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Empathie und Enkulturation in Evan Thopmsons „Mind in Life“

Seminararbeit 2008 26 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Intentionality and Open Intersubjectivity

3 The Phenomenological Concept of Empathy

4 Die vier Hauptaspekte der Empathie
4.1 Affective and Sensorimotor Coupling
4.2 Imaginary Transposition
4.3 Mutual Self and Other Understanding
4.4 Moral Perception

5 Enculturation

6 Schlussbetrachtungen

7 Bibliographie

1 Einleitung

Grundlage für die vorliegende Arbeit bildet die PublikationMind in Life – Biology, Phenomenology, and the Sciences of Mind[1]des kanadischen Professors der Philosophie Evan Thompson (*1962), namentlich Kapitel 13,Empathy and Enculturation.

‚Empathy’, welche Thompson als „central feature of the human experience“[2]beschreibt, ist eine spätere englische Übersetzung des deutschen Worts ‚Einfühlung’, begründet von Theodor Lipps (1851-1914). Sie bezeichnet die „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellung anderer Menschen einzufühlen“[3]oder – mit Thompsons Worten – „the mental capacity, involving cognition and emotion, to understand another person’s perpective, another person’s thoughts and feelings.”[4]Ausschlaggebend ist also das Vermögen einen Menschen von außen zu erfassen und sich in ihn einzufühlen, ohne dabei aber seine eigenen Grenzen zu überscheiten: Gefühle werden nachvollzogen und eingesehen, aber nicht unbedingt geteilt. „Die Identifikation mit einem anderen und die Sorge um ihn, ohne die eigene Identität aufzugeben, ist der springende Punkt bei menschlichem Mitgefühl“, erörtert der Verhaltensforscher Frans De Waal (*1948) in diesem Zusammenhang. Dies setze eine „gewisse kognitive Fähigkeiten voraus, deren wichtigste ein gut entwickelter Sinn für das Ich und die Fähigkeit zur Übernahme der Perspektive eines anderen sind.“[5]De Waal, dessen Arbeit im vorliegenden Text (ebenfalls) eine tragende Rolle spielt, widmet sich der Frage, ob Tiere, insbesondere Primaten, ebenso wie der Mensch zur Empathie befähigt sind: „Kritiker sagen, es gäbe keine Möglichkeit zu erkennen, was im Kopf eines Tieres vor sich geht,“[6]erläutert er; Ethologen jedoch versuchen, genau solche mentalen Prozesse bei ihnen zu rekonstruieren.

Im Folgenden sollen nicht nur die Verhaltensforschung[7], sondern auch die Entwicklungspsychologie[8]und die Phänomenologie nach Edmund Husserl (1859-1938)[9]ihren Beitrag leisten, zwei Erscheinungsformen der Empathie näher zu beleuchten: Erstens die Tatsache, dass das Bewusstsein einer Person ein gewisses Maß empathischen Verhaltens voraussetzt, und zweitens, dass menschliches Bewusstsein aus Entwicklungsprozessen von Enkulturation entsteht. Letzteres ist der Grund, warum menschliche Subjektivität, also die individuelle Wahrnehmung eines Individuums, von Anbeginn Intersubjektivität ist oder wie Thompson sagt: „No mind is an island.“[10]

Ausgangspunkt für spätere Untersuchungen ist die Appräsentation nach Husserl, welche überleitet zur Intentionalität des Bewusstseins[11]. Des Weiteren soll die Beziehung zwischen Wahrnehmung beziehungsweise Erinnerung und Empathie untersucht werden, um schließlich die vier Hauptaspekte der Einfühlung vorzustellen, welche als Gliederung der vorliegenden Studien Verwendung finden sollen. Abschließendes Thema bildet die Enkulturation oder kulturelle Sozialisation, die im letzten Kapitel erörtert werden wird.

Durch die Betrachtung der Erkenntnisse verschiedener Wissenschaftszweige soll gezeigt werden, dass Empathie kein Alles-oder-Nichts- Phänomen darstellt, dass sie, wie alle Empfindung, Prinzipien vorangeht, nicht ihnen folgt und individuelle Subjektivität von Anbeginn Intersubjektivität ist.

2 Intentionality and Open Intersubjectivity

Zu Beginn seiner Arbeit stellt Thompson eine These Edmund Husserls vor: Das menschliche Bewusstsein sei nicht in sich geschlossen, sondern vielmehr offen in Erwartung auf bevorstehende Begegnungen mit anderen – „Intentionality of conciousness is „intersubjectively open““.[13][12]

Unter Intentionalität versteht man bei Husserl die Gerichtetheit des Bewusstseins auf einen Gegenstand. Bewusstsein ist demnach immer ein Bewusstsein von etwas. An anderer Stelle[14]erklärt sich Thompson selbst: - „I use the term “intentional” here in its Husserlian sense of mental directedness toward an object or openness to what is other.”[15]Beeinflusst wurde Edmund Husserl hier von seinem Lehrer Franz Brentano (1838-1917), welcher bereits der Auffassung war, dass psychische Erscheinungen im Gegensatz zu physischen stets intentional, also mit einer Absicht verbunden und auf etwas gerichtet seien. Intentionalität im weitesten phänomenlogischen Sinne bedeute also Offenheit einer Welt gegenüber, die sich uns als intersubjektiv[16]zugänglich zeigt.

Auf der einen Seite seien nun die Dinge, welchen wir in unserem täglichen Handeln begegneten, vor allem kulturelle Artifakte[17], und nicht nur gleichgültige, indifferente materielle Gegenstände; auf der anderen Seite erschienen uns sogar Objekte der bloßen Wahrnehmung als durch andere mögliche Subjekte wahrnehmbar. Dieser Gedanke soll verfolgt werden.

Wenn ein Gegenstand wahrgenommen wird, sehen wir von ihm nur die uns zugewandte Seite, wissen aber dennoch, dass auch die uns verborgenen Seiten desselben existieren: „We have a distinctly perceptual sense if their presence“[18].

Husserl prägte hier den Begriff der Appräsentation, welchen Thompson als „presence of something not directly given on the basis of something that is directly given“[19], Peter Prechtl distinguierter als „horizonthafte Verweisung über das gegenwärtig Präsente hinaus“[20]beschreibt. Gemeint ist ein Modus des ‚als-ob’: Man vergegenwärtigt sich die abgewandte Seite, ‚als ob’ man sie eigentlich erfahren würde. Husserl spricht in diesem Zusammenhang von einer „Quasi-Erfahrung“. Sie ist die Grundlage für alles Einfühlungsvermögen und alle Fremderfahrung.[21]Diese Beziehung zwischen Gegebenem und Nicht-Gegebenem[22]ist schon lange Thema der phänomenologischen Philosophie.

Die Bedeutung der Intersubjektivität nun kommt zum Ausdruck, wenn Husserl fragt, ob die Beziehung zwischen Präsentem und Absentem in der Erfahrung erklärt werden kann, ohne dabei auf ein anderes Bewusstsein als unser eigenes zu verweisen und eben diese Frage verneinen muss. Wir verstehen die absenten Seiten als objektive Korrelate der möglichen Erscheinung anderer Subjekte. Ist es nicht nötig, auf andere wahrnehmbare Subjekte als auf mein eigenes zu verweisen, wenn ich den Inhalt meiner Wahrnehmung charakterisiere, dann müssen die verborgenen Seiten eines Gegenstandes als Korrelate nur meiner Wahrnehmung appräsentiert werden.

Hierbei gibt es zwei Alternativen:Entwederist die verborgene Seite meiner vergangenen oder zukünftigen Wahrnehmung präsent;oderdie verborgene Seite wäre mir gegeben, wenn ich den Gegenstand aus einer anderen Perspektive beobachten würde. Beide Vorschläge indessen scheinen nicht zufrieden stellend zu sein.

Der erste Vorschlag genügt diesen Anforderungen nicht, weil ich die mir zugewandte Seite nicht als präsent erfahre mit der Beziehung zu einer vergangenen oder zukünftigen Seite. Vielmehr erfahre ich sie als mir präsent mit Beziehung zu den anderen ebenfalls in der Gegenwart existierenden aber von mir abgewandten Seiten. „Die anwesende Vorderseite ist nicht eine Vorderseite im Hinblick auf eine vergangene oder zukünftige Rückseite“, führt Zahavi in diesem Zusammenhang aus, „sondern ist gerade als Vorderseite durch ihre Beziehung auf eine ko-existente Rückseite determiniert. So liegt es im Sinne des Gegenstandes selbst, daß er in jedem Augenblick eine Mannigfaltigkeit von wirklich ko-existierenden Abschattungen besitzt. Jede Appräsentation macht, wie Husserl selbst sagt, eben etwasmitgegenwärtig[…]“[23]

Der zweite Vorschlag ist unbefriedigend, weil er aus meiner Erfahrung ein Gemisch aus tatsächlichen beziehungsweise wirklichen und unwirklichen Seiten macht. Er zerstöre, so Zahavi, „die Homogenität des Wahrnehmungsobjekts“.[24]

Meine Erfahrung muss stets eine Einheit aus tatsächlichen Seiten – einige sichtbar, andere nicht – vorstellen!

Die Lösung dieses Dilemmas muss also darin liegen, die verborgenen Seiten des Gegenstands als Korrelate der möglichen Wahrnehmung anderer Subjekte, welche den Gegenstand zur gleichen Zeit mit mir aus anderen Perspektiven beobachten, zu verstehen. Auch Zahavi ist dieser Auffassung; des Weiteren macht er noch einmal eindrücklich, warum beide oben genannten Alternativen als unzureichend zu betrachten sind: „Es steht fest, daß die abwesenden, aber mitgemeinten Aspekte als Korrelate möglicher Wahrnehmungen verstanden werden müssen. Die möglichen Wahrnehmungen müssen aber mit meiner eigenen aktuellen Wahrnehmung kompatibel sein, denn sie müssen gleichzeitig mit ihr aktualisierbar sein; meine horizonthafte Appräsentation der abwesenden, aber mitgemeinten Aspekte des Dinges soll eben deren Charakter alsaktuelle ko-existierende Aspekteerhalten. Gerade diese Kompatibilität fehlt jedoch sowohl meinen fiktiven als meinen vergangenen oder zukünftigen Wahrnehmungen. Eben deshalb kann die anwesende Abschattung unmöglich mit meiner möglichen Wahrnehmung korrelieren.“[25]Für diese ‚mögliche Wahrnehmung’ müssen keineswegs andere Subjekte präsent oder überhaupt existent sein, wie Thompson deutlich macht: „As Husserl says, I might be the last survivor of a universal plague“![26]

Es geht darum das eigene Bewusstsein der Dinge in einer solchen Weise zu transzendieren, dass ihre Präsenz als für andere Subjekte wahrnehmbar vorausgesetzt werden kann. „Die Erscheinung des Anderen, die ich in der Fremderfahrung vergegenwärtige, ist als gegenwärtige, nicht als hypothetische, sondern als wirkliche Wahrnehmungserscheinung gesetzt“, erklärt Zahavi, weist aber nochmals darauf hin, dass in jedem Falle fremde Subjektivität ins Spiel kommt und es sich hierbei um eine Erscheinung handelt, „die ich nicht habe, sondern die der Andere hat. Ich könnte sie nur haben, wenn ich jetzt dort wäre.“[27]

So ist also das Bewusstsein intersubjektiv offen. Abgesehen von dieser offenen Intersubjektivität gibt es in Husserls Analyse zwei weitere Arten der Intersubjektivität, welche Thompson im vorliegenden Text vorstellt.[28]

Zum Einen ist von der körperlichen Präsenz eines Gegenübers, vom so genannten„face-to-face experience“, (S.385) zum Anderen von dergenerativen Intersubjektivitätüberlieferter Normen, Konventionen und historischer Traditionen die Rede. Beide Typen von Intersubjektivität sollen im Folgenden näher untersucht, letzterer gegen Ende der vorliegenden Arbeit.

Man könnte annehmen, dass die Fähigkeit andere Menschen wahrzunehmen, als Grundlage für jegliche Form von Intersubjektivität des Bewusstseins dient. Thompson aber sieht das anders: Für ihn muss die intersubjektive Offenheit des Bewusstseins bereits im Spiel sein, wenn jemand einen anderen wahrnimmt.[29]Die tatsächliche Erfahrung eines anderen körperlichen Subjekts basiert auf einer Offenheit a priori – „an a priori openness“[30]– für den anderen. Das heißt: Intersubjektivität ist von Anbeginn im Spiel! Im Folgenden soll das Erleben von Empathie eingehender untersucht werden:

[...]


[1]Thompson, Evan:Mind in Life – Biology, Phenomenology, and the Sciences of MindCambridge, Massachusetts/ London, England: Harvard University Press, 2007.

Im Folgenden nur unter Angabe der Seitenzahl(en)

[2]Thompson, Evan:Empathy and Human Experience. In:Science, Religion and the Human Experience. Hrag. Von James D. Proctor. New York: Oxford University Press, 2005. Ohne Seitenangabe

Im Folgenden abgekürzt mit ‘Human Experience’

[3]Duden, Fremdwörterbuch. Hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. Mannheim/ Wien/ Zürich: Dudenverlag, 1997

[4]De Waal, Frans/ Thompson, Evan:Primates, Monks and the Mind. The Case of Empathy. Interviewed by Jim Proctor. http://individual.utoronto.ca/evant/DeWaalThompson.pdf (am 15.12.2008). S.39

[5]De Waal, Frans:Der gute Affe. Der Ursprung von Recht und Unrecht bei Menschen und anderen Tieren. Wien: Carl Hanser Verlag, 1997. S.105

Im Folgenden abgekürzt mit ‚De Waal’

[6]De Waal, S.86

[7]Hier steht das Trostverhalten und das maßgeschneiderte Hilfe-Verhalten im Vordergrund

[8]Hier stehen die Fähigkeit zurjoint attentionund zurinfant imitationim Vordergrund, insbesondere unter Bezugnahme auf: Tomasello, Michael:The cultural origins of human cognition. Cambridge, Massachusetts/ Lodon, England: Harvard University Press, 1999

[9]Die Phänomenologie ist eine philosophische Strömung, die Husserl 1900/1901 mit seinenLogischen Untersuchungenbegründet. Der zweite Band dieses monumentalen Werks – dieUntersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis– stellt die Phänomenologie als philosophische Grundlagendisziplin vor. Es geht um die dynamische räumliche Transposition von Perspektiven als Mittel eines Austauschs mentaler Perspektiven (Ich versetze mich an Deine Stelle, Du Dich an meine). Husserl schließt damit eine Lücke der ideenphilosophischen Tradition: Die Vernachlässigung des Gebiets der Wahrnehmung gegenüber dem Gebiet des Denkens.

[10]S.383

[11]Die Intentionalität bezeichnet das Vermögen des Bewusstseins sich auf etwas zu beziehen, zum Beispiel auf Gegenstände, Vorgestelltes, Sachverhalte und Eigenschaften.

[12]Die folgenden Überschriften, welche zur Gliederung der Arbeit dienen, orientieren sich weitgehend an denjenigen, die Thompson im vorliegenden Text verwendet.

[13]S.383

[14]Human Experience, S.4

[15]ebd.

[16]Die Intersubjektivität des Bewusstseins bezeichnet Thompson als „vast and important theme“ (S.382). Ihre Lehren erklären die Inhalte eines einzelnen Bewusstseins aus den Inhalten aller anderen Bewusstseine. „Zur intersubjektiven Erfahrung entwickelt sich diese Beziehung zwischen mir und einem anderen Ego,“ erläutert Prechtl in diesem Zusammenhang, „indem ich dessen sachlich motivierten Erfahrungszusammenhänge mit- und nachvollziehe – und ebenso umgekehrt.“ (Prechtl, Peter:Husserl zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag, 1991. S.87)

[17]Vgl. Thompson, S.383: „cultural artifacts and equipment“

Gemeint sind hier vom Menschen erschaffene Gegenstände, welche Informationen über die Kultur ihres Schöpfers und derjenigen, welche sie verwenden/ verwendeten, preisgeben. Eine weitere mögliche Übersetzung wäre hier etwa „kunstgewerbliche Gegenstände“.

[18]S.383

[19]S.383

[20]Prechtl, S.86

[21]Vgl. Diemer, Alwin: Edmund Husserl. Versuch einer systematischen Darstellung seiner Phänomenologie. Meisenheim am Glan: Verlag Anton Hain, 1965. S.82f.

[22]Vgl. S.383: „relation between presence and absence“

[23]Zahavi, Dan:Husserl und die transzendentale Intersubjektivität. Eine Antwort auf die sprachpragmatische Kritik. Dordrecht/ Boston/ London: Kluwer Academic Publishers, 1996. S. 37

Im Folgenden abgekürzt mit ‚Zahavi’

[24]Zahavi, S.37

[25]Ebd., S.38

[26]S.384f.

[27]Zahavi, S.39

[28]Vgl. S.385

[29]Vgl. ebd.

[30]S.385

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640613427
ISBN (Buch)
9783640613625
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150187
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Schlagworte
Empathie Enkulturation Evan Thopmsons Life“

Autor

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Titel: Empathie und Enkulturation in Evan Thopmsons „Mind in Life“