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Der Erste Weltkrieg: Die Dynamik der Kriegslehre

Die taktischen Grundsätze des deutschen Heeres im Wandel

von Stefan Erminger (Autor)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 15 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Gliederung

1. Die bewegliche Verteidigung in der Tiefe

2. Die Entstehung des Konzepts

3. Durchsetzung und Anwendung

4. Die Schlachten des Jahres 1917

Literatur

Die Ereignisse, die im Sommer 1914 schließlich zum Ersten Weltkrieg führten, überraschten Europa. Allerdings hatten die Regierungen und Militärs seit längerer Zeit mit einem allgemeinen europäischen Konflikt gerechnet. Erstaunlicherweise war trotz dieser Erwartung die Kriegführung vom Anfang bis zum Ende im November 1918 durch Verwirrung gekennzeichnet. Keine der kriegführenden Mächte hatte sich angemessen auf die realen Bedingungen und Anforderungen dieses langen Krieges vorbereitet. Besonders deutlich trat diese Verwirrung an der Westfront zutage: Im Dezember 1914 zeichnete sich die Erkenntnis ab, dass die taktischen Lehren der Vorkriegszeit überholt waren. Auf beiden Seiten der Front traten bald für notwendig gehaltene Verbesserungen in Konkurrenz zu den taktischen Grundsätzen der Friedenszeit.

Die vorliegende Studie will untersuchen, auf welche Weise eines der Heere, in diesem Fall das deutsche Heer an seiner Westfront, die taktische Umstellung bewältigte. Die Deutschen haben den Ersten Weltkrieg nicht gewonnen, und ihr strategisches Handeln war häufig fehlerhaft. Gleichwohl lässt sich erheblicher Gewinn aus der Untersuchung der Entwicklung neuer taktischer Grundsätze, wie sie den Deutschen gelang, ziehen – sie haben sie 1917 und 1918 erarbeitet und eindrucksvoll in die Praxis umgesetzt. Ihre Neuerungen waren systematisch und gründlich durchdacht und hatten direkte Auswirkungen auf die folgenden Schlachten. Da Lehren, die außer der Druckerpresse nicht bewegen, letztlich Totgeburten sind, darf sich eine Analyse des Umdenkens im Bereich der Taktik nicht auf eine Untersuchung von Änderungen in den Dienstvorschriften beschränken, sondern muss ihre Anwendung einbeziehen.

Die deutschen Erfolge im Ersten Weltkrieg bewiesen ein gründliches Vorgehen, nämlich:

- Die Erkenntnis, dass Änderungen notwendig waren,
- die Aufforderung insbesondere an die kämpfende Truppe, eigene Vorstellungen zu entwickeln,
- die Prüfung dieser Berichte und Vorschläge,
- die Änderung der Vorschriften,
- ihre Durchsetzung im Bereich des gesamten Heeres,
- die Umstellung von Organisation und Ausrüstung auf die veränderten Verhältnisse,
- gründliche Ausbildung,
- ständige Erfolgskontrolle,
- weitere Verbesserungen.

Diese Aufzählung verdeutlicht, auf welche Art und Weise es dem deutschen Heer gelang, während des Krieges seine taktischen Grundsätze zu verändern und neue anzuwenden. Der Ablauf war nicht streng folgerichtig, vielmehr handelte es sich dabei um einen dynamischen Prozess, der von den Befürwortern eines erfolgreichen taktischen Umdenkens ein hohes Maß an Intelligenz und Charakter forderte. Der vielleicht eindrucksvollste Aspekt bei der Entwicklung neuer Grundsätze durch das deutsche Heer war der Beweis des Vorhandenseins von intellektueller Beweglichkeit und einer Bereitschaft zum Kompromiss. In der englischsprachigen Welt hat man die deutsche Armee beider Weltkriege häufig als autoritär und unbeweglich hingestellt. Eine völlig einfallslose und starre Organisation wäre aber auf Dauer nie imstande gewesen, die hervorragende taktische Leistungsfähigkeit des deutschen Heeres aufrechtzuerhalten. Bei näherer Betrachtung entwickelt sich das Bild einer Armee, die einander offensichtlich widersprechende Eigenschaften wie Gehorsam und Initiative, Drill und Kreativität, Autorität und Selbständigkeit erfolgreich auf einen Nenner zu bringen vermochte. Dieser Ausgleich ist nur in einer Institution realisierbar, die Charakterstärke fördert, hohe intellektuelle Maßstäbe setzt und genau das rechte Maß an Toleranz praktiziert.

1. Die bewegliche Verteidigung in der Tiefe

Das deutsche Heer des Jahres 1914 stand der defensiven Form des Krieges sehr zurückhaltend gegenüber. Der letzte große Krieg in Europa, der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, hatte die Bedeutung einer leistungsfähigen Vorkriegsorganisation, einer schnellen Mobilmachung und angriffsfreudiger strategischer Bewegungen gezeigt. Auch im taktischen Bereich lag beim deutschen Heer von 1914 der Schwerpunkt ganz auf dem Angriff; diese Betonung des Angriffsgedankens wirkte sich auch auf die Einstellung der Deutschen zu ihrer Bewaffnung aus. So vertrat man beispielsweise die Meinung, dass das Maschinengewehr wegen seines hohen Munitionsverbrauchs und seiner Anfälligkeit für Ladehemmungen als hauptsächlicher Rückhalt in dem als wahrscheinlich angenommenen Bewegungskrieg „zu einem lange anhaltenden Feuerkampf nicht befähigt“ sei[1]. Die Ausbildung im Gefecht der verbundenen Waffen war im Frieden häufig vernachlässigt worden. In den Anfangsschlachten von 1914 befahlen einige deutsche Kommandeure den Angriff, ohne die erforderliche Artillerieunterstützung sichergestellt zu haben. Die Ergebnisse waren verheerend[2]. Auch die Franzosen waren von der Einseitigkeit dieser offensiven Einstellung nicht frei. So enthielt von ihren Reglements der Vorkriegszeit, das der Pioniere als einziges genaue Bestimmungen für die Führung des Abwehrkampfes[3].

Nach dem Scheitern der deutschen Umfassungsoperation im September 1914 erstarrte die Front von der Schweiz bis an die Kanalküste; an der Westfront begann der Stellungskrieg. Die todbringende Wirkung der Artillerie zwang die Infanterie, sich einzugraben. Die Soldaten beider Seiten hatten den Spaten zunächst abgelehnt[4], aber die Erfahrung der Artilleriewirkung belehrte sie rasch eines Besseren[5]. Als sich an der Westfront das Stellungssystem entwickelt hatte, erwog die Oberste Heeresleitung für 1915 eine Großoffensive, musste diesen Gedanken aber aufgeben, da sie wegen der Anforderungen der Ostfront in diesem Jahr keine zusätzlichen Kräfte für den Westen freimachen konnte[6]. Die Franzosen und Briten dagegen begannen 1915 größere Offensiven und stellten die deutschen Abwehrkräfte das ganze Jahr über auf eine harte Probe.

In ihren Offensiven des Jahres 1915 bedienten sich die Alliierten einer Angriffstechnik, die sie fast den gesamten Krieg hindurch beibehielten. Umfassungsoperationen waren wegen der ausgedehnten Front undurchführbar. Der Durchbruch war die einzige Alternative, und die Alliierten stützten sich zunehmend auf massives Artilleriefeuer, um den Durchbruch durch die feindlichen Grabensysteme zu erzielen. Nach ihrem Angriff bei Neuve-Chappelle im März 1915 gelangten die Briten zu dem Schluss, dass stärkere Artillerievorbereitungen bessere Erfolgsaussichten brächten[7]. Die ähnlich denkenden Franzosen erhoben das Schlagwort: „Die Artillerie erobert, die Infanterie besetzt!“ zum Dogma. Das Massenfeuer der Artillerie wurde zum dominierenden Faktor der alliierten Offensivtaktik, und die Artillerieunterstützung diktierte dann auch Richtung und Angriffsplan der Infanterie. So konnten sich Feuer und Bewegung nicht mehr gegenseitig unterstützen, weil die Infanterie ohne schützenden Feuervorhang nicht vorgehen und die Artillerie keinen Stellungswechsel mehr durchführen konnte[8].

Die Dominanz des Artilleriefeuers über die Bewegung zeigte sich besonders 1916 in der Sommeschlacht, mit der Engländer und Franzosen dem Druck des deutschen Angriffs bei Verdun entgegenwirken wollten. In ihrem Abschnitt verschossen sie während des sechstägigen Trommelfeuers und des Sperrfeuers beim Angriff 1628000 Granaten[9]. Sie hatten gehofft, den deutschen Widerstand in der Reichweite ihrer Geschütze zu vernichten, aber dies misslang. Es überlebten genügend Deutsche, um den angreifenden Engländern schmerzliche Verluste zuzufügen. Während man in England zu Recht das Gemetzel unter den an der Somme kämpfenden britischen Soldaten beklagte und das Bild von ihrem Leiden noch heute lebendig ist, wird leicht übersehen, dass die Deutschen in dieser Schlacht gleichermaßen schwere Verluste hinnehmen mussten, und zwar hauptsächlich durch das britische Artilleriefeuer.

Trotz gleichen Leidens auf beiden Seiten der Front zogen die Deutschen schneller und entschiedener als die Briten taktische Lehren aus der Sommeschlacht. Für sie ging es um die Frage, wie schwere Verluste durch feindliche Artilleriewirkung zu vermeiden seien. Während der Sommeschlachten hatte General von Falkenhayn, der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres, auf der Forderung bestanden, dass die Hauptkampflinie unbedingt zu halten sei. Diese Entscheidung hatte zur Folge, dass die vordersten Gräben besonders stark besetzt waren und während der Schlacht Verstärkungen herangeführt werden mussten. Da Dieser Teil des deutschen Stellungssystems jedoch im Wirkungsbereich der feindlichen Artillerie lag, traten entsprechend hohe Verluste auf. Durch die Massierung der deutschen Truppen in der vordersten Linie stiegen die ohnehin schon hohen Verlustzahlen zwangsläufig weiter an. Zur Verdeutlichung ihres Entschlusses, die vordere Linie um jeden Preis zu halten, enthob die Oberste Heeresleitung mehrfach Truppenführer, die vom Feind genommenes Gelände nicht unverzüglich zurückerobert hatten, ihres Kommandos[10]. Da Die Alliierten offensichtlich über den größeren Nachschub an Menschen und Material verfügten, konnten die Deutschen einen Abnutzungskrieg im Westen nur dann fortführen, wenn sie sich in besonderem Maße um die Erhaltung ihrer Kampfkraft bemühten – das heißt, sie mussten ihre Mittel wirksamer einsetzen.

Die Lage der Deutschen war infolge der Kämpfe an der Somme, vor Verdun und im Osten bereits im August 1916 so ernst, dass die Ablösung des Chefs des Generalstabes des Feldheeres unvermeidbar schien. Am 29. August wurde General Erich von Falkenhayn durch den bisherigen Oberbefehlshaber Ost, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, abgelöst. Wichtiger noch war, dass mit Hindenburg Generalleutnant Erich Ludendorff in die Oberste Heeresleitung kam. Während Hindenburg die Autorität repräsentierte, war es Ludendorff, der den maßgeblichen Einfluss ausübte. Von seiner Stellung her nur Erster Generalquartiermeister, gewann er entscheidenden Einfluss auf die Kriegführung und war damit de facto der Nachfolger Falkenhayns.

Ludendorff lenkte die gemeinsamen Bemühungen sofort auf das Problem taktischer Änderungen. Der Gedanke größerer Tiefe in der Abwehr war schon früher in einigen Verbänden der Westfront und in der Operationsabteilung West der OHL entstanden, aber Falkenhayn hatte ihn weder verstanden noch gefördert[11]. Ludendorff erkannte diese taktischen Vorstellungen an, übernahm sie und vertrat sie mit Entschiedenheit. Er wusste, dass es in der modernen Kriegführung wesentlich darauf ankommt, zwischen Autorität und Einsicht zu unterscheiden. Eine hohe Kommandobehörde sollte niemals dem Irrtum verfallen zu glauben, dass die Autorität ihr das Monopol der Weisheit verleihe. In einer modernen Armee sind Begabung und Brillanz nicht ausschließlich in der Spitze vertreten. Höhere Stäbe sollten sich stattdessen bemühen, Talente und wertvolle Ideen in der Truppe aufzuspüren, um dann mit ihrer Autorität die Initiative in der Truppe zu ermutigen. Unter Ludendorffs Führung hat die Oberste Heeresleitung sich diese Einsicht zu Eigen gemacht und in die Praxis umgesetzt.

Das Offizierskorps der Obersten Heeresleitung war hervorragend besetzt. Die für die Westfront verantwortliche Operationsabteilung West umfasste nur ein rundes Dutzend Generalstabsoffiziere, deren Arbeit als Musterbeispiel eines leistungsfähigen kleinen Stabes gelten darf[12]. Sie wurden während des größten Teils der Dienstzeit Ludendorff als Erster Generalquartiermeister von Major Georg Wetzell geführt, einem außergewöhnlich fähigen Offizier. Ebenfalls recht einflussreich war Oberst Max Bauer, der unter Ludendorff für Fragen der industriellen Kriegsproduktion zuständig war, im Spätjahr 1916 aber auch an der Abfassung der neuen Abwehrdienstvorschrift mitwirkte. Die Mitglieder des Stabes, gleich welchen Ranges, besaßen volles Mitspracherecht. Einer der Wichtigsten in diesem Kreise war Hauptmann Hermann Geyer, der an der Konzeption und Abfassung der Dienstvorschriften für Abwehr und Angriff gleichermaßen beteiligt war.

Die Oberste Heeresleitung war sich des Vorhandenseins hervorragender Köpfe in der Truppe voll bewusst. Einer der angesehensten Offiziere, die die Oberste Heeresleitung mit aktuellen Kampferfahrungen versorgten, war der Oberst Fritz von Loßberg. Er galt als „Feuerwehrmann der Westfront“, als Mann, der die Abwehr stets dort organisierte, wo die Lage am kritischsten war. Im Jahre 1915 war er Chef des Generalstabes einer Armee, die in der Champagne französische Angriffe abzuwehren hatte. 1916 schickte man ihn an die Somme, und 1917 stand er den Briten bei Arras und Passendaele gegenüber: ein bemerkenswerter Mann und hervorragender Taktiker. Ludendorff lobte ihn sehr und verwies auf Loßbergs großartigen Anteil an den taktischen Erfolgen des deutschen Westheeres. Darüber hinaus schrieb er später, dass das ihm von Loßberg entgegengebrachte Vertrauen für ihn von großer Bedeutung gewesen sei, eine Bemerkung, die von Gemeinschaftsgeist und rangunabhängigen gegenseitigem Vertrauen zeugt[13].

Die Oberste Heeresleitung umfasste aber durchaus noch andere begabte Männer, deren Ideen dem deutschen Heer insgesamt zugutekommen sollten. Zwei von ihnen seien hier besonders hervorgehoben, der Führer des „Sturmbataillons Rohr“, Hauptmann Willy Rohr und der Artillerieoberst Georg Bruchmüller, dessen Fähigkeiten sich während der Offensiven des Jahres 1918 als besonders wertvoll erwiesen.

[...]


[1] Balck, Entwicklung der Taktik, S. 201. Hermann Balck, Wilhelm Balcks Sohn und General der Panzertruppe im

Zweiten Weltkrieg, schreibt, dass sein Vater der letzte große Theoretiker der Taktik und Praktiker zugleich

gewesen sei; Balck, Ordnung im Chaos, S. 5.

[2] Balck, Entwicklung der Taktik, S. 50.

[3] Lucas, Evolution.

[4] Balck, Entwicklung der Taktik, S. 35, 56; Lucas, Evolution, S. 49; History oft he Great War, S. 28.

[5] Seeßelberg, Stellungskrieg, S. 103; Lucas, Evolution, S. 33.

[6] Krafft von Dellmensingen, Durchbruch, S. 36.

[7] History of the Great War, 1915, Band 1, S. 74-109.

[8] Wynne, If Germany Attacks, S. 59.

[9] Wynne, If Germany Attacks, S. 106.

[10] Ebd., S. 101ff.

[11] Kuhl, Der Weltkrieg, Band 2, S. 10.

[12] Wynne, If Germany Attacks, S. 84.

[13] Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen, S. 16.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640601073
ISBN (Buch)
9783640601165
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v149231
Note
Schlagworte
Der Erste Weltkrieg Oberste Heeresleitung Ypernschlacht Ludendorff Hindenburg 1914-1918 Stellungskrieg Kriegslehre Taktische Grundsätze Deutsches Heer Pétain Grabenkrieg

Autor

  • Stefan Erminger (Autor)

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