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Mindestlöhne auch in Deutschland?

Die Anfänge und Erfahrungen mit dem gesetzlichen Mindestlohn in Großbritannien und USA

Hausarbeit 2010 24 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Mindestlohn
2.1. Gesetzlicher Mindestlohn
2.2. Tariflöhne

3. Der Mindestlohn in Großbritannien
3.1. Allgemeines/ Vorbemerkungen
3.2. Entstehung und Anfänge des Mindestlohnes
3.3. Rechtliche Grundlagen
3.4. Entwicklungen des Mindestlohnes
3.5. Die Low Pay Commission
3.6. Tax Credit und Auswirkungen auf die Beschäftigung

4. Der Mindestlohn in den USA
4.1. Allgemeines / Vorbemerkungen
4.2. Workfare-Konzept / Begriff der Working Poor
4.3. Entstehung und Entwicklung - Historische Fakten
4.4. Für wen gilt der Mindestlohn?
4.5. Auswirkung auf die Beschäftigung
4.6. Living Wage

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Deutschland gehört in der EU mit zu den wenigen Ländern neben Österreich, Zypern, Italien, Finnland, Schweden und Dänemark, die keinen gesetzlichen Mindestlohn haben und daher vor einer großen Herausforderung stehen. 20 Mitgliedsstaaten der EU wie Spanien, Portugal, Polen, Nieder­lande, Großbritannien[1] etc. haben bereits einen Mindestlohn festgelegt. Auch die USA schließt sich der Gruppe eines geregelten Mindestlohnes an. Jedoch schwankt die Höhe des Min­destlohnes zwi­schen den einzelnen Ländern erheblich.[2] Die Erfahrungen in Europa und auch den USA lassen in Deutschland positive Erwartungen und Hoffnungen einer Einführung eines Min­destlohnes auf­kommen.[3]

Viele Menschen in Deutschland können von ihrem Arbeitslohn allein häufig nicht den Lebensun­terhalt bestreiten und davon leben. „Der Lohn, das durch Erwerbstätigkeit erzielte Einkommen, muss jedem und jeder abhängig Beschäftigten eine eigenständige Existenzsicherung und ein Leben in Würde und Unabhängigkeit ermöglichen. Armut trotz Vollzeiterwerbstätigkeit ist beschämend und menschenunwürdig.“[4] Daher sprechen sich nicht nur zahlreiche Arbeitnehmer, sondern auch Arbeitgeber in der Gebäudereinigung, Zeitarbeit und Bauwirtschaft für Mindestlöhne aus. Das Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Gerhard Bosch und Frau Dr. Claudia Weinkopf stellte fest, dass „17% der Vollzeitbeschäf­tigten einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle“[5] erhalten. Studien und Erhebungen zeigten nachhaltig auf, dass der Mindestlohn zwar kein Allheilmittel ist, allerdings in einigen Ländern zumindest kleine Erfolge zu erkennen sind. Über die Frage, ob in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn einge­führt wer­den soll, wird aktuell heftig und kontrovers in der Gesellschaft disku­tiert. Gegner argumentieren, dass sich die Einführung eines Mindestlohnes negativ auf die Be­schäftigung auswirken könne, weil sich bspw. die Chancen für gering Qualifizierte auf eine Be­schäftigung ver­schlechtern können und eine Erhöhung der Jobkosten zur Folge habe. Dies führe dazu, dass Arbeitsplätze abgebaut und nicht geschaffen werden.[6] Die Befürchtun­gen von Experten, dass die Einführung zu Arbeitsplatzver­lusten führen könne, bewies bspw. in Großbritannien - Hier ging die Arbeitslosigkeit um 25% zurück - das Gegenteil. „Eindeu­tige Belege für negative Beschäf­tigungsef­fekte können aus den Studien nicht abgeleitet werden.“[7] Zudem argumentieren sie, dass ein Mindest­lohn nicht nur die Schwarzarbeit fördere, sondern Unter­nehmen gezwungen werden, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Des Weiteren halten sie fest, dass das Arbeitslosengeld II bereits so etwas wie ein Min­destlohn sei und Arbeitsverträge Angele­genheiten zwischen Arbeitge­ber und Arbeitnehmer seien.[8] Befürworter des Mindestlohnes entgeg­nen dem allerdings, dass trotz Lohnsenkungen die Arbeitslo­sigkeit in den letzten Jahren gestiegen sei. Nicht zuletzt erhalten die Menschen durch einen gere­gelten Lohn mehr Geld für ihren privaten Konsum, wodurch die Kon­sumnachfrage angekurbelt werden könne. Auf diese Weise können neue Arbeitsplätze geschaffen werden.[9] Ein Mindestlohn verhindere ein weiteres Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft. Des Wei­teren haben höhere Löhne höhere Steuereinnahmen zur Folge. Das be­deutet, dass der Staat durch Steuerein­nahmen mehr Geld in seine kulturellen und sozialen Aufga­ben (z.B. Umweltschutz, Bil­dung, Ver­kehr) investieren kann. Zudem schütze der Mindestlohn Un­ter­nehmen vor so genannter „Schmutz­konkurrenz“ und Lohndumping. Alle Unternehmen zahlen somit einen geregelten Lohn. Auf diese Weise werden „ruinöse Unterbietungswettläufe“ unterbun­den.[10]

Vor diesem Hintergrund möchte ich mich mit der Frage beschäftigen, unter welchen Voraussetzun­gen und damaligen Lebensbedingungen in Groß­britannien und den USA der gesetzliche Mindest­lohn eingeführt wurde. Dabei lege ich meinen Schwerpunkt auf die Geschichte der Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes, weil mir diese in diesem Zusammenhang besonders interessant scheint. Anhand dieser beiden Länder kann man gut den langen Prozess der Entstehung und Entwicklung des Mindestlohnes bis zur tat­sächlichen Einführung zurückverfolgen. Diese Betrachtungsweise zeigt die Bedeut­samkeit dieser doch sehr kontroversen Thematik, die auch schon auf damalige intensive Auseinan­dersetzungen in der Gesellschaft bezüglich dieses The­mas schließen lässt.

Beginnen möchte ich mit einer Definition des gesetzlichen und tariflichen Mindestlohnes. Im zweiten Kapitel folgt meine Betrachtung der gesetzlichen Mindestlohnregelungen in Großbri­tan­nien, dem so genannten National Minimum Wage (NMW). Nach einer kurzen Vorbemerkung er­läutere ich die Geschichte des NMW und zeige erste Ansätze und Kampagnen auf. Anschließend beleuchte ich diesbezüglich den Mindestlohn im Allgemeinen. Dazu zählen die rechtlichen Grund­lagen und die Entwicklung des Mindestlohnes im Laufe der Jahre seit der Einführung. Anschlie­ßend scheint die nähere Auseinandersetzung mit der Low Pay Commission, einer Institution, die eine wichtige Rolle für die Funktion des NMW einnimmt, sinnvoll. Zuletzt setze ich mich mit dem Tax Credit auseinander, einer negativen Einkommenssteuer, die mit dem NMW eingeführt wurde und der Erläuterung einiger positiver Auswirkungen des NMW auf die Beschäftigung. Im vierten Kapitel behandle ich die gesetzlichen Mindestlohnregelungen in den USA. Zuerst veranschauliche ich die USA als Sozialstaat im Allgemeinen. In diesem Zusammenhang folgt die Vorstellung des Workfare-Konzeptes und dessen Effekte auf die in den USA wachsende Gruppe der Working Poor. Anschließend befasse ich mich mit der historischen Entstehung und Entwicklung des Mindestloh­nes sowie einer Betrachtung des Mindestlohnes überhaupt, u.a. für wen der Mindestlohn gilt und welche Auswirkungen er auf die Beschäf­tigung hat. Zuletzt erläutere ich den Living Wage, eine weitere Maß­nahme neben dem gesetzlich Mindestlohn, der ebenfalls zu einer Verbesserung der Einkommenssi­tuation hilfebe­dürftiger und einkommensschwacher Menschen beitragen soll. In einem abschließen­den Fazit fasse ich noch einmal alle bedeutenden Ergebnisse zusammen. Zudem erläutere ich noch in einem Abschnitt, was Deutschland von den Erfahrungen in Großbritan­nien und USA bezüglich des Min­destlohnes lernen kann und runde somit meine Gesamtbetrachtung ab.

2. Definition Mindestlohn

2.1. Gesetzlicher Mindestlohn

Ein gesetzlicher Mindestlohn setzt eine Untergrenze fest, die kein Lohn unterschreiten darf. „Er ist das Mindest-Entgelt für geleistete Arbeit.“[11] Der Mindestlohn hilft einkommensschwachen Men­schen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auf diesem Weg wird verhindert, dass Menschen zu niedrigen Hungerlöhnen arbeiten müssen und trotz alledem ihre Existenz nicht sichern können. In Deutschland arbeiten 36% der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnsektor: „24% bekommen pre­käre Löhne und 12% erhalten gar Armutslöhne. Prekäre Löhne bedeuten weniger als 2.163 Euro monatlicher Bruttolohn (Vollzeit), was 75% des Durchschnittlohns entspricht. Von Armutslöhnen spricht man, wenn ein Mensch weniger als 50% des Durchschnittlohns verdient. Das sind derzeit 1.470 Euro brutto im Monat für eine Vollzeitarbeit.“[12]

2.2. Tariflöhne

„Der Tariflohn ist ein Mindestlohn, der in individuellen Verträgen über-, nicht aber unterschritten werden darf. Er wird regelmäßig als Zeitlohn vereinbart; häufig ermöglicht der Tarifvertrag aber auch eine Leistungsentlohnung.“[13] Das bedeutet, dass Tariflöhne Mindestlöhne sind, die in bestimm­ten Berufszweigen ausgezahlt werden. Somit ist jeder Arbeitgeber verpflichtet, einen Tariflohn in der jeweiligen Branche zu zahlen, dieser jedoch auch überschritten werden kann. Der Tariflohn ist das Arbeitsentgelt des Arbeitnehmers, das im Tarifvertrag geregelt ist. Allerdings kann jede Branche auch ihren eigenen Mindestlohn haben. Das heißt, dass die Höhe des Mindestlohnes sich an der zu verrichteten Arbeit und der Größe und Macht des Unternehmens orientiert.[14]

3. Der Mindestlohn in Großbritannien

3.1. Allgemeines/ Vorbemerkungen

„Die Einführung des NMW wird heute in Großbritannien als ein Erfolg angesehen und findet breite Unterstützung bei Arbeitgebern, Gewerkschaften und in allen politischen Parteien.“[15] Der gesetzli­che Mindestlohn National Minimum Wage (NMW) in Großbritannien kann als eine Art „Vorreiter“ in diesem Bereich gesehen werden. Ausschlaggebend war die Labour-Regierung unter Premier-minister Tony Blair im Jahre 1999. Die Einführung kann als eine damalige Reaktion „auf eine sich zum Teil dramatisch verändernde soziale und tarifpolitische Landschaft“[16] verstanden werden.

3.2. Entstehung und Anfänge des Mindestlohnes

Bereits in frühen Jahren setzte man sich mit der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes in Großbritannien auseinander. Dieser sollte anfangs gerade in schwach organisierten Branchen zum Tragen kommen. Aus diesem Grund wurden im Jahre 1909 sogenannte Wage Boards ins Leben gerufen, die für einen geregelten Arbeitslohn in einkommensschwachen Branchen zuständig wa­ren.[17] „1945 wurden diese Boards durch die sogenannten Wages Councils (Lohnausschüsse) ersetzt. Diese bestanden aus einer gleichen Zahl von Arbeitgebern – bzw. Gewerkschaftsvertretern sowie einigen >unabhängigen< Personen.“[18] Diese Lohnausschüsse zeigten sich bis etwa zu den 80er Jah­ren als erfolgreich. Anschließend verloren sie zunehmend an Bedeutung. Ein Grund dafür war u.a., weil die vorgesehenen Lohnempfänger nicht in das festgesetzte Muster hineinpassten.[19] Gewis­sermaßen „[…] blieben die meisten Niedriglohnempfänger im Rahmen dieses Systems unberück­sichtigt, weil sie nicht in den Branchen arbeiteten, die üblicherweise an die Lohnsätze gebunden waren. 1993 wurden die Lohnausschüsse in allen Sektoren mit Ausnahme der Landwirtschaft – zum Teil gegen den Widerstand einiger sektoraler Arbeitgeberverbände – abgeschafft.“[20] Als die Lohnaus­schüsse nicht mehr existierten, kam erneut das Interesse für einen nationalen Mindest­lohn in der Gesell­schaft auf. Sogar einige Gewerkschaften konnten sich für einen neuen Ansatz im Niedriglohnbe­reich begeistern. Zudem bekam der Mindestlohn durch den Rückgang der Tarif-bindung zusätzliche Aufmerksamkeit. „Der Rückgang der Tarifbindung war ein entscheidender Faktor für die Einsicht seitens der Gewerkschaften, dass gesetzliche Eingriffe notwendig sind.“[21] Prinzipiell waren der Ansatz und die Idee einer Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes bereits in frühen Jahren vorhanden, allerdings zeigte sich die tatsächliche Umsetzung und Ausführung als sehr kom­pliziert, problematisch und mühsam.[22] Die Labour-Regierung zeigte Mitte der 60er bis Anfang der 70er Jahre die Intention, einen gesetzlichen Mindestlohn einzuführen. Dieser Entschluss scheiterte jedoch schließ­lich aus Kostengründen. In dieser Zeit setzten sich viele Arbeitnehmer durch verschiedene Kam­pagnen, die von Beschäftigten des öffentlichen Sektors ins Leben gerufen wurden, gegen Nied­rig­löhne ein.[23] Im Laufe der Kampagnen erzielten die Gewerkschaften eine höhere Bedeutung, was ausgesprochen erstaunlich war, da „die meisten Niedriglohnempfänger […] in der Privatwirtschaft beschäftigt und nur weniger […] gewerk-schaftlich organisiert“ waren.[24] Auch im öffentlichen Gesund­heitssektor und privaten Pflegesektor gab es vermehrt Niedriglohnbezieher. Daher standen einige Gewerkschaften in diesem Sektor der Einführung eines Mindestlohnes nicht ganz ablehnend gegenüber, weil sie auch zukünftig das Interesse neuer Mitglieder wecken wollten und eine zustim­mende Haltung vorteilhaft sein konnte. „In den 1970er Jahren schlug die wichtigste Gewerkschaft des öffentlichen Sektors (NUPE) der Labour-Partei vor, entweder einen gesetzlichen Mindestlohn oder einen zwischen dem Gewerk-schaftsdachverband TUC (Trade Union Congress), dem wich­tigsten Arbeitgeberverband CBI (Confederation of British Industry) und der Regierung auszuhan­delnden nationalen Mindestlohn zu fordern. Diese Vorschläge wurden mit der Begründung abge­lehnt, ein Eingreifen des Staates sei inakzeptabel.“[25] In dieser öffentlichen Diskussion zeigte sich gerade bei den Gewerkschaften eine große Meinungsverschiedenheit. So hatte bspw. der TGWU (Transport and General Workers Union) dem Mindestlohn eine sehr ablehnende Haltung gegenüber, weil sie nicht nur einen Rückgang neuer Gewerkschaftsbeitritte befürchteten, sondern auch eine Schwächung der Tarif-autonomie annahmen. Andere Gewerkschaften, in denen es Nied­riglohnbe­zieher gab, vertraten eine nicht ganz so große Ablehnung. Im Laufe dieser Zeit wurden immer mehr Arbeitnehmer aktiv, um eine Voranschreitung der Einführung eines gesetzlichen Min­destlohnes zu unterstützen, in dem sie z.B. immer mehr Organisationen zur Armutsbekämpfung sowie Kinder­schutzorganisationen (besonders die Low Pay Unit (LPU)) gründeten. Dieses Enga­gement und der Einsatz der Organisationen diesbezüglich bewirkten, „[…] dass der nationale Min­destlohn von den politischen Parteien und weiten Teilen der Öffentlichkeit akzeptiert wurde, bevor er zur offiziellen Politik des Gewerkschaftsdachverbandes TUC wurde.“[26] Auch der Umschwung und die Neuerun­gen in der Politik der damaligen Regierung unter Margaret Thatcher regten eine Verhaltensände­rung aller Beteiligten an, vor allem aber bei Gewerkschaften, die seit Anfang der 80er Jahre mit rückläufigen Mitgliedszahlen zu kämpfen hatten. Die nun erneut sinkende Tarifbin­dung bewirkte, dass immer mehr Gewerkschaften (auch im privaten Sektor) ihre ablehnende Hal­tung und Einstel­lung zum Mindestlohn änderten. Diese Veränderungen bezüglich der Einstellungen führten zu einem positiven Ereignis: „Auf seinem Jahreskongress im September 1986 sprach sich der TUC für die Unterstützung des Prinzips eines nationalen Mindestlohnes aus – ein Schritt, der als ein histori­scher Wandel in der Gewerkschaftspolitik des Vereinten Königreiches betrachtet wurde.“[27] Ende der 80er erfolgte dann endlich die Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes: „Die Labour-Partei befür-wortete […] einen nationalen Mindestlohn in Höhe von 50 % des Medianlohnes der Männer und stellte eine Anhebung auf zwei Drittel in Aussicht […].“[28] Gegner argumentierten, dass durch den Mindestlohn nun ein Beschäftigungsverlust auftreten würde. Obwohl man diesen Einwurf für unwahrscheinlich hielt, entstanden auch erste Zweifel seitens der Labour-Regierung bezüglich einer solchen Auswirkung auf die Beschäftigungsquote. Aus diesem Grund übernahm der neue Labour-Vorsitzende Tony Blair die Führung und schlug einen neuen Weg ein: „Er ging dazu über, vor Par­lamentswahlen keine Zahlen mehr zu nennen und schuf eine Kommission, deren Aufgabe es war, Empfehlungen für einen Mindestlohnsatz vorzulegen, während die endgültige Entscheidung bezüg­lich der Höhe des Mindestlohnes der Politik überlassen bleiben sollte.“[29] Auf dieser Grundlage erlangte die Labour-Partei[30] zwar nicht die Fürsprache aller Gewerk­schaften, aber die des Gewerk­schaftsdachverbandes TUC, das für das weitere Vorgehen vorteilhaft sein konnte. Auch der Indust­rieverband CBI befürwortete erstaunlicherweise den Ansatz, obwohl er vorher eine sehr ablehnende Haltung gegenüber dem Mindestlohn gezeigt hatte. „Zum Teil war dies auf die Anerkennung des überwältigenden Wahlsieges der Labour-Partei im Jahr 1997 und auf das veränderte politische Klima zurückzuführen.“[31] Ein weiterer Grund für die Zustimmung des Industrie­verbandes schien in der Art und Weise der Einführung des Mindestlohnes zu liegen. Mit der Gründung der Low Pay Commission „[…] wurden auch die Arbeitgeber an dem Prozess zur Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes beteiligt.“[32] Diese Tatsache wird häufig als möglicher Erfolgsgrund für die Etablie­rung des Mindestlohnes in Großbritannien gese­hen, da die Transparenz der Intention von Anfang an gegeben war und sich somit niemand über­gangen fühlen konnte.

3.3. Rechtliche Grundlagen

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wer einen Anspruch auf den gesetzlichen Mindest­lohn hat. „Einen Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn (NMW) haben alle Arbeitnehmer, d.h. Personen mit einem Arbeitsvertrag sowie alle Personen, die gemäß eines beliebigen anderen (aus­drücklichen oder stillschweigenden) Vertrages persönlich Arbeiten für eine andere Partei durchfüh­ren.“[33] Damit die Einhaltung der geregelten Lohnsätze kontrolliert werden konnten, wurden gesetzli­che Regelungen festgesetzt. Die Low Pay Commission (LPC) ist eine ungebundene Institu­tion in Großbritannien, die die Entwicklung des NMW und seine Auswirkun­gen verfolgt und auf dieser Grundlage die Regierung bei der Höhe des gesetzlichen Mindestlohnes berät und Vorschläge zur weiteren Entwicklung abgibt. „Die Durchsetzung und Einhaltung des Mindestlohnes werden durch das Zusammenwirken von institutioneller Aufsicht, rechtlichen Sank­tionen und Öffentlich­keitsarbeit seitens der Regierung gewährleistet. Die Low Pay Commission vertritt die Position, dass der Mindestlohn self-enforcing (>selbst durchsetzend<) sein soll.“[34] Der NMW beinhaltet einen Lohnsatz, der in allen Gebieten des Landes einheitlich war, unabhängig von den dort vorherrschen­den und unterschiedlichen Lebenserhaltungskosten. Allerdings werden in bestimmten Beschäfti­gungssektoren noch sogenannte Ortszuschläge gewährt, falls sich bspw. der Arbeitsplatz in der Innenstadt Londons befindet. Auf diese Weise kann auch dieser kleinen „Unge­rechtigkeit“ entgegen gewirkt und diese zumindest teilweise wieder ausgeglichen werden.[35] Im Jahre 2005 gab es drei NMW- Sätze:

- „ ein Mindeststundenlohnsatz für Erwachsene, auf den alle Arbeitnehmer einen Anspruch haben, sobald sie ihr 22. Lebensjahr vollendet haben, es sei denn, sie befinden sich in einer aner­kannten Ausbildung; seit dem 1.10.2005 liegt dieser Lohnsatz bei £ 5.05 (€ 7.50) […]“;
- „ ein Einstiegssatz, der allen Arbeitnehmern zwischen 18 und 21 Jahren (einschließlich) zusteht sowie allen Arbeitnehmern ab 22 Jahren, die eine neue Tätigkeit bei einem neuen Arbeitgeber aufnehmen und eine anerkannte Ausbildung abgeschlossen haben: seit dem 1.10.2005 beträgt dieser Stundenlohnsatz £ 4.25 (€ 6.30)“;
- „ ein Jugendlohnsatz für 16-17jährige: dieser Satz beträgt seit Oktober 2005 £ 3.00 (€4.40) […]“[36].

Der Mindestlohn und seine Regelungen sollten für jeden Bürger zugänglich sein, damit jeder auch seine Rechte einklagen konnte. Jedoch machte diese Verbreitung im Jahre 2005 trotz Kampagnen nur langsame Fortschritte. Gerade die Zielgruppen wie Jugendliche und benachteiligte Minderhei­ten hatten häufig wenige oder auch keine Kenntnisse über den Stand der Regelungen. Zur Ausfüh­rung des Mindestlohnes in Großbritannien haben Arbeitnehmer folgende Möglichkei­ten:

- „das einklagbare Recht des Arbeitnehmers auf Akteneinsicht;
- Einsichtnahme durch die Steuer- und Zollbehörde (HM Revenue and Customs), die für die Durch­setzung der NMW-Vorschriften verantwortlich ist;
- Einreichen einer Klage vor einem Arbeitsgericht und/oder einem sonstigen Gericht mit dem Ziel, zu wenig gezahlte Löhne beim Arbeitgeber einzutreiben, wobei der/die Arbeit­nehmer/in gegen die Kündigung oder einen sonstigen Nachteil geschützt wird;
- sonstige Instrumente (wie die beim Arbeitgeber liegende Beweislast oder die Verpflichtung des Ministers zur öffentlichen Bekanntmachung des NMW).“[37]

[...]


[1] Vgl. Sterkel, Gabriele/Schulten, Thorsten/ Wiedemuth, Jörg: Mindestlöhne gegen Lohndumping, 2006, S.233

[2] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 4

[3] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 6, 8

[4] Vgl. Sterkel, Gabriele/Schulten, Thorsten/ Wiedemuth, Jörg: Mindestlöhne gegen Lohndumping, 2006, S.13

[5] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 4

[6] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 48-49

[7] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 4

[8] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 48-49

[9] Vgl. Sterkel, Gabriele/ Schulten, Thorsten/ Wiedemuth, Jörg: Mindestlöhne gegen Lohndumping, 2006, S.23

[10] Siehe: http://www.red-file.de/texte/wasg/mindestlohn2.pdf - download am 17.03.2010; S.1

[11] Siehe: http://www.red-file.de/texte/wasg/mindestlohn2.pdf - download am 17.03.2010; S.1

[12] Siehe: http://www.red-file.de/texte/wasg/mindestlohn2.pdf - download am 17.03.2010; S.1

[13] Siehe: http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/tariflohn/tariflohn.htm - download am 17.03.2010

[14] Siehe: http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/tariflohn/tariflohn.htm - download am 17.03.2010

[15] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.31

[16] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.31

[17] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 30

[18] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.32

[19] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 30-32

[20] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.33

[21] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.34

[22] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 30-32

[23] Vgl. Sterkel, Gabriele/ Schulten, Thorsten/ Wiedemuth, Jörg: Mindestlöhne gegen Lohndumping, 2006, S.246-249

[24] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.35

[25] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.35

[26] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.36

[27] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.36

[28] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.37

[29] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.37

[30] Vgl. Bosch, Gerhard und Weinkopf, Claudia: Gesetzliche Mindestlöhne auch in Deutschland?, 2006, S. 30-31

[31] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.37

[32] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.37

[33] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.37

[34] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.40

[35] Vgl. Sterkel, Gabriele/ Schulten, Thorsten/ Wiedemuth, Jörg: Mindestlöhne gegen Lohndumping, 2006, S.243-244

[36] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.38

[37] Vgl. Burgess: Gesetzliche Mindestlöhne in Großbritannien, 2006, S.41

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640613168
ISBN (Buch)
9783640613281
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150222
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Soziologie
Note
1,4
Schlagworte
Mindestlöhne Deutschland Anfänge Erfahrungen Mindestlohn Großbritannien

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