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Der Erzähler im "König Rother"

Hausarbeit 2010 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Erzähler im König Rother
2.1 Quelle und Wahrheit
2.2 Oralität
2.3 Norm und Moral

3. Diskussion

4. Fazit

5. Literatur

Anhang: Berücksichtigte Textstellen

1. Einleitung

Der Autor desKönig Rother(KR) ist uns nicht bekannt. Auch wenn über das Leben eines Wolfram von Eschenbach nur gemutmaßt werden kann, so liegt uns in diesem Fall nicht einmal der Name des Schriftstellers vor. Trotz allem bleibt er uns nicht vollständig verborgen, da es im KR zahlreiche Textstellen gibt, in denen der Epiker aus der Erzählung hervortritt. Die Analyse dieser Ausschnitte, der die Textausgabe von Peter Stein zugrundeliegt,[1]ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Dabei ist die zentrale Frage, ob Informationen über die Erzählerpersönlichkeit gewonnen werden können, wobei die Diskussion, ob es sich beim Erzähler um einen Spielmann handelte, nicht aufgegriffen werden soll. Hierzu werden die entsprechenden Belege aus dem Text in Kategorien zusammengefasst und interpretiert. Zunächst werden die Textstellen näher betrachtet, bei denen der Autor auf eine zugrundeliegende Quelle verweist und die Wahrheit seiner Erzählung beteuert. Desweiteren ist die Verwendung des Gedankenstrichs und exklamatorischer Formeln auffällig, mit denen sich, zusammen mit den direkten Publikumsanreden, eingehender beschäftigt wird. Zuletzt richtet sich der Fokus der Analyse auf Aussagen, in denen der Erzähler als moralische Instanz oder Normgeber fungiert. Daran anschließend folgt eine Diskussion, die die gewonnenen Ergebnisse in den Kontext der bisherigen Forschung setzt. In einem letzten Schritt sollen die Resultate der vorherigen Arbeitsschritte prägnant zusammengefasst werden. Sofern keine Handschrift explizit genannt wird, beziehen sich die Versangaben auf die Heidelberger Handschrift (H). Metasprachliche Ausdrücke werden kursiv gesetzt.

2. Der Erzähler im König Rother

2.1 Quelle und Wahrheit

Der Autor des KR tritt an verschiedenen Punkten des Werks hervor, wenn es darum geht, sein Wissen zu belegen oder dem Leser die Wahrhaftigkeit seiner Erzählung zu versichern.

Bei den Belegen wird er nicht konkret, sondern weist auf eine abstrakte Quelle, wie ein „buch“[2], ein liet“[3], oder ein „scophpGch“[4]hin. Diese Verweise finden sich auch in Formulierungen wie „Nu saget man uns von scazze unde van golde“[5]oder „nu ne weiz ich […]“[6], wobei er zwar auf die explizite Nennung einer zugrundeliegenden Schrift verzichtet, aber mit den FormelnIch weiß nichtundMan sagtangedeutet werden soll, dass die Geschichte nicht von ihm selbst, sondern von jemand anderem stammt. Dabei handelt es sich um eine weit verbreitete Technik in mittelhochdeutschen Versepen,[7]mit der die Erzählung legitimiert werden soll.

Die Wahrheitsbeteuerungen lassen sich an den Versen 219 und 641 festmachen. Bei der ersten Textstelle macht der Autor eine Einschränkung. „als ech kann virstan mich“[8]zeigt zum einen an, dass die Informationen nicht in der zugrundeliegenden Quelle vorhanden waren. Zum anderen ergibt sich daraus, dass er deswegen nicht für die Wahrhaftigkeit seiner Aussage garantieren kann, da er sich selber unsicher ist. Die zweite Wahrheitsbeteuerung, in der Parenthese „- daz sagech u zware –“[9], ist eindeutiger als solche zu identifizieren. Dahingegen ist die Wirkung des „dar mugit ir gel?ben“[10]in Vers 2881 zu schwach und wird daher nicht als Wahrheitsbeteuerung gewertet.

Desweiteren zeigt sich, dass es sich bei den meisten Quellenberufungen auch um Wahrheitsbeteuerungen handelt, da sie sich ebenfalls einer Wahrheitssemantik bedienen. So tauchen die Ausdrückegelogenundmissesagenin Zusammenhang mit „wenn die Bücher nicht gelogen haben“ in den Versen 16, 413, 4173, 4592 und M 4592 auf. Besonders an der Aussage „des beherdint die buch die warheit!“[11]wird eine Verknüpfung von Quellenberufung und Wahrheitsbeteuerung deutlich.

2.2 Oralität

Im Folgenden werden die Textstellen analysiert, bei denen der Erzähler am offensichtlichsten aus der Geschichte herausbricht. Die geschieht im Wesentlichen durch drei Mechanismen: Erstens durch die Parenthese, zweitens durch exklamatorische Wendungen und schließlich durch Formeln, die das Publikum direkt ansprechen.

Dabei finden jedoch nur die Einschübe Berücksichtigung, die eindeutig dem Erzähler zugerechnet werden können. So werden die Gedankenstriche in der wörtlichen Rede der Figuren, wie sie beispielsweise in den Versen 1010, 2239, 2675, 3689, 3853, 4465 und 4491 zu finden sind, nicht näher betrachtet.

Die analysierten Parenthesen dienen überwiegend dazu, den Text um zusätzliche Informationen zu ergänzen.[12]So erfährt der Leser oder Zuhörer in Vers 473 beispielsweise, dass Berchter der Graf von Meran war: „– er was ein grave von Meran –“[13]oder in Vers 2290, dass Rother seine Worte sehr genau bedacht hatte „– sin gemote was harte listich –“[14]. Die Frage, warum der Autor diese zusätzlichen Bemerkungen in Gedankenstriche setzt, ist schwierig zu beantworten. Eine mögliche Erklärung wäre, dass diese Anmerkungen nicht in der Vorlage, sofern es überhaupt eine gab, enthalten waren. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass dadurch die ursprüngliche Oralität der Erzählung in den Text eingeflossen ist.

Außerdem führt der Erzähler an einigen Stellen seine eigene Meinung an und setzt diese Kommentare auch in Gedankenstriche[15]. Besonders deutlich wird dieser Eingriff in die Erzählung in Vers 4732, in dem der Erzähler bemerkt, dass es einem Vasallen auch heute noch Lob einbrächte, wenn er treue Dienste leistet: „ – iz ne stunde ime nicht ovele an! – “[16]. Auffällig ist, dass der Autor hier als normgebende Instanz fungiert, was in Kapitel 2.3 noch ausführlicher behandelt wird.

Ein weiteres Merkmal, das den Ursprung des Textes aus der Mündlichkeit unterstreicht, sind die Ausrufe „o“[17], „eia“[18], „heia“[19], „hei“[20]und „ey“[21], die sporadisch zu finden sind. Vornehmlich werden sie verwendet, um Besonderheiten hervorzuheben. So wird mit „ey, wie vermezzeliche her reit!“[22]beispielsweise überdurchschnittliche Kühnheit, mit „eia, we die segele duzzen“[23]außergewöhnliche Geschwindigkeit oder mit „heia, waz der kaffere was,“[24]die besonders große Menge an Schaulustigen betont.

Zudem gibt es Stellen im Text, an denen der Erzähler das Publikum oder den Leser direkt anspricht. Dies geschieht überwiegend durch den formelhaften Gebrauch von „nu mugit ir horen“[25]oder „nu siet“[26].[27]Dadurch wird der Zuhörer direkt aufgefordert, entweder besonders den akustischen oder visuellen Kanal auf das Erzählte zu konzentrieren.

Desweiteren lassen sich Verse finden, in denen das Publikum scheinbar ohne formelhafte Wendung angesprochen wird, sodass der Eindruck einer Face-to-Face-Kommunikation noch stärker erweckt wird, als beim offensichtlich formelhaften Gebrauch der Anreden.[28]Charakteristisches Merkmal dieser Textstellen ist lediglich das Personalpronomenihr,wie es beispielsweise in den Versen 1847 ff. Verwendung findet: „ir nehortit e noch sint/gesagin von bezzerme gewete,/dan die recken hetin.“[29].

Bei genauerer Analyse zeigt sich jedoch, dass dasirim Beispiel und in Vers 4062 in Verbindung mit einem Verb des Fühlens – in diesem Fallhören– gebraucht wird. In Vers 2881 taucht dasihrin Kombination mitmugenauf, wie es auch beim formelhaften Gebrauch der Fall ist, sodass keine gänzliche Formlosigkeit konstatiert werden kann, sondern vielmehr von einer eingeschränkten Formelhaftigkeit gesprochen werden sollte.

Nach Wiegand lassen sich noch zwei weitere Verse der Kategorie Publikumsanrede zuordnen:[30]Einerseits „nu nekan u nichein man gesagen“[31], bei dem das Schlüsselwortnuin Verbindung miteuch– einer flektierten Form desihr– verwendet wird; andererseits „Nu vernemet, wie Rocther sprach,“[32], bei dem dasnuzusammen mit dem Imperativ, ähnlich der oben angeführten Beispiele, der Indikator für die Aufforderung an das Publikum ist.

2.3 Norm und Moral

Zwar lassen sich Normen bereits aus dem Handeln der Helden ableiten – so fungiert Rother beispielsweise als vorbildlicher Herrscher und Berchter tritt als prototypischer Vasall auf –, aber der Erzähler verweist an einigen Stellen selbst auf geltendes Recht, Bräuche, Traditionen oder fungiert als moralische Instanz.

Indikator für derartige Äußerungen ist unter anderem der formelhafte Gebrauch von „manich“[33].[34]Damit weist der Erzähler auf gesellschaftliche Konventionen hin beziehungsweise benennt konkret die Rollenerwartungen, die an die einzelnen Figuren aufgrund ihrer Position gestellt werden: „so man noch manichis herren todt“[35]Ein weiteres sprachliches Merkmal, das für den Bezug auf geltende Normen benutzt wird, sind die Wörter „so“[36]und „also“[37], die auch in Kombination mitmanichauftreten können.[38]

Auch in den Versen 3056 ff. taucht dasalsoauf, den eindeutigen Hinweis auf bestehende Bräuche gibt hierbei jedoch das Verbpflegen: „unde lonede den godin knechthin,/ alse man noch van recthin/plegit grozer eren.“[39].

Desweiteren lassen sich normative Textstellen finden, die keine charakteristischen, sich wiederholenden Schlüsselwörter besitzen.[40]Exemplarisch seien dazu die Verse 1503 und 3654 f. genannt. Mit dem Zusatz „die irlazit is daz liet,“[41]macht der Erzähler explizit deutlich, dass der Wechsel des Lehnsherren unehrenhaft ist und deswegen von den mächtigen Fürsten nicht praktiziert wird. Er zeigt gewissermaßen Güte gegenüber diesen, da sie nicht mit geltenden Normen brechen müssen. Dahingegen zeigt „den lach die alde zucht/unde die wereltliche vorcht.“[42]an, dass an tradierten Verhaltensregeln festgehalten wird, was vom Erzähler positiv bewertet wird.

Die Verse 4858-4863 stechen besonders hervor. In der letzten Amtshandlung Rothers, die in der Erzählung beschrieben wird, verteilt er Lehen an seine treuesten Gefolgsleute. Der Erzähler kommentiert dies folgendermaßen: „Hie saget uns der richtere/von deme leiden mere./dat is den vromin allin lif,/die bosen die ne gelovent is nit./sine hant der vromechede nicht getan,/unde in engetruweder geinen man.“[43]. Damit zeigt sich zwar einerseits eine Praxis zur Vergabe von Lehen, andererseits ist es aber vielmehr eine moralische Positionierung des Erzählers, da er aufzeigt, dass rechtschaffenes Verhalten belohnt wird.m

[...]


[1]König Rother, Mittelhochdeutscher Text und neuhochdeutsche Übersetzung von Peter Stein, Stuttgart

2000. Zur Kritik an älteren Texteditionen siehe ebd., S. 9-14.

[2]Ebd., V. 3479.

[3]Ebd., V. 1503 und BE2 1503. Vgl. auch ebd., S. 447 f.

[4]Ebd., V. M 4592.

[5]Ebd., V. 414.

[6]Ebd., V. 1710. der Vgl. auch ebd., V. BE 1710.

[7]Vgl. Pörksen, Uwe, Der Erzähler im mittelhochdeutschen Epos. Formen seines Hervortretens bei

Lamprecht, Konrad, Hartmann, in Wolframs Willehalm und in den ‚Spielmannsepen‘, Berlin 1971,

S.61.

[8]Rother, V. 219.

[9]Ebd., V. 614.

[10]Ebd., V. 2881.

[11]Ebd., V. 4710.

[12]Ebd., V. 225, 449, 460, 473, 729, 2002, 2026, 2290, 4927, 5002, BE 2 1608.

[13]Ebd., V. 460.

[14]Ebd., V. 2290

[15]Ebd., V. 2549, 4106, 4600, 4732, M 4600.

[16]Ebd., V. 4732.

[17]Ebd., V. 135.

[18]Ebd., V. 182.

[19]Ebd., V. 247.

[20]Ebd., V. 349 und 5041.

[21]Ebd., V. 4962.

[22]Ebd.

[23]Ebd., V. 182.

[24]Ebd., V. 247.

[25]Ebd., V. 661.

[26]Ebd., V. 3114.

[27]Vgl. ebd., V. 364, 661, 3114, 3235, 3887, 4110, 5094, M 4110.

[28]Vgl. ebd., V. 1847 ff., 2881, 4062, 4791 ff., M 4062.

[29]Ebd., 1847 ff.

[30]Wiegand, Julius, Stilistische Untersuchungen zum König Rother, Hildesheim 1977, S. 148.

[31]Rother, V. 394.

[32]Ebd., V. 3327.

[33]Ebd., V. 1948.

[34]Ebd., V. 1592, 3584, 4793, 4999.

[35]Ebd., V. 1592.

[36]Ebd., V. 2035.

[37]Ebd., V. A1 5186.

[38]Ebd., V. 1593, 1948, 4793, 4999.

[39]Ebd., V. 3056 ff.

[40]Ebd., V. 1503, 1907, 3654, 4732, 4858 ff.

[41]Ebd., V. 1503.

[42]Ebd., V. 3654 f.

[43]Ebd., V. 4858 ff.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640616879
ISBN (Buch)
9783640616633
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150168
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
Erzähler Erzählerpersönlichkeit Erzählerperson Spielmann Spielmannsdichtung Spielmannepik mittelhochdeutsch König Rother König Rother Autor

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