, das auch den Titel „Xenia" trägt, versammelt der Dichter Begleitverse zu Geschenken, die bei besonderen Festtagen an Bekannte verschickt werden konnten. Ein solches Fest war zu damaliger Zeit beispielsweise das der „Saturnalia", ein mehrtätiges karnevalsähnliches Freudenfest zu Ehren des Gottes Saturn.

Auch Goethe hatte diese Epigrammensammlung zur Kenntnis genommen und sie inspirierte ihn zu folgendem „Einfall". Am 23. Dezember 1795 schreibt er an Friedrich Schiller:

„Den Einfall auf alle Zeitschriften Epigramme, jedes in einem einzigen Disticho, zu machen, wie die Xenia des Martials sind, der mir dieser Tage gekommen ist, müssen wir kultivieren und eine solche Sammlung in Ihrem Musenalmanach des nächsten Jahres bringen."[5]

Wollte Goethe also seinen literarischen Kollegen eine Freude machen, indem er ihnen, orientiert am Muster des antiken Vorbilds, nette, wohlmeinende und zur Erbauung dienende Zweizeiler widmete? Gewiss nicht. Was hier im Brief vom 23. Dezember en passant ins Spiel gebracht wird, ist einem schon seit längerem verspürten Bedürfnis nach Revanche entsprungen.

Schiller und Goethe, so bezeugt es der rege Briefwechsel, standen schon seit einiger Zeit im Austausch darüber, was von wem und auf welche Weise auf den literarischen Markt gebracht wurde.

Anlass für eine intensive Diskussion zwischen Goethe und Schiller war der von Schiller so bezeichnete „Wolfische Ausfall".[6]

Der Altphilologe Friedrich August Wolf hatte am 24. Oktober 1795 im „Intelligenzblatt der ALZ" einen Auszug seiner bis dahin noch nicht veröffentlichten Schrift „Prolegomena ad Homerum" abdrucken lassen und diesem Auszug eine „Erklärung" zum Aufsatz Johann Gottlieb Herders: „Homer ein Günstling der Zeit" beigefügt, welcher kurz zuvor, im Septemberheft der Horen erschienen war.[7] Wolf wandte sich zum einen konkret gegen Herders Ausführungen, sah er durch dessen Publikation die eigene in ein schlechtes Licht gerückt, zum anderen gegen die Horen und deren Herausgeber. Franz Schwarzbauer schreibt dazu in seiner Studie: „Die Xenien. Studien zur Vorgeschichte der Weimarer Klassik", wie folgt:

„[E] r (Wolf) zielte auf die Redaktion der Horen, denn, so lautete er letztlich, „ein solcher Aufsatz hätte in einem Journal, das auf die Qualität seiner Beiträge achtet, niemals gedruckt werden dürfen."[8]

Es ist nicht verwunderlich, dass Schiller als Herausgeber der Horen, sich durch einen solchen Angriff zu einer Replik gerufen sah. Er musste insofern reagieren, als einerseits der Ruf seiner noch jungen Zeitschrift auf dem Spiel stand und es andererseits Herder zu schützen galt, der seinen Aufsatz, einer von Schiller eingeführten Regel für die Horen folgend, anonym veröffentlicht hatte. Schiller wandte sich daraufhin sowohl an Herder als auch an dessen Freund Goethe, um von diesem einen Rat einzuholen, wie er in der Angelegenheit Wolf zu verfahren habe.[9] Herder wies eine Replik seinerseits zurück und auch Humboldt riet Schiller, wenn, dann seitens der Horen zu reagieren. Er gab ihm zu bedenken, „das pro und contra des Inhalts so wenig als möglich" zu berühren, „desto mehr aber auf die totale Verschiedenheit des Ganges und Zweckes beider Stücke einzugehen."[10]

Goethes Rat war noch ein anderer. Seiner Meinung nach, sollte Schiller die Wolfsche Kritik an den Horen zum Anlass nehmen, sämtliche Kritik gegen seine Zeitschrift zu sammeln, um dann „am Schluß des Jahrs darüber ein kurzes Gericht"[11] zu halten. Was Goethe in seinem Brief vom 28. Oktober 1795 als „kurzes Gericht" bezeichnet, kann als ein erster Vorentwurf der späteren Xenien verstanden werden. Bereits wenige Wochen zuvor, am 16. September, schrieb Goethe an Schiller:

„ [...] zu überlegen wäre, ob man nicht vor Ende des Jahres sich über einiges erklärte und unter die Autoren und Rezensenten Hoffnung und Furcht verbreite."[12]

So ist es verständlich, dass Schillers Reaktion auf Goethes Xenienvorschlag vom 23. Dezember von großer Begeisterung zeugte. Die verschiedenen Andeutungen gegen die literarischen Rivalen und vor allem die Horenkritiker vorzugehen, fanden mit den Xenien in den Augen Schillers eine gelungene Umsetzung. Am 29. Dezember schrieb er an Goethe:

„Der Gedanke mit den Xenien ist prächtig und muß ausgeführt werden. [...] Ich denke aber, wenn wir das hundert voll machen wollen, werden wir auch über einzelne Werke herfallen müssen."[13]

Schon hier zeichnet sich deutlich Schillers große Motivation für das Vorhaben ab. Er ist sehr optimistisch und freut sich auf die erste gemeinsame Schaffensperiode an den Xenien, Goethe wird im neuen Jahr für knapp drei Wochen in Jena zu Besuch sein, so dass er gleich ein Programm für die kommenden Wochen ausruft: „Nulla dies sine Epigrammate".[14]

Anders als Goethe war Schiller an einer breiteren Anlage des Unternehmens interessiert. Nicht nur Zeitschriften sollten ins Visier genommen, sondern ganze „Sippschaften" wurden von Schiller in eine Liste potentieller „Opfer“ aufgenommen. Max Glaß nimmt in seiner Studie: „Klassische und romantische Satire" Bezug darauf und nennt sie eine „literarische Proskriptionsliste"[15].Unter den zu „Verbannenden" durften nicht fehlen, so Schiller, die „Stolbergische Sippschaft, Racknitz, Ramdohr, die metaphysische Welt, mit ihren Ichs und Nichtichs, Freund Nicolai [...] u. d. gl. [...]!"[16] Mehr zu den von Schiller und Goethe in den Xenien angegriffenen Personen folgt im nächsten Kapitel.

Mit Goethes Xenien-Einfall war endlich ein geeignetes Medium gefunden, um stil- und effektvoll sowohl die Kritiker als auch andere aus Sicht der Dichter unzureichende Kollegen adressieren zu können. Endlich war einerseits ein Weg eingeschlagen, auf dem es möglich war, Spott zu üben an der Mittelmäßigkeit gegenwärtiger Autoren und ihrer Werke, andererseits bot sich so die Möglichkeit, wieder mehr Aufmerksamkeit auf die eigenen ästhetischen Grundsätze zu lenken und somit, wie es Peter Andre- Alt in seiner Schiller Biographie schreibt, „ [...] den künstlerischen Rang der eigenen Texte zum Maßstab der Bewertung anderer literarischer Arbeiten zu erheben."[17]

Ihre Intention war es also eine „ästhetische Opposition"[18] zu konstituieren, mit dem Effekt die literarischen Machtverhältnisse nachhaltig zu klären und auch zu sichern.

Wie sind Schiller und Goethe bei diesem komplexen Unternehmen aber nun konkret vorgegangen? Um diese Frage zu klären, soll abschließend einerseits ein kurzes Portrait der gemeinsamen Arbeit gezeichnet und andererseits die Publikation im „Musenalmanach auf das Jahr 1797" knapp umrissen werden.

Wie schon kurz erwähnt kommt es in den Wochen zwischen dem 03.01. und dem 17.01.1796 zu einer ersten gemeinsam Arbeit an den Xenien. Goethe hatte Schiller zuvor bereits einige seiner ersten Entwürfe, heute zählt man sie zu den sog. Ur- Xenien, zukommen lassen, wovon Schiller eine wie folgt kommentierte:

„Die Sie mir heute schicken (Goethe hatte ihm drei Tage zuvor ein Dutzend Xenien zukommen lassen) haben uns sehr ergötzt, besonders die Götter und Göttinnen darunter."[19]

Von Beginn der Xenien-Arbeit an stand fest, dass alle Distichen anonym bleiben sollen. Die Autoridentität sollte sozusagen hinter einem Autorkollektiv verschwinden. Goethe schrieb dazu am 26. Dezember 1795:

„Daß man uns in unseren Arbeiten verwechselt, ist mir sehr angenehm; es zeigt daß wir immer mehr die Manier los werden und ins allgemeine Gute übergehen."[20]

[...]


[1] Börsenblatt Friedenspreis vom 12. Oktober 2006. Hrsg. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. Franfurt am Main: MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH 2006 S.16

[2] Xenien. Xenien von Schiller und Goethe. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch 1986 S. 42 Anm. Die Nummerierungen der im Text zitierten Xenien beziehen sich auf eine Textgrundlage aus dem Internet, zu finden unter: http://www.digbib.org/Friedrich von Schiller 1759/Xenien

[3] Gemoll, Wilhelm. Griechisch- Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München: 1965 Oldenbourg S. 527

[4] Anm. Schiller hat später ein selbstreflexives Distichon verfasst, das oftmals im schulischen Kontext als Merkvers eingesetzt wird: Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab Vgl. Friedrich Schiller: Das Distichon, in: Werke. Nationalausgabe, hg. v. Julius Petersen u. a. Weimar 1943 ff., Band 2.1, S. 324

[5] Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794 bis 1805. (Im Folgenden abgekürzt: BW) Band I: Text. Hrsg. v. Manfred Beetz. München: Goldmann 2005 S.141

[6] Ebd. S. 121 (Brief vom 26. Oktober 1795)

[7] Vgl. Schwarzbauer, Franz. Die Xenien. Studien zur Vorgeschichte der Weimarer Klassik. Stuttgart, Weimar: Metzler 1992 S.169f

[8] Ebd. S. 170

[9] Vgl. BW. a. a. O. S.119 (aus Schillers Brief vom 24. Oktober 1795): „ [,..]ein höchst grober und beleidigender Ausfall Wolfs [...] auf den Herderschein Aufsatz im IX. Horenstückf...]. Ich finde es schlechterdings nötig, wie Sie auch finden werden, daß Herder irgendwo darauf repliziert. Sie werden aber finden, daß nicht wohl etwas anders geschehen kann, als den Philister zu persiflieren. “

[10] Humboldt an Schiller am 30. Oktober 1795; NA 35, S. 406 z. n. Schwarzbauer, Franz. a. a. O. S. 175

[11] BW. a. a. O. S.121 (Aus Goethes Brief vom 28. Oktober 1795)

[12] Ebd. S.110 (Aus Goethes Brief vom 16. September 1795)

[13] BW. a. a. O. S. 144

[14] Ebd. S. 145

[15] Glaß, Max. Klassische und romantische Satire [Anm. 57], .S. 4 z. n. Schwarzbauer, Franz. a. a. O. S. 201.

[16] BW. a. a. O. S. 144

[17] Alt, Peter- Andre. Schiller: Leben - Werk - Zeit. Bd. II München: Beck 2000 S. 341

[18] Zitat. Prof. Dr. Ernst Osterkamp. „Schiller-Goethe Briefwechsel“ - (Hauptseminar) SS 06 HU- Berlin

[19] BW. a. a. O. S. 144 (Schiller bezieht sich hier auf die Xenie Nr. 135 mit dem Titel: „Das Neueste aus Rom“)

[20] Ebd. S. 143

Details

Seiten
28
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640617227
ISBN (Buch)
9783640617340
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150249
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Neuere Deutsche Literatur
Note
2,0
Schlagworte
Schiller Goethe Xenien

Autor

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Titel: Ein literaturpolitscher Kleinkrieg: Die Xenien von Schiller und Goethe