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Die Geschichte und Struktur der GAM

Forschungsarbeit 2009 17 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die GAM

1. Die Geschichte der GAM
1.1. Die Initiierungsphase 1976-1979
1.2. Die zweite Phase von 1989-1991 und die DOM- Periode
1.3. Die GAM nach dem Sturz von Suharto

2. Die ideologischen Argumentationsmuster und Zielsetzungen der GAM

Literaturverzeichnis

Die GAM

Die GAM (Gerakan Aceh Merdeka/ Aceh Freedom Movement) wurde 1976 von Hasan di Tiro in Aceh gegründet und hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte von einer kleinen ideologisch motivierten Guerilla-Organisation in eine ernstzunehmende Widerstandbewegung mit nachhaltigem politischem und militärischem Einfluss verwandelt. Im Folgenden soll die Entwicklung dieser Rebellenbewegung anhand von drei Phasen ausgeführt werden und im Anschluss daran soll auf die ideologische Argumentation und Zielsetzungen hinsichtlich der acehnesischen Ethnizität und des Islams eingegangen werden, um ein genaueres Bild zu zeichnen.

1. Die Geschichte der GAM

Die Geschichte der GAM wird gewöhnlich in drei Phasen unterteilt, in der sich die GAM von einer vergleichsweise kleinen, weltanschaulich motivierten Guerilla-Gruppe von etwa 70 bis 200 Personen zu einer ernstzunehmenden Widerstandbewegung, der 1999 etwa 15.000 bis 27.000 aktive Mitglieder angehörten, sich verwandelte und die in der letzten, bis heute noch andauernden Phase weit reichende Unterstützung in der Bevölkerung fand. Im Folgenden soll die geschichtliche Entwicklung der GAM anhand dieser drei Phasen dargestellt werden. Schwerpunkt liegt hierbei auf den Entstehungsursachen, der Anhängerschaft, dem Rückhalt in der Bevölkerung, deren politischen und militärischen Aktionen sowie den militärischen Gegenmaßnahmen.

1.1. Die Initiierungsphase 1976-1979

Es sicher kein Zufall, dass die Entstehung der GAM ungefähr zeitgleich mit der Erschließung großer Öl- und Gasfelder in Aceh entstand. Wirtschaftliche Interessen und machtpolitische Frustration können als Konfliktursache und Auslöser für ihr Entstehen in dieser ersten Phase angesehen werden. Vor allem der Ausschluss von den nicht unerheblichen wirtschaftlichen Gewinnen sorgte für Missstimmung. Wenig von den lokal erwirtschafteten Gewinnen blieb in Aceh, sondern ging fast ausschließlich an die Zentralregierung in Jakarta, an ausländische Investoren_innen oder nicht-acehnsische Indonesier_innen.[1] Aufgefangen wurde diese Unzufriedenheit von Hasan Muhammad di Tiro, dem Gründer der GAM, der ebenfalls persönlich von der wirtschaftlichen Exklusion betroffen war.[2]

Hasan di Tiro, Nachkomme einer prominenten acehnesischen ulama Familie von muslimischen Geistlichen und Enkel von Teungku Cik di Tiro, einem Helden des antikolonialen Kampfes gegen die Holländer, lebte von 1950 bis Oktober 1976 erst als Student und später als Geschäftsmann in den Vereinigten Staaten. Er war dort zunächst Mitglied der indonesischen Delegation der Vereinten Nationen in New York, bis er sich beim Ausbruch der Rebellion gegen die Regierung in Jakarta im Jahre 1953 dazu entschied, die Bewegung Darul Islam unter Daud Beureueh zu unterstützen.[3] 1976 kehrte er nach Aceh zurück, um dem nachzukommen, was er für seine familiäre Pflicht hielt, nämlich den Kampf für die acehnesische Unabhängigkeit. Im selben Jahr gründete er die GAM als 'Aceh- Sumatra National Liberation Front' (ASNLF).[4] In der damals verfassten Unabhängigkeitserklärung legte er Wert darauf, dass die GAM nicht als separatistische Vereinigung, sondern als legitime Unabhängigkeitsbewegung angesehen wird. Im Mittelpunkt dieser Erklärung standen die wirtschaftliche Ausbeutung und die kulturelle Entfremdung Acehs durch die javanische Politik.[5]

In der ersten Phase von 1976 bis 1979 war die GAM eine vergleichsweise kleine, unbedeutende und ideologisch motivierte Guerillagruppe, der ca. 70-200 Mitglieder angehörten[6]. Deren Führer zählten zu einer gebildeten Elite, die hauptsächlich aus Geschäftsleuten, arbeitslosen Technokraten und Intellektuellen aus der Syiah Kuala Universität in Banda Aceh bestand. Zu den ersten Aktionen der GAM gehörten neben Überfällen auf Militär- und Polizeiposten überwiegend symbolische und propagandistische Handlungen wie lange entbehrungsreiche Märsche und Flaggenhissungen. Tiro war vor allem um die Wiederentdeckung der acehnesischen Geschichte bemüht, er schuf aber zugleich auch neue Mythen, die der Legitimation seiner Forderungen eines unabhängigen Acehs dienlich sein sollten. Seinem Tagebuch zufolge hielt er regelmäßig Vorträge über Geschichte, politische Theorie und Wirtschaftssysteme, um seine Mitstreiter zu unterrichten.[7] Obwohl es Tiro zwar verstand, die allgemeine Unzufriedenheit der acehnesischen Bevölkerung zu wecken und diese auch zu instrumentalisieren, gelang es ihm nicht, weit reichende Unterstützung in der Bevölkerung zu finden. Grund hierfür ist wohl die untergeordnete Rolle des Islams in der Argumentation. So hatten Daud Beureueh und die ulama, die ein hohes soziales Ansehen in Aceh genossen, kein Interesse, sich der Bewegung anzuschließen, was vermutlich viele Acehnesen davon abhielt, diese zu unterstüzen.[8]

Indonesien reagierte mit einer Kombination aus wirtschaftlichen Programmen und militärischen Gegenmaßnahmen auf die GAM. Es kam zu Verhaftungen und Folterungen von Verdächtigen und Sympathisanten_innen, Erpressungsversuchen durch Geiselnahmen von Kindern bzw. Ehefrauen der GAM-Anhänger. Zwischen 1977 und 1980 wurden ca. 30 Männer öffentlich und ohne gerichtlichen Prozess erschossen. Tiro verließ Anfang 1979 mit seinen engsten Vertrauten Aceh und gründete in Schweden die bis 2005 bestehende acehnesische Exilregierung. In Aceh selbst blieben nur etwa 10 bis 20 GAM-Anhänger zurück, die sich jedoch verdeckt halten mussten. Daneben zeigte sich die Regierung in Jakarta jedoch auch gönnerhaft, was sich u.a. an der Einrichtung neuer Telekommunikationsanlagen oder an der Umsetzung neuer Straßenprojekte zeigte. Die Ursachen für das Scheitern der GAM in dieser ersten Phase lagen neben dem chronischen Mangel an Geld und Waffen auch an dem ungünstigen Zeitpunkt der Rebellion Ende der 70er Jahre kam es zu einer wirtschaftlichen Verbesserung in Aceh. Die Erschließung der Öl- und Gasfelder hatte gerade erst begonnen und rief noch nicht die Enttäuschung und Ablehnung hervor, die in der zweiten Phase von Bedeutung werden sollten. Nichtsdestotrotz waren die Grundlagen für das Wiederauftauchen der GAM geschaffen.[9]

1.2. Die zweite Phase von 1989-1991 und die DOM- Periode

Durch die zunehmende LNG-Förderung (liquefied natural gas) stieg bei den Acehnesen_innen die Unzufriedenheit, denn es kam trotz steigender Einkommen und Gewinne zu keinem Umverteilungsprozess. Schulze schreibt in ihrem Aufsatz „The conflict in Aceh: struggle over oil?“, dass seit 1980 Aceh 2$ bis 3$ Milliarden US-Dollar jährlich zum Export von Indonesien beigetragen, die Bevölkerung in Aceh jedoch nur wenig Nutzen aus der Ausbeutung des acehnesischen Reichtums an Gas ziehen konnte. Die Gewinne flossen entweder ins Ausland oder nach Jakarta und von dort zum Rest von Indonesien.[10] Darüber hinaus kamen etwa 50.000 Transmigranten aus Java und dem restlichen Indonesien nach Aceh, die entweder durch das Suharto-Regime staatlich gefördert wurden oder spontan kamen, um Arbeit im Gas- und Ölsektor zu finden.[11] Den Acehnes_innen blieb es hingegen oft versagt, die besser bezahlten Jobs anzunehmen, da es ihnen an den nötigen Qualifikationen fehlte und sie auch keine Möglichkeit hatten, diese zu erwerben. So gab es in Aceh bis in die späten 70er Jahre keine technische High- School.[12] Neben der Ausgrenzung vieler Acehnesen_innen von gut bezahlten Arbeitsplätzen im Gas- und Ölsektor nahmen auch Urbanisierung, Umweltverschmutzung und Landstreitigkeiten durch den Zustrom vieler Migranten ihren Lauf. Viele Acehnesen_innen fühlten sich marginalisiert. Hinzu kamen noch weitere Probleme wie Glücksspiel, Korruption und Prostitution. Noch bevor die GAM wieder auftauchte, kam es vereinzelt zu lokalen Protesten (z.B. Niederbrennen von Polizeistationen).[13]

Neben dieser allgemeinen Unzufriedenheit wurde die Rückkehr der GAM 1989 auch durch die Zuwendung der libyschen Regierung unter Gaddafi begünstigt. Gaddafi unterstützte Guerillagruppen, um die Entstehung islamischer Staaten voranzutreiben. Die Zahl der GAM-Mitglieder, die in Libyen militärisch und ideologisch geschult wurden, ist schwer zu schätzen und liegt vermutlich zwischen 250 und 2000 Personen. Bei den Rekruten handelte es sich überwiegend um junge, arbeitslose Männer aus ländlichen Gebieten mit niedrigem Schulabschluss.[14] Diese in Libyen geschulten GAM-Anhänger bildeten selbst wiederum nach ihrer Rückkehr nach Aceh Hunderte von Rebellen in Guerillataktiken aus.[15]

Obwohl die Mitgliederzahl der GAM in dieser Phase noch relativ gering war (200-750 Personen)[16], gelangen ihr beträchtliche Übergriffe und Störaktionen. Sie trat aggressiver als in der Anfangsphase auf, was nicht nur an der besseren Ausbildung und der längeren Vorbereitungszeit lag, sondern auch daran, dass sie mehr Unterstützung aus der Bevölkerung erhielt.[17] Anfangs kam es zu Überfällen auf Polizei- und Militäreinrichtungen, Mitte der 90er Jahre dann zu Angriffen auf zivile Behörden, Siedler und Privateigentum. Die GAM agierte in mehr Gebieten Acehs als in der Anfangsphase, der Schwerpunkt lag jedoch noch immer in Pidie, Nord- und Ostaceh.[18]

[...]


[1] Mißbach (2005a): S.86.

[2] 1974 hatte sich Tiro um den Auftrag zum Ausbau einer Pipeline beworben, diesen aber nicht erhalten. (Robinson (2001): S.223. zitiert nach Schulze (2007):195.

[3] Die Darul Islam Bewegung wird im Teil Frühes Aceh ausgeführt.

[4] Schulze (2004): S.4.

[5] Mißbach (2005a): S.89.

[6] Ross (2003): S.40.

[7] Mißbach (2005a): S.89.

[8] Mißbach (2005b): S.165.

[9] Mißbach (2005a): S.91f.

[10] Schulze (2007): S.189.

[11] Mißbach (2005a): S.92.

[12] Schulze (2007): S.190.

[13] Mißbach (2005a): S.92.

[14] ebda.: S.93f.

[15] Schulze (2004): S.5.

[16] Ross (2003): S.40.

[17] Mißbach (2005a): S.93.

[18] Mißbach (2005a): S.93.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640613861
ISBN (Buch)
9783640613694
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149682
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Geschichte Struktur

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Titel: Die Geschichte und Struktur der GAM