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Die Rolle des Passional Christi und Antichristi von Lucas Cranach d.Ä. in der Renaissance- und Reformationsepoche

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 26 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

EINFÜHRUNG:

Die hier vorliegende Arbeit hat die Absicht, dem Leser den Lebensweg und das Schaffen des aus Oberfranken stammenden Künstlers Lucas Cranach d.Ä. vorzustellen. Neben biographischen Angaben zur Person und einem zusammengefassten Überblick über die religions-historischen Ereignisse aus der Zeit Cranachs, konzentriert sich dieser Text vor allem auf eines der bekanntesten Werke des Künstlers, auf das Passional Christi und Antichristi[1] (bzw. in der lateinischen Ausgabe “Antithesis figurata vitae Christi et Antichristi“), das als erstes und einziges antipäpstliches Passional in der Kunst im Mai 1521 in Wittenberg erschien[2] und die lutherisch – antipäpstliche Polemik thematisierte.

In der Auseinandersetzung mit dem Passional wird weniger die Interpretation der einzelnen Bilder, die das Kunstwerk ausmachen, im Vordergrund stehen, als vielmehr die Einordnung der Rolle des Gesamtbildnisses in die reformatorischen Entwicklungen der damaligen Zeit. Hervorgehoben werden aber auch die kunsthistorischen Aspekte in Bezug auf die Gestaltung des Passionals, wie die Gliederung mit der Bedeutung von Außen- und Innenraum, die Beziehung zwischen Bildern und Text, und schließlich die Einflüsse aus der Literatur auf das Werk Zunächst richtet sich jedoch das Augenmerk auf die Kunst der Renaissance, um mit einem Abriss über die Entwicklung der Kunsthistorie in jener Epoche einen genaueren Einblick zu gewinnen. Anschließend setzt sich ein Kapitel mit den Grundzügen der Reformation auseinander, um schließlich auf Cranach selbst und seine Arbeit überzuleiten. Abgerundet wird diese Arbeit letztlich mit einigen Abschlussbemerkungen über die Bedeutung der lutherischen Bewegung für die Gesellschaft.

1.0. Die Renaissance und ihre Kunst:

Ihren Ausgang in Italien des 14. Jahrhunderts nehmend, vollzog sich die Renaissance als Kulturwende in sämtlichen Lebens- und Geistesbereichen vom Mittelalter zur Neuzeit, eingeleitet bzw. begleitet vom Humanismus und historisch verbunden mit der Reformation. Sie lässt sich zurückführen auf die Bewusstwerdung der Persönlichkeit und bedeutet Ausbildung eines neuen Lebensgefühls unter Rückbesinnung auf antike Überlieferungen und Streben nach objektiver Naturkenntnis. Mit der Einführung des Experiments begann das Zeitalter der Naturwissenschaften, der Technik (Buchdruck, Feuerwaffen, Uhren) und der Entdeckungen. Die humanistische Renaissance Bewegung war auf allen Schichten ausgeprägt, doch die Epoche vollzog ihre Schritte nicht auf allen Ebenen gleichzeitig. Am frühesten machte sich in der Kunst bemerkbar, relativ spät griff sie auf die Wissenschaft über, bis sie schließlich in der Theologie ihren Siegeszug feierte, wie man historischen Zeittafeln entnehmen kann.

In der Malerei fand die neue Weltsicht ihren Ausdruck zuerst in den Bildern Giottos. Felsen, Bäume und Vögel traten an die Stelle der leuchtenden Goldgründe, die bis dahin die Malerei beherrscht hatten. Zugleich gewannen die dargestellten Körper einen plastischen Wert. Sie wirkten ertastbar und stellten sich dem Betrachter als wirkliche, menschliche Körper dar, gerundet und in allen Formen dem menschlichen Vorbild treu. Das Eindringen der Natur in die Kunst Giottos bildete den Auftakt zu der um 1400 in der italienischen Malerei allgemein einsetzenden Menschen- und Landschaftsdarstellung nach der Wirklichkeit. Erst zaghaft, dann mit immer größerer Sicherheit gingen die Maler und Bildhauer daran, Elemente ihrer irdischen Umgebung mit religiösen Stoffen zu verbinden.[3]

Hildegard Schnabel zeichnet in ihrem Nachwort zum Passional Christi und Antichristi ein Bild von den Künstlern der Renaissance, welches aufzeigt, dass die Entwicklung in der Kunst dieser Epoche, weit mehr war als eine artistische Strömung, sondern stellvertretend stand für eine neue Ideologie:

Hauptanliegen der Künstler der Renaissance, die sich in fruchtbarer Auseinandersetzung mit den Vorbildern der Antike eigene ästhetische Positionen eroberten, war die Gestaltung des neuen Menschen in Aktion, in seinem produktiven, auf Veränderung gerichteten Verhältnis zur Natur wie zur Gesellschaft. Diese innerweltlichen, zutiefst humanistischen Ziele mussten – wenngleich sie sich noch weitgehend in Denkformen und Bildern ausdrückten, die von der christlichen Religion bereitgestellt waren – mit den herrschenden Feudalkräften und ihrer Ideologie in Konflikt geraten. Und so ist denn ein wesentliches Kriterium aller bedeutsamen Bildwerke dieser Epoche, die ihrem realen Klassinhalt nach eine bürgerliche Kunst war, antifeudale Tendenz, ihr kämpferisches Bekenntnis zu den zukunftsträchtigen Kräften der Geschichte und deren Zielvorstellungen.[4]

In Bezug auf die Kunst entsprach die Darstellung nicht mehr nur einer Symbolik oder einer fest gefügten Hierarchie, wie es vorher üblich gewesen war, man entdeckte dagegen das perspektivische Zeichnen neu, um ein naturgetreues Abbild zu erzielen. Die benutzten Farben hatten einen Symbolwert und die Teile auf den Bildern, welche Proportionalität besaßen, spiegelten eine Selbstbezogenheit wider. Es wurden gleichzeitig Autonomie und ein Bezug zum Betrachter hergestellt, das bedeutet, die Werke waren nicht mehr in sich abgeschlossen.

Wie oben bereits erwähnt, machte sich die Renaissance und mit ihr der Humanismus in allen Lebensbereichen des 14. bzw. 15. Jahrhunderts bemerkbar. Philologen und Textforscher, die sich diesen Strömungen anschlossen, sahen ihre Arbeit durch die Entdeckung des Buchdrucks vereinfacht, die auch dafür sorgte, dass sich Ideologien leichter und schneller verbreiteten, weil zum ersten Mal jeder Zugang zu Büchern haben konnte.

Die Humanisten leiteten von antiken Texten Weisheiten ab, die sie stets im theoretischen Licht sahen. Die Renaissance hingegen sah alles in praktischer Sicht, sei es Handwerk, Banken oder Geschäfte. Mit dem Kriegshandwerk begann man sich zu spezialisieren. Sozial und wirtschaftlich machte sich die Entwicklung der Renaissance vor allem im Finanzgeschäft bemerkbar. Die Menschen, die in diesem Bereich tätig waren (z.B. die Medici Dynastie) wurden reicher und mächtiger. Das heißt, aus Großbürgern wurden Adelige, die es sich leisten konnten, Künstlern Aufträge zu erteilen, um ihre Lebenspracht in der Kunst zu verherrlichen. Auf diese Weise entstand die Hofkunst, die Maler und Bildhauer wurden in entsprechende Dienste genommen und konnten nunmehr von ihrer Arbeit leben, weil sie mit Kapital gefördert wurden. Die Renaissance ist vor allem vom kulturellen Standpunkt gesehen, die Zeit der Macht und Prachtentfaltung. Auch vollzogen sich Veränderungen im politischen Wesen, was besonders die Religionspolitik betrifft, doch darauf bezieht sich das folgende Kapitel das sich detailliert mit diesen Entwicklungen während der Lebenszeit Cranachs auseinandersetzt.

1.1. Zum religionshistorischen Kontext der Renaissance Epoche:

Zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert gab es zwei bedeutende, historische Ereignisse, die im Zusammenhang mit Lucas Cranach und seinem Passional Christi und Antichristi ihre Erwähnung finden müssen. Zum einen ist das die Reformation, zum anderen die Bilderstürme.

Vom philosophischen Gesichtspunkt aus betrachtet, brachte die Wiederentdeckung der Antike als wertvolle Gedankenquelle die Aufwertung des Individuums, auch ohne Zusammenhang zu Gott. Das bedeutet, eine eigene Menschenwürde reifte heran und wurde in verschiedenen Schriften thematisiert. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist De hominis dignitate oratio (Die Rede über die Würde des Menschen) von Pico della Mirandola. In der Philosophie wurde der Mensch als jemand gesehen, der Anteil an allen Geschöpfen hat, aber dennoch oder gerade deswegen außerhalb der Schöpfung steht. Man ging davon aus, dass er als Bewunderer der Schöpfung Gottes erdacht wurde und die Freiheit besitzt entweder wie die Tiere den niederen Trieben zu folgen oder sozusagen als Abglanz der Engel den Weg des Intellekts zu gehen.

Die religiöse Veränderung durch den Humanismus bedeutete dagegen in der Theologie die Ablösung von der klerikalen Kirche im Mittelalter. Zu jener Zeit wurde die irdische Welt als eine Art Provisorium gesehen, denn alles Leben richtete sich auf eine Welt nach der Wiederkunft Christi aus. Es waren Zeiten großer Not und die Menschen glaubten an die Vorzeichen für das Weltende, wie sie in der Bibel prophezeit werden. Man richtete seinen Alltag danach, dass “den Guten“ das ewige Heil versprochen ist, während “die Bösen“ für immer verdammt werden, und ging davon aus, dass das persönliche Schicksal mit dem Weltschicksal unmittelbar verknüpft werden kann.

Das eschatologische Denken der damaligen Christen entwickelte die Vorstellung, dass der Antichrist bereits auf der Erde sei und sein Werk unter den Menschen verrichte. Die Gläubigen waren verunsichert, denn der Antichrist kann all das vollbringen, was auch der Erlöser Christus vermag. Eine Antwort auf die Frage, wer zu den Vorbestimmten gehört der erlöst wird und einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma, sah man darin, sich an die Vertreter der Wahrheit zu halten, insbesondere gehörte dazu der Papst. Doch war das geistige Klima speziell in Deutschland, zwar rom- aber nicht kirchenfreundlich. Wallfahrt, Wunderglauben, Reliquienkult, Heiligenverehrung und Marienfrömmigkeit sowie kirchliches Stiftungswesen nahmen einen festen Platz im religiösen Leben der Menschen ein.

[...]


[1] Schnabel, Hildegard Hg. Lucas Cranach d.Ä. Passional Christi und Antichristi. Berlin: Union Verlag, 1972.

[2] Groll, Karin. Das Passiona Christi und Antichristi von Lucas Cranach d.Ä.. Frankfurt am Main, Bern, New York, Paris: Peter Lang, 1990. S. 1.

[3] Das moderne Lexikon in zwanzig Bänden. Gütersloh, Berlin, München, Wien: Bertelsmann, 1973. Bd. 15. S. 341.

[4] Schnabel, Hildegard, Nachwort zum Passional Christi und Antichristi. S. 42.

Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638202596
ISBN (Buch)
9783638643726
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15013
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Deutsche Sprache I
Note
Gut
Schlagworte
Rolle Passional Christi Antichristi Lucas Cranach Renaissance- Reformationsepoche

Autor

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