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DDR-Geschichtsbilder in Leserbriefen

Eine Analyse von Zuschriften an die Magdeburger Volksstimme für die Jahre 1990, 1995 und 2000

Bachelorarbeit 2009 52 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konkurrierende Geschichtsbilder "Ostalgie" versus "Unrechtsstaat"

3. Anmerkungen zum Profil der Magdeburger Volksstimme und dessen Umgang mit den Leserbriefen

4. Analyse der Leserbriefe
4.1 Das Jahr 1989/90
4.2 Das Jahr 1995
4.3. Das Jahr 2000
4.4 Die heutige Situation – Ein kurzer Ausblick

5. Schlussbetrachtung
5.1 Zusammenfassung
5.2 Offene Fragen

6. Literaturliste
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetquellen

7. Anhang
Anhang 1 - Das Jahr 1989/1990
Anhang 2 - Das Jahr 1995
Anhang 3 - Das Jahr 2000

1. Einleitung

In diesem Jahr wird anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls wieder heftig über die DDR-Vergangenheit debattiert. Viele Politiker sahen und sehen in der DDR nur einen Unrechtsstaat. Doch kann man das Leben in der DDR auf diesen Begriff reduzieren? Angela Merkel warnte vor der Verklärung des SED-Staates und forderte von der Linkspartei Klarstellung ihres Verhältnisses zur DDR-Vergangenheit.[1]

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der ebenfalls in der DDR groß geworden ist, sagte in einen Interview zum zu diesem Thema:

„Die DDR war ein Unrechtsstaat. Sie hatte positive Seiten, aber die Diktatur des Proletariats, die Diktatur der SED und der Stasi waren etwas, was im Alltag wie auf der Weltbühne erkennbar war.“[2]

Auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundestags-vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) wollen das Thema differenziert diskutieren. Neben aller Ungerechtigkeit habe es in der DDR jedoch eine hervorragende Alltagssolidarität gegeben. Beide sind sich dennoch einig in ihren Aussagen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war.[3]

Eine besonders extreme Position vertrat Hubertus Knabe, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen. In seinem, pünktlich zum Bundestagswahlkampf erschienenen Buch „Honeckers Erben – Die Wahrheit über Die Linke“, sprach er alle bereits bekannten „Leichen“ im Keller der Linken an und versuchte so eine Gegenfront zur Verharmlosung der DDR aufzubauen. Auf der Webseite von der sueddeutsche.de stand dazu geschrieben: „Das Buch ist eine 448-seitige Erinnerungsschrift an das gesamte Unrecht, das aus Knabes Sicht der Linken und ihrer Vielzahl von Vorgängerorganisationen bis zurück in die Weimarer Zeit angelastet werden müsse.“[4]

Viele Menschen fühlten sich durch diese Art der negativen Darstellung der DDR persönlich getroffen und wollten zeigen, dass auch ein glückliches und unbeschwertes Leben möglich sein konnte.

Einen guten Überblick über die nostalgischen Meinungen zur DDR-Vergangenheitsbewältigung bietet das Buch „Fragen an die DDR - Alles was man über den deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat wissen muß“. Es wurde von ehemaligen SED-Funktionären verfasst, welche noch heute die DDR als Paradies betrachten. Auf die Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, antwortet das Buch: „Der in der Politik und Medien heute inflationäre Gebrauch des Wortes „Unrechtsstaat“ will nicht nur die DDR delegieren, sondern die Schaffung neuer ökonomischer Verhältnisse als „Unrecht“ oder Fehlorientierung an sich darstellen […].“[5] Von den vielen Opfern und den Mauertoten ist keine Rede.

Solche extremen Bilder dienen jedoch immer auch politischen Zwecken und werden zur Schwächung der jeweiligen Gegenseite missbraucht.

Da die DDR-Zeit bei vielen Bürgern noch präsent ist, spielen vor allem persönliche Erinnerungen eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung, wo sie sich zwischen diesen beiden Extremen positionieren.

Mit der Erfassung der Stimmungslage der Bevölkerung und der Auswertung verschiedenster Ansichten zur DDR haben sich unterschiedliche Studien befasst. Zu den wichtigsten Ausarbeitungen zählt die SPIEGEL-Umfrage von 1995, in der 1000 Männer und Frauen repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung in den neuen Bundesländern befragt wurden. Die Ergebnisse wurden durch eine frühere Umfrage, die Emnid für den Spiegel bereits 1990 machte, ergänzt.[6]

Zum Anderen zeigte die Umfrage „Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich“ eine Tendenz für die Bevölkerungsmeinung im Jahr 2008. Für diese Abhandlung wurden zwischen Herbst 2005 und Frühjahr 2007 in Bayern, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen 5219 Schüler per Fragebogen sowie in Einzel- und Gruppengesprächen über die DDR befragt.[7]

Häufig bieten solche Studien keinen Platz für „Grautöne“, die die emotionale Verbundenheit der Menschen mit ihrer Verarbeitung der DDR-Vergangenheit verdeutlichen.

Speziell zum Forschungsstand bezüglich der Verklärung der DDR-Vergangenheit bietet sich das Buch von Katja Neller „DDR Nostalgie“ an. Ihr Hauptaugenmerk lag auf der Zeit nach der Wiedervereinigung.

Dabei wurde die DDR-Loyalität aus Sicht ihrer ehemaligen Bürger in einem Zeitraum von 1990 bis 2004 betrachtet. Die Leitfrage der Arbeit war, ob die DDR-nostalgische Orientierung ein politisches Phänomen wäre oder eine unpolitische Reflexion der erlebten Vergangenheit.[8]

Insgesamt zeigte sich während des Untersuchungszeitraums bei den Befragten ein hohes Maß an positiven Retroperspektivbewertungen der DDR.[9] Als Grund für dieses Ergebnis nannte Neller unter anderem die Vermarktung durch die Medien.

Diese Arbeit soll sich mit der Frage beschäftigen, ob Leserbriefe zu DDR-Themen einen Rückschluss auf verbreitete Geschichtsbilder zulassen. Hierbei bedarf die methodisch korrekte Analyse der Leserbriefe, besonderer Aufmerksamkeit. Dadurch, dass sie von Redakteuren ausgewählt und verkürzt wurden, sind diese vermutlich kaum repräsentativ. Zum Vergleich werden daher die Ergebnisse der drei Messzeitpunkte 1989/90, 1995 und 2000 mit den bereits genannten Studien herangezogen.

Im ersten Teil der Arbeit wird auf die unterschiedlichen DDR-Bilder einge-gangen. Dabei wird ein Vergleich zwischen „ostalgischen“ Ansichten und der Meinung, die DDR wäre ein Unrechtsstaat, vorgenommen. Zudem werde ich auf die Tageszeitung Magdeburger Volksstimme eingehen und ihre Geschichte als SED-Blatt kurz beleuchten. Aus ihr stammten die Leserbriefe, die für die folgende Analyse verwendet wurden.

Die drei Messzeitpunke dienen dazu, einen möglichen Wandel des DDR-Bildes für das erste Jahrzehnt 1990-2000 zu dokumentieren. Um einen Rahmen festzulegen, wurden die Untersuchungen mit einem Abstand von 5 Jahren durchgeführt. Dabei sollte auch aufgezeigt werden, wie schnell sich Einstellungen und Ansichten wandeln können. Ein Blick in die aktuellen Leserbriefe soll einen Bezug zu den derzeitigen Diskussionen über dieses Thema geben.

Es handelt sich bei meiner Arbeit um eine qualitative aber keine quantitative Analyse der Leserbriefe.

Sämtliche Ergebnisse werden im letzten Kapitel zusammengefasst und mit den Ergebnissen, der bereits erwähnten Studien verglichen. Den Abschluss meiner Abhandlung bildet ein Ausblick auf die mögliche weiterführende Bearbeitungen des Themas. Dabei werden offene Fragen gestellt, die leider aufgrund ihres Umfanges in dieser Arbeit unberücksichtigt bleiben müssen.

2. Konkurrierende Geschichtsbilder
"Ostalgie" versus "Unrechtsstaat"

Bevor ich mich im Folgenden mit den konkurrierenden Geschichtsbildern „Ostalgie“ und „Unrechtsstaat“ befasse, muss geklärt werden, wie ein „Geschichtsbild“ entsteht[10]. „Geschichtsbilder“ werden nicht unterbewusst gebildet, sondern entstehen durch Modifikation und Übernahme, sowie der Auseinandersetzung mit anderen bekannten Geschichtsbildern. Diese werden unter anderem von wirtschaftlichen, politischen, religiösen oder ethischen Faktoren beeinflusst. Geschichtsbilder können wiederum dem Individuum bei der Orientierung in seiner Zeit helfen und für dessen Stabilisierung und Identifikation Sorge tragen. Die Geschichtsbilder sind durch Erfahrungen, Bildung oder Propaganda beeinflussbar.[11]

In der DDR beanspruchte die SED die Erstellung von Leitfäden und die Unterrichtsplanung in der Geschichtswissenschaft für sich. Die Erarbeitung eines Geschichtsbildes sollte um- und eingesetzt werden, mit dem Ziel, den DDR-Bürger zu befähigen und anzuregen, aktiv für den Staat einzutreten[12].

Führte diese kollektive Form des Geschichtsbildes und die ähnliche Inter-pretation bezüglich ihrer Stellung in der Geschichte bei einigen ehemaligen DDR-Bürgern zum bekannten Phänomen der „Ostalgie“?

Der freie Autor Michael Rutschky ist anderer Meinung. Seine Ansicht ist, dass die DDR erst nach ihrem staatlichen Verschwinden in den Köpfen ihrer Bürger entstanden sei. Er spricht mit dieser provokativen These die DDR-Erinnerungskultur und den Zusammenhalt an, von dem wohl die alten DDR-Oberen nur hätten träumen können.[13]

Ein wichtiger Faktor, weshalb sich die DDR-Erinnerung so lebhaft hält, liegt in der Vermarktung. Durch Filme, Zeitungen, Produkte und Sendungen zu diesem Thema werden die Menschen immer wieder in ihre Jugend zurückversetzt.[14]

Dieser Nostalgie, die dadurch gefördert wird, folgte immer auch der Begriff der „Ostalgie“.[15]

Zur Erforschung einer solchen Thematik eignen sich besonders Intervall-studien, wie die vom SPIEGEL in Auftrag gegebene Emnid-Befragung. Bei dieser wurden Ostdeutsche zu den Themen Überlegenheit und Unterlegenheit der BRD bzw. der DDR befragt. Die Ergebnisse beschrieben das, was wohl vielen unterbewusst bereits klar war. Von neun möglichen Bereichen gaben die Befragten 1990 drei Bereiche an, in denen die DDR der BRD überlegen gewesen sei. Bei einer weiteren Befragung fünf Jahre später stellte sich heraus, dass nun weitaus mehr positive Bereiche in der DDR gesehen wurden. Die Befragten gaben 1995 fünf von neun Bereiche an, in denen die DDR der BRD überlegen gewesen sei.[16] Hier wird deutlich, wie problematisch die Interpretation einer solchen Befragung ist, wenn man die Antworten der Probanden nicht reflektiert. Das Ergebnis der Studie war, dass die Teilnehmer häufig durch ihre Antworten auf Probleme in der Gegenwart reagierten, anstatt sich an die erlebte Vergangenheit zu erinnern.[17]

Die Bilder der Vergangenheit verändern sich stetig durch Erfahrungen in der Gegenwart. Sie werden klischeehaft genutzt um sich kritisch mit gegenwärtigen Problemen und Anschauungen auseinander zu setzen. Dies zeigt, dass „Ostalgie“ nicht von der Gegenwartswahrnehmung zu trennen ist.[18]

Viele Autoren haben einen wichtigen Aspekt jedoch nicht in Betracht gezogen. „Ostalgie“ tritt verstärkt in Momenten auf, in denen kritische Stimmen zur DDR-Vergangenheit laut werden. Besonders Kritik aus den alten Bundesländern führen zu diesem Phänomen.

In der Sozialpsychologie ist dieses Verhalten im Zusammenhang mit anderen Beispielen schon unter den Begriff „Reaktanz“ bekannt. Sie tritt auf, wenn die Aktionsfreiheit einer Person durch Beschränkungen gefährdet ist. Darauf reagiert die Person mit einer motivationalen Erregung, der psychologischen „Reaktanz“, die sich dann in den unterschiedlichen Effekten auswirkt.[19] Beispielsweise kann sie eine Verhaltens- bzw. Attitüdenänderung bewirken. Es wurde festgestellt, dass Personen sich bei einer Festlegung auf eine Attitüde eingeengt fühlten. Der beabsichtigte Effekt einer Anpassung blieb aus, was sogar zu einer Widerstandsreaktion führte.[20]

Wird also die Richtung vorgegeben, wie die ehemaligen DDR-Bürger ihre Vergangenheit beurteilen sollen, führt dies unter Umständen zu einer gegenläufigen Reaktion. In unserem Beispiel ist es die Debatte über die DDR als „Unrechtsstaat“. Doch können auch schon kleine Kritikpunkte, die im Laufe der Wiedervereinigung von der „Gegenseite“ zur Sprache gebracht wurden, diesen Effekt auslösen.

Ein Beispiel aus der Psychologie soll dies noch mal verdeutlichen:

Mehreren Studenten wurde mitgeteilt, dass die Mensa A für etwa zwei Wochen aufgrund eines Feuers geschlossen bliebe und sie während dieser Zeit in den anderen Häusern essen müssten. Dies führte dazu, dass das mäßig geschmackvolle oder gar negativ beurteilte Mensaessen von zuvor besser beurteilt wurde, als es nicht mehr verfügbar war.[21] In unserem speziellen Fall könnte dies ein Mitgrund sein, weshalb sich die Einstellung zu der DDR ins Positive verändert hat.

Den Ansturm auf die Ostprodukte begründet die Güter-Theorie „commodity theory“ von Brock. Je unerreichbarer, ausgedrückt in Knappheit, ein Gut ist, desto höher wird es bewertet. Diese Theorie erklärt das Verlangen der DDR-Bürger nach Westprodukten ebenso gut, wie die nach der Wende eintretende erhöhte Nachfrage nach den nun rar gewordenen Ost-Produkten.[22] Somit ist „Ostalgie“, wie auch „Westalgie“, ein sozial typisch auftretendes Phänomen.

3. Anmerkungen zum Profil der Magdeburger Volksstimme und dessen Umgang mit den Leserbriefen

Am 15. Juni 1890 erschien die Probenummer der Magdeburger Volksstimme, deren Geschichte damit ihren Anfang nahm. Schon damals wandte sie sich gezielt an die Arbeiter und Bauern, „um die guten und edlen Regungen des Volkes auf den Plan zu rufen und der 'Volksstimme' dienstbar zu machen!“[23].

1933 wurde die Volksstimme verboten. In ihrer Druckerei wurde das NSDAP-Blatt Der Mitteldeutsche aufgelegt, bis das Gebäude im Januar 1945 zerstört wurde.[24]

Die Landesleitung Sachsen-Anhalt der SED brachte am 1. August 1947 die Volksstimme wieder heraus. Sie arbeitete, wie die Masse der Zeitungen zu DDR-Zeiten, bis zur Wende unter den strengen Auflagen der Partei.

Auf ihrer Internetplattform präsentiert sich die Volksstimme heute als zweite der ehemaligen DDR Zeitungen, die sich bereits 1991 von der SED lossagte.[25]

Diese Transformation vom SED-Blatt zum Regionalblatt durchlebten viele Zeitungen. In der Dissertation von Arne Kapitza aus dem Jahr 1997 heißt es dazu: „Der diskursive Transformationsprozeß begann mit dem Verschwinden marxistisch-leninistischer Formeln und Begriffe aus dem öffentlichen Sprachgebrauch. Die Geschwindigkeit, mit der die gestanzten Formulierungen aus den Zeitungsspalten verschwanden, zeigte, wie gering deren Überzeugungskraft selbst bei ihren halbamtlichen Verbreitern war“.[26]

Die Journaisten bemühten sich, das Vertrauen der Bevölkerung wieder zu gewinnen und bürgernäher zu sein. Das Mitteilungsbedürfnis der Leserschaft spiegelte sich in der hohen Anzahl der Zuschriften wider, die zwischen November 1989 und Januar 1999 die Redaktionen erreichten.[27]

So erhielt die Berliner Zeitung bis zu 500 Leserbriefe täglich und die Junge Welt im November 1989 bis zu 700[28]

Bei der Volksstimme liegen die Zahlen aus dieser Zeit leider nicht mehr vor. Vor 1989 existierte bei der Volksstimme noch eine eigene Leserbriefredaktion. Eine Redakteurin war für die Auswahl der Briefe zuständig. Nach der Wende gab es eine personelle Umstrukturierung und auch die Wege der Leserbriefe bis in die Volksstimme veränderte sich. Heute erreichen Leserbriefe auf verschiedenen Wegen die Redaktion. Dies kann durch ein Fax, eine E-Mail, via Post oder auch über einem Button auf der Internetseite geschehen. Nach Angaben der Volksstimme ist die Beteiligung der Leser in den letzten zehn Jahren konstant geblieben. Zu den Jahren zuvor konnte man in der Redaktion aufgrund der personellen Veränderungen leider keine Angaben mehr machen.

Durchschnittlich erhält die Zeitung heute rund 3000 bis 4000 Briefe jährlich. Im Sekretariat wird jeder Brief vorläufig in einer Datenbank erfasst und dann an den stellvertretenden Chefredakteur weitergeleitet. Dieser trifft eine Auswahl, wobei er verschiedene Kriterien beachtet. Zum einen bemüht er sich nicht zu häufig die regelmäßigen Schreiber einzubringen, um möglichst viele verschiedene Lesermeinungen darzustellen. Zum anderen sortiert er sowohl zu aggressive, als auch inhaltlich unkorrekte Briefe aus. Die übrigen werden über das Sekretariat in die Leserbriefredaktion weitergeleitet, die dann aus diesem Pool die Auswahl für die Seite treffen. Dabei versuchen sie immer eine Vielfalt an Meinungen und Themen auszusuchen, um möglichst viele Leser anzusprechen. Schätzungsweise 60 Prozent aller Leserbriefe werden auf diesem Weg aussortiert.[29]

Zu DDR-Zeiten wurde ebenfalls versucht in den Leserbriefen die Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens widerzuspiegeln. Doch gab es auch Tabuthemen, wie Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit, die Ausreiseproblematik, kritische Zuschriften zum Leistungsprinzip oder auch zum demokratischen Zentralismus. Bei den damaligen Veröffentlichungen wurde vor allem auf eine Erfolgsberichterstattung geachtet und versucht, kritische Themen zu vermeiden.[30]

4. Analyse der Leserbriefe

Leserbriefe geben die Gedanken einer einzelnen Person wieder. Die könnte uns einen Einblick in die Meinung eines Volkes geben. Leider gibt es kaum Forschungen, die sich mit Leserbriefen und ihrer Bedeutung für die Bildung und den Transport von Geschichtswissen befassen. Wertvoll, um methodische Vorgehensweisen der Leserbriefanalyse kennenzulernen, wäre zum Beispiel das Buch von Ellen Bos „Leserbriefe in Tageszeitungen der DDR“, das sich mit der Massenverbundenheit der Presse zwischen 1949 und 1989 beschäftigt. Dafür wertete die Autorin systematisch 4000 veröffentlichte Leserbriefe aus. Somit konnte sie einen Einblick in die typischen Funktionsweisen und Strukturprobleme der Pressearbeit der DDR gewinnen.[31]

Auch das aktuellere Werk von Julia Heupel „Der Leserbrief in der deutschen Presse“ beschäftigt sich mit Leserbriefen und enthält wichtige Aussagen über Charakteristika der Briefe und ihrer Autoren.[32]

In Leserbriefen äußern sich Bürger öffentlich zu politischen Themen. Im Ost-West-Vergleich wird das erhöhte Interesse in der ehemaligen DDR kurz nach der Wende, anhand der Zahl der eingesandten Leserbriefe, deutlich.

Seit 1999 ließ sich eine Angleichung des Leserinteresses in beiden Teilen Deutschlands erkennen.[33] Täglich werden die Leserbriefe von tausenden Bürgern gelesen. Der Einfluss, den sie auf die Leser ausüben, darf aufgrund der mangelnden Forschung auf diesem Gebiet nicht unterschätzt werden. Besondere Aufmerksamkeit sollte auch auf die Tatsache gelegt werden, dass die Öffentlichkeit nur einen kleinen Ausschnitt aller Zuschriften zu lesen bekommt.

[...]


[1] Vgl. „Merkel rechnet mit der DDR als Unrechtsstaat ab“Volksstimme 9.5.2009 S.1.

[2] Zitat: http://www.bmvbs.de/beauftragter/Gesellschaft-staerken-,1686.1034190/Die-DDR-war-ein-Unrechtsstaat-.htm (abgerufen am 27. Mai 2009 20:00 Uhr)

[3] Vgl.:http://www.welt.de/fernsehen/article3629340/Die-DDR-zwischen-Horror-und-Verherrlichung.html (abgerufen am 27. Mai 2009 20:02 Uhr)

[4] Zitat: http://www.sueddeutsche.de/politik/625/462244/text/ (abgerufen am 27. Mai 2009 20:04 Uhr)

[5] Vgl. Bentzien, Hans; Czepuck, Harri; Fischer, Gerhard u.a. (2003). S.145.

[6] Vgl. SPIEGEL-Umfrage: „Stolz aufs eigene Leben“. In: Der Spiegel. 27 (1995), S. 40.

[7] Vgl. Deutz-Schroeder, Monika; Schroeder, Klaus: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - ein Ost-West-Vergleich. Verlag Ernst Vögel, München 2008.

[8] Vgl. Neller, Katja: DDR-Nostalgie: Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen. Wiesbaden 2006. S.35.

[9] Vgl. Neller, Katja. (2006). S. 296.

[10] Der Begriff „Geschichtsbild“ kann nur vage umrissen werden, da sich die Definitionen sehr unterscheiden.

[11] Vgl. Mayer, Ulrich; Pandel, Hans-Jürgen; Schneider Gerhard; Schönemann, Bernd (Hrsg.): „Wörterbuch Geschichtsdidaktik,. Schwalbach/Ts. 2006. S. 70f.

[12] Vgl. Lutz, Felix Ph. „Das Geschichtsbewusstsein der Deutschen. Grundlagen der politischen Kultur in Ost und West“. Böhlau Köln 2000.S. 69.

[13] Vgl. Klaus Christoph: Ostalgie. Was ist das eigentlich?. In: Deutschlandarchiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland, 39 (2006), 4, S. 681.

[14] Vgl. Klaus Christoph. (2006), S. 682.

[15] Vgl. Klaus Christoph. (2006), S. 681.

[16] Vgl. SPIEGEL-Umfrage: Stolz aufs eigene Leben. In: Der Spiegel. 27 (1995), S. 40–52.

[17] Vgl. Klaus Christoph. (2006), S. 684.

[18] Vgl. Klaus Christoph. (2006), S. 686.

[19] Vgl. Dickenberger, D.; Griech, G.; Grabitz, H.J. Die Theorie der psychologischen Reaktanz in: Frey, D. und Irle, M. (Hrsg.), Theorien der Sozialpsychologie (Band 1). Bern, Göttingen, Toronto, Seattle 2002 S.244.

[20] Vgl. Dickenberger, D.; Griech, G.; Grabitz, H.J (2002) S.259f.

[21] Vgl. Dickenberger, D.; Griech, G.; Grabitz, H.J (2002) S.262.

[22] Vgl. Dickenberger, D.; Griech, G.; Grabitz, H.J (2002) S.258.

[23] Zitat: http://www.volksstimme.de/vsm/service/die_volksstimme/?em_cnt=12061 (zuletzt besucht am 27. Mai 2009 22:38 Uhr).

[24] Vgl. http://www.volksstimme.de/vsm/service/die_volksstimme/?em_cnt=12061 (zuletzt besucht am 27. Mai 2009 22:38 Uhr).

[25] Vgl. ebenda.

[26] Zitat: Kapitza, Arne: Transformation Der Ostdeutschen Presse: Berliner Zeitung, Junge Welt Und Sonntag/Freitag Im Prozess Der Deutschen Vereinigung. Opladen 1997. S. 296.

[27] Vgl. Kapitza, Arne. (1997). S. 122.

[28] Vgl. Bos, Ellen. (1992). S. 232.

[29] Die Darstellung stützt sich auf Informationen und Einschätzungen des stellv. Chefredakteur Günther Tyllack und der Mitarbeiterin der Leserbriefabteilung Elisa Sowieja der Magdeburger Volksstimme.

[30] Vgl. Bos, Ellen. Opladen 1992 S. 232.

[31] Vgl. Bos, Ellen: Leserbriefe in Tageszeitungen der DDR: Zur ,,Massenverbundenheit" der Presse 1949-1989. Opladen 1992.

[32] Vgl. Heupel, Julia: Der Leserbrief in der deutschen Presse. München: 2007.

[33] Vgl. Heupel, Julia. (2007).S. 75.

Details

Seiten
52
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640610839
ISBN (Buch)
9783640611171
Dateigröße
11.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v150039
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
DDR Geschichtsbild Leserbrief

Autor

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Titel: DDR-Geschichtsbilder in Leserbriefen