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Eine Grundlagenbildung vor dem Beginn einer Gruppenarbeit mit alten Menschen

von Larissa Bredler (Autor)

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wann ist man „alt“?
2.1 Der Begriff
2.2 Die Grenze zum Alter
2.3 Gesellschaft und Politik, alt sein in der Öffentlichkeit
2.4 Persönliche Empfindungen

3. Veränderungen im Alter
3.1 „Der Zahn der Zeit“
3.2 „Je oller, desto doller“?

4. Gruppenarbeit mit älteren Menschen
4.1 Der Sinn einer Gruppenarbeit
4.2 Methoden
4.3 Rahmenbedingungen
4.4 Das Spiel mit alten Menschen als Möglichkeit für eine Gruppenarbeit

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich hatte schlicht Angst vor Senioren und so eine vage Vorstellung: es sind alte Leute, müde vom Berufsleben, etwas lustlos, halt alte Menschen.“[1]

Dieser Satz von Rudolf Seitz spiegelt meine eigenen Empfindungen in prägnanter Form wider. Der Maler, Buchautor und Kunstpädagoge schrieb ihn, weil die Leiterin eines Seniorenheimes ihn bat, seine Arbeit, statt wie bisher mit Kindern, einmal mit Senioren zu erproben.

Ich selbst stehe zu Beginn des Mentorenprogramms vor der Aufgabe, eine Gruppenarbeit mit älteren Menschen durchzuführen. Gruppenarbeit mit älteren Menschen sollte deshalb ursprünglich auch das Thema dieser Seminararbeit heißen.

Während der Suche nach Literatur begleitete mich ein unbestimmtes Gefühl, welches ich interpretieren konnte, nachdem ich Seitz Worte gelesen hatte:

Aus Mangel an Erfahrungen mit alten Menschen und aufgrund meiner eigenen Vorurteile hatte ich ebenso schlicht Angst. ‚Was mache ich, wenn diese Menschen merken, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, was alt sein bedeutet?’

Ich war in vielerlei Hinsicht unsicher, und das wollte ich ändern. Ich wollte mir ein Fundament aus Informationen aufbauen, mir eine neue Sichtweise aneignen und diesen Prozess schriftlich niederlegen.

So wurde aus dem Ziel, einen Überblick über die Gruppenarbeit zu geben, der Wunsch, sich detaillierter mit dem Thema „alt sein“ auseinanderzusetzen.

Im Zuge dieser Entwicklung hat sich auch der Titel meiner Arbeit verändert.

Die folgenden Seiten sollen dem objektiven Leser verschiedene Sichtweisen auf das Altsein vermitteln und einen Einblick in die Verknüpfung von höherem Alter und Gruppenarbeit bieten.

Dabei wird ein Rahmen um verschiedene Gesellschaftsbilder gezogen, welche das Selbstverständnis alter Menschen in den Anfängen des 21. Jahrhunderts in Deutschland prägen.

Absicht dieser Seminararbeit ist es, dieses Selbstverständnis auf makrosozialer Ebene zu begreifen.

Ich möchte mir hiermit eine Grundlage für den späteren Umgang mit Vertretern der älteren Generation bilden.

Um erste Perspektiven zu eröffnen, wird zu Beginn ausführlich die elementare Frage durchdacht, wann man denn eigentlich „alt“ ist.

2. Wann ist man „alt“?

Dieses Kapitel soll einen Überblick geben über zeitgemäße Sichtweisen auf das höhere Alter und persönliche Empfindungen von Menschen, die zu jenem gelangt sind und sich in ihm befinden.

2.1 Der Begriff

„Alt“ bzw. älter kann nicht nur ein Mensch sein, sondern nahezu alles, was die Dimension Zeit kennt. Dementsprechend gibt es Synonyme für diesen Begriff, welche nicht auf Menschen anzuwenden sind. Diese Synonyme prägen jedoch das Verständnis des Wortes „alt“.[2]

Im Wortschatz-Portal der Universität Leipzig zeigt sich eine dreistellige Fülle von Begriffen mit gleicher Bedeutung wie „alt“, und es lässt sich schnell feststellen, dass die Mehrheit dieser Begriffe negative Assoziationen hervorrufen.

Zwar wird „alt“ anfänglich neutral mit Gegensatz zu, Gegenteil von jung, sehr betagt beschrieben. Unter den Bedeutungsgruppen nach Dornseiff steht jedoch das Hohe Alter in einer Reihe mit „abgelebt, abgetakelt, alt, betagt, hinfällig, kaputt, klapprig, senil, siech, verbraucht, vertrocknet, wacklig, welk, ältlich“.

Da diese Kombinationen unsere Sprache prägen, lässt sich an dieser Stelle bereits anmerken, dass mit dem Wort „alt“ ein negativ behafteter Unterton mitschwingt.

2.2 Die Grenze zum Alter

Der Begriff „Altersgrenze“ umschreibt das Erreichen eines bestimmten Alters und ist zum Beispiel relevant im Bereich der Rentenversicherung[3] oder besonders bei rechtlichen Fragen: „Die Kenntnis der wichtigsten Altersgrenzen ist in der Beratungspraxis von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen bedeutsam, da damit zumeist Vor- oder Nachteile für die Klienten verbunden sind. Zudem sind viele rechtliche Bestimmungen, die in der Sozialen Arbeit von Bedeutung sind, auch an bestimmte Altersgrenzen gebunden.“[4]

Mit der Überschreitung welcher Altersgrenze wird man nun im Allgemeinen als alter Mensch angesehen?

Auf die individuelle Beantwortung dieser Frage wird durch das soziale Umfeld Einfluss genommen. Gesellschaftliche Vorstellungen prägen das Selbstverständnis (vgl. 2.3).

Daher gilt es auszumachen, welche Grenze zum Alter in der Öffentlichkeit impliziert wird.

Eine gesetzliche Regelung oder Definition per Politik oder Lexikon gibt es hierfür nicht.

Die im späteren Verlauf in 3.1 und 3.2 genannten Unterschiede in der Ausprägung von Alterserscheinungen deuten darauf hin, dass sich jeder Mensch individuell beantworten muss, ab wann er „alt“ ist.

„Für viele beginnt dieser Lebensabschnitt mit der im Rentenrecht gesetzten Altersgrenze von 65 Jahren“, schreibt das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser in seinem Online-Lexikon. „Kennzeichnend ist dabei das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben (Arbeit) und der Anspruch auf Altersruhegeld.“[5]

Magrit Evers, Autorin von Geselligkeit mit Senioren, benennt ebenfalls den „Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand“[6] als Grenzmerkmal und zählt aus diesem Grund die Erwachsenen ab dem 60. Lebensjahr zu den älteren oder alten Menschen.[7]

Der ehemalige ZEIT -Redakteur Haug von Kuenheim, selbst über 70 Jahre alt, differenziert die Gruppe der alten Menschen noch weiter: „Da sind die jungen Alten, so zwischen 60 und 70, und es gibt die alten Alten, die Hochbetagten ab 80.“[8]

Es lässt sich folgende Zwischenbilanz ziehen:

Die imaginäre Grenze zum Alter wird im allgemeinen Verständnis ausgemacht durch eine Zahl. Der Anlauf zum Status „alter Mensch“ dauert hiernach ungefähr 60 Jahre.

Der finale „Sprung“ lässt sich weniger einfach definieren – niemand wird von einem auf den anderen Tag, gar am 60. Geburtstag, plötzlich alt. Verschiedene Faktoren formen einen längeren Prozess. Da gibt es wieder die Gesellschaft, welche, parallel zu Jahreszahlen, ihre Vorstellungen und Bilder von alten Menschen hat. Es gibt die Politik, welche von der Öffentlichkeit beeinflusst dieselbe wiederum prägt.

Und ein Resultat aus beiden, mit einem unterschiedlich großen Anteil an eigenen Erfahrungen und Gedanken, verursacht die persönlichen Empfindungen und das Selbstverständnis eines jeden „alten“ Menschen.

Im Folgenden soll auf eben jene Gesellschaftsbilder und den Einfluss der Politik eingegangen werden, um daraufhin das Altsein aus der Sicht von alten Menschen zu skizzieren.

2.3 Gesellschaft und Politik, alt sein in der Öffentlichkeit

„Altern ist [ ] nicht nur ein individuelles, sondern auch ein soziales Schicksal (Thomae, 1969). Die Möglichkeiten der Auseinandersetzung und Bewältigung von Alternsprozessen werden durch gesellschaftliche Erwartungen und Normen beeinflusst. In der Gesellschaft bestehende Bilder vom alten Menschen, die sowohl negativ (‚alt = hilfebedürftig’) als auch positiv verzerrt sein können (die ‚jungen, aktiven Alten’) beeinflussen das Selbstwertgefühl und damit wiederum subjektiv erlebte Handlungsalternativen und das konkrete Verhalten (Lehr, 1991).“[9]

Was genau bedeutet daher alt sein in der Öffentlichkeit? Diese Frage scheint eine fundamentale Bedeutung zu haben für das Sein und Fühlen im Alter.

Wir leben in einer „Gesellschaft, die die Menschen von der Geburt an bis zum Tod in Altergruppen aufteilt, die den Wert der Menschen nach ihrer gesellschaftlichen Effektivität beurteilt, nach der Höhe ihres Einkommens und dem Grad der Anpassungsfähigkeit [...].“[10]

In einer solchen Hierarchie drängt sich für die alten Menschen von heute ein Problem auf: Sie gelten nur als gesellschaftlich ‚wertvoll’ und können sich öffentlich gebraucht fühlen, wenn sie etwas leisten. Und leisten wird für diese Bevölkerungsgruppe nicht umdefiniert. Es gelten im Gegenteil erstens qualitativ und im Vergleich mit der jüngeren Generation dann auch quantitativ die gleichen Maßstäbe.

Alte Menschen haben jedoch andere persönliche Voraussetzungen als junge (vgl. später auch Kap.3) und scheiden deshalb eo ipso als Leistungsbringer im Sinne der Gesellschaft aus. Stärken werden im Zuge dieser Entwicklung kaum wahrgenommen, meint Haug von Kühnheim in seinem ZEIT –Artikel: „Das Potenzial, das viele Menschen im reifen Erwachsenenalter aufweisen, also zwischen 55 und 75, wird unterschätzt, sagt Clemens Tesch-Römer, der Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin. Die vorhandene Erfahrung wird zu häufig nicht mehr genutzt, weder in der Arbeitswelt noch im bürgerschaftlichen Engagement.“[11]

Die präzisen Vorstellungen der Umwelt von altergemäßem Verhalten[12] lassen darauf schließen, dass alte Menschen von vornherein in eine bestimmte „Schublade gesteckt“ werden und dort auch bleiben sollen. Von Kühnheim bringt es auf den Punkt: „Die ganze Gesellschaft, so scheint es, fordert die Kompetenzen und Fähigkeiten ihrer Alten allenfalls in Grenzen heraus. Ab in den Ruhestand, möglichst früh, um Platz zu schaffen für die drängelnde Jugend.“[13]

Dieses Gesellschaftsbild ist auf der anderen Seite nicht so umgreifend und fest verankert, wie es auf den ersten Blick den Eindruck macht. Es lassen sich zahlreiche Studien[14] finden, die untersuchen und belegen, dass das Leben im Alter ebenso lebenswert ist wie in jungen Jahren und dass alte Menschen durchaus kompetent sind. Die Existenz solcher Forschungen belegt, dass sich heute kritisch mit den Voreingenommenheiten gegenüber dem Alter befasst wird.

[...]


[1] Seitz in: Forchheimer / Seitz (1994), S.20f.

[2] Gesamt 2.1 vgl. Anhang Nr. 3

[3] Vgl. http://www.focus.de/finanzen/altersvorsorge/renteneintritt/vorruhestand_aid_20022.html

[4] http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/SeitenDVD/Konzepte/L50/L5016.htm

[5] http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/slex/SeitenDVD/Konzepte/L50/L5015.htm

[6] Evers (1994), S.13

[7] Evers (1994), S.13

[8] Anhang Nr. 1, S.1

[9] Oswald / Gunzelmann (1995), S.8 (Teile aus Thomae, 1969 und Lehr, 1991)

[10] Fischer-Trumpp / Köhler (1981/92), S.14

[11] Anhang Nr. 1, S.2

[12] vgl. Anhang Nr. 1, S.1

[13] Anhang Nr. 1, S.2

[14] Z.B. Berliner Altersstudie, Vierter Altenbericht der Bundesregierung, Freizeitmobilität älterer Menschen (Uni Bonn)

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640614004
ISBN (Buch)
9783640614134
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149906
Institution / Hochschule
Hochschule Osnabrück
Note
1,7
Schlagworte
Gruppenarbeit Alter alte Menschen Altenarbeit Praktikum Betreutes Wohnen Altenheim Angebote Vorbereitung Beginn; Soziale Arbeit

Autor

  • Larissa Bredler (Autor)

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Titel: Eine Grundlagenbildung vor dem Beginn einer Gruppenarbeit mit alten Menschen