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Auswirkungen rentenökonomischer Akteursinteressen auf den Verlauf innerstaatlicher Konflikte. Der zweite Bürgerkrieg im Sudan

Hausarbeit 2010 29 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretische Grundlagen
II.1. Die neuen Kriege
II.2. Rente und Rentierstaat
II.2.1. Der Begriff der Rente
II.2.2. Der Begriff des Rentierstaates
II.3. Kriegsökonomie in neuen Kriegen

III. Fallbeispiel Sudan
III.1. Überblick
III.2. Konfliktakteure - Renteninteressen und ihr Auswirkungen
III.2.1 Die sudanesische Zentralregierung
III.2.2 Die Milizen der Zentralregierung
III.2.3 Die Sudanese People Liberation Army
III.2.3 Die externen Akteure

IV. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang A: Recent Battles and Key Infrastructure

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einleitung

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kann für das weltweite Kriegsgeschehen ein Rückgang der zwischenstaatlichen bewaffneten Konflikte verzeichnet werden. Gleichwohl ist die Gesamtzahl der Konflikte bis 1992 kontinuierlich gestiegen, der Schwerpunkt hat sich allerdings zugunsten von innerstaatlichen Konflikten verschoben. Eine regionale Betrachtung zeigt, dass die Mehrzahl dieser Kriege und innerstaatlichen Konflikte in der sogenannten „Dritten Welt“ geführt wurde und der afrikanische Kontinent den Raum für etwa 20% bis 25% der weltweiten Konflikte bot und bietet. (Schreiber 2006, 14f)

Mit den vorgenannten Veränderungen im Wesen der Konflikte verstärkte sich in der Literatur in neuerer Zeit die Diskussion um die Ursachen für innerstaatliche bewaffnete Auseinandersetzungen und legt einen stärkeren Fokus auf die ökonomischen Interessen der am Konflikt beteiligten Akteure. Dabei kam es zur Herausbildung des durchaus umstrittenen Begriffes der „neuen Kriege“[1] und zu Erklärungsansätzen, die sich mit der politischen Ökonomie des Krieges[2] unter diesen Bedingungen auseinandersetzen: Einerseits scheinen rentenökonomischen Interessen der internen Akteure erheblichen Anteil an der grausamen Führung und Verlängerung solcher Konflikte zu haben (Le Billon 2003, 146), andererseits vermögen ähnliche Interessen externer Akteuren offensichtlich einen Beitrag, wenn auch nicht zum Herstellen von Frieden, so doch zur Beendigung von Kampfhandlungen zu leisten. (ICG 2002, 62f.)

Der Sudan befand sich nach der Aufhebung des „Addis Abeba Abkommens“ (AAA 1972) seit 1983 im zweiten Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit von 1956. (Collins 2008, 137) Das „Comprehensive Peace Agreement“ (UNMIS 2005) aus dem Jahr 2005 beendete formal den Bürgerkrieg, dessen Folgen allerdings verheerend waren:

“An estimated two million people have died as a result of the fighting over the past eighteen years, victims of direct violence or related starvation and disease. Half a million refugees have spilled into neighbouring countries, and roughly four million people have been displaced and driven from their homes within Sudan - the largest such dislocation in the world today.” (ICG 2002, 3)

Die vorherrschenden Meinung, es habe sich beim zweiten Bürgerkrieg im Sudan um einen ethnisch motivierten Konflikt zwischen christlich-animistischem Süden und arabisch-islamischen Norden gehandelt, soll mit der vorliegende Hausarbeit mit folgender Fragestellung kritisch untersucht werden:

Wie wirkten sich die rentenökonomischen Interessen der Akteure auf den Konfliktverlauf und das Zustandekommen des „Comprehensive Peace Agreement“ von 2005 im zweiten Bürgerkrieg im Sudan aus?

Zur Bearbeitung der Fragestellung folgt die Arbeit einem empirisch-analytischem Ansatz: Die Grundlage für die folgenden Betrachtungen bildet eine kurze Abhandlung zu Entwicklung und Forschungsstand der Theorie der Rentenökonomie und zur Theorie der Kriegsökonomie in neuen Kriegen. Das Resultat dieses Abschnittes soll die Festlegung der für den weiteren Verlauf der Hausarbeit zu nutzenden Theoriebegriffe sein. In einem zweiten Abschnitt werden die theoretischen Erkenntnisse auf das Fallbeispiel des Sudan mit der zeitlichen Eingrenzung auf den zweiten Bürgerkrieg angewendet. Die entscheidenden Akteure und ihre rentenökonomischen Interessen werden definiert und untersucht, wie sich diese auf den Konfliktverlauf auswirkten. Im Rahmen einer Zusammenfassung werden die erzielten Ergebnisse zusammengeführt und abschließend bewertet.

II. Theoretische Grundlagen

Für die zu bearbeitende Thematik sind in theoretischer Hinsicht drei Bereiche zentral und bedürfen einer näheren Betrachtung:

Erstens erscheint für die Analyse des Fallbeispiels die Untersuchung der theoretischen Anstze zu den neuen Kriegen unabdingbar. Darüber hinaus sind die Begriffe Rente und Rentierstaat für die Auseinandersetzung mit den rentenökonomischen Akteursinteressen wesentlich und müssen eingegrenzt werden. Drittens schließlich sind die resultierenden Erkenntnisse in einem Abschnitt zur Kriegsökonomie in den neuen Kriegen zusammenzuführen, um so eine Basis zur Analyse des Handelns der Akteure zu schaffen.

II.1. Die neuen Kriege

Seit der Herausbildung des modernen Flächenstaates in Europa war Krieg stets die Folge souveräner Entscheidungsprozesse und üblicher Bestandteil der Beziehungen von Staaten untereinander. Er diente als „Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ (Clausewitz 2009, 13) der Durchsetzung politischer Ziele auf internationaler Ebene. Mit fortschreitender technologischer Entwicklung stiegen allerdings die Kosten für Ausrüstung, Ausbildung und Besoldung stehender Heere erheblich und machten die Führung von Kriege wirtschaftlich mehr und mehr unrentabel.

Die Tatsache, dass Staaten Träger des nach außen gerichteten Gewaltmonopols waren, führte darüber hinaus zur Verrechtlichung des Krieges. Beginn, Ende und Führung des Krieges wurden an Normen gebunden, deren Durchsetzung dem Staat oblag. (Ruf 2003, 20) Damit wurde die Ausübung militärischer Gewalt begrenzt, die Schonung von Zivilbevölkerung und unbeteiligten Dritten vereinbart und die Disziplinierung von Soldaten notwendig. Etwa 90% der direkten Opfer des Krieges hatten Kombattantenstatus. Die rechtlichen Grundlagen des Krieges wurden und werden bis in unsere Zeit weiterentwickelt, ihre objektive Schwäche besteht dabei in ihrem vormaligen Erfolg: Sie gelten in zwischenstaatlichen Konflikten und bedürfen zu ihrer Durchsetzung der Autorität des souveränen Staates.[3].

Dagegen kommt es seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts insbesondere in den Ländern der Dritten Welt zur Entwicklung einer veränderten Form der Konfliktaustragung, die in der Literatur mit dem Begriff der neuen Kriege diskutiert wird. Der zunehmende Zerfall von Staaten, d.h. der Unwillen oder die Unfähigkeit, hoheitlichen Aufgaben nachzukommen, bei sich gleichzeitig verstärkender Globalisierung und damit Teilnahme von innerstaatlichen Akteuren am globalen wirtschaftlichen Austauschsystem können als ursächlich für diese neuen Konflikte bezeichnet werden. (Kaldor 2007, 18ff) Der Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung und damit der Wegfall der geo-strategischen Rente[4] beförderten diese Entwicklung zusätzlich. (Ruf 2003, 26)

Drei Entwicklungen zeichnen diese neuen Konfliktformen aus und grenzen sie von den vorab beschriebenen Kriegen der Vergangenheit ab:

Erstens kann festgestellte werden, dass das Gewaltmonopol des Staates bröckelt, er ist nicht länger Monopolist des Krieges, sondern wird mehr und mehr durch parastaatliche, oder sogar private Akteure ersetzt. Die Staatsgewalt steht der ständigen Bedrohung gegenüber, gekapert zu werden. (Münkler 2004, 16f) Dies, in Verbindung dem Trend zur Kriegführung um der eigenen Subsistenz der Akteure Wille, erzeugt einer Verbindung von Kriminalität und Krieg, die häufig zur vollständigen Ausplünderung der Ressourcen zugunsten weniger Eliten des betreffenden Landes führt und den Krieg, ganz nach Schillers Wallenstein, um seiner selbst stattfinden lässt: „Der Krieg ernährt den Krieg“.

Zweitens hat sich die Begründung von Konflikten verändert. Standen in früherer Zeit offensichtliche Gebiets- und Machtansprüche im Vordergrund und wurde später die Idee des „gerechten Krieges“[5] als Kriegsgrund hervorgehoben, werden in den neuen Kriegen identitätsstiftende Merkmale, wie Religion, Nationalität und ethnisch/ kulturelle Zugehörigkeit als konfliktursächlich benannt. Diese „ideologische Ressource“ wird allerdings sehr häufig zur Mobilisierung einer Freund-Feind Gesinnung instrumentalisiert und verdeckt die tatsächlichen Kriegsursachen, die oft genug nahezu ausschließlich in wirtschaftliche Interessen der Gewaltakteure bestehen. Die vielschichtige Gemengelage in Ursachen und Anlässen der neuen Kriege macht das Verständnis ihrer wahren Natur und insbesondere die Konfliktlösung so schwierig. (Münkler 2004, 15f)

Eine dritte Entwicklung betrifft die Kriegsführung, die nicht mehr an das Recht gebunden ist. Kriegsbeginn und -ende sind nicht mehr förmliche Rechtsakte, sondern nur noch aus dem Verhalten der Konfliktakteure ableitbar. Die Entscheidung wird nicht mehr in Schlachten zwischen militärisch organisierten Einheiten gesucht, sie wird im Gegenteil absichtlich vermieden. Stattdessen wird der Krieg von allen Seiten durch Terror, Sexualisierung und Trophäisierung des menschlichen Körpers hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung geführt[6] und so eine diffuse, ständig vorhandene Bedrohung erzeugt. In Verbindung mit der Dislozierung der Kräfte in Raum und Zeit und der damit einhergehenden Unvorhersehbarkeit des Konfliktverlaufs können diese asymmetrischen Kriege, bei hinreichender Verfügbarkeit interner und externer Ressourcen und damit der Möglichkeit zur Rentenakkumulation, zeitlich quasi unbegrenzt fortgesetzt werden.[7] (Münkler 2004, 24ff)

[...]


[1] Beispiele für die Debatte u.a. in Kaldor 2000 und in Münkler 2004.

[2] u.a. in: Le Billon 2003 und Ruf 2003

[3] in neuerer Zeit sind Ansätze zur Weiterentwicklung des Humanitären Völkerrechtes erkennbar. Ein Beispiel ist das Inkrafttreten des Statutes zum Internationalen Strafgerichtshof (IStGH)

[4] die ideologisch motivierte Unterstützung von Staaten durch die Supermächte des Ost/ West- Konfliktes (Ruf 2003, 26)

[5] zur Geschichte des „gerechten Krieges“ Engelhardt 1980

[6] etwa 85% der Opfer sind Zivilisten (Kaldor 2000, 26)

[7] im Gegensatz dazu führte der Krieg zwischen auf autonomer Subsistenzwirtschaft basierenden Staaten zwangsläufig zur Ausplünderung des Landes und damit zum Kriegsende

Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640610938
ISBN (Buch)
9783640611119
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150113
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
1,0
Schlagworte
Sudan Afrika Bürgerkrieg Interessen Rentenökonomie Akteure Neue Kriege

Autor

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Titel: Auswirkungen rentenökonomischer Akteursinteressen auf den Verlauf innerstaatlicher Konflikte. Der zweite Bürgerkrieg im Sudan